Veröffentlicht in Konstruktive Kritik, Referendariat

Die erste Stunde an der Ausbildungsschule

Heute habe ich die erste Stunde an der Schule gehalten. Es ist der Kurs, den ich nun bis zu den Sommerferien übernehmen werde, die siebte Klasse mit Geschichte, an dessen Reihenentwurf ich am Wochenende saß und auch heute wieder sitzen werde. Die Stunden stehen thematisch, aber ich muss noch Arbeitsmaterialien für nächste Woche entwerfen; den Abschluss der Reihe muss ich noch ausarbeiten.

Heute hatte ich also die erste Stunde als Lehrkörper vor der Klasse. Ich arbeite mich gleichzeitig in die Schülernamen ein, deren Sitzplan mir in den ersten 5 Minuten im Unterricht schnell vom Kurslehrer erstellt wird, und schauspielere etwas vor der Klasse zum Einstieg. Die Kinder sind nett und arbeiten direkt mit. Das beruhigt mich schonmal, da ich nicht nur morgen das EPG in der Klasse zeigen werde, sondern auch den ersten Unterrichtsbesuch dort geplant habe. Nach der Stunde erzählt mir dann der Kurslehrer, was verbesserungswürdig wäre.

Das Positive vorweg: Klare Stimme, sicheres Auftreten, direkte Körpersprache und angenehmer Umgang mit den Kindern und im Unterricht wird mir direkt wieder bescheinigt. Da habe ich keine Baustellen und er vermerkt, dass das schon einmal sehr positiv wäre, da man daran größtenteils schlecht arbeiten kann.  Es wäre einfach Charaktersache.

Aber … 😉

Erstmal bestätigte sich leider die Kritik, die ich schon in der anderen Geschichtsstunde erhalten hatte: Zuviel Lenkung bei den Fragen. Ich war etwas enttäuscht, als ich das hörte, da es mir in dem Moment erst wieder auffiel. Ich hatte direkt in der Stunde nicht daran gedacht, mich zurück zu nehmen und den Schülern a) Zeit zur Reaktion zu lassen, b) nicht nach jeder Antwort wieder weiter zu fragen und c) nicht zu sehr in eine Richtung zu drängen beim Fragen. Ein Punkt, den ich mir jetzt wohl dick und fett und unterstrichen hinter die mentalen Ohren schreiben muss.

Dann warnte er mich davor, demnächst bei einem Text direkt nach einer Arbeitsphase mit Aufträgen und somit Schülergebnissen erst nach den ‚Fragen?‘ zu fragen, die vielleicht mit dem Text aufgekommen wären. Das wäre immer inhaltlich verknüpft und würde Arbeitsergebnisse vorweg nehmen.  Es war mir heute morgen schon eingefallen, dass ich den Text nicht vorentlastet hatte und das vergesse ich hoffentlich so schnell nicht wieder.

Beide Punkte sind glaube ich dem Umstand geschuldet, dass ich insgeheim davon ausgegangen bin, dass der Text zu schwer für die Schüler wäre. Es war wie gesagt eine siebte Klasse und der Text aus einem Philosophiebuch der Oberstufe. Ich hatte ihn trotzdem gewählt, da die Hauptaussagen sehr deutlich hervortreten, trotz schwierigeren Vokabular rundherum und vielen Folgerungen und ähnlichem. Darauf habe ich dann aber nicht mehr vertraut, habe Schülerergebnisse nicht einfach ‚kommen lassen‚, habe zu stark gelenkt und letztlich sogar begriffszentriert gefragt („Schau mal in Zeile xy …“)

Das ist mir beim letzten Mal in der Philosophiestunde schon passiert, wobei es da gut ausging, und heute habe ich erneut nicht beherzigt, dass ich die Schüler nicht unterschätzen sollte. Ich habe es wieder getan. Ich nehme also erstmal mit, dass ich meinem Bauchgefühl bei der Auswahl des Materials grundlegend vertrauen kann und ich durch meine Lenkung und mein Verhalten im Unterricht nicht auf den letzten Metern nervös zu sein brauche, und anfangen muss, zuviel vorweg zu nehmen oder den Schülern enge Pfade vorzugeben.

Dann habe ich leider auch wieder das Material nicht angemessen gewürdigt. Zum Einstieg verlas ich einmal den Text eines englischen Kaufmanns und Politikers, der sich über die Vorherrschaft der Englischen Rasse und deren Grundlage ausließ. Ich hätte hier schon zentrale Begriffe herausarbeiten können, habe den Text aber nur als Impuls eingesetzt, um die Schüler zu der Frage nach dem „Warum?“ hinter den Gedanken zu bringen, da wir heute das Menschenbild der Europäer im 19. Jahrhundert erarbeitet haben. Der Text und die Meinungen der Schüler dazu kamen leider im Einstieg zu kurz.

Mensch-Affe HaeckelWas wiederum positiv bewertet wurde war, dass sie alle verstanden haben, was Thema gewesen ist und was die Punkte sind, aus denen sich das Menschenbild inhaltlich zusammensetzt. Sie fanden sich trotz dem ungewohnten Vokabular, was über Menschenklassen und -rassen berichtete und Naturmenschen bei den Australnegern einordnete, sehr gut zurecht. Besonders motivierend hatte da auch die Abbildung zum Evolutions-Monismus (s. links) gewirkt, die sich gut interpretieren ließ.

Auch eine erste Wertung konnte ich vornehmen, indem sie Stellung zu dem Gedankengut bezogen haben. Der einzige faut pas, und das war ein richtig dicker -.-, der mir da unterlaufen ist, war das fehlende Datum. Im schlimmsten Fall hätten die in der Klasse sitzenden Flüchtlinge nämlich bei unzureichenden Deutschkenntnissen denken können, dass es das aktuelle Menschenbild Europas wäre und „sie gerade in der Schulstunde zur ‚Rassenlehre‘ sitzen“. Ich hatte versäumt das Tafelbild zu datieren *panik* Ich gehe zwar davon aus, dass die Klasse es durchaus verstanden hat, aber das darf natürlich nicht passieren. Auch das Datum beim Text direkt fehlte, es stand in der Kopfzeile, bei den Lebensdaten des Autors, aber da schauen die Schüler nicht unbedingt hin.

Alles in Allem, habe ich mich in der Stunde wieder sehr wohl gefühlt, trotz neuer Klasse, trotz nicht idealem Material (in meinen Augen) und trotz des kaputten OHPs am Anfang der Stunde, den ich erst noch austauschen musste und der mich einige Minuten gekostet hatte. (Ein Grund, warum letztlich der erste Text nur so kurz behandelt wurde.) Ich stehe einfach gern da vorne und habe bisher noch keine unwillige Klasse erlebt. Ich hoffe natürlich, dass es auch eine Weile so bleiben wird.

(Das Beitragsbild zeigt den Herren, um dessen Theorien wir uns heute gekümmert haben, Ernst Haeckel.)

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4 Kommentare zu „Die erste Stunde an der Ausbildungsschule

  1. „Alles in Allem, habe ich mich in der Stunde wieder sehr wohl gefühlt…“ – das ist das Wichtigste!!! Alles andere kommt bei solch einem fantastischem Reflexionsvermögen stückchenweise von Zeit zu Zeit dazu. LG aus dem Lehrercafe

  2. Das sind Dinge, die immer kritisiert werden, aber die wirkich auch viele erfahrene Lehrer eingeschlossen „falsch“ machen. Ich habe mir irgendwann angewöhnt, Fragen als „Unterstellungen“ zu formulieren, also statt: „Wer weiß, warum der Junge in der Geschichte weint?“ zu „Du weißt bestimmt, warum der Junge weint…!“; wenn man aber zählen würde, wären der Großteil meiner Gesprächsanlässe Fragen. Das muss dich nicht ärgern. Daran kann man arbeiten. Wichtiger ist, deine Lehrerpersönlichkeit und die schein ja zu stimmen 🙂

    1. Ein netter Kniff, ich werde es mir merken. Mal sehen ob das gelten gelassen wird 😀

      Was diese berüchtigte Lehrerpersönlichkeit angeht, so dachte ich immer, dass die gaaanz langsam von einem selber in der Ausbildung gefunden werden muss. Genau definieren, wie meine nun aussieht, kann ich nämlich gar nicht. Aber vielleicht reicht es, wenn das die Ausbilder wissen 😉

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