Veröffentlicht in BdU, Referendariat

Sütterlin

Planänderung. Ganz spontan überlegte ich mir, dass ich doch nicht die Geschichte der großen Namen an die Dokumentation anschließen wollte, sondern dass wir ruhig erstmal in diesem ‚Kriegszustand‘ von 1917 bleiben könnten und in die Quellenarbeit einsteigen. Ich lasse mich einfach viel zu sehr hetzen und dachte da dann mal gründlicher an die Schülerperspektive. Klar, umfassende Informationen sind wichtig und die Geschehnisse verknüpfen zu können auch, aber es muss mehr als nur Faktenwissen aufgebaut werden.

Also suchte ich kurzerhand nach Quellen, die die Schüler auf persönlicher Ebene erreichen konnten. Doch natürlich war alles, was sich da an Feldpost und Tagebüchern finden ließ mit einer großen Barriere versehen: Sütterlin. Nicht jeder hat schon früh so einen Geschichtsfaible wie ich und kramt bei der Großmutter die alten Schulhefte aus dem Schrank, die man dann wie einen Schatz hütet und verschwörerisch mit der besten Freundin die neue ‚Geheimsprache‘ für Briefchen im Klassenzimmer nutzt.

Ich schwankte kurz und dachte mir dann: Ach, was solls. Vielleicht finden sie das ja doch spannend. Ausprobieren schadet nicht. Nachdem wir heute also erst einmal die Formalia der Mappen durchgegangen sind, die meine 9er ja bewertet haben wollen und ich ihnen für die nächste Woche die Hausaufgabe gab, dass sie ein schönes Deckblatt für Geschichte gestalten sollen, legte ich das oben zu sehende Bild auf.

Erst einmal sahen sie nur den Soldaten und versuchten aus der Bildquelle so viel wie möglich herauszufiltern. Wir sprachen in dem Zusammenhang auch gleich die Quellenkritik an, die sie vorher immerhin schon angerissen hatten. Dann deckte ich die Einleitung zu dem Tagebuch des Herrn Georg Joseph Preußer auf, welcher hier abgebildet ist. Er hatte in den Kriegsjahren sehr viel erlebt und dieses in Tagebuchform niedergeschrieben.

Eine Schülerin meldete sich ganz selbstsicher und meinte, dass man das ja nur entziffern müsste. Ich schlug ihr vor es einmal zu versuchen. Sie kam nicht sehr weit 😉 Das ‚aus‘ in der zweiten Zeile wurde zu einem ‚mit‘, ‚auf‘, ‚und‘ … und sie gab letztlich auf. Ein Raunen ging durch die Klasse und ein Schüler fragte vorsichtig nach, ob das denn Deutsch sei. Ich schrieb in Sütterlinschrift ‚Sütterlin‘ an die Tafel und erklärte, dass das die Schrift gewesen ist, die einen großen Teil des letzten Jahrhunderts noch geschrieben worden ist. „Können sie das einfach so schreiben?“ wollte eine Schülerin wissen und als ich bejahte fragte sie warum. „Naja, man muss irgendwie durchs Geschichtsstudium kommen“, meinte ich, „und da sieht man echt viele grausame Handschriften in den Quellen.“ Die Geschichte von dem Schulheft meiner Oma erzählte ich auch.

Was Ihnen an der Schrift auffallen würde, wollte ich wissen. – Dass da so viele Kanten und Striche sind. – „Und woher kommt das wohl?“ – *kurze Pause* – „Womit hat man denn damals geschrieben?“ – *sechs Finger schnellten in die Höhe* „Mit einer Feder! Da war es einfacher Striche zu machen als viele Bögen zu schreiben!“

Als ich dann erklärte, dass die Schrift extra für die Schüler entwickelt worden war, schauten sie ungläubig. „Das sieht so schwer aus!“ – „Na, dann probieren wir doch mal, wie schwer das wirklich ist.“ Ich hatte einen Nerv getroffen 😀 Die Übungsblätter  gingen unter gespanntem Getuschel herum, es blieben noch zwanzig Minuten, als ich den Auftrag gab, dass man einen Brief an den Sitznachbarn verfassen sollte.

Aus allen Ecken kam in der Zeit eifrige Nachfragen. Wie verbindet man den oder den Buchstaben mit einem anderen? Was sind die Großbuchstaben und was die Kleinen? Zwei Schüler bemerkten nach zehn Minuten, dass sie alles nur groß oder nur klein geschrieben hatten und fingen noch einmal von vorne an. Zwischendrin musste ich nochmal erklären, wie man die Zettel mit den Schreiblinien, die ich mit ausgeteilt hatte, verwendet; die Grundschulzeit war schon zu lange her.

Sogar einer der Flüchtlinge, welcher schon sehr gutes Deutsch sprach und bereits im letzten Schuljahr in der Klasse gewesen ist, machte eifrig mit. Erklärte mir dann aber auch, dass er das viel schwieriger finden würde, als Koreanisch, was er auch schon gelernt hatte. Und dass das ‚u‘ mit dem Bogen aussehen würde wie ein russischer Buchstabe. Ein wahres Sprachengenie habe ich da in der Klasse sitzen 😮

Und dann war die Stunde vorbei. „Wie, schon aus?!“ wurde ich ungläubig angestaunt und ich gab die Hausaufgabe den Brief bis zur nächsten Stunde am Montag fertig zu stellen. Drei Schüler kamen prompt noch nach vorne und wollten wissen, ‚ob man das lesen kann?‘ Und eine Schülerin (Romina) erzählte mir ganz begeistert, dass sie auch schon die ‚Star Wars Schrift‘ schreiben könnte und ein Buch hätte, in dem eine Million Schriftarten (!) stünden und sie da immer ganz viel reinguckt und so.

Hach ja, schöne Stunde 🙂

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18 Kommentare zu „Sütterlin

  1. Bislang konnte ich die Schrift meines aktuellen Ausbilders kaum lesen….. jetzt habe ich hier ein paar seiner „Zeichen“ entdeckt 😮
    Und selbst das kleine -z- meiner gleichaltrigen! Kollegin.
    Bis wann wurde die Schrift denn unterrichtet?

    1. Eigentlich war die Schrift nur kurz gelehrt worden, aber sie war beliebt. Sie wurde 1915 offiziell eingeführt, unter dem Nationalsozialismus dann 1941 verboten und fand später in den 50er/60er Jahren nochmal Eingang in den Schulen als Zweitschrift. Meist wegen der älteren Generation, die ja noch wie früher schrieben. Allerdings hat auch mein Opa noch in der ‚deutschen Schrift‘ geschrieben und der hätte unter die Antiqua Verpflichtung der Nationalsozialisten fallen müssen.

      Die Schrift war sehr beliebt 😉

      1. Ha, das wusste ich auch noch nicht, dass es so spät noch gelehrt wurde. Neue Bundesländer oder in den alten?

      2. Für Geschichte an der Uni ist es essenziell für das 20. Jahrhundert, somit stirbt die Schrift akademisch schon mal nicht aus. Dass sie es immer noch in die Schulen schafft ist ja schön 🙂

  2. Bah … Sütterlin … Ich halte grundsätzlich ja Quellen, die zwischen 1800 und 1950 entstanden sind, grundsätzlich für schlechte Fälschungen der wahren Historie. Nicht, weil ich (sauberes) Sütterlin und andere Kurrentschriften nicht lesen könnte, sondern weil die meisten Leute kein sauberes Schriftbild haben (okay, ich auch nicht, aber ich bin ja auch keine Geschichtsquelle). Schlimm ist das!
    Aber diese Faszination, die du beschreibst, habe ich auch erlebt. Ich habe das im ersten Schulpraktikum so ähnlich mit Papsturkunden gemacht, die SuS also karolingische Minuskel lesen lassen. Die ist zwar tendentiell einfacher (wenn auch nicht einfach, gerade mit den Ligaturen), aber dafür zusätzlich in einer Fremdsprache. Die SuS waren mit Feuereifer gleich doppelt dabei. Die haben sogar eine Stunde geopfert, die wegen Klassenfahrt des Fachlehrers ausfallen musste. Wohlgemerkt: Die haben mich gefragt, ob ich dann die Stunde machen würde, damit sie den Text übersetzen und besprechen können.

    Okay, das war übrigens meine einzige positive Erfahrung an eigenen Unterrichtsversuchen. 😉

    1. Handschriften sind doch das Salz im Buchstabensalat 😉 Ich mag Handschriften, je skurriler desto besser. Klar, es ist nervig sie zu entziffern, aber ich finde Handschriften so einen gelungenen Ausdruck von Persönlichkeit, da nehme ich das in kauf.

      Minuskel ich auch so ein Schrift-Punkt, den ich den Schülern später nahe bringen will. Aber da muss ich dann erstmal mit einem Lateinlehrer Rücksprache halten, mein Latinum habe ich nach dem Bestehen gleich wieder verdrängt 😀

      Wenn man es schafft Schüler so zu motivieren, hat der Unterricht einen Sinn erhalten finde ich. Das sollte das Ziel sein.

  3. Ich hätte das so gerne mit den 8. Klässlern gemacht, zum gleichen Thema, leider leider, war das Schuljahr dann zu Ende und ich hatte dazu keine zeit mehr. Ich hatte sogar extra hefte zum übengekauft

    1. Es kommt jetzt sehr kurz, die Briefe haben wir heute in der Stunde auch nicht mehr geschafft. Aber ich werde das Thema im zweiten Weltkrieg bei der Feldpost wieder aufgreifen können, da dort auch viele in Sütterlin geschrieben wurden. Somit fand ich das auch vertretbar, obwohl die Zeit schon drängt.

      1. Ich bin jetzt an einer anderen schule. Ich hatte mir für das kleine projekt sogar extra bei ebay feldpostbriefe bestellt. Und nur weil mein betreuungslehrer ständig weg war und ich nur an diesem einen Termin meinen test schreiben konnte, den ich eigentlich ne Woche vorher hätte schreiben wollen. :/

      2. Das Material ist ja nicht verloren. Das kannst du sicher nochmal machen und dann ist alles schon da 🙂

        Aber ja, das war sicher sehr ärgerlich, vor allem, weil man sich auf sowas ja auch immer etwas freut.

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