Veröffentlicht in BdU, Referendariat

Die 1. Stunde allein vor der Klasse

Durch den am ersten Schultag abgespeckten Stundenplan hatte ich heute nur eine Stunde: In meiner neuen neunten Klasse in Geschichte. Und ich war unsicher, wie das wohl laufen würde, da ich mich grausam schlecht vorbereitet fühlte. Direkt mit Stoff wollte ich eigentlich nicht einsteigen, aber lange Kennenlernspielchen machten auch keinen Sinn, da die Schüler sich ja kannten. Letztlich entschied ich mich für eine Rekapitulationsstunde.

Ich ging relativ pünktlich zur Klasse, da es ja nicht klingelt und die Kinder somit ziemlich tröpfchenweise ankamen, lächelte ich gute vier Minuten auch nach Beginn der Stunde freundlich den hereinhuschenden Zuspätkommern entgegen, während ich neugierig gemustert wurde. Kurz herrschte auch noch Zögern, als die Hälfte der Klasse schon zur Begrüßung stand und die andere mich mit einem leicht ungläubigen ‚Müssen-wir-wirklich?!‘ Blick bedachte. Auf die stumme Frage antwortete ich dann bestimmt: „Ja, wir begrüßen uns.“

Mit Blick auf die Uhr, verhakte sich dann aber das ‚Guten Morgen‘ – es war schließlich schon Mittag und ich wechselte zu ‚Guten Tag‘. Der Antwortchor brach schon bei ‚Guten‘ ab, da ihnen auffiel, dass sie meinen Namen gar nicht kannten. Der wurde schnell an der Tafel bekanntgegeben und ich wünschte ihnen und mir ein angenehmes Halbjahr. Dann entspannte sich folgendes Gespräch:

„Ihr hattet ja im letzten Jahr kein Geschichte …“

„Neee, hatten wir nicht.“

„Und was habt ihr davor so gemacht? Woran erinnert ihr euch noch?“

Betretene Gesichter und vereinzeltes Kichern. Nach wenigen Sekunden wurde ich dann verschwörerisch eingeweiht mit dem Kommentar:

„Wir haben nichts gemacht …“

„Wie, so gar nichts? Kann ich mir nicht vorstellen!“ meinte ich ungläubig.

„Naja, da war etwas mit Französischer Revolution …“, kam es gedehnt.

„Aha! Sehr schön, kannst du das weiter ausführen?“

„Ich habe aber nie zugehört …“, brummelte es mir entgegen. Und von der anderen Seite kam die helfende Erklärung: „Wir hatten Drüppert!“

Ich schaffte es, meinen Kommentar auf ein „Oh …“ zu beschränken. War aber genug, da mir der Kurs gleich konspirierend zuraunte: „Sie wissen also Bescheid!“

Naja, was will man machen. Unterm Strich kam raus, dass sie noch wussten über die  französische und die industrielle Revolution gesprochen zu haben. Ich kann es noch nicht einschätzen, ob das einfach immer nach einem Jahr Pause passiert oder eben tatsächlich der Art des Unterrichts geschuldet ist, aber ich war sehr dankbar für eine Schülerin, die offensichtlich eine geschichtsbegeisterte Freundin/Schwester einer Freundin (?) hat, der sie in langen, langen Ausführungen zum Thema lauschen musste. Sie hat sich sehr viel gemerkt und konnte das nun an den Kurs weitergeben.

Nach den ersten mühsam erarbeiteten Fakten, schlug ich dem Kurs dann vor, dass wir (ebenso wie der Parallelkurs von Ian, von dem ich die Idee hatte) eine Dokumentation zum Thema schauen werden, womit die Schüler mehr als einverstanden waren. Ich plane also mit zwei Stunden Filmanalyse morgen und Montag.

Für die Vorentlastung des Films griff ich auf das Tafelbild zurück, welches ich schon in der Q1 vor den Sommerferien verwendet hatte. Das erste Mal, dass ich tatsächlich auf etwas schon Erarbeitetes zurückgreifen konnte. Das fühlte sich durchaus angenehm an 😀

Die Schüler waren unglaublich gut bei der Sache, obwohl es die 6. Stunde war und ich schloss sie direkt ins Herz. Wir besprachen nach der thematischen Einführung noch die Formalia, ich teilte ihnen meinen Kursorganisationszettel aus, der größtenteils durch eine Vorlage von Maite entstanden war und ließ sie über Kursmappen einsammeln ja/nein abstimmen. Eine knappe Mehrheit wollte diese bewertet haben. Also gehe ich am Ende des Halbjahres schon mal mit zwei Mappenstapeln nach Hause neben der Klausur von den 10ern :p

Insgesamt kam ich zwar total durchgeschwitzt (hey, Sonnenseite des Gebäudes …), aber richtig glücklich aus der Klasse. Ich mag unterrichten einfach und da die Schüler mitgehen (ich musste nur einmal kurz vor Schluss um Ruhe bitten) fluppt es nur so. Da hoffe ich tatsächlich, dass sich so schnell nichts ändern wird.

Nun bin ich gespannt auf den morgigen Tag. Mein Philosophiebuch ist noch nicht angekommen, somit stehe ich morgen ohne Material vor der Klasse, die ihres druckfrisch ausgehändigt bekommen hat. Hmpf. Einen blick konnte ich auch noch nicht reinwerfen und einen richtigen Plan, was ich mit ihnen arbeiten soll, habe ich auch noch nicht. Das wird spannend 😮

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3 Kommentare zu „Die 1. Stunde allein vor der Klasse

  1. Ah … Gleich in der ersten Stunde schon mit dem Feind fraternisiert. Vorbildlich! 🙂

    Dann einen guten Start ins neue Schuljahr. Und das mit dem Buch … Einfach irgendwo aufschlagen, jemanden vorlesen lassen und einsilbige Fragen stellen. Damit überspielst du dann gekonnt die Unkenntnis des Materials. 😉

    1. Ihhh … eintöniger Unterricht 😀 Neee, wir haben natürlich voll methodengeleitet Gruppenarbeit gemacht und viel gesprochen 😉

      Was das fraternisieren angeht: Das ist mit den Kinder auch echt einfach. Sie sind sooo lieb, das ist echt unglaublich. Ich bin tatsächlich an dem ‚Klischee-Gymnasium‘ schlechthin gelandet.

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