Veröffentlicht in Lehrer, Referendariat, Schule

Fachliche Expertise?

Heute haben wir uns nun in der letzten der Konstellationen zusammengefunden, in der wir in den kommenden Monaten unsere Köpfe rauchen lassen wollen. Die Intensivwoche für Philosophie hat angefangen. Unser Fachleiter für Philosophie ist etwas jünger, hat gerade erst mit seiner Arbeit angefangen und ist angenehm offen, was seine Erwartungen und Wünsche angeht. Wie genau sich das auf die Bewertungen auswirken wird und wo er letztlich fachlich ’steht‘, das werden wohl die kommenden Tage zeigen. Der erste Eindruck ist erstmal positiv.

Von fehlender Motivation kann ich dieses Mal bei meinen Mitreferendaren nicht berichten, was mich ehrlich gefreut hat. Ob es am Fach liegt – Philosophen sagt man nun einmal nach, dass sie generell etwas lieber reden und sich einzubringen versuchen – oder einfach an den versammelten Charakteren an sich, die Gruppe war insgesamt engagierter bei der Sache. Kein Gedruckse bei der anstehenden eigenen Unterrichtsstunde (eine für jeden – wer hat noch nicht, wer will noch mal?) oder Sprachlosigkeit bei Vorschlägen, was man konkret im Unterricht machen könnte … es lief ganz gut.

Einen kleinen Dämpfer bekam ich schon, als wir eine Stunde bei einer Philosophie Kollegin hospitieren konnten. Arbeitsauftrag für die 11. Klasse: „Fassen Sie Menschenbild, Naturzustand, Übergang zum Gesellschaftszustand, Form und Ergebnis des Vertrages und die daraus resultierende Staatsstruktur von Hobbes, Locke und Rawls zusammen. Frage: Was für einen Staat braucht Ägypten? Beziehen Sie Stellung.“ Halbe Stunde Zeit. BÄM! Und der Kurs macht sich seelenruhig an die Arbeit …

Das Niveau hat mich umgehauen. Ich selbst hätte einiges nachschlagen müssen, die Schüler schlugen gelassen ihre Hefte auf, einige fingen sofort an zu schreiben und als dann nach 20 Minuten einmal kurz Hobbes und Locke für alle zusammengefasst wurde, um dann den Arbeitsauftrag um einen arabischen und einen deutschen Politiker sowie einen Vertreter von Amnesty International zu erweitern, habe ich nur noch große Augen gemacht. Natürlich konnte die geplante Diskussion nun in der Stunde nicht mehr statt finden, aber die meisten Arbeitsblätter waren vollständig ausgefüllt, als ich kurz darauf mal herum ging.

Nach dieser Hospitation, ging es dann im Seminargrüppchen weiter, wir machten uns Gedanken dazu, was Philosophie unserer Ansicht nach genau ist, wie sie sich auf unser Verständnis von Lehren und uns selbst als Lehrer auswirkt, wie Philosophie im schulischen Kontext gesehen wird und was guten Philosophieunterricht eigentlich ausmacht. Beim Verteilen der Unterrichtsstunden, hielt ich mich nach gemachter Erfahrung im Geschichtsseminar wohlweislich zurück und war tatsächlich die letzte, die einen Kurs zugewiesen bekam. Leider erwies sich dadurch meine Vorarbeit (ich hatte Hannah Arendt das Wochenende vorbereitend gelesen, da das die einzige Info war, die wir zu den Hospitationsklassen vorweg bekommen hatten) als hinfällig, da ich nun eine Stunde zu Erich Fromm (der Herr auf dem Bild über dem Beitrag) und dem Aspekt von „Fremd – Ich“ halten werde. Also wird kurzfristig umgeplant.

Was ich für die kommende Zeit als Philosophielehrerin mitnehme:

  • Ich brauche mehr Fachwissen im Überblicksformat auf den schulischen Lehrplan zugeschnitten. In Geschichte hatte ich dieses Gefühl fachlich zu ’schwimmen‘ nicht einmal ansatzweise so stark wie nun nach dem heutigen Tag in Philosophie. Vielleicht merkt man hier auch einfach, dass ich Philosophie als Drittfach studiert habe … ich fühle mich unzureichend vorbereitet.
  • Schulen können ein unheimliches Leistungsgefälle aufweisen. Der Kurs wäre nach meinen Erfahrungen an der Gesamtschule letzte Woche ein ewig unerfüllter Traum in deren Rahmen gewesen. Ich werde mir genauer Gedanken dazu machen müssen, in welchem schulischen Umfeld ich letztlich unterrichten will. Ein fast universitäres Niveau ist aber nach der Erfahrung heute auch an Schulen möglich. Aber ich bin mir sehr sicher, dass gerade in Philosophie die Arbeit an Schulen, wie der besuchten Gesamtschule, die notwendigerere ist.
  • Der Unterricht wird mich geistig voll fordern. Ich bin nach diesem Tag sehr viel kaputter, als ich es an den anderen Tagen gewesen bin. Geschichte ist für mich viel entspannender zu unterrichten. Für Philosophie heißt das entweder: Ich muss mehr vorbereiten und der Unterricht läuft dann trotzdem einfach angenehm ab oder ich muss erst einmal eine andere fachliche Sicherheit erreichen, die ich in Geschichte bereits herstellen konnte. Vielleicht auch noch ein Drittes, was mir gerade nicht einfallen will.

 


 

Was mir heute auch direkt auffiel: Ich bin auf sehr viel Verständnis bezüglich der Kinder gestoßen. Wir beenden die Tage möglichst früher als die angepeilte Zeit von 16:30 Uhr, weil das die Zeit ist, wo ich die Kinder schon aus der Kita holen muss. Sollte es doch einmal länger dauern, so darf ich früher fahren, da ich ja die halbe Stunde Fahrtzeit auch noch einplanen muss. Alles kein Problem. Es war sehr angenehm, da kein schlechtes Gewissen eingeredet zu bekommen oder womöglich noch Steine in den Weg gelegt zu kriegen.

Die Kleinen waren dafür heute eher weniger kooperativ. Als ich sie abholte, kippte prompt ihre Stimmung und besonders unserem Jungen konnte man nichts mehr recht machen. Ins Auto helfen? – Tränen! Aus dem Auto helfen? – Tränen! Rucksack abnehmen? – Tränen! Schuhe ausziehen? – Tränen! … Ihr seht das Muster, gell? Naja, meine Recherche zu Herr Fromm musste also erstmal warten und ich durfte mir gefühlt 30 Weltuntergänge antun, bis sie dann beide friedlich mümmelnd bei meinem Freund in der Küche mit beim Kochen saßen.

Und weil ja sonst nichts zu tun ist, geht es jetzt gleich noch auf einen Elternabend in die Kita … 😀 Allerdings habe ich mir strikt vorgenommen: Vom Alltag lasse ich mich durch das Referendariat so wenig wie möglich abbringen. Mal sehen, wie das so laufen wird.

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