Veröffentlicht in Konstruktive Kritik, Schule

Letzte Schultage – Notengespräche

Geschafft, die fünfte Stunde (fast am Stück) war heute meine letzte. Wer meinen Ticker im Auge hatte hat mit mir und den versammelten Lehrkörpern in NRW die Stunden herunter gezählt, die uns noch zu den zwei Woche unterrichtsfreier Zeit blieben. Arbeitsfrei ist sie in den meisten Fällen natürlich nicht, auch wenn ich persönlich keine der Lehrerinnen bin, die Stapelweise Klassenarbeitshefte mit in die Ferien geschleppt hat. Dieses Mal … ^.^

Meine letzten Schultage waren schön. Diese Woche haben mir die Unterrichtsstunden in meiner neunten in Geschichte so richtig Spaß gemacht, bei uns ist der Knoten geplatzt. Die Kinder geben sich Mühe, ein Großteil der Klasse macht mit und auch die zuerst dauerschweigenden Schüler haben sich inzwischen aufgerafft und sind auf einem guten Weg. Ich verlasse die Klasse nach den Stunden mit Schwung und Energie und habe interessierte und wissbegierige Schülererinnerungen im Gepäck, die einen echten Motivationsschub für die ‚außerunterrichtliche‘ Arbeit geben.

Da jetzt kurz vor den Ferien einige Lehrer krank geworden sind, bekam ich Vertretungsstunden zugewiesen, in denen ich meinen Unterricht fortführen konnte. Ein echter Glücksfall, konnte ich doch so nun fast eine Woche vorarbeiten. Das hat Entspannung gebracht für den Zeitplan. Ein Kurzüberblick, was wir behandelt haben.

Nachdem nun der erste Weltkrieg beendet wurde und wir über die unsicheren Zustände nach demselben bei dem Übergang zur Weimarer Republik gesprochen hatten, entschied ich mich eine darstellende Dokumentation zu zeigen. Ein bisschen Personengeschichte, um den Zugang zu der Zeit etwas zu erleichtern. Wir schauten also in zwei Stunden Die Deutschen II – Rosa Luxemburg und die Freiheit, online abrufbar bei der Mediathek des ZDF. Obwohl viele dieser Sendungen genau auf Unterrichtsstunden zugeschnitten sind, lohnt es sich nicht, diese tatsächlich am Stück ohne Unterbrechung zu schauen. Das kann kein Schüler behalten oder ordentlich mitschreiben. Ich leitete also jeweils ein und besprach das Gesehene knapp eine viertel Stunde zum Ende der Stunde hin.

Angesprochene Themen in der Vertiefung waren hier, die Art von (Ge)Recht(igkeit)sempfinden und -verständnis, welches damals vorherrschte, wie genau Politik funktionierte und was das berühmte Zitat „Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ von Luxemburg wohl bedeuten könnte. Die Klasse war gut dabei, sie diskutierten über Politik, die mit militärischer Gewalt zu ihrem Recht kommt, verglichen dieses mit heutigen Konsequenzen, schlussfolgerten, dass es wohl auch mit dem Krieg zu tun haben könnte, dass die Soldaten so etwas der eigenen Bevölkerung angetan hatten und versuchten sich generell aktiv in die Mentalität der Zeit hineinzudenken, in der blutiges Niederschlagen von Oppositionellen zur Tagesordnung gehört hatte. Sogar die Diskussion über und das Herausarbeiten von den Parteien und deren Programmen, die sich dann am 19.Januar 1919 zur Wahl gestellt hatten, lief mit höchster Aufmerksamkeit, ein Punkt, den ich selber als Schülerin immer furchtbar gefunden hatte.

Ich weiß nicht genau, was es ausgelöst hatte, aber seit gut zwei Wochen ist der Kurs aufgeblüht. Ich hatte von Anfang an einige gute Schüler, die sich viel beteiligten, engagiert mitarbeiteten und die Stunden trugen. Zu diesen gesellten sich nach und nach in der letzten Zeit ein stiller Schüler nach dem anderen.  Teilweise musste ich beim Notenverteilen sehr stark überlegen, wie der Schüler auf dem jeweiligen Platz denn wohl hieß, da er/sie vorher noch nie mit mir gesprochen hatte. Als diese Woche dann auch die stillen Mädchen von der letzten Bank und sogar der Junge, der die Zähne noch nicht ein mal vorher auseinanderbekommen hatte sich regelmäßig(!) in den Unterrichtsstunden meldete, muss mein aufforderndes Lächeln wohl schon beängstigend gewirkt haben ^.^ Ich war schlicht gesagt begeistert.

So lief dann heute die letzte Stunde auch sehr angenehm ab. Da sie sowohl gestern als auch heute eine Doppelstunde Geschichte genießen durften (den ersten Tag mit „Oh wir haben ja heute zwei Stunden Geschichte. Juhu!“ begleitet), bereitete ich gestern alles für einen ersten Notenüberblick vor. Maite hatte mir aus ihren Unterlagen einen Rückmeldebogen zur Selbsteinschätzung an die Hand gegeben, den ich nun einsetzte. Die Schüler waren recht angetan von dem Prozedere. „Sowas haben wir noch nie gemacht. Sonst sagen die Lehrer uns nur, wie wir stehen und das wars.“ Und dann wurde nachgeschoben: „Außer bei Herr Drüppert. Da kann man diskutieren und wenn er einen fragt, was man sich selber geben würde und man 1 sagt, dann bekommt man die auch.“ Ich teilte ihnen mit, dass ich es ihnen dann doch nicht so leicht machen könnte, was sie aber durchaus ok fanden 😉

Sie hatten fünf Minuten um sich anhand des Anfangs ausgeteilten Bewertungsblattes und dessen Kriterien selber einzuschätzen, dann zog ich den ersten raus und begann die Noten auf dem Flur vor der Klasse zu besprechen. Das Verfahren erwies sich als sehr zuverlässig. In fast allen Fällen schätzten die Kinder sich beinahe exakt so ein, wie ich ihre Note auch festgelegt hätte. Ich sprach bei den Stilleren ein großes Lob aus, dass sie von selbst angefangen hatten sich zu beteiligen und wies die, die bereits auf einem gut Weg waren etwas auf ausbaufähige Schwachstellen hin. Viele der stilleren Schüler gestanden mir, dass sie erst einmal mit einem neuen Lehrer warm werden mussten und einfach zu schüchtern gewesen waren.

Und dann gab es neben diesen eher normaleren Gesprächen noch das mit Romina. Dass sie ein besonderer Fall war, hatte man mir schon im Vorfeld mitgeteilt. Sie war Schulbekannt und ich hatte sie auch in Philipps Unterricht vor den Ferien bereits gesehen, ohne mir jedoch ihr Gesicht zu merken. Ein Glück muss man hier anmerken. Durch einen Umstand, der mir immer noch schleierhaft ist, gab es auf der Liste für die Klasse eine Schülerin, die aber nie in meinem Unterricht aufgetaucht ist. Dass Romina nun an ihrer Stelle in der Klasse saß und eigentlich sitzen geblieben war, entging mir somit komplett und ich führte sie die ersten zwei Wochen unter falschem Namen. Der Sitzplan, der mir von einer Schülerin in der ersten Stunde angefertigt wurde markierte sie nur mit einem ?, was natürlich dem Umstand geschuldet war, dass sie neu in der Klasse war und sie noch keiner kannte.

Ich habe hier und hier bereits über sie geschrieben. Auch unser Start war holprig und ich machte mir kurz Sorgen, ob wir ein Problem miteinander bekommen könnten, da sie eine wirklich polarisierende Persönlichkeit ist. Sehr empfindlich und sehr, sehr eigen in ihrer Art. Doch auch sie hatte sich nach erst merkbarer Anti-Haltung geändert und nahm nun aktiv und mit sehr guten Beiträgen am Unterricht teil. Als ich sie nun bei der Selbsteinschätzung vor mir hatte, versuchte sie äußerlich ruhig zu erscheinen, aber man merkte ihr die Anspannung an. Das Blatt zitterte etwas in ihren Händen und die Unterlippe zuckte ein wenig. Sie hatte mir im Vorfeld schon einmal gesagt, dass Lehrer sie immer „auf dem Kieker“ hätten und dass sie somit auch mal überreagieren würde. Als ich aber dann ihre Selbsteinschätzung nicht nur bestätigte, sondern ihr auch sagte, dass sie mit etwas mehr Einsatz und Anstrengung sogar mit zu den Spitzenschülern im Kurs gehören könnte, fiel die Anspannung von ihr ab.

„Ha! Sagen Sie das mal Frau X, die hat mir letztes Jahr eine 5 gegeben!“

„Naja, da warst du bestimmt auch etwas anders, oder?“

„Ne, ich habe alles genauso wie jetzt gemacht!“

„Hm, das ist in der Tat dann komisch. Aber wichtig ist jetzt erstmal, dass es so sehr gut voran geht und da auf jeden Fall noch Luft nach oben ist.“

Ich denke, dass auch ich nicht frei von Vorurteilen gewesen wäre und vielleicht negativer auf unsere ersten Reibereien (den Vorfall mit dem Kaffeebecher) reagiert hätte, wenn ich sie gleich ihrem eigentlichen Namen und ihrem Ruf zuordnen hätte können. Durch meine Unkenntnis war ich so aber nicht vorbelastet und ich habe in ihr eine gute Schülerin entdecken können. Das freut mich rückblickend an diesen Tag mit am meisten.

Allen NRW-Kollegen, die sich hierher verirren, wünsche ich schöne Ferien 🙂

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9 Kommentare zu „Letzte Schultage – Notengespräche

      1. Da ist doch eh nichts passiert. Okay, Neoabsolutismus, Silvesterpatent, Ära Bach, Solferino und so. Aber das ist alles Habsburger-Monarchie, das hat auf deutschen Lehrplänen nix verloren.
        Ich kann dich gut verstehen. Wie du siehst, habe ich mich in der Zeit sehr nischig durchs Studium gemogelt. 😅

      2. Du bist umfassend besser informiert als ich im Moment ^.^ Alles vor 1870 ist bei mir quasi ausgeblendet. Das war so gar nicht mein Interessensgebiet.

      3. Ich habe es auch nur mitbekommen, weil ich unbedingt ein Seminar in der Osteuropäischen Geschichte machen wollte und in dem Semester „Der Neoabsolutismus in der Habsburger-Monarchie“ angeboten wurde. Ansonsten war in der Zeit ja eher Industrielle Revolution angesagt. Ich kann verstehen, wieso man da keine Lust drauf hat. 😅

      4. Für die Q1 sagt das Buch aber leider etwas anderes 😀 Meine fehlende innen und außenpolitische Bildung will also dringend aufgefrischt werden für das entstehende Kaiserreich.

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