Veröffentlicht in Ausbildung, Lehrer, Referendariat

Die zweite Stunde

Gestern durfte ich meine zweite bewertete, aber nicht benotete, Unterrichtsstunde zeigen. Thema war wie schon erwähnt Erich Fromm und das Thema von Fremdheit kontrastiert mit der Möglichkeit einer Weltgemeinschaft. Ich war ziemlich begeistert von dem Ergebnis und alle die sich dazu dann äußerten wohl letztlich auch. Ich dokumentiere diese Stunde hier einmal komplett, um später die Möglichkeit zu haben zu vergleichen, wenn die Lehrroutine mehr bei mir angekommen ist und ich vielleicht Dinge verändert habe.

VerlaufsplanIm Vorfeld hatte ich mir wie immer meine Karteikarten zurechtgelegt und mit den thematisch wichtigsten Punkten und Schnittstellen versehen. Der Verlaufsplan war auch grob erstellt gewesen und so sah ich der Stunde recht gelassen entgegen. Die Planung war großzügig, was die Reserve anging, gerade den Punkt zu Europa habe ich dann auch wirklich nicht mehr geschafft, aber ich kannte den Kurs nicht und wusste nicht, was ich erwarten konnte. In etwas hübscher sah das so aus:

Stundenplanung Fromm – Bonbon Methode

Eine der größten Schwierigkeiten hatte ich mit dem Text. Der Kurs war eine neunte Klasse und ich konnte überhaupt nicht einschätzen, wie so die Lesegeschwindigkeit und Aufnahmefähigkeit sein würde. Dementsprechend hatte ich etwas Bauchschmerzen bei einem 28-zeiligen Text, den ich aber schon so viel wie möglich zusammen gekürzt hatte.

Erich Fromm – Der Fremde und der Eine Mensch

Leider waren die Rahmenbedingungen für die Stunde nicht die besten. Allem voran war die Uhrzeit wirklich ungünstig. Siebte Stunde, nach der Mittagspause … ich erwartete wirklich wenig Motivation und wenig wache Köpfe. Dazu kamen die Beobachtungen, die ich am Freitag machen konnte, wo ich das Kursklima für nicht sehr förderlich ‚abgestempelt‘ hatte. Ich lernte in der Stunde schnell, dass man sich nicht so schnell ein Bild machen sollte und Vorurteile auch mal hinderlich sind.

Die Schüler erschienen pünktlich zum Unterricht und nach den üblichen neugierigen Nachfragen, ob ich die Stunde ‚machen‘ würde, ging es ohne Verzögerung gleich los. Ich stellte mich vor, leitete ein, dass wir an den Ergebnissen von der letzten Stunde anschließen würden und bat alle sich zu erinnern, mit welchen Thesen sie die Diskussion am Freitag beendet hatten. Die wurden auch direkt reproduziert und von den Schülern an die Tafel gebracht. Erste Meinungen zu der umfassenden Fremdheit, der Möglichkeit oder Unmöglichkeit derselben, wurden geäußert und ich lenkte den Fokus auf das Arbeitsblatt, als das Problem der ’nie vollständig überwindbaren Fremdheit‘ wieder aufkam. Die Meinung eines ‚Experten‘ sollte helfen, diesen Konflikt zu lösen.

Ein erster Kritikpunkt, welcher dann in der Nachbesprechung geäußert wurde, kam an dieser Stelle auf, da ich etwas zur Aufgabenstellung sagte, während noch nicht alle das Arbeitsblatt vorliegen hatten. Es fiel mir in dem Moment sogar auf, aber da hatte ich das Sprechen schon begonnen. Tatsächlich sah ich kurze Zeit später, dass die ersten, die den Text bereits gelesen hatten, sich nicht an die schriftliche Lösung begaben. Ich merkte an, dass sie ihre Gedanken bitte verschriftlichen sollen.

Ein weiteres Problem kam mit der Aufgabenstellung selbst auf. Ich hatte die Form der Lösung bewusst auf zwei mögliche Lösungen gelenkt. Einmal, weil ich wieder nicht einschätzen konnte, was für den Kurs leichter leistbar war (schriftliche Lösung oder tatsächlich eine skizzenhafte/schematische Verdeutlichung) und weil ich Auswahl haben wollte für die Festigung, in der die Schüler ihre Ergebnisse präsentieren sollten. Ein weiterer Kritikpunkt, der mir aber zugestanden wurde, als ich meine Gedankengänge erklärte. Hätte ich gewusst, dass die Schüler so fit sind, wie ich dann beim Rumgehen staunend bemerkte, hätte ich gleich eine Skizze eingefordert.

Ein anderer Schüler fragte mich nach der ‚doppelten‘ Aufgabe, da 2 und 3 sich nur in einem erweiternden Gedankenschritt voneinander unterschieden, den ich sicherheitshalber eingebaut hatte, damit sie nicht mittendrin einen Begriff übergehen und ihnen das Zentrum des Konstruktes von Fromm deutlich wurde. Der Schüler meinte jedoch, dass man dann ja gleich alles beantworten könnte und Nr. 2 gar nicht braucht. Er hatte natürlich Recht, ich bin gespannt ob diese Probleme noch aufkommen, wenn ich einen Kurs länger begleitet habe und sie besser einschätzen kann.

Was meine zeitliche Planung anging war ich an diesem Punkt äußerst zufrieden. Anfangs hatte ich tatsächlich die 7 Minuten gebraucht, um ein ausreichendes Meinungsbild abzurufen und das Problem (in meinen Augen) adäquat zu verdeutlichen, weswegen die Bearbeitungszeit für das AB natürlich kürzer wurde. Trotzdem schafften es alle, die Aufgaben zu lösen und die schnellen, von denen ich zwei bat ihre Lösungen doch bitte noch auf Folie festzuhalten, um sie dann für den Kurs vorzustellen, konnten sogar noch ohne Stress alles erneut reproduzieren. Ich rieb mir innerlich die Hände 🙂

Auch was ich beim Herumgehen so las und sah war sehr zufriedenstellend. Es waren sehr kreative Antworten dabei, wie die über dem Beitrag abgebildete Zeichnung; ausführliche Mindmaps; sogar ein ‚Gespräch‘, welches die Begriffe untereinander führten in dem sich gegenseitig vorstellten war dabei. Den Kurs hätte ich sehr gerne ‚behalten‘ ^.^

In der folgenden Diskussion lief es sehr rund. Sie konnten die Begriffe gut erklären, wir sammelten alles an der Tafel, wo ich versuchte ihre Kernaussagen zu verschriftlichen und gleichzeitig die Diskussion am Laufen zu halten. Das klappte sehr gut und wurde im Nachhinein als ‚ausgezeichnete Multitaskingsfähigkeit‘ meinerseits vermerkt. Die Gedankenschritte von ‚wie sehe ich Fremde‘ zu ‚was bedeutet Fremdheit‘, über die Art ‚wie wir eigentlich alle gleich sind‘ und ‚dass wir umdenken müssen um eine gemeinschaftlichere Welt herstellen zu können‘ liefen schnell und reflektiert. Ich schaffte es, ihre Argumente aus der vorherigen Stunde einfließen zu lassen, die sich alle um diesen Begriff gedreht hatten.

Das Fremde

Als wir diesen Schritt, meinen Minimalschritt für das Ergebnis in der Stunde (Verständnis der Struktur und des Arguments des Textes), geschafft hatten, ging ich zur Stellungnahme über. ‚Wie seht ihr das denn?‘ Sie bewerteten die Ansicht Fromms, entlarvten das Konzept des ‚Einen Menschen‘ als Ideal und einigten sich auf eine eher mittlere These als Abschluss, als sie ihre eigenen Thesen nochmal überprüften, die ja vom Beginn der Stunde noch an der Tafel standen. Es lief also quasi perfekt.

Argumentation

Einzig die begriffliche Schärfe und die Implikationen von ‚Alles‘ hätte etwas fokussierter ausfallen können, ansonsten hatte ich meine Erwartungen in die Tat umsetzen können.

Alles = Mensch

So kam es dann auch in der Nachbesprechung zu sehr viel Lob. Meine Lehrerpersönlichkeit wurde schlicht ‚festgestellt‘, ich hätte eine große Ruhe ausgestrahlt und gewirkt, als würde ich die Klasse jeden Tag unterrichten. Es gab keine negativen Reaktionen der Schüler auf mich, im Gegenteil, es hatte sich gleich eine gewissen Chemie gezeigt. Einziger Kritikpunkt hier: Ich wäre etwas zu verhalten bei Rückmeldungen gewesen. Bei Beiträgen habe ich zwar hier und da zustimmend gelächelt oder genickt, aber der Kurslehrer hätte sich mehr direkte Bestätigung gewünscht. Eine gegenteilige Meinung zur ersten Geschichtsstunde, in der mir hierdurch eine zu starke Lenkung bescheinigt worden war. Ich muss entweder einen Mittelweg finden, denn ich hatte es in der Stunde bewusst vermieden zu viel zu werten, oder es ist ein Fall von widerstreitenden Vorlieben der mich bewertenden Lehrer. Aber das wird sich zeigen.

Besonders einen Punkt fand ich sehr beruhigend: Mein Fachleiter meinte, er hätte bei einigen Schülern so etwas wie einen Aha-Moment beobachtet, als sie das Thema mit ihrer eigenen Meinung und der Bedeutung, die es letztlich für ihr Leben und die aktuellen Vorgänge mit den Flüchtlingen in Europa, einnimmt abglichen und tatsächlich einen Handlungsbedarf feststellten. Er meinte dazu nur, dass das schon eine ordentliche Leistung für eine Unterrichtsstunde darstellen würde, der Text so genau die Funktion eingenommen hätte, die man immer als ideal konstatiert (der ‚Dialogpartner‘, der einem bei einem Problem eine Entscheidungshilfe auf dem Weg zur Problemlösung  liefert) und war recht angetan von dem Ergebnis. Ich auch 😉

Insgesamt war ich auch nach den gesehenen Unterrichtsstunden der anderen Referendare und seiner Rückmeldung hierzu absolut beruhigt, was meine vorherigen Bedenken anging. Seine Kritik war letztlich genau auf die Punkte ausgelegt, die ich auch angemerkt hätte und er ging sehr angenehm mit der gesamten Nachbesprechung jeweils um. Das ließ mich sehr schnell aufatmen und ich denke, dass ich somit positiv auf die Ausbildungszeit blicken kann.

Was ich mitnehme aus dieser Stunde:

  • Keine vorschnellen Vorurteile. Auch wenn diese im Alltag als Mittel zur Effizienz dienen und uns komplexe Situationen vereinfachen, es wirkt sich meist einfach negativ aus, wenn man Dinge zu schnell in eine Schublade ablegt.
  • Rückmeldung nie so gering halten, dass man die produzierte Leistung nicht mehr würdigt. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob es so stark gewirkt hat, aber ich werde es genau im Auge behalten. Besonders bei den vorgestellten Folien wäre ich aber sehr gerne genauer auf die Leistungen eingegangen und das hatte mich schon im Arbeitsgeschehen etwas geärgert.
  • Sicherung der Ergebnisse. Tatsächlich kam der Punkt letztlich wieder auf, auch wenn ihn niemand angesprochen hat. Die Diskussion war immer gesichert, ich brachte alles wichtige an die Tafel; aber die Schüler nahmen aus dieser Stunde schriftlich nur das Konzept von Fromm mit, welches sie selbst sich in der Erarbeitung erschlossen hatten, nicht das Ergebnis der Diskussion.
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4 Kommentare zu „Die zweite Stunde

      1. Ja hier ähnlich. Irgendwann kommen halt größere Kritikpunkte auf einen zu. Aber wenn der Start schon gut ist, ist die Tendenz das sicherlich generell!

      2. Ich hoffe mal, dass es nicht komplett abrutscht und ich wenn dann gut darauf reagieren kann. Eine Freundin erzählte mir ähnliches; anfangs war alles top und dann nagte die dauernde Kritik an ihr, dieses immer Fehler-finden-wollen-und-müssen und da hatte sie sich dann plötzlich total verschlechtert.

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