Veröffentlicht in Prüfung, Referendariat

Geschichte, 1. UB

Der erste Unterrichtsbesuch ist überstanden. Meine Nervosität hielt sich glücklicherweise in Grenzen, was ich als sehr angenehm empfand. Es war gleich die erste Stunde, was ebenfalls wenig Zeit ließ, noch nervös zu werden. Ein bisschen fahrig war ich schon, da ich komplett vergessen hatte, dass ich meinen Ablaufplan in mein zugeklapptes Tablet gelegt hatte. Also saß ich da, schaute in meine Materialmappe, fand nur das, was ich konkret für die Stunde brauchte und fing an, ihn aus dem Kopf zu reproduzieren. Sieben Minuten vor der Stunde. Aber selbst das brachte keine erwähnenswerte Spannung an die Nerven 😉

Tja, dann kam die Stunde. Und was soll ich sagen; die Stunde lief! Sie lief so schnell, dass ich die didaktische Reserve benutzte und mir in den letzten fünf Minuten nochmals eine neue Wendung für die Konkretisierung des Problems überlegen konnte/musste. Ich war ziemlich baff. Einmal der Reihe nach:

Mit den im Beitragsbild zu sehenden Karten begann ich die Stunde. Wobei, nein. Wir begannen die Stunde mit einer Begrüßung, was lobend erwähnt wurde. Es gab ‚Rituale‘ an die sich die Schüler nun bereits schon hielten. Leider brachte mich dann gleich der erste Beitrag total aus dem Konzept. Ich bat darum die Karten zu beschreiben. Ein sehr freier Auftrag zum warm werden. Eine stille Schülerin, die bisher noch nicht einmal mit mir im Unterricht kommuniziert hatte, meldete sich zusammen mit sieben weiteren Schülern. Erfreut nahm ich sie dran und sie sagte: „Da sieht man gerade Grenzen, wie mit dem Lineal gezogen. Die haben bestimmt etwas politisch geteilt, was vorher mal zusammen gehört hat.“ Bäm! Ich schaute sie groß an und musste kurz überlegen.

Hatte sie mir gerade das in den geplanten zehn Minuten Einstieg zu erarbeitende Ziel im ersten Satz präsentiert? Ich hatte anhand der Grenzen herausarbeiten wollen, das es keine ’natürlichen‘ Grenzen waren, dass sie dadurch, dass sie von außen festgelegt worden sind mit hoher Wahrscheinlichkeit keine innere Struktur repräsentieren und das man hier genauer hinschauen muss, was so etwas für Folgen haben kann. Da mir ja gesagt worden war, dass ich nicht in freien Phasen auf jeden Beitrag eingehen soll, nickte ich ihr anerkennend zu und ließ weitere Schüler zu Wort kommen.

Erster Fehler, den ich noch einige Male wiederholte: Ich habe nicht nachgeprüft, ob etwas, was ein Schüler gesagt hat auch wirklich bei allen angekommen ist. Es wurde in der Stunde recht häufig auf komplexe Konzepte und Gedankenkonstrukte hingewiesen, aber ich habe das nicht in der Klasse gefestigt. In meinem Kopf begann sich eine Checkliste stetig abzuhaken, die zum nächsten Ordnungspunkt überging, sobald der vorige erwähnt worden war.

Zweiter Fehler: Die Methode der Kartenanalyse war nicht genug eingeübt, das Material blieb weitestgehend ungenutzt in seinem Potenzial. Etwas, was ich tatsächlich ein Stück weit eingerechnet hatte, was aber durchaus nicht so gemacht werden sollte. Meine angestrebte Lösung hierfür wird ein Methodenheftchen sein, welches ich mit meinen zukünftigen Kursen erstellen werde. Wie bearbeite ich eine Karte? Wie einen Text? Wie antworte ich auf Fragen? Wie halte ich einen Vortrag? Und so weiter. Eine kleine Sammlung an Richtlinien für den alltäglichen Umgang mit aktuellem und historischen Quellenmaterial im Unterricht. Damit wissen die Schüler, was von ihnen im Idealfall erwartet wird und sie können immer wieder Bezug darauf nehmen, wenn ich dies im Unterricht mit ihnen einübe.

Karte African-civilizations-map-pre-colonial.svgAus der ersten Phase kamen wir dann mit einer konkreten Fragestellung heraus: Warum sieht Afrika nicht so aus wie vor der Kolonialisierung? Diese Karte (aus der vorherigen Stunde) unterstützte die Schüler bei der Problemfindung. Sie zeigt die (bekannten) Siedlungs- und Einflussgebiete der vorkolonialen Bevölkerung. Die Schüler arbeiteten heraus, dass es nicht dazu gekommen war, dass man wie vorher wieder ‚undefiniert‘ in einem Gebiet lebte, sondern dass durch die Kolonisation neue Grenzen und auch Zugehörigkeiten geschaffen worden sein mussten, weswegen man nicht zu den alten Gebieten und deren Aufteilung zurück gekehrt war. Warum das wohl so war, wollte ich wissen. Sie stellten wie erwartet Hypothesen auf, die wir dann an einem Text überprüften, der sich mit den Unruhen und Konflikten in der zentralafrikanischen Republik beschäftigte. Konflikt in Zentralafrika eskaliert (letzter Abschnitt – Rolle Frankreichs)

Den Text habe ich nicht einmal ansatzweise genügen gewürdigt, bzw bearbeitet. Begriffe blieben ungeklärt, Konzepte wurden nicht verdeutlicht. Ich hatte zwar vom Schülerniveau aus gedacht und auch genau das antizipiert, was letztlich genannt wurde, dabei aber völlig außer Acht gelassen, dass es nicht Ziel sein kann zu bemerken, was die Schüler wohl aus einem zu schweren Text alles herausziehen können … sondern ganz banal zu bemerken, dass der Text zu schwer ist und man besser einen anderen nehmen sollte. Dadurch, dass ich die Minimalergebnisse in meine Planung einbezogen hatte und diese auch kamen, verlief die Stunde wie erwartet, aber das änderte ja nichts an dem grundlegenden Problem. Als mir da bewusst wurde, hätte ich mir gerne gegen die Stirn geschlagen.

Ungeachtet meines Fehlers, ging die Stunde weiter. Zentrale Aussagen wurden genannt, ich verschriftlichte an der Tafel. Im Nachhinein wurde meine Schrift und der Tafelanschrieb gelobt, wobei ich sehr groß geschrieben hatte. Frankreichs Interessen in und an der Kolonialpolitik auch nach der offiziellen Kolonialzeit wurden diskutiert und daraus ein Schluss auf die anderen Länder Afrikas versucht. Dafür hatte ich ein Diagramm erstellt, in dem man die Flüchtlingszahlen für 2015 aufgeschlüsselt sah. Flüchtlinge UNICRJ 1. Halbjahr 2015

Es wurde weiter vermutet, dass Frankreich irgendwie die Schuld an den Vorfällen zuzuschreiben wäre. Den Punkt griff ich dankbar auf, er war mein Stundenziel. Es sollte letztlich geklärt werden, ob Europa Verantwortung für die Flüchtlinge übernehmen muss. Die Schüler diskutierten, würde ich gerne schreiben, aber leider bleib die Schlussphase weiter ein Frage-Antwort-Spiel, da das Niveau einfach zu hoch war. Etwa fünf Schüler beteiligten sich, nannten Faktoren, aus den vorherigen Stunden und der aktuellen, die auf die Frage bezogen werden konnten und wir erreichten mein Lernziel; fünf Minuten vor Schluss.

Ich kam ins Schwimmen. Nicht nur hatten die kleinen tapferen Kämpfer sich durch die Schuldfrage gewühlt, sie hatten auch dabei herausgestellt, dass es keine Hilfe zur Selbsthilfe gegeben hatte, weil das ja einen Einflussverlust und geringere Gewinne etc. für Europa bedeutet hätte. Ich schaute auf die Uhr, an den fünf Minuten ließ sich nicht rütteln. Früher Schluss machen? Hm … Auf die Idee nun nochmal nachzuhaken, sicherzustellen, dass ALLE diese Gedankenschritte verstanden hatten, kam ich nicht und ging noch einen Schritt weiter.

Und was sollten wir also mit dem Wissen anfangen, dass wir da Verantwortung für tragen? Habt ihr Lösungen? Mit Geld unterstützen, damit die Staaten eigenständiger werden. – Aber Geld macht doch auch abhängig! – Regierungen helfen selbstständiger zu sein, ohne militärische Putschversuche. – Aber dann mischt man sich ja wieder in die Regierung des Landes ein! – Sie schlugen Militäreinsätze vor, zweifelten aber auf Grund des in der vorigen Stunde besprochenen Völkerrechts an, dass das wirklich zulässig wäre. Aber es gibt da ja Krieg! – Die reden sicher nicht einfach so miteinander. – Dürfen wir dann Gewalt anwenden? … Ratlose Gesichter.

Als Stundenabschluss verwies ich auf die politische Lage im Moment, auf die Probleme, die man mit der Flüchtlingskrise hat, auf die Auswirkungen, die auch sie in ihrer Klasse merken (zwei Flüchtlingsmädchen aus dem Irak sind im Unterricht anwesend, verstehen aber noch kaum Deutsch) und dass die Politik letztlich genauso ratlos wie sie dasteht und nicht genau weiß, wie sie damit umgesehen soll.

Allgemein war ich zufrieden mit der Stunde. Der aktuelle Bezug wurde lobend hervorgehoben, die Reihenplanung wäre sehr gut gewesen, die Form und die Struktur ebenfalls, ich denke sehr gründlich und in viele Richtungen voraus und haben einen hohen Anspruch. Zu hoch … Die Reihe wäre für die Oberstufe gerade in Ordnung gewesen, für die siebte Klasse nicht leistbar in der Kürze der Zeit die mir nun zur Verfügung stand. Es muss kleinschritttiger, anwendungsbezogener werden.

Ich sehe ein großes Problem auf mich zukommen. Ich habe die Reihe so geplant, weil ich das Ziel vor Augen gehabt habe, wo ich letztlich hin will. Und natürlich habe ich dieses Ziel gewählt, weil es in meinen Augen eben essenziell für die Schüler ist, genau das zu wissen. Allerdings ist mein Ziel viel zu hoch und wenn ich es reduziere, reduziere ich auch den Inhalt. Was ich ja eigentlich nicht will. Ich habe also noch keinen Schimmer wie ich komplexe Themen wirklich so klein herunterbreche und reduziere, dass sie a) für Unterstufenschüler eigenständig zu erarbeiten sind (ohne dass ich viel eingreife und lenke) und b) wo ich die Zeit für diese kleinschrittige Arbeit hernehmen soll. Was ist exemplarisch genug? Wo kann ich dann wieder einen Gesamtzusammenhang herstellen?

Wie stelle ich mich erfolgreich ‚dumm‘ und ignoriere mein Wissen um die Voraussetzung von jemandem zu simulieren, der nicht meine Einarbeitung und Vorwissen in dem Bereich mitbringt? Gerade dieser Punkt macht mir Sorgen, da ich das eigentlich versucht hatte. Es ist noch nicht genug, ich muss noch weiter runter, noch mehr um die Ecke denken, damit die Unterstufenschüler mir auch folgen können. Definitiv eine Herausforderung. Ich werde mir Mühe geben.

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7 Kommentare zu „Geschichte, 1. UB

    1. Die Reaktion freut mich sehr 🙂 Wenn ich nachfragen darf, was genau ist denn spannender als du gedacht hättest? Geht es um Inhalte oder eher das Rundherum?

      1. Beides, aber in erster Linie das Didaktische. Davon hatte ich vor Deinem Blog keine Ahnung. Meine Lehrer damals anscheinend auch nicht… zumindest kommt mir das nicht sehr bekannt vor. Du erweiterst also meinen Horizont!

      2. Es hat sich ja einiges getan in den letzten Jahren. Wobei ich schon denke, dass viel auch damals schon ähnlich gehandhabt wurde wie heute. Nach dem Ref ist es ja auch nochmal etwas anderes, da kontrolliert niemand mehr und man hält sich an seine ‚eigenen‘ Regeln.

        Allerdings macht es durchaus Sinn nicht alles von dem wieder zu verwerfen was man jetzt so lernt ^.^

  1. Ich freue mich immer wieder sehr über deine Stundeneinblicke und Reflexionen.
    Diese Kritik an der inhaltliche Reduzierung kommt mir bekannt vor. Aber wie reduzieren, wenn man die SuS doch gern umfassend bilden/informieren mag? Ich stehe auch heute noch immer wieder gern vor diesem Problem.

    1. Ganz genau mein Problem. Mein Fachleiter meinte, irgendwann gibt man da auf und ist als jemand, der einfach einen höheren Anspruch hat dann eben unzufrieden. Unschöne Aussichten *seufz*

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