Veröffentlicht in Prüfung, Referendariat

Philosophie, 1. UB

Der Tag war sehr turbulent. Der zweite erste Unterrichtsbesuch wurde heute abgeleistet, dieses Mal in Philosophie. Die Rahmenbedingungen waren deutlich weniger als optimal, wie mein Fachleiter anmerkte und ich habe heute Nacht tatsächlich schlecht geschlafen. Das ist mir vorher noch nicht passiert, aber es lag daran, dass ich wusste, dass ich alles andere als vorbereitet gewesen bin. Ich hatte mit Mühe und Not die Planung am Wochenende fertig geschrieben, was leider noch weitere Termine beinhaltete, weswegen ich nur wenig Zeit fand, um mich überhaupt hinzusetzen, und musste heute morgen dann noch die Stunde nach dem UB (eine Doppelstunde) planen.

Was war an diesen Rahmenbedingungen nun also so schlecht? Allgemein kannte ich die Klasse nicht. Ich habe noch nicht eine Stunde Philosophie unterrichtet, wegen der ungünstigen Situation mit dem Lehrpersonal (Herr Drüppert und seine Referate, sowie der andere Referendar, dem ich seinen Unterricht schlecht wegnehmen konnte), und hatte nichts woran ich meine Stunden nun anknüpfen konnte oder worauf diese aufbauen sollten (wieder Herr Drüppert und die Referate, bzw. der nicht existente Unterricht im Vorfeld). Ich hatte keine Übung im Planen, kein Material an dem ich mich orientieren konnte und sollte nun vier Stunden zu einem Thema gestalten, dass in die neunte Klasse passte und dazu noch abgeschlossen werden würde in der Zeit.

Joa … als dann heute Vormittag, eine halbe Stunde bevor ich diese Prüfung ablegen sollte noch der Kindergarten anrief, der Kleine wäre böse gestürzt, hätte nun eine blutige Schwellung unterm Auge und sollte vielleicht besser direkt zum Arzt, stand mir dezent das P in den Augen. Wann sollte sowas auch sonst passieren? Natürlich an so einem Tag. Ich war heilfroh, dass sich die Wunde nicht als zu bedrohlich herausstellte (nichts gebrochen am Jochbein, das erfuhr ich aber erst, als ich von der Schule wieder abgeholt wurde) und ich es in der Zeit schon geschafft hatte die Folgestunde zu konzipieren. Mein Freund lieferte mich also an der Schule ab und fuhr gleich weiter mit dem Kind zum Arzt.

Ruhe in der Vorbereitung sieht anders aus. Ich stand etwas neben mir, hatte eh Bauchschmerzen was meine Planung anging und fand mich im Vorfeld schon damit ab, dass es wohl nix dolles werden konnte. Der Kurs bestand aus vielen Schülern, die Philosophie nun eh abgewählt hatten, die in der vorletzten Ferienwoche alles andere als motiviert waren und die sich bei Herr Drüppert nicht übermäßig am Unterricht beteiligten. Der Kurs kam geschlossen 4 Minuten zu spät und machte große Augen, als ich vorne stand und hinten noch eine fremde Person saß.

Das war jedoch die einzige negative Verzögerung, die Kinder waren wieder sehr lieb, als es an die Stunden ging, arbeiteten mit, gaben sich Mühe und wir hatten richtig gute Diskussionen. Ich war sehr erleichtert, dass ich das Blatt gleich zu Anfang zu meinen Gunsten wenden konnte.

Die Einstiegsfrage war: „Was ist der Ursprung der Moral?“ Ich hatte mir etwas grundlegendes ausgesucht, da ich so verschiedene Handlungsaspekte herausstellen wollte, die die Schüler in praktischen Beispielen nachvollziehen konnten. Nachdem wir erst einmal den Begriff Moral geklärt hatten, was recht sprechend für den bisher erteilten Unterricht ist, wenn man einen neuner Kurs Philosophie nach Moral fragt und in leere Gesichter blickt, präsentierte ich ihnen einen Lösungsansatz, der Moral über Religion definierte:

Fjodor Michailowitsch Dostojewski (s. Beitragsbild)

„Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt.“

Die Diskussion kam erstmal etwas schleppend in Gang, sie waren das nicht gewohnt, das merkte man. Einer der Kritikpunkte, die dann nachher noch kamen war, dass dieser Einstieg zu voraussetzungsreich gewesen ist, da man hier Wissen über philosophische und religiöse Rechtfertigungen von Moral haben musste und diese sich in einer neunten Klasse vielleicht zum Ende so einer Reihe abrufen lassen, nicht aber zum Anfang als Einstieg. Denkfehler meinerseits, es ging etwas Zeit verloren, wir mussten es ausführlich besprechen. Ergebnis war dann, dass es wohl eine allgemeine Moral abseits von religiösen Geboten geben kann, da die Schüler sich einig waren, dass sie im Alltag nicht nach religiösen Maßstäben handelten.

Zuerst stellte ich die Methode vor, nach der die Schüler nun arbeiten sollten. Da ich nicht davon ausging dass ihnen bewusst war, wie man Argumente für eine eigenen Position aufbaut, hatte ich rudimentär festgehalten, dass sie a) ihre Thesen formulierten (Ich sage/nehme an x …), b) aus dem Grund (…, weil…) da c) folgender Wert für die Handlung gilt (… denn …). Daraufhin führte ich das Trolley-Dilemma ein, welches die Schüler in Gruppen zu dritt besprachen und sich für eine Handlungsweise entschieden.

Trolley Dilemma

Das waren die vorher erstellten Dilemma Situationen, die ich mit den Schülern durchsprechen wollte. Hier holte mich mal wieder meine Unerfahrenheit ein, ich hatte natürlich viel zu viel geplant, konnte noch nicht wirklich abschätzen, wie lange es wohl dauert, auch nur eins dieser Gedankenexperimente im Detail zu besprechen und musste im Nachhinein feststellen, dass schon I und II für die Stunde ausgereicht hätten. Nr. IV ließ ich komplett weg, den Unterschied zwischen I/II und III.a/b konnten wir aber noch klären.

Das Zentrum der Stunde bildete der Kontrast zwischen utilitaristischen Mehrheitsdenken (das größte Wohl für die größte Zahl) und der pflichtethischen Zweck-Mittel-Relation bei Kant. Diesen Unterschied trennscharf herauszuarbeiten gelang in der Stunde nicht. Das Problem wurde zwar in vielen Aspekten besprochen, aber um die Positionen dann noch vorzustellen fehlte mir die Zeit. Den Abschluss bildete dann das Problem, dass man bei Handlungen immer die Folgen bedenken muss und man andererseits nicht genau sagen konnte, welche Umstände oder welcher Wille eigentlich entscheidend für den Tod eines Menschen in diesen Situationen ist. Eigentlich hatte ich auf die Ausgangsfrage zurückkommen wollen, aber das war letztlich zu komplex. Mal schauen, ob wir nächste Woche eine Antwort auf die Frage finden werden.

Allgemein wurde ich erstmal sehr stark gelobt nach der Stunde. Ich hätte das super gemacht, bei den Rahmenbedingungen … ! Diskussionen super, Schülerbeiträge gut umgesetzt, gute Planung mit fachwissenschaftlichem Aufbau und eine eher komplexe Stunde, die man nicht erwartet hatte „mit soviel Souveränität“ gezeigt zu bekommen. Ich hatte schon fast das Gefühl ich müsste beschwichtigen und wurde etwas verlegen. Was ich interessant fand war, dass meine Art zu fragen, die sich nicht stark von der in den Geschichtsstunden abgehoben hatte, lobend erwähnt wurde. Ein ganz anderes Feedback und das bei ähnlicher Grundlage? Vielleicht sind die Fächer einfach unterschiedlich, was die Anforderungen da angeht, ich werde das genau im Auge behalten.

Auch hier kam wieder die Anmerkung, dass ich anwendungsbezogener hätte anleiten können, wie man mit einem Dilemma eigentlich umgeht. Ein schlichtes Beispiel erst mit allen gemeinsam besprechen und dann die schwierigeren offen für alle eigenständig erarbeiten lassen. Wieder wurde der formale Aufbau meines Entwurfs für die Stunde gelobt und es gab ein paar Tipps, wie ich das nächste Mal Kleinigkeiten anders formulieren könnte.

Alles in allem lief diese Stunde also trotz schlechtem Rundherum wesentlich besser als der erste UB in Geschichte. Hätte ich eine Note dafür bekommen wäre sie ‚im oberen Drittel‘ der Skala anzusiedeln gewesen und das freut einen natürlich zu hören. Ich bin nun ziemlich geschafft, die schlechte Nacht und der Stress heute machen mir jetzt nachmittags schon die Augenlider schwer. Jetzt wird es erstmal etwas ruhiger, das war mein letzter großer Punkt vor den Ferien 🙂

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5 Kommentare zu „Philosophie, 1. UB

  1. Spannend. Bei den Voraussetzungen und deiner selbstkritischen Art (so lese ich dich) scheint mir doch trotz allem, dass du das ziemlich gut hinbekommen hast 🙂 Sei Stolz auf dich! Und gute Besserung dem Kleinen!

    1. Danke 🙂

      Ja, es lief besser als am Donnerstag. Und ich wurde ordentlich gelobt, das war mir schon fast unangenehm.

      Der Kleine kann schon wieder lachen, aber es ist ordentlich zugeschwollen heute.

      1. Das freut mich zu hören 🙂 schön das der Kleine wieder lacht. Gute Besserung ihm und das die Schwellung schnell weg geht.

  2. Hey, super. Freu dich. Du kannst echt stolz auf dich sein, wie du insgesamt den Tag gemeistert hast. Und nun, entspannen umd Feriengedanken hegen. Hast du dir verdient. Und: vor allem gute Besserung für den Kleinen. Ich kann mich erinnern, dass bei einer Lehrprobe meine Kleine krank war, mein Mann auf Dienstreise. Ich habe sie einfach mitgenommen und im Lehrerruheraum auf die Couch gelegt. Eine befreundete Kollegin hat sich um sie gekümmert während der Lehrrprobe und Nachbesprechung, fand ich total nett und mir war geholfen. So was vergisst man irgendwie nie. LG Ela

    1. So flexibel sind die Kleinen noch nicht. Wenn sie etwas haben (Schmerzen oder matt sind, weil krank) dann sind nur bekannte und vertraute Personen ok in der Nähe. Kommt vielleicht noch wenn sie etwas älter sind. Da wäre die Option, ihn bei den Erziehern zu lassen die beste gewesen.

      Heute wurde mir gesagt, dass ich am besten schon am Freitag den Ausflug, den ich für die kommenden 6er plane, fertig durchgeplant, ausformuliert und in allen Ausführungen eingereicht haben sollte. Joa, wie gut, dass ich sowas schon mal gemacht habe … 😛

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