Veröffentlicht in Ausbildung, Lehrer, Schule

Intensivphase – Geschichte

Die erste Woche hat nun mit einem Tag Verspätung angefangen. Wir haben unseren Geschichtsfachleiter an seiner Schule besucht und hospitieren dort in seiner siebten Klasse, während wir vorbereitende Seminareinheiten in der Zeit um den Unterricht herum haben. Ich bin inzwischen wirklich froh, dass es mich in dem Fall so gut getroffen zu haben scheint. Der Mann ist umgänglich, einfühlsam, kompetent und bietet uns sehr umfangreichen Einblick in seine Materialsammlung, was ja am Anfang echt Gold wert ist.

Schwerpunkte des heutigen Tages waren die Missstände an den Schulen durch die simple Überforderung der Lehrkräfte einmal vom System her bedingt und dann auch durch die Schüler.

Systematisch betrachtet sah man an der Gesamtschule deutlich, wohin unser Schulsystem im Moment am Wandern ist: Die nahe gelegene Hauptschule wurde aufgelöst und integriert, Alternativen die Schüler aufzuteilen fehlen, somit ballt sich alles an leistungsschwächeren, auffälligen und betreuungsintensiven Schülern an dieser Schule. Da ein Verfahren, einen ‚ungeeigneten‘ Schüler wirklich Förderschulen zuzuweisen minimal zwei Jahre dauert, wird unheimlich viel Zeit verschenkt und niemand gewinnt bei dieser verfahrenen Situation. Der Schüler nicht, weil er/sie diese Zeit nicht adäquat beschult werden kann, die Klassenkameraden nicht, weil sie durch das Verhalten negativ im Lernen oder auch sozial beeinflusst werden und die Lehrer nicht, weil sie Unmengen an Mehrarbeit und Nerven aufbringen müssen, um diese Situation auszuhalten.

Dazu kommen die wirklichen ‚medizinisch-vermuteten‘ und ‚tatsächlich diagnostizierten‘ Störungen diversen Verhaltens und Könnens und natürlich alles, was unter I-Kinder läuft. Beispielhaft stellte er uns die Hintergründe der Schüler seiner Klasse vor, die keine(!) Integrationsklasse ist.

Hyperaktivität, LRS und Dyskalkulie waren eher kleinere Probleme, die mit entsprechenden Maßnahmen relativ leicht aufgefangen werden konnten und nur das Tempo etwas drosselten. Soziale Auffälligkeiten waren jedoch vermehrt vertreten, was eigentlich in jeglichem Fall der unterschiedlichen Probleme zu Unterrichtsstörungen, Körperverletzungen und starken, arbeitsaufwändigen schulischen Konsequenzen führt. Ein suizidgefährdetes Mädchen (inzwischen in Behandlung), ein Mädchen mit einer kürzlich verstorbenen Mutter und Problemen damit umzugehen, zwei Jungen mit einem häusliche Gewalt Hintergrund bei denen die Kommunikation über Probleme in der Schule gänzlich eingestellt wurden, um die Kinder zu schützen, ein Junge mit scharfem sozialen Verstand ohne die nötige Empathie oder den Ehrgeiz dafür, dieses für positive Zwecke einzusetzen und ein Junge, bei dem die Eltern bis weit nach seinem Schulabschluss eine Strafe im Gefängnis absitzen.

Alleine die verschiedenen Fälle durchzusprechen, hatte bei mir schon für feuchte Augen gesorgt. Ich habe aus diesem Gespräch mitgenommen, dass ich stark an meiner Distanz arbeiten muss. Es hilft niemanden, wenn ich vor Mitleid zerfließe. Allerdings sehe ich es auch als eine wirklich harte Aufgabe, an die man sich behutsam herantasten muss. Wie viel Einsatz ist nötig, wie viel ist schädlich (für einen selbst)?

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8 Kommentare zu „Intensivphase – Geschichte

  1. Wahrscheinlich muss man sich auch selbst klar vor Augen führen, welche Aufgaben man konkret hat, und dass man also nicht für alles zuständig sein oder die Verantwortung tragen kann.
    Sprich im eigenen Kompetenzbereich sein Bestes geben, aber alles was darüber hinausgeht nur unter Berücksichtigung der eigenen Kräfte und Ziele.

    1. In der Tat, soweit die Theorie … Theoretisch weiß ich das wohl, aber den Kopf ausschalten, wenn man gewisse Dinge einfach weiß, das stellt sich noch als kaum machbar für mich heraus.

      Wie geht man mit Eltern um, von denen man weiß, dass sie ihr Kind schlagen und einem ganz freundlich ins Gesicht lachen können? Wie weit reduziert man Stoff oder wählt andere Themen, weil ein Schüler emotional nicht in der Lage ist damit umzugehen? Wie viel Zeit verbringt man als Ansprechpartner, wenn ein Kind beschließt mit seinen Problemen zu einem zu kommen?

      Alles meine direkten Aufgabenbereiche und Zuständigkeit, aber die Frage nach dem Maß und das Einschätzen der eigenen Kompetenz erscheint mir noch sehr unsicher und schwammig.

      1. Sehr schwierig! Ich wollte nur sagen, dass eine Art von innerer Abgrenzung wohl wichtig ist, die meiner Ansicht nach nicht unbedingt durch Gewöhnung erzielt werden kann, eben weil die Probleme der Kinder so unterschiedlich sind.
        Vielleicht können erfahrene Kollegen Tipps geben oder der Schulpsychologe? Dass der Stoff für eine ganze Klasse an einen einzelnen angepasst wird, sollte wohl eher nicht passieren. Oder gibt es so etwas wie einen Vertrauenslehrer, der hoffentlich ein bisschen psychologisch geschult ist, an den man das Kind weiterverweisen könnte? Das klingt jetzt nach Probleme einfach abschieben, aber eigentlich sollte das doch eher NICHT der direkte Aufgabenbereich jedes Lehrers sein, oder? Aber gar nicht reagieren oder die Kinder einfach im Stich lassen, würde ich auch nicht schaffen…
        Ich verfolge die Berichte auf deinem/Ihrem Blog jedenfalls mit großem Interesse

      2. Kein Bedarf am ‚Sie‘ außer es wird gewünscht 🙂 Ich bin noch dabei die Lehrerperspektive zu übernehmen und hier eh anonym und eher Privatperson.

        Ich hatte den Hinweis zur inneren Grenzziehung verstanden, ich sehe es nur sehr schwer, dass zu schaffen. Der Klassenlehrer/unser Fachleiter schafft es recht gut. Er reagiert auf die Probleme insofern, wie er kann und ich glaube, er hat die persönliche Distanz gut herstellen können. Mich frustriert die Aussicht gerade ungemein, Schüler mit einer schlechten Note vielleicht in die ‚familiäre Hölle‘ zu Hause entlassen zu müssen, weil sie dafür körperlich abgestraft werden oder am nächsten Tag wieder lange Shirts bei instabilen Schülern zu sehen, weil der Druck zu groß war und wieder geritzt wurde; und das nicht als ‚meine Verantwortung‘ zu sehen.

        Simple Beispiele für ‚Stoffanpassung‘ wäre z.B. wenn in Philosophie Anthropologie ansteht, woran mache ich praktische Beispiele fest? Sollte ich auf Sterbehilfe eingehen, wenn jemand suizidales in der Klasse sitzt? Kann ich Genforschung Mormonen ‚zumuten‘? Können Beispiele, die normalerweise Empathie auslösen sollten bei sozial-emotional gestörten Schülern ihren Zweck erfüllen?

        Ich sortiere im Moment die Fragen, die mir nach den ersten Problemaufwürfen durch den Alltag so durch den Kopf gehen. Ich denke, ich werde ein Gespräch mit den Fachleitern führen, sobald ich einen kleinen Katalog zusammen getragen habe.

      3. Furchtbar, was manche Kinder/Jugendliche durchmachen müssen! 😦
        Ich grueble gerade, ob mein Leben anders verlaufen wäre, hätte ich ein Gesprächsangebot einer Lehrerin einmal angenommen…Aber ich hätte mir eher die Zunge abgebissen als ihr zu sagen, was mich belastete und leider ist das bis heute wohl so. Ich glaube, es hätte geholfen, jemanden außerhalb der Familie (als Verbündeten) zu haben, um zu erkennen, dass man nicht alle Probleme (die eigentlich andere Menschen haben) lösen kann.
        Wie Eltern (die vermutlich selbst keine guten Schüler waren) auf die Idee kommen, dass man gute Noten aus einem Kind heraus prügeln koennte (!), habe ich schon als Kind nicht verstanden. Einige meiner Freundinnen ging es leider so: Sie hatten mehr Angst davor, die Schularbeit benotet zurück zu bekommen als die Schularbeit zu schreiben 😦

      4. Gerade was du ansprichst, Gesprächspartner sein, anbieten sich einbringen zu können, vielleicht einfach eine ‚unbeteiligte‘ dritte Stimme zu sein, die Perspektiven aufzeigt, das sehe ich auf jeden Fall als wünschenswert an. Als Klassenlehrer steht man da schon in der Pflicht. Dass das sehr unterstützend wirken kann, davon gehe ich fest aus. Wenn man in der Situation gefangen ist, dann verschiebt sich ja irgendwann die Wahrnehmung ein bisschen. Seine Sicht jemandem zu schildern, der einem eine ’normale‘ Reaktion bietet, der klar sagt „Ja, dein Bauchgefühl ist richtig, so sollte es absolut nicht sein!“ kann helfen.

        Aber was dann … ? Die Befugnisse des Lehrer sind sehr schnell erschöpft und auch wenn Schule einen großen Teil des Alltags der Kinder ausmacht, ihren Problemen entkommen können sie nicht, wenn diese z.B. im Elternhaus liegen. Wie geht man damit um, wenn alle offiziellen Stellen eingeschaltet sind und man danach nur noch zugucken kann und es letztlich nicht wirklich besser wird?

        Oft kommt man an die Eltern gar nicht ran. Von vielen Schülern sind die Eltern der Schule nicht bekannt, erscheinen nicht zu offiziellen Terminen oder man spricht nur mit Betreuern vom Jugendamt. Trauriger Alltag …

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