Veröffentlicht in Lehrer, Referendariat

Aus dem Nähkästchen …

… plaudert man ja gerne mal ab und an. Es sollte auch eigentlich nichts Verwerfliches sein, wenn man sich auch im Arbeitsumfeld hier und da über Privates austauscht. Sollte man meinen. Jedoch habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass es in meinem angestrebten Berufsfeld sehr übereilt wäre, etwas über mein Privatleben mit Kollegen zu teilen.

In den meisten Fällen wäre ein unverfängliches „Und, wie gehts zu Hause? Alle gesund?“ oder „Na, was habt ihr am Wochenende gemacht?“ das Harmloseste von der Welt. Solange man in den genormten X% liegt, die ihren Alltag mit dem akzeptierten Klischeebild der standarddeutschen Familie teilen. Tun wir auch zu 80% … aber hier gibt es zusätzliche 20%, die auch zur Familie gehören, für die aber weder Staat noch Gesellschaft bisher einen Begriff oder Handhabung gefunden haben.

Konkret sind die 80% mein Mann, meine Kinder (natürlich ein Junge und ein Mädchen – was für ein Glück! Gleich in einem Abwasch fertig!) und ich. Wir entsprechen der Familie im eigenen Haus, mit den zwei Autos und der lieben Verwandt- und Nachbarschaft, die auf dem eher ländlichen Dorfe ihr beschauliches Leben führen. Fehlt noch der Hund, aber immerhin zwei Katzen haben wir. Doch unsere Familienbilder müssten ausgeschnitten werden, wenn wir hier aufhören. Mein Freund gehört ebenso dazu, ist genauso Vater für die Kinder und gleichberechtigter Partner in dem Familiengefüge wie alle anderen Erwachsenen hier auch und bildet die 20%, die ich nun verschweigen werde.

Ich hatte das Thema bisher immer geschoben, wenn ich ans Referendariat gedacht habe. Oder später an das Arbeiten als Lehrerin an einer Schule. Im Studium juckt es niemanden, mit wie vielen Personen man in einer WG lebt, Beziehungen führt, wer zum Freundeskreis gehört und wo man den Urlaub verbringt. Meistens … und wenn, ist es ohne einschneidende Bedeutung für den eigenen Alltag.

Als Lehrer wird man aber plötzlich zum Vorbild für viele, muss einen Erziehungsauftrag erfüllen und soll auch mit der eigenen Person für gewisse Werte und Normen einstehen – und wird zum Gegenstand des Interesses für eine ausgewählte Öffentlichkeit. Grundlegend finde ich das richtig, sehe auch nicht, dass ich persönlich gegen solch fundamentale Werte verstoße, aber das sehen sehr viele doch durchaus sehr anders. Die Geschichte einer Bekannten, die auf Grund ihrer homosexuellen Ehe gleich aus dem Ausbildungsseminar gegangen wurde und nach ihrer Ausbildung, welche sie dann an anderer Stelle erfolgreich beendete, bisher keine feste Stelle gefunden hat, brachte mich mit Nachdruck zu dem ungeliebten, bisher geschobenen Thema zurück.

Ich bin niemand, der sich selbst zensiert. Wenn ich mich mit anderen austausche, sage ich meine Meinung, wenn ich nach meinem Leben gefragt werde, antworte ich. Ohne mir Gedanken um die korrekten Formulierungen zu machen oder zu überlegen, was man besser sagt oder was man lieber gerade auf Grund von Hintergrund X in Situation Y in Anbetracht von Einschätzung Z besser verschweigt. Und dass ich das nun eben tun sollte, damit ich mir meinen beruflichen Weg nicht schwerer als nötig mache oder gar komplett verbaue, finde ich sehr schade.

Fürs erste, bis ich die konkrete Situation besser einschätzen kann, werde ich wohl das Private komplett außen vor lassen. Es käme mir nicht richtig vor, von meinem Mann zu sprechen und meinen Freund zu verschweigen – das anonyme ‚wir‘ wird da gute Dienste leisten. Die Kinder sind unverfänglicher, vielleicht spricht man mal über sie … solche Überlegungen lassen einen schon etwas niedergeschlagen tief Luft holen.

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9 Kommentare zu „Aus dem Nähkästchen …

  1. Das ist ja extrem spannend, dein Modell. Deinen Mann habe ich hier im Blog noch so gar nicht wahrgenommen, wahrscheinlich war auch hier das „wir“ die Formulierung der Wahl. Falls du dich jemals fragst, was du heute schreiben könntest: vielleicht magst du mal erzählen, wie es dazu gekommen ist und wie sich das im Alltag so gestaltet.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass das als Lehrerin schwierig ist. Nicht nur im Kollegium, sondern vor allem mit den Eltern. Da ist dann wieder der berüchtigte Öffentliche Dienst in seiner Spießigkeit und Unbeweglichkeit, die offensichtlich Grund für viele sind, eben nicht als Beamtin arbeiten zu wollen. Immer redlich und vorbildhaft agieren! Allerdings ist es schon schräg, diesen Grundsatz auf Familienmodelle anzuwenden, daran ist ja nichts ungesetzliches.
    Im Prinzip würde ich sagen, dass es um so wichtiger ist, dass nicht nur klassische Familienformen im Öffentlichen Dienst und speziell in Lehrerzimmern vorkommen, denn ihr seid Multiplikatorinnen und könnt zur Toleranz und Vielfalt enorm viel beitragen. Allerdings würde ich das auch nicht unbedingt im Refendariat an einer höchstens durchschnittlich toleranten Schule offensiv vor mir hertragen… Pioniere sind enorm wichtig, leben aber gefährlich. Dein Weg klingt da ganz sinnvoll, wenn auch wirklich schade für dich.

  2. Ich hatte tatsächlich kurz drüber nachgedacht, als ich letztens einen Tagesablauf beschrieben habe und in einem Absatz sowohl Freund und Mann vorkamen, war mir da aber wieder sicher, dass es ausgeblendet wird 😉 Was bei dir auch passiert ist.

    Erzählen wie es dazu kam … das wäre ein Roman und das habe ich in der Findungsphase schon in einem Forum gemacht, wo mich andere, denen es ähnlich geht, auf dem Weg begleitet haben. Die Kurzversion: Ich habe mich neu verliebt ohne mich zu entlieben und alle waren sich einig, dass wir ‚das – was es auch immer ist‘ hinbekommen. Wir hatten Recht 🙂

    Deine Einschätzung teile ich. Ich finde auch, dass gerade in der Schule die Vielfalt der Gesellschaft gespiegelt werden sollte. Leider sind wir davon noch ewig weit entfernt. Ich werde meinen Teil dazu beitragen, aber nicht in Form des persönlichen Beispiels. Soweit sind wir noch nicht. Aber ich habe nicht umsonst Philosophie als Fach. Wo lässt sich besser über Normen und Werte sprechen und das eigene Verhalten, die eigenen Standards reflektieren?

  3. Als „kleine Referendarin“ würde ich mich mit dem Privatleben auch zurückhalten.
    Ansonsten… auf einem Dorf oder in ländlich spießiger Umgebung ist vieles viel schwerer als in einer Großstadt beispielsweise…. da kann es schon eine richtige Entscheidung sein, auch wenn es immer schade ist … persönlich, weil man sich nicht so frei fühlt…. für die anderen, weil man, wie die jongleurin schrieb, für die Werte von Toleranz und Vielfalt als Vorbild einstehen kann. Ich schließe mich ihrem Kommentar komplett an.

    1. Das Angenehme ist, soweit es uns jetzt bisher betraf: Wenn man den Dingen Zeit gibt, dann verschwinden die Probleme. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und wenn der Alltag uns Recht gibt, alles funktioniert, die Kinder werden ’normal‘ groß, unser Verhalten passt in die ’normal‘ Ecke, wir als Personen sind im Umgang ’normal‘ und so weiter, dann hat niemand auf Dauer ein Problem damit.

      Klar, es gab hier und da einen Aufruhr anfangs. Aber inzwischen ist es Alltag geworden und wir erfahren keine andere Handhabung als andere und das auch hier auf dem Dorf. Bisher, nicht jeder ist natürlich eingeweiht, dafür sind es dann doch zu viele Einwohner 😉

      Die Älteren waren übrigens diejenigen, die die wenigsten Probleme hatten. Bei Jüngeren ist das Weltbild gerade viel konservativer und zementierter, soweit es meine Erfahrung betrifft.

      In der Großstadt ist es anonymer, das ist richtig. Man geht mehr in der Masse unter. Diesen Vorteil würde ich allerdings für die Lebensumstände hier nicht eintauschen wollen.

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