Veröffentlicht in Arbeitsverhalten, Ausbildungsunterricht, BdU, Konstruktive Kritik, Referendariat

Wie die Kaninchen vor der Schlange …

Der Tag heute war seeehr durchwachsen. Und der negative Teil sitzt mir etwas in den Knochen fürchte ich. Ich fühle mich trotz Erfolgserlebnissen heute in einem echten Tief gefangen. Aber fangen wir chronologisch an.

Heute morgen hatte ich meine 9er. Gestern wurde das Kapitel Russland abgeschlossen und wir hatten uns der Deutschen Revolution von 1918 zugewandt, was sie erst schade gefunden hatten, wo sie dann aber gut ankamen und wieder angeregt mitarbeiteten. Die Stunde war gut gelaufen. Heute stellte ich direkt zu Beginn die Frage nach der Organisation der Gruppen in den Raum und bat sie, sich einmal so zuzuordnen, dass sie in 5er Gruppen zusammen saßen und nicht die gleichen Gruppen wie beim letzten Mal gebildet wurden. Dann mischte ich je zwei der entstandenen Gruppen nochmal, um die starren Strukturen aufzulockern. Es gab ein paar Widerworte und gerade ein Mädchen sträubte sich in einer Jungengruppe zu arbeiten, aber das ging recht schnell durch. Die Maßnahmen hatten Erfolg, es wurde besser gearbeitet.

Thema war der Tag der Revolution direkt und die offiziellen und eher inoffiziellen Appelle, die von der neuen Regierung an Volk und Behörden gerichtet worden waren mit der Frage: „Wer hatte denn nun die Macht in Deutschland?“ Grundlage waren zwei Quellen (ein politisches Plakat der SPD und ein knapper Aufruf an die Behörden zur Zusammenarbeit von Ebert), wo sie wieder die erlernte Frakturschrift benutzen konnten.

Die Ergebnisse waren wirklich gut. Die Spannung zwischen proklamierter „Macht in Händen des Volkes“ und der Tatsache, dass die alten, kaisertreuen Amtsträger noch in den entscheidenden Positionen verblieben waren, wurde erkannt und dahingehend interpretiert, dass man hier ein Problem hatte, dass Lenin und Stalin z.B. umgingen, indem sie politische Gegner ausschalteten oder in Arbeitslager gesteckt hatten. Gerade dass sie den Rückgriff auf die russische Geschichte direkt vollzogen lief super.

Nach einer ereignislosen Vertretungsstunde in Latein kam Lukas auf mich zu wegen dem Ausflug. Ich hatte ja erwähnt, dass er generell einen sehr entspannten Eindruck auf mich gemacht hatte. Dieses Entspannt deutete sich die letzten Tage schon immer mehr in ‚desinteressiert‘ und ‚unorganisiert‘ um. Er hatte sich nicht um eine Begleitung für seine Klasse gekümmert, die Liste noch nicht fertiggestellt, die der Schulleiter aus jeder Klasse haben wollte und versuchte das nun der anderen Referendarin und mir weiter zu delegieren. In dem Fall habe ich es tatsächlich schnell klären können, aber die Regel sollte so etwas nicht werden. Mal sehen, was da noch so kommt.

Dann hatte ich heute meine allererste Stunde Ausbildungsunterricht in diesem Schuljahr. Endlich klappte alles ohne Zwischenfall und ich stand vor Ians Klasse. Durch die terminlichen Verschiebungen passte es nun auch so, dass ich den bei mir im BdU erprobten Ablauf dort mit zwei Stunden Verzug einsetzen kann und mich somit auf bekanntem Gebiet bewege. Wir erarbeiteten also die Anfänge der Revolution.

Die Klasse selber war angenehm. Neun Schüler meldeten sich regelmäßig und arbeiteten mit, dafür dass wir uns das erste Mal im Unterricht begegneten war das ok, denke ich. Laut Ian eine sehr hohe Beteiligung. Die Stunde hat auch mir Spaß gemacht, das Tafelbild wurde gut erarbeitet, wir erreichten eine abschließende Bewertung der Bedeutung und Auswirkung der russischen Revolutionen bevor wir uns Weimar zuwandten und dort konnte ich direkt mit einer Fragestellung für die kommenden Stunden aufhören.

Als nächstes stand dann Philosophie bei meinen 10ern auf dem Plan und hier kommen wir zum Knackpunkt des heutigen Tages. Eine gelinde Katastrophe in meinen Augen. Erst einmal hatte (wenn man nach den unmarkierten Blättern geht) etwa 1/3 des Kurses die Hausaufgabe nicht erledigt und den Text nicht gelesen. Gerade für diese Stunde natürlich das Bescheidenste was passieren konnte und ich denke, dass ich auf die (Nicht-)Vorbereitung wohl auch beim nächsten Mal anders reagieren werde. Heute fragte ich nur nachdrücklich, was genau mir diese unbearbeiteten Blätter denn wohl sagen sollten.

Tja, und dann war da noch die Tatsache, dass dieser Text deutlich zu schwer für die Schüler gewesen ist. Und ich es nicht gesehen hatte im Vorfeld. Das war auch der Punkt, warum diese sehr unangenehme Stunde so an mir nagt. Ich habe die Situation komplett falsch eingeschätzt. Dass der Text nicht leicht ist, war mir bewusst; aber dass sie so gut wie gar nichts eigenständig daraus lesen können, das hatte mich sehr überrascht und das stellt mich jetzt vor das Problem, wie ich das ändern kann.

Ich versuchte es in der Stunde wieder methodisch; alle zentralen Begriffe wurden gesammelt und dann brachten wir diese nach und nach in ein Schema, in dem die Bezüge und somit das Konzept des Autors klar zu erkennen waren. Bei diesen Schritten konnten sich nur zwei Schülerinnen dauerhaft beteiligen, der Rest machte große Augen, schrieb pflichtbewusst alles mit und schwieg. In dem Moment habe ich mir dringend wieder jemanden gewünscht, der wie in der Stunde vorher hinten drin sitzt und mir danach aufschlüsseln kann, wo der Fehler lag. Ich sprach später unseren ABB an, der ebenfalls Philosophie unterrichtet (wenn auch im Moment nicht aktiv), ob er mit mir einmal das Material anschauen würde und eventuell die nächste Woche oder nach den Ferien auch mal mit in den Unterricht kommen könnte. Ich hoffe, das bringt etwas Klarheit.

Dann hatte Ian Zeit und wir machten die Nachbesprechung für die AU Stunde. Er hatte direkt danach noch eine Stunde in der Klasse gehabt und sich erkundigt, wie die Schüler die Geschichtsstunde denn gefunden hätten. Sie waren wohl sehr positiv gestimmt gewesen. Er leitete weiter, dass ich das Urteil „Die beste Referendarin, die wir bisher hatten!“ bekommen hatte, was einen natürlich sehr freut. Auch Ian war von der Stunde sehr angetan und lobte einige Punkte:

  • hoher Redeanteil
  • gute Gesprächsmöglichkeiten für alle geschaffen
  • Einstieg involvierend und mitreißend
  • Überleitungen gut
  • Rückgriffe auf Vorwissen gelungen
  • durch geforderte Urteile die Schüler gut eingebunden
  • viel und präzise nachgehakt bei begrifflichen Unschärfen

Ein Punkt bei dem wir uns nicht sicher waren, war die Vorgehensweise fürs Abschreiben im Unterricht. Ich vervollständigte das Tafelbild während des Gesprächs und die meisten Schüler fingen dabei auch an es ins Heft zu übernehmen. Ich unterbrach sie nach kurzer Zeit und merkte an, dass sie am Ende der Stunde Zeit zum abschreiben hätten. Ian sagte, dass sie hier in der Lage wären beides zu leisten: Sich beteiligen und direkt ins Heft übertragen. Ich werde wohl meine Fachleiter mal nach ihren Präferenzen fragen. Zweiter und letzter Punkt war, dass man am Schluss die Schüler hätte die Frage für die nächste Stunde entwickeln lassen können. Da war ich mir einmal nicht sicher gewesen, ob sie mit diesem Arbeitsauftrag etwas hätten anfangen können (nein, sie kannten das tatsächlich noch nicht) und dann hatte ich schlicht nicht mehr daran gedacht ^.^ Aber die Stunde hätte das leisten können.

Noch während wir im Nachgespräch waren, kam eine Geschichtskollegin und sprach mit uns eine Weile. Irgendwann fiel das Stichwort „Fachkonferenz“ und ich erfuhr nebenher, dass dieselbe in wenigen Minuten starten würde. Ich wusste von nichts, man hatte mich vergessen. Gut, dass ich noch da gewesen war. Also nahm ich an meiner ersten Fachkonferenz teil. Es ging um falsch angeschaffte Bücher, den Tag der offenen Tür, ein Gedenkfest für die lokalen Opfer des Nationalsozialismus und ein paar weitere Kleinigkeiten wie das Abo für den RAAbits Ordner.

Da mein Nachmittag nun unerwarteter Weise gefüllt worden war, schaffte ich es nur noch schnell nach Hause, um meine Sachen zu tauschen und gleich wieder loszudüsen, um einigermaßen pünktlich beim Fachseminar anzukommen. Philosophie stand auf dem Plan und ich legte gleich einmal meine Probleme des Tages offen und bat um Rückmeldung. Fazit meines Fachleiters: „Die Schüler haben keinen persönlichen Bezugspunkt zum Thema.“ Leider hat er absolut Recht *seufz* Ich habe mich so auf die methodische Seite der Textbearbeitung gestützt, dass ich ganz vergessen hatte den Text wirklich vorzuentlasten, über einen außertextliche Zugang zu erschließen und ihn in einen lebensweltlichen Kontext für die Schüler zu stellen. Ich war den Text als Text angegangen und die Schüler sind mir auf dem Weg nicht recht gefolgt.

Wie ich das ändern soll … noch keinen blassen Schimmer. Klar ist:

„Die größte Schwierigkeit dabei dürfte darin bestehen, ‚ein Problem zu finden, das die Schüler etwas angeht und sie berührt und dadurch eine aus ihnen selbst kommende Aktivität anregt.“ (Sistermann/Wittschier 2015) Wie wahr …

Machen wir uns auf die Suche nach einem Problem.

PS: Wessen Tochter liegt jammernd und spuckend auf dem Sofa mit entnervtem Mann? Richtig, meine. Magen-Darm scheint Einzug gehalten zu haben. Genau das, was mir jetzt noch fehlte.

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8 Kommentare zu „Wie die Kaninchen vor der Schlange …

  1. 10. Klässler sind eine ganz besondere Sorte Schüler. Für mich bisher die unangenehmste. Zumindest in Bayern geht es für sie nur ums bestehen, was zu einer gewissen Faulheit führt. Auch „wir haben den Text nicht verstanden“, kann vorgeschoben sein. Und manchmal muss man sie auch mal überfordern, damit sie einen Zuwachs haben. (Aber eben nicht immer).
    Meine seminarlehrerin hat heute auch gesagt, dass solche Sachen nicht persönlich genommen werden sollen. Schüler haben nun mal besseres zu tun als 6-8 Stunden am Tag dem Unterricht zu folgen und selbst der perfekteste Unterricht ändert nichts daran. 😉
    Und zum Tafelbild. Wir haben (auch) gelernt, dass die Schüler nicht alles am Ende abschreiben sollen, sondern sobald man es an die Tafel schreibt. Damit es auch für sie entwickelnd ist 😉

    1. Meine 10. Klässler sind ja bereits im Abitur angekommen und das ist für einige einfach noch zu früh, soweit ich es beurteilen kann. Durch dieses eine Jahr, was uns ja fehlt, kommt es da zu ungünstigen Konstellationen und sie haben wohl noch nicht allgemein verstanden, dass sie nun in der Oberstufe sind und die Arbeitsweise sich ändern sollte. Ich würde ihnen aber erstmal nicht per se unterstellen, dass sie faul sind.

      Persönlich nehme ich es nicht, ich sehe da eher meinen eigenen Fehler der Fehleinschätzung. Ich bin gespannt, was mein ABB später sagt.

      Der Kommentar zum Tafelbild ist interessant. Wieder eine andere Sicht. Ich werde mich da weiter umhören.

      1. Achso, in Bayern sind sie noch nicht in der Oberstufe. Allerdings finde ich, dass man 10. Klässlern auch mal was zutrauen muss, bzw. ihnen Selbstständigkeit geben muss und nicht alles kontrollieren muss. Insgesamt finde ich, dass die Schüler zu wenig Eigenverantwortung übernehmen. Wieso ist es meine Schuld, dass ein 9. Klässler bei einem Test mit Bleistift schreibt, weil ich das vorher hätte überprüfen müssen?

      2. Da bin ich sehr zwiegespalten. Ich gehe erstmal davon aus, dass ich echt für alle Eventualitäten mitdenken muss. Dass das nicht möglich ist, ist mir bewusst und dass es die Selbstständigkeit nicht fördert auch, aber ich habe erst einmal an mich den Anspruch, dass ich ‚das Feld‘ zu überblicken habe. Deswegen sehe ich den Fehler erstmal bei mir. Ich denke, dass ich mit etwas mehr Erfahrung gut Bereiche abstecken kann, die deutlich außerhalb meiner Verantwortung liegen, aber bis dahin rechne ich mir die Probleme erstmal zu.

        Ich hoffe, dass ich so besser davor herkomme gleich von Anfang an zu viel zu erwarten und einzufordern. Die Tendenz habe ich nämlich grundlegend musste ich feststellen.

      3. Naja, nicht alles ist gleich der eigene Fehler. 🙂 und man ist glaube ich nie gegen Fehler in der Planung gewappnet. In den Schülern geht so viel vor. Besonders dann wenn es in Richtung unterrichtsstörung geht. Klar ist das zum Teil die Schuld des Lehrers, aber nicht alles. (Ich hab am Donnerstags Pädagogik und Psychologieprüfung, deswegen schwirren grade 1000 Theorien in mir rum :D)
        Aber wie du schreibst, lieber am Anfang etwas mehr erwarten, und dann eventuell nachlassen.

      4. Oh! Viel Erfolg in der Prüfung.

        Nein, alles ist nicht meine Schuld, aber es hilft mir gerade das erst einmal so anzunehmen, damit ich mich gründlich damit auseinander setze. Lege mich selber an die Kandare quasi 😉

  2. Als Mutter finde ich es ganz toll, wie Du Dir Gedanken machst, den Stoff Deinen Schülern näher zu bringen. Und wenn ich an meinen eigenen Geschichtsunterricht denke – davon ist nix hängen geblieben. Stumpfes Pauken war angesagt, nichts mit aktiver Auseinandersetzung mit einem Thema. Kann ich noch mal bei Dir zur Schule gehen? Wenn Du so schreibst, habe ich das Gefühl, ich habe was verpasst…

    1. Ich kann sagen, dass mich das auf eine Art freut und auf eine andere traurig stimmt. Ich habe natürlich schon öfter in Bezug auf meine Fächer Reaktionen wie „Geschichte?! Ach, das geht mich doch eh nix an … !“ gehört und in den meisten Fällen hat da der Schulunterricht in meinen Augen tatsächlich kläglich versagt. Geschichte langweilig und eintönig zu gestalten ist so furchtbar schwer, dass man schon Kraftanstrengung braucht, um das zu bewerkstelligen :mrgreen: So wäre es zumindest für mich.

      Danke dir auf jeden Fall für den Zuspruch, ich würde die Eltern der Kinder gerne manchmal mit in den Unterricht setzen. Umfassende Bildung und so ^.^

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