Veröffentlicht in Lehrer, Referendariat

Die Perspektive anderer

Heute hatte mein Schwager uns ein nicht mehr genutztes und von seinem achtjährigen Sohn großzügig an unsere Zwillinge weiter verschenktes Spiel- und Klettergerüst vorbei gebracht und wir kamen ins Gespräch.

„Und, lassen sie dich jetzt auf die Schüler los?“ fragte er schmunzelnd. Ich korrigierte, dass ich erstmal wieder einige Seminartage hätte, mit angeleiteter Selbstfindungsphase, wie es klingt und dann wie im Praktikum meinen Fachleitern erstmal als Zuschauerin Gesellschaft leiste, bevor es für mich wirklich ans Unterrichten geht. „Ach …“, kam es gedehnt, „du darfst da noch gar nicht richtig …? Nach dreißig Jahren sollte man meinen, dass du dich so langsam gefunden hättest.“ Und lachte.

Mich erinnerte der Kommentar an die alten Ansichten in der Psychologie, wo man davon ausging, dass das unterliegende ‚Ich‘ eines Menschen so um die Mitte zwanzig/dreißig rum gefestigt ist und dann nur noch Facetten geändert werden oder man in der Krise in den kommenden zehn Jahren gegen den eigenen Kern aufbegehrt. Da gefällt mir die moderne Ansicht besser, wo man das Ich eher als fluides Gebilde ansieht, welches immer wieder beeinflusst wird und sich stetig wandelt.

Wie dem auch sei, selbst wenn man in Rollenbildern denken würde, so wird die kommende Zeit etwas Spürbares mit dem anstellen, was ich als mein Ich ansehe. Möglichkeiten für Entwicklung nehme ich immer sehr gewissenhaft an, auch wenn sie einen manchmal vor wirklich große Herausforderungen stellen, die an der innersten Substanz von uns kratzen können. Wie gewissenhaft ich hier vorgehe, mag einmal exemplarisch die Zeit verdeutlichen, die ich mir beispielsweise bei der Umstrukturierung unserer Beziehung und der Akzeptanz meiner Gefühlswelt, die von der bis dahin angesehenen Norm abwich, genommen hatte. Das dauerte in etwa 3,5 Jahre.

Und ich bin neugierig. Wie wird mein Lehrer-Ich wohl aussehen? Was für neue Facetten werde ich an mir entdecken? Wo werde ich an mir justieren müssen oder auch können und was wird sich als zu akzeptierende Eigenschaft erweisen, die ich annehmen und mit der ich arbeiten muss? Ich habe schon eine theoretische Vorstellung davon wie ich gerne bei einigen Dingen sein würde. Wie ich mit Situationen und Menschen unter dem und dem Umstand umgehen möchte. Dass Theorie und Praxis sich meist stark unterscheiden können, ist mir dabei natürlich bewusst.

Mein Neffe (3. Klasse) erzählte mir passend zum Thema von einem Mitschüler. Der Junge hat in dem aktuellen Schuljahr inzwischen 16 Din A4 Seiten Einträge gesammelt. Die Eltern interessierten sich offensichtlich nicht für das Kind oder die Schule, bereits jetzt war ihm alles oberflächlich einfach nur ‚egal‘. Was mein Neffe sehr beeindruckend fand, war eine Vertretungslehrerin, die vor einigen Wochen dann man gefragt hatte: „Du hast ganz schön viele Einträge. Findest du das gut?“ – *Schulterzucken* – „Möchtest du mal darüber reden, warum du so viele Einträge hast?“ Der Junge taute erstaunlich schnell auf, er wollte darüber reden. „Möchtest du, dass ein Freund von dir dabei ist?“ – „Ich habe keine Freunde, weil ich so viele Einträge habe.“

Verschiedenes ging mir da durch den Kopf. Erst einmal, wie kann es sein, dass dieses Gespräch von einer Vertretungslehrerin geführt wurde und nicht von einer Klassenlehrerin? Hat sich wirklich vorher noch niemand dafür interessiert? Dann, wie stressig muss der Alltag sein, dass so etwas untergehen könnte? Man hat Zeit, die 16 Seiten Einträge zusammenzusammeln, aber nicht dafür mit dem Schüler direkt in Kontakt zu treten? Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass genau so etwas schon einmal stattgefunden hat und es letztlich nichts brachte, weil außer diesem Fünkchen Interesse von einem Lehrkörper es niemanden im Leben des Jungen gibt, der sich wirklich für ihn einsetzt und Interesse an seiner Person bekundet?

Wie auch immer meine ‚Lehrerpersönlichkeit‘ auch aussehen sollte, ich möchte in der Lage sein, bei solchen Situationen positiv zu wirken. Ich möchte fähig sein, auch mit langjähriger Routine später nicht den Blick für die Details zu verlieren. Und ich möchte mit dieser Einstellung möglichst neutral immer und immer wieder auch auf Schüler zugehen können, die ich vielleicht schon kenne oder von denen mir durch andere bereits ein Bild vermittelt wurde.

Ich denke, dass die nächsten Wochen sehr lehrreich werden und dass ich mir gut die Prozesse anschauen sollte, die in mir und um mich her vonstatten gehen werden. Und mir die Dynamik einpräge. Ist man erst einmal Teil des Systems, könnte man sonst schnell in negative Routinen rutschen. Ein Stück weit sollte man die Perspektive des Außenstehenden wohl nie verlieren.

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2 Kommentare zu „Die Perspektive anderer

    1. Ich hoffe,dass ich den nötigen Level an Reflektion auch später noch beibehalten kann. Am Anfang jetzt wird sich alles darum drehen, aber später … ?

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