Veröffentlicht in BdU, Lehrer, Referendariat

„Machen Sie GENAU SO weiter!“

Das waren die letzten Worte, die mein Philo-Seminarleiter heute zu mir sagte, bevor er in seinen Wagen stieg. Zur Situation:

Das Fachseminar war zu Ende und ich traf auf dem Parkplatz eine Mit-Referendarin, die mit mir zusammen Kernseminar und Geschichtsseminar besucht. Sie fragte beiläufig, wie es so läuft. Ich setzte gerade zu einem „Joa, ganz OK … “ an, als hinter mir ertönte: „Alles super! *murmel – murmel*“ Mein Seminarleiter von Philosophie hatte die Frage gehört und rief an meiner Statt dann eben dieses ein, als er flotten Schrittes an uns vorbei marschierte. Da ich aber auch gesprochen hatte, verpasste ich den Nachsatz und musste nochmal nachhaken.

„Was haben Sie gesagt?“

„Na, läuft doch alles klasse. Sie sind spitze!“

„Ähm … danke, das hört man gern.“

„Nur die Wahrheit.“

„Naja, ich wollte mich ja eigentlich mehr zurücknehmen, aber ich schaffe es nicht mir auf die Zunge zu beißen. Das Schweigen nervt mich doch sehr.“

„Alles in Ordnung. Was das für traurige Sitzungen ohne Sie wären … machen sie genau so weiter!“

Tja, und weg war er. Meine Mit-Geschichts-Referendarin zog eine zustimmende Grimasse und zeigte mir einmal ein ‚thumbs up‘ und ich grinste natürlich ein wenig. Sowas hört man wirklich gerne. Und zwar vor allem nach der Woche … Ich habe das Reflektieren hier ja etwas vernachlässigt und versuche jetzt mal die Knackpunkte nachzuholen. Es gab nämlich einige. Aber bevor ich darauf eingehe, einmal die Grundlage seiner Einschätzung.

sartre-darstellung-der-existentialismus-ist-ein-humanismusMeine Darstellung des Textes von Sartre „Der Existentialismus ist ein Humanismus“. Meine Kritik: Sartre würdigt die conditio nicht ausreichend und spricht immer von einer Wahlmöglichkeit, egal unter welchen Umständen. Das sehe ich als problematisch, da es meiner Ansicht nach Umstände unserer Existenz gibt, die sich nicht mit ‚ich wähle oder eben bewusst auch nicht‘ umschreiben lassen und ein Drittes hinzufügen, das in der Tat außerhalb unseres Einflussbereichs liegt. Falls sich ein Sartre-Kenner her verirrt, ich lasse mich gern eines Besseren belehren 😉

Gut, kommen wir zu meinem BdU.

9er Geschichte:

Da wir etwas hinter der Parallelklasse hinterher hinken, benutze ich gerade die Materialien des Kollegen. Ich beobachte seine Stunden und mache mir ein paar Gedanken und versuche dann aus seinen ‚Fehlern’/meinen Beobachtungen zu lernen und das Material etwas abgewandelt einzusetzen. Das erste was mir hier auffiel: Man bin ich eingebildet -.- Dachte tatsächlich, dass ich so richtig glatt laufende Stunden hinbekommen würde.

Folgende Grundlage:

Die russischen Revolutionen 1917; der Kollege (Ian) lässt die Kinder in 4-5er Gruppen zwei Doppelseiten im Buch lesen und eine Mindmap zu den Inhalten erstellen. Wie immer bei Gruppenarbeiten kann ich beobachten, dass nur wenige Arbeiten und einige sich komplett auf den anderen ausruhen. Besonders eine Gruppe Jungs hat meine Aufmerksamkeit erregt und ich mache in den 2 Stunden Gruppenarbeit eine soziale Fallstudie zur Klassendynamik, bei der der ‚angesagte‘ Junge und das ‚Klassenopfer‘ in eine Gruppe geworfen werden. Aufschlussreich …

Außerdem überlege ich mir, wie ich die Ergebnisse besser sichern kann und dabei auch noch hergestellt bekomme, dass auch wirklich alle erst einmal etwas für sich erarbeiten, bevor sie an die Ergebnisse der anderen in der Gruppe kommen. Ich entscheide mich fürs Placemat. Ein große Plakat wird längs und quer geknickt, so dass vier gleichgroße Felder entstehen. In der Mitte wird ein Gemeinschaftsfeld abgeteilt, in dem später alle ihre Ergebnisse zusammentragen. Zuerst füllt aber jeder erstmal sein eigenes Feld mit den Notizen. Vorteile: Ich sehe ganz genau was jeder gemacht hat und kann die Gruppenergebnisse so viel besser beurteilen. Nachteil: Es dauert eeeeeewig!

Meine 9er sind jetzt offensichtlich nicht so die Gruppenarbeiter. Und auch nicht so die Leser … Wir besprechen abschließend den 1. Weltkrieg zu Ende (soweit wie man 1917 gekommen sein kann) und ich erkläre, was die Aufgabe für die nächsten Stunden sein wird. Die Schüler kennen die Methode nicht, haben ihr Buch größtenteils nicht dabei und das Tischerücken dauert gefühlt Jahre. Yeay …

Arbeitsauftrag: Lese Seite X, stelle die Infos des Textes mit der Gruppe in einer Mindmap zusammen. Beachte Ursachen, Träger, Ziele, Verlauf und Ergebnisse der Revolutionen in Russland. An der Tafel erkläre ich, wie das Placemat funktioniert. Die ersten fangen an. Romina in der ersten Reihe, die die mir erzählt hatte, dass sie Star Wars schreiben könnte, hat heute offensichtlich einen ungünstigen Tag. Einen ganz ungünstigen :mrgreen:

„Was sind denn Ursachen?!“

„Naja, dafür musst du einmal ins Buch gucken.“

„Ja, kann man sagen, dass die Unzufriedenheit der Leute eine Ursache war?!“

Wenn das so im Buch steht …“

„OAH! Ich habe doch nur gefragt, ob das eine Ursache ist! Sagen Sie doch mal!!!“ *schnauft deutlich und wird lauter*

„Aber genau das sollst du ja herausfinden, dafür musst du den Text lesen.“

Die Zündschnur ist sehr kurz und hier schon abgebrannt: „OH MAN EY! Können Sie mir nicht einfach mal sagen, was ich frage?!!! Immer das gleiche mit den Lehrern … „

Ich verkneife mir das Lachen: „Ich kann dir doch nicht alles vorsagen, du musst dir den Text anschauen.“

*stocksauer* „Ich wollte nur wissen, ob das eine Ursache ist!!! Ist das so schwer zu verstehen?!“

An dem Punkt reichte es mir und ich ermahnte sie, erst einmal runter zu kommen. Nach der Stunde rief ich sie noch kurz rüber und stellte schlicht fest, dass sie mehr auf ihren Ton achten muss und sie so nicht mit anderen wegen einer Nichtigkeit reden kann. Vor allem nicht mit ihren Lehrern. Sie nickte zustimmend und erzählte mir von ihrer letzten Geschichtslehrerin, die es immer ‚auf sie abgesehen‘ hatte. Ich wollte wissen, ob ich ihr schon etwas getan hätte und sie gestand mir zu, dass das noch nicht der Fall gewesen ist.

Im Nachhinein betrachtet, hätte ich ihr auch einfach zustimmen können. dass sie da eine Ursache gefunden hat und hätte nicht das belehrende ‚Wenn das im Text steht‘ heraushängen lassen müssen. Habe ich bereits bei folgenden Schülerfragen berücksichtigt.

Nachdem sie nun letzte Stunde krank gewesen ist, sah ich sie heute erst wieder und das Gespräch, was wir in der fortlaufenden Gruppenarbeitsphase führten, war sehr freundlich. Überhaupt tauen viele der Schüler der Klasse langsam auf, was ein angenehmes Gefühl ist.

Tja, was meine tolle Unterrichtsplanung angeht: Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Schüler tatsächlich so lange zum Lesen, Notizen machen und zur Einigung auf ein gemeinsames Ergebnis brauchen. Soviel zur Optimierung der Planung von Ian … Ich bin gespannt, ob wir in der nächsten Stunde alles abschließen können.

10er Philosophie:

Heute war da der Wurm drin. Und das lag nicht an den Schülern. Letzte Woche fiel mir auf, dass ich mich komplett im Thema verrannt hatte und nicht zur Anthropologie sondern zum moralischen Handeln hätte lenken müssen. Zum Glück war ich noch nicht weit vorgeschritten in meiner Planung und hatte es schnell bemerkt. Trotzdem komme ich gerade von dem Weg nicht ganz weg, was heute zu einer Stunde führte, wo ich sehr viele Fragen stellte, die die Schüler gar nicht hätten beantworten können und musste mich mehrfach in der Stunde besinnen, in welche Richtung ich alles lenken wollte und warum genau das aktuelle Thema gerade relevant war.

Das Problem: Die Schüler hatten sich ja Mensch-Tier Problematik gewünscht und ich hatte auch munter damit angefangen. Eingeleitet über Unterschiede in den Fähigkeiten, Maßstab Mensch bei der Bewertung, historische Vorstellungen von dem Menschen als die Krone der Schöpfung bis hin zu der Wende durch Darwin was bisher alles dabei was man brauchte, um sich in der Anthropologie so richtig heimisch zu fühlen. Außer, dass ich eigentlich erstmal Tierproblematik machen wollte und dann zum menschlichen Handeln zu kommen hätte.

Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn die Klasse einen auf die gestellten Fragen wie ein gehetztes Kaninchen vor der Schlange anstarrt und der Raum in tödliches Schweigen versinkt. Ich habe ein wenig die Schülerperspektive verloren, fürchte ich. Für die nächsten Stunden gelobe ich Besserung und schaue mal, wie ich die Problematiken zugänglicher gestalten kann.

6er Geschichte:

Der Ausflug entwickelt sich langsam. Gestern sah ich die Klasse zum zweiten Mal und konnte erleichtert feststellen, dass die Kinder zum Großteil mitkommen werden. Es hatte einige Aufregung im Vorfeld gegeben, weil einige Schüler behaupteten, dass sie bereits Geld vor den Ferien abgegeben hätten, was die armen Klassensprecher in die Pflicht genommen hätte, da diese somit das Geld verloren hätten haben müssen. Das konnten wir aber relativ schnell aufklären, als ich ihnen nachdrücklich die Konsequenzen dieses Vorwurfs deutlich machte, waren sie sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie wirklich Geld abgegeben hatten. Immerhin haben sie Teamgeist und reiten niemanden rein. 😉

Unterrichtstechnisch muss ich mich an das Arbeitstempo der Sechser noch seeeehr gewöhnen. Dort fällt mir natürlich am ehesten auf, dass ich zu schnell zu viel will und ich muss an meinen ‚Gefühl‘ für die richtige Menge aus Qualität und Quantität finden und das Minimum, welches alle Schüler in der Lage zu leisten sind.

Es ist spät, ich schließe hier erstmal. Resümierend lässt sich sagen: Für das Fachseminar ist meine Studentenseite hervorragend geeignet; die Lehrerseite muss ich (wenig überraschend) noch echt ausbauen. Gute Nacht 🙂

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4 Kommentare zu „„Machen Sie GENAU SO weiter!“

  1. Ich stimme dir bei Sartre zu, ich komme da auch aus der aristotelischen Ecke auf dich zugeritten … Bei Sartre gilt auch „Jeder Mensch ist eine Insel“, in dem Sinne, dass man voll verantwortlich gemacht wird für Entscheidungen, die man mit Blick auf andere trifft. Damit leugnet er die grundlegende Bedeutung von Gesellschaft für das Menschsein. Und der Witz von Gesellschaft ist ja gerade, dass sie von Eigen-Verantwortlichkeit für eigenes Handeln entlasten soll.

    Wo wir gerade bei Entlastung sind: Wenn du den Bogen zum moralischen Handeln wieder mal verpassen solltest, denk an die Scheler-Tradition: Mensch als Mängelwesen mit Weltoffenheit, die Handeln erst ermöglicht. Von daher ist der Mensch (im nicht-biologischen Sinne, bevor hier irgendjemand die Speziesismus-Keule schwingt) allein zur Moralität fähig und es stellt sich die Frage: Was soll er mit dieser Anlage der Vernunft (ups, Hallo Immanuel) anfangen? 🙂

    1. Manchmal denke ich echt, ich hab mir keinen Gefallen getan Philo nur als Drittfach studiert zu haben. Mir fehlen einfach einige Autoren und deren Kontext und Sartre gehörte jetzt dazu. Mehr als den Grobüberblick habe ich im Studium nicht hinbekommen.

      Gehlen und Scheler waren meine nächsten Anlaufstellen für die Reihe. Darwin und den Einfluss haben wir ja nun gemacht, Sozialdarwinismus wollte ich noch anreißen und dann wirklich mal zu Philosophen kommen. Bisher habe ich meine EF geschont und eher einfacherere Texte bearbeiten lassen, da sie noch nicht so firm in der Textanalyse sind ^.^

      1. Selbst wenn du es voll studiert hast, bestehen krasse Lücken. Der ganze Existentialismus von ein paar Bruchstücken Sartre ist mir auch weitestgehend fremd. Richtig Firma bin ich eigentlich nur bei Kant und Platon, Aristoteles und Gehlen habe ich ganz gut drauf, alles Weitere ist auch nur fleckenweise vorhanden. 😉

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