Veröffentlicht in BdU, Flüchtlinge, Referendariat

Meine Kurse in der ersten Woche

Die erste Woche ist nun fast rum. Kurz war sie auf jeden Fall und aufregend sowieso. Das wahrscheinlich sowohl für die Schüler als auch die Lehrer. Bis auf meine 6er kenne ich nun meine Klassen für dieses Halbjahr und bin seeehr zufrieden. Die Kinder sind so lieb, es ist fast schon erschreckend. Vor allem, da ich mich gedanklich auf vollpubertierende Teenies mit Interessen weit außerhalb meines Unterrichts eingestellt hatte. Ich wurde sehr angenehm überrascht.

Gestern zeigte ich nach dem kurzen Resüme zum Nicht-Wissen der 9er also eine Dokumentation zum ersten Weltkrieg. „Der Untergang des alten Europa“, gut auf youtube zu finden, von dem Grimme-Preisträger Werner Biermann, der leider dieses Jahr verstorben ist. Ich mochte vor allem den unaufdringlichen ironischen Unterton, den er seinen Werken oft zu verleihen wusste.

Allerdings sah ich im Vorfeld ein deutliches Problem auf mich zukommen, das ich versuchte schnellstmöglich von einem Tag auf den anderen zu lösen: In meiner Klasse saßen drei Flüchtlingskinder. ‚Seiteneinsteiger‘ wie man bei uns an der Schule so nett formuliert. Ich wusste nicht, wie ich diese bei einer Dokumentation über Krieg mit Schützengräben und Lazarettbildern behandeln sollte. Konnten sie sitzen bleiben? Gingen sie besser raus für die Zeit? Wenn ja, wohin genau? Wie war das mit Aufsicht? Durfte ich ihnen die Entscheidung überlassen, ob sie bleiben wollten oder nicht?

Ich konnte alle Fragen klären … bis auf die letzte. Ich entschied mich ihnen die Wahl zu lassen. Im Nachhinein betrachtet war das ein Fehler. Obwohl ich sicherstellte, dass ich meine Frage mehrfach wiederholte, sie umstellte und explizit die Kinder ansprach, blieben sie sitzen. Ich formulierte hier natürlich auch für die ganze Klasse, dass sich die Kinder bitte überlegen sollten, ob sie alle Bilder sehen wollten oder ob ich bei Szenen mit Toten oder Schwerverwundeten vorher eine Warnung aussprechen sollte, damit sie wegsehen konnten. Alle wollten es so schauen.

Es waren nicht viele Szenen, die am Anfang der Dokumentation problematisch wurden. Einmal wurden Kämpfe gezeigt und auch Opfer des Krieges in den Schützengräben. Diese kurze Minute reichte aber, dass sich der Junge aus Syrien die Augen wischte und ein weiterer aus Afghanistan kurz den Nasenrücken nachdrücklich massieren musste. Im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, ob sie mich wirklich verstanden hatten bezüglich des Filminhaltes. Für Montag, den zweiten Teil der Dokumentation, habe ich aber beschlossen, sie aus dem Unterricht zu entfernen. Es liegt wohl durchaus in meiner Verantwortung, wenn sie selber diese für sich nicht übernehmen wollen oder können.

Allgemein verlief die Stunde aber ansonsten wie geplant. Ich hatte den ersten Methodenzettel verteilt, in dem Fall zur Filmanalyse . Auch wenn einige sich nicht an das erst zusehen, dann schreiben in der Pause hielten, waren sie gut bei der Sache, stellten Nachfragen und sprachen, soweit ich es hören konnte, tatsächlich hauptsächlich über den Film, wenn ich ihn zum arbeiten pausierte. Am Schluss besprachen wir die wichtigsten Ergebnisse noch einmal fünf Minuten im Plenum. Mit ihrer Aufnahme- und Informationsfilterungsfähigkeit war ich sehr zufrieden, damit ließ sich sprichwörtlich arbeiten.

Eine kleine Anekdote, die ich zu Anfang gleich noch mitbekam, spielte sich zwischen zwei Schülerinnen ab. Dass die Stimmung ziemlich frostig war, merkte man schon an der Art, wie sie ihre Notizen anfertigten; eine mit der Hand schützend ums Blatt gelegt, die andere betont desinteressiert ‚lässig‘ überm Stuhl lehnend. Beide leicht voneinander abgewandt. Als es zum Austausch kommen sollte, schwiegen sich diese beiden an. In der nächsten Pause wies ich sie dann darauf hin, dass sie ihre Notizen vergleichen müssen und Nr. 1 drehte sich zu Nr. 2 und fing ohne Vorrede an vorzulesen. Nr. 2 unterbach sie darauf hin spitz: „Ah, du redest also wieder mit mir?“ Ein fieses Antwortgrinsen später und nach 3 bis 4 gezischt ausgetauschten Kommentaren, legte sich dann aber die Aufregung und sie arbeiteten den Rest der Stunde zusammen. Ach ja … die Schulzeit ^.^

Über meinen 10er Kurs gibt es nicht ganz so viel zu berichten. Er bereitete mir eine schlaflose Nacht, da ich mich ja sehr unvorbereitet fühlte und so gar nicht wusste, was ich mit ihnen machen sollte, aber gegen vier Uhr morgens kam mir die Idee, dass ich die für die 6er vorbereiteten Fisch-Memory-Karten ja benutzen könnte. Hier ging es natürlich nicht vorrangig um ein Kennenlernspiel, sondern sie sollten einmal versuchen zu benennen, warum sie in der Lage waren Fischen Emotionen zuzuordnen. Das klappte auch wunderbar, wir kamen dann auf Kommunikation und auf unsere Sprache, die wir ‚emotional beladen‘ können und letztlich dazu, wie wir eigentlich Sinn stiften. Perfekt gelaufen.

41yAnra9nNLSie durften sich dann entscheiden ob sie in den Gruppen sitzen bleiben wollten. Ich hatte mir diese Einschubmappen für die Gruppenarbeit geholt, die Fischkarten immer in 8er Packs hineinsortiert und die übrigen Zettel auch gleich in Gruppenstärke kopiert und beigefügt und konnte so, als alle mit ihren Gruppen zufrieden waren, gleich nach Farben sortiert die Namen zuordnen. Die Idee habe ich (mal wieder 😉 ) von Maite übernommen und hoffe so die Gruppenarbeitsphasen etwas optimieren zu können. Kein langes Suchen, jede Gruppe kann sich das Material sobald oder noch während die Tische umgebaut werden abholen, ich weiß, wer wie viele Kopien braucht, kann Ergebnisse leichter zuordnen durch den Farbcode, es ist alles an einer Stelle und sortiert in der Vorbereitung und die Mappen können sogar als Folienersatz herhalten. Im ersten Einsatz haben sie sich gut bewährt, die Schüler fanden das Farbsystem sehr gut.

Ansonsten gab es hauptsächlich Organisatorisches zu klären. Möchten die Schüler mit ‚Sie‘ oder ‚du‘ angesprochen werden? – Du! *nachdrücklich 😀 * Welches Thema im Buch interessiert sie am meisten? – Mensch und Tier. Wir schmeißen also den Lehrplan um und steigen dort ein. In der EF darf ich das, wurde mir von Herr König versichert, der es genauso macht. Ich teilte zum wiederholten Male meinen Handout zur Kursorganisation aus und wir wählten noch die Kurssprecher.

Heute darf ich, genau wie gestern zwischendrin auch, einfach nur bei Ian hospitieren. Der hat mir auch freundlicherweise seine Unterlagen zur Mappenbeurteilung überlassen, aber darüber später oder morgen mehr.

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4 Kommentare zu „Meine Kurse in der ersten Woche

  1. Ich finde es immer wieder gut, dass du Verantwortung übernimmst und darüber reflektierst. Viele machen es sich einfach, oft wird kleinen Kindern zuwenig, größeren Kindern zuviel Verantwortung übertragen.

    1. Leider bin ich in dem Fall trotz vorherigen Überlegen in die Falle getappt. Man lernt einfach durch Erfahrung, wobei es mir leid tut, dass ich das falsch eingeschätzt hatte. Bin schon gespannt, wie sie Montag auf den ‚Platzverweis‘ reagieren werden. Ich werde denke ich auch noch ein paar Worte dazu in der Klasse verlieren, bevor wir den Unterricht weiter führen.

      1. Hast ja Recht. In dem Fall hing nur einiges dran. Ich ärgere mich noch immer drüber, dass ich keine Plattform bieten konnte, auf der ich mit ihnen über das Geschehene reden konnte. Mir fällt auch jetzt noch nichts wirklich dazu ein. Die Sprachbarriere ist recht undurchdringlich.

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