Veröffentlicht in Lehrer, Schule

Fachliche Expertise ll

Tja, kommen wir doch einmal zu den ersten Problemen, die sich zwar bereits auch am ersten Tag schon zeigten, die ich aber heute in noch größerer Detailschärfe begutachten konnte. Es geht um die berufliche Untauglichkeit, die man Lehrern ja gerne einmal unterstellt und die durchaus in dem einen oder anderen Fall gerechtfertigt ist.

Bereits am ersten Tag fiel immer mal wieder ein spezieller Name, wenn es um das Kollegium ging oder besonders, als ich mich daran setzen wollte, meinen Stundenplan zu erstellen. Mir wurde offenherzig gesagt, dass es sich bei dem Herren wohl um einen ‚Sonderfall‘ handeln würde, dass ich vielleicht besser auf andere Optionen ausweiche und dass es wohl letztlich so wäre, dass mir ganz direkt von einer Hospitation in seinen Philosophiestunden abgeraten wurde. Sogar von ihm selbst. Das hatte allerdings andere Gründe.

Allgemein wusste jeder, egal ob fachfremd oder nicht, ganz genau, dass man bei diesem Lehrkörper nicht viel mehr, als die leere Hülle vorfinden würde und könnte. „Ach … der Herr Drüppert* … .“ (Gefolgt von vielsagendem Schweigen letztlich unterbrochen von einem unsicheren Kichern.) Das waren die netten Reaktionen. Das spannte sich dann bis zu „Bloß nicht den …!“ von einem leidgeplagten Mitreferendar, der ihn in Geschichte erlebt hatte. Er war von der Schulleitung letztlich aus dessen Unterricht herauszitiert worden, da es ‚keinen Sinn gehabt hätte‘. Und ja, dieser Herr hat die gleiche Fächerkombination wie ich.

Normalerweise wäre das alles ja kein Problem. In dieser Phase des Schuljahres allerdings sehr wohl. Denn er ist meine einzige Chance auf Unterstufenunterricht in Philosophie. Es gibt aktuell genau drei Personen, die Philosophie Unterricht erteilen. Ein sehr netter, kompetenter Lehrer – Herr König*, der ebenfalls mit meiner Fächerkombi unterwegs, im Moment den Löwenanteil an Arbeit im Fach Philosophie stemmt, der andere Referendar und besagter Herr Drüppert. Da Herr König nun aber nur Oberstufenunterricht gibt und ich bei einem anderen Referendar nicht so wirklich ohne rechtliche Grauzone im Unterricht hospitieren kann, um ‚ausgebildet‘ zu werden, bleibt mir rein theoretisch nur eine Wahl offen. Interessante Verkettung der Umstände.

Als Referendar fragt man nun ja erstmal die Beteiligten ganz nett, ob man nicht im Unterricht hospitieren könnte. Das tat ich natürlich auch bei Herr Drüppert, der mir sofort bestätigte, dass er nichts dagegen hätte, aber diese Schüler … Also diese Schüler, da hätte er ja einen ganz schwierigen Kurs. Es wären 35 Schüler, in der Tat ein deutlich zu stark besetzter Kurs, und unter ihnen wären ja noch die ‚Seiteneinsteiger‘ (Flüchtlinge, oder generell alle, die verspätet zur Klasse dazugekommen sind), die ja kein Wort Deutsch verstehen würden. Er hätte erstmal Referate verteilt. Aber ich könnte gerne kommen.

Ich sprach mit meinem Fachleiter, der sich über die rechtliche Seite schlau machen wollte, ob ich bei meinem Mitreferendar in den Unterricht könnte. Ich sprach mit der Ausbildungskoordinatorin, die mich an die stellvertretende Schulleiterin verwies, die mir sagte, dass es eigentlich auf jeden Fall ginge, dass ich bei einem Referendar hospitiere, wenn man vom ‚Lerngehalt‘ ausginge – der wäre da höher, als bei Herr Drüppert.

Und ich? Ich überlege. Mein erster Impuls war, mich tatsächlich an den Referendar zu wenden und zu Fragen, ob ich bei ihm mitlaufen könnte. Allerdings, mein zweiter Gedanke gerade ist: Warum nicht? Die zwei Stunden in der Woche werden mir sicher nicht schaden, aber wann genau habe ich nochmal die Gelegenheit so einen ‚Fall‘ mal wirklich von Nahem zu betrachten? Ich überlege in vielerlei Richtungen: Fehler, die man nicht machen sollte, die ich vielleicht beobachten kann, Reaktionen und Strategien der Schüler bei so einer Konfrontation mit offensichtlich schlechtem Unterricht, eventuell auch die Atmosphäre, wenn ich mal eine Stunde übernehme, was sich ändert, wie die Schüler reagieren. Hat es doch mehr Potenzial als ich jetzt sehe?

Die Zeit ist absehbar, bis zu den Sommerferien sind es noch fünf Wochen. Im kommenden Jahr werden sich neue Konstellationen ergeben und auch die zwei nun bereits ‚ausgeschiedenen‘ Kollegen, deren Q2 Kurse durch das Abitur bereits weggefallen sind, werden wieder auf dem Plan stehen und auch für mich verfügbar sein. Ich würde wohl nicht allzu viel verlieren.

Abseits dessen, gehe ich stark davon aus, dass ich ab übermorgen keine Stimme mehr haben werde. Gut, dass ich noch nicht viel reden muss. Den Tag habe ich schon im halben Dämmerzustand verbracht, was sehr schade war, da ich unter anderem bei einem UB des anderen Referendars hospitieren durfte und so meinen Philosophie Fachleiter gleich wieder sah. Wirklich produktiv war das für mich aber eher weniger. Und gleich heute gab es auch noch eine Lehrerkonferenz. Wieder sehr viele Eindrücke auf einmal. Heute Abend lege ich mich glaube ich erstmal in die Wanne und versuche so tief, wie mit verstopfter Nase möglich, durchzuatmen.

*Reiner erster Eindruck. Natürlich keine richtigen Namen.

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7 Kommentare zu „Fachliche Expertise ll

  1. Du hast sehr schön deinen Alltag beschrieben. Problem ist, dass man immer gucken muss, wo man mitgeht. Am Ende siehst du erst im Unterricht, ob die Lehrer etwas taugen oder nicht. Dann ist noch ganz wichtig: Du suchst dir ja Mentoren aus (in der Regel). Da finde ich wichtig, dass man da auch mit der Lehrerrolle, die man für sich entwickeln mag, auch irgendwie mit dem Mentor übereinstimmt. Ist schon schwierig am Anfang…

    1. Das ist alles schon klar soweit.

      Was die Mentoren angeht, so hätte ich die Wahl zwischen einem Referendar und einem offensichtlich als unfähig angesehenem Lehrer. Da werde ich mir wohl keinen Mentoren wählen können. Herr König steht als ein Mentor bereits fest. Er hat meine beiden Fächer und ist fachlich wie didaktisch sehr bewandert. Ich empfinde es in diesem Fall also so, dass ich da einfach etwas Spielraum habe.

      Die Frage ist, was ich aus der Situation machen soll. Mit einem Referendars-Kollegen zusammenarbeiten oder mich mal etwas freier ausprobieren?

      1. Da kommt es immer darauf an, wie sicher du dich fühlst. Ich weiß ja nicht, wie es in deiner Ausbildung läuft (ist von BL und ZfsL abhängig), aber Mentoren sind ja bei den Nachbesprechungen der Unterrichtsgespräche dabei. Ich hoffe, ich habe das jetzt richtig Verstanden. Ansonsten würde ich auf jeden Fall mit den Referendaren arbeiten. Wieso sollte man das Rad neu erfinden?! Geht manchmal auch gar nicht.

      2. Vor der Klasse? Sehr sicher bisher. Theoretisch sollte sogar der Direktor immer in den Stunden dabei sein. Was genau daran schlecht sein sollte, wenn der Lehrer mit in der Nachbesprechung ist, erschließt sich mir nicht. Kannst du erklären, was du da befürchten würdest?

        Mit dem Referendar arbeiten wäre das Rad neu erfinden. Das ist strikt gesehen nicht erlaubt 😉

  2. Tja, schwierig, schwierig. Eigentlich hasse ich es, auf Aussagen von Dritten zu hören und zu vertrauen. Ich bilde mir lieber selbst mein/en Urteil/Eindruck über Menschen. Vielleicht aus der Warte heraus, weil in unserer Region eher über jemanden gesprochen wird als die direkte Ansprache zu wählen. Andererseits muss es natürlich einen Grund geben, wenn sich so viele Kollegen negativ über Herrn Drüppert äußern. In dem Referendarskollegen sehe ich allerdings keine dauerhafte Alternative. Er ist selbst noch in der Ausbildung und bietet damit keinen wirklichen Ansatz, auf einen Erfahrungshorizont zurückgreifen zu können. Ich würde in den kommenden 5 Wochen bei beiden mitgehen und mal schauen, wie sich Herr Drüppert darstellt. Vielleicht ist er gar nicht so unfähig, wie alle sagen. Wenn doch, kannst du in den Wochen bis zu den Sommerferien für dich entwickeln, wie du die Inhalte kompetenter aufbereiten oder die Lehrer-Schüler-Beziehung anders gestalten würdest. Nach beiden Hospitationen solltest du dann nochmal neu entscheiden und noch mal mit der Ausbildungskoordinatorin ins Gespräch kommen. LG Ela

    1. Das freut mich, das ich hier bestätigt werde. In etwa so hatte ich jetzt auch geplant vorzugehen. Den Referendar habe ich heute gesehen. Und gleich dazu die fachlichen Meinungen von Herr König und meinem Fachleiter über ihn gehört. Ein wenig kann ich die Option also schon einschätzen.

      Der Punkt mit dem Hören-Sagen ist ein weiterer, den ich unterstreichen würde. Es ärgert mich meist auch, wenn so etwas passiert. Allerdings muss man zugestehen, dass wenn ein ganzes Kollegium geschlossen die Meinung vertritt und man noch im Vorfeld Meinungen von einer anderen Mit-Referendarin gehört hat, die äußerst negativ waren, ohne zu wissen, dass man schon in der nächsten Woche auf diesen Herren treffen würde, so ergibt sich ein durchaus schauriges Bild.

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