Veröffentlicht in Lehrer, Referendariat

Die erste Stunde

Auch wenn es heute um nichts ging, so war es doch die erste Stunde, die ich gezeigt habe. Französische Revolution; das Ständesystem sollte den Schülern verdeutlicht werden und aus der Faktenlage zu den Daten der Bevölkerung soll die Einsicht erwachsen, warum es eigentlich zur Revolution gekommen ist. Außer der Information, dass die damals ihren König unschön geköpft hatten, wussten die Siebtklässler nämlich noch nicht viel.

Da wir uns die Stunde zu zweit quasi geteilt hatten, konnte man nur auf den eigenen Teil je zugreifen und diesen reflektieren. Was mir diese Teamteaching Erfahrung auf jeden Fall gezeigt hat war, dass man sich oft zurücknehmen muss und dem anderen nicht ins Wort fallen sollte. Auch wenn man seinen Gedanken gerne noch ergänzt hätte, so überlegt man doch recht schnell, ob das jetzt wirklich so wichtig wäre, als das man in den Fluss des Mitlehrenden eingreifen muss. Das hat meist recht gut geklappt, einiges fiel dann einmal wegen solchen Überlegungen oder generell wegen dem Zeitfaktor unter den Tisch.

Kritikpunkte, an denen ich arbeiten muss:

          1. Zeitmanagement

Das dürfte wohl jedem neuen Lehrer noch schwer fallen. Bei meinen Sprachkursen hat es recht gut geklappt. Ich hatte immer genug Material, hatte auch eine gewisse Routine in der Einschätzung, welche Übung nun wohl wie lange dauern würde und was ich alles so an einem Tag schaffen würde. Und wenn etwas übrig blieb, so war der nächste Tag auch in Ordnung. Es hetzt einen niemand.

Nun aber hat man den durchgetakteten Schultag, an dem man in 45, 60 oder 90 Minuten gut durchgeplanten Unterricht unterbringen muss und der ist sehr unnachgiebig, was Fehlkalkulationen angeht. Besonders bei Anfängern, wo man gewisse Arbeitsschritte noch nicht ausreichend überblick und die Arbeitsgeschwindigkeit der entsprechenden Schülergruppe noch nicht einschätzen kann.

Gravierendste Fehler hier:

  • Keine Zeit für das eingeplante Abschreiben und Abzeichnen eingeplant. Ein Fehler, der mir bei etwas mehr Nachdenken nicht passiert wäre, es ist mir nämlich eigentlich absolut klar, dass man immer extra Minuten geben muss, wenn man will, dass die Schüler etwas übertragen. Irgendwie habe ich das bei der Gruppenarbeit für die Stundenplanung ausgeblendet. Ob es nur daran lag … wer weiß. Ich hoffe, dass mir dieser Fehler nie wieder unterläuft. Das nicht fertig gewordene Arbeitsblatt habe ich natürlich dann vorhin noch vervollständigt und dem Lehrer geschickt. So sollten die Schüler trotzdem alles für ihre Materialien haben letztlich.
  • Das Potenzial des Materials falsch eingeschätzt. Unsere Karikatur hat die Schüler ziemlich angeregt, sie haben unheimlich viel zu erzählen gehabt und das zog sich dann länger als die eingeplante Zeit. Letztlich mussten wir die Diskussion abkürzen, damit wir das Stundenende adäquat einleiten konnten. Vielleicht hätte man diesen Fehler nicht gemacht, wenn man die Lerngruppe besser gekannt hätte. Ich hatte einfach nicht mit so viel Engagement gerechnet und all die Details, die genannt wurden, waren wichtig und bei mir nur mal ‚für den Fall, dass tatsächlich wer danach fragt‘ angeschaut worden im Vorfeld, aber sie haben sich komplett durchgefragt.

 

             2. Potenzial des Materials

Der Fachlehrer riet uns auch auf Grund des letzten Punktes darauf aufzupassen, Material nicht einfach zu ‚verbrennen‘. Wir hatten die Stunde zwar auf die Interpretation und Deutung der Karikatur ausgelegt, aber letztlich einen zu großen unabhängigen Schlussteil geplant. Für unsere Fähigkeit zur zielführenden Stundengestaltung noch ein Fall von zuviel gewollt.

  • Zeit zum Denken einplanen. Lieber etwas mehr Zeit für komplexes Material einrechnen, damit es nicht dazu kommt, dass es nicht in seiner Tiefe erschlossen werden kann. Das verschenkt viele Möglichkeiten und gibt vielleicht auch nicht allen die Chance, sich zu beteiligen. Es gab zwar eine mehrheitliche mündliche Beteiligung in der Klasse, aber man hätte die letzten Stummen vielleicht auch noch dazu bekommen können, sich zu äußern.
  • Entzerren. Angelehnt auch an das Zeitmanagement: Nicht zuviel in einer Stunde. Schritte nachvollziehbar halten und logisch gut aufeinander aufbauen lassen. Eine zentrale Informationsquelle beim Material setzen und um diese herum Zusatzinformationen einfügen. Verweise setzen und Verbindungen deutlich machen.

 

               3. Nicht zu viele Fragen

Das ist mein persönlicher Punkt. Bei den vorherigen konnten wir uns noch gemeinsam angesprochen fühlen, dieser ist meine Achillesferse. Ich frage zuviel und zu kleinschrittig. Für die Leitung ist das gut, aber man muss zwischendurch auch mal etwas ‚Luft‘ lassen, damit die Schüler grübeln und Schlüsse ziehen können, die nicht von mir angeleitet sind. Um die Schwäche wusste ich auch, ich kann hervorragend zielführende Fragen stellen, aber ich reiße damit natürlich auch die Denkprozesse sehr dominant an mich. Daran muss ich wohl am Dringendsten arbeiten.

  • Reflektieren lassen. Gerade für einen schönen Stundenschluss bietet es sich an, dass man einen Schüler noch einmal zusammenfassen lässt, was in der Stunde eigentlich Thema gewesen ist. Für heute hätte das den gesamten Schluss abgerundet und nicht so schwammig werden lassen. Anstatt abzugeben, habe ich schlicht weiter gefragt und wollte eine Leitfrage für die nächste Stunde herausbringen. Das war suboptimal.
  • Schüler das Tempo mit bestimmen lassen. Meine Geschwindigkeit hängt zu viele Schüler ab. Ich muss mehr darauf achten, wirklich die Mehrheit zu erreichen und bewusst Lücken zum Sammeln und Sacken herzustellen.

 

Grob gesehen waren das die Kritikpunkte, an denen ich vorerst arbeiten will. Bei einigen Sachen war ich im Nachhinein ziemlich enttäuscht, dass ich da nicht selber dran gedacht hatte. Bei anderen sehe ich grundlegende Verhaltensweisen von mir, an denen ich langfristig arbeiten werde. Insgesamt hat mir die Stunde heute viel gebracht und ich bin zufrieden, dass ich die Gelegenheit ergreifen konnte.

Bestätigt wurde mir nämlich, dass es keinen einzigen Punkt gab, an dem mein Verhalten als Lehrer, mein Umgang mit den Schülern, meine Verständlichkeit, meine involvierende Art, meine sozialen Skills oder ähnliche grundlegende Charakteristika, die ich als unerlässlich für das Lehren ansehe, als negativ betrachtet worden wäre. Mein Fachlehrer meinte zu dem Stapel: „Also, auf die Lehrerpersönlichkeit und ihre Befähigung gehe ich nun erstmal gar nicht ein. Da brauchen wir keine Worte drüber verlieren. Das passt.“ Das empfinde ich als sehr beruhigend.

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