Veröffentlicht in Konstruktive Kritik, Prüfung, Referendariat

2. UB Philosophie

So, nun komme ich endlich zum berichten. Die letzten zwei Tage waren unheimlich vollgestopft und es ist einiges passiert. Hier konzentriere ich mich jetzt aber erstmal auf den Unterrichtsbesuch, der (soviel kann ich vorwegnehmen) sehr viel besser als der letzte lief.

Da ich ja wie schon geschrieben Anfang der Woche nicht an den Schreibtisch kam, hatte ich das Gefühl, dass ich den Entwurf nur so ‚dahingeklatscht‘ hatte und entschuldigte mich bei meinem Fachleiter dafür, als ich ihm alles schickte. Sehr spät in meinen Augen, aber es war nach im Rahmen. Man fühlt sich nicht sehr gut, wenn man die ganze Zeit zwischen Kindern und den letzten Änderungen hin und her springt und dann auch noch das Abendessen verpasst. Als ich dann noch spätabends eine Mail erhielt, wo eine mir unbekannte Frau auf meinen Entwurf antwortete, der fälschlicherweise an ihre Adresse gegangen war und nicht die meines ABB, war die Stimmung solala …

Den nächsten Tag klärte ich das Missverständnis dann noch mit meinem ABB, der es aber alles recht locker sah und bereitete alles vor. Im Klassenraum musste der OHP ausgetauscht werden, also schnappte ich mir Anfang der großen Pause schon einen aus einem Nachbarraum. Dort sprach mir die anwesende Lehrerin ermutigend zu und bot an der Kollegin, der ich ja nun den OHP für die kommende Stunde geklaut hatte, Bescheid zu geben. Es war Frau Rottenmeier. Als ich sie dann später im Lehrerzimmer sah, war sie ins Gespräch mit meinem eingetroffenen Fachleiter vertieft, die sich von seiner Schule kannten und wünschte mir viel Erfolg.

Kurz besprach ich mit ihm noch die Situation mit der anderen Philo-Referendarin, die ja an seiner Schule ist und dort die Probleme mit ihrer Ausbildungslehrerin hat. Da sie inzwischen mehrere Tage krank gewesen ist und den Tag später auch nicht zum Fachseminar erschien, habe ich ihr gestern geschrieben und angeboten, dass sie sich zum Reden gerne melden darf. Da gingen ein wenig die Alarmglocken an und vor allem da ich weiß, dass sie alleine ist und keine Familie in direkter Nähe zum Auffangen bei Komplikationen jeglicher Art vorhanden wäre.

Und dann ging es los. Mein Kurs hatte ja keine Ahnung, dass ein UB anstand, da ich sie vorher nicht mehr gesehen hatte und die Woche davor nicht dran dachte sie darüber zu informieren. Es ist echt interessant wie die Atmosphäre im Raum sich ändert, wenn die Schüler merken, dass etwas ‚Wichtiges‘ vor sich geht 😉 Sie tröpfelten wie immer in den Raum, erhaschten einen Blick auf die Gäste (ABB und FL) und ließen sich schnell ruhig werdend nieder. Eine Schülerin kam noch zu mir um mich zu informieren, dass ein neuer Schüler (ein Flüchtling) kommen würde, der den Tag irgendwie so seine Runden machte. Tja, konnte ich nur zur Kenntnis nehmen.

Kurz wurden die Herren vorgestellt und dann ging es los.

katzen-kleid

Stummer Impuls, die Schüler sollten erstmal beschreiben und ihre ersten Reaktionen ausführen. Da hatte ich im Vorfeld bereits Probleme gesehen, da der Kurs ja so unheimlich schweigsam die meisten Stunden war. Mit den Katzen hatte ich allerdings einen Nerv getroffen. Sofort schnellten zehn Finger in die Höhe und es begann ein lebhafter Austausch über das was man sah, Für und Wider der Darstellungsart und dem, was man damit so verband. Mir fiel ein Stein vom Herzen und die Energie, die sich die ersten Minuten so aufbaute trug uns durch die gesamte Stunde.

Nachdem wir uns durch die ‚awww‘ und ‚ugh‘ Kommentare gearbeitet hatten und die Frage aufgekommen war, „Warum machen Menschen denn sowas?“, forderte ich dazu auf gezielt positive oder eben negative Gründe zu nennen, warum Menschen das denn wohl tun würden. Auf der pro Seite fand sich dann niedlich, Einbindung in die Gesellschaft, Gleichsetzung mit dem Menschen als Aufwertung gemeint und soziale Bindungen, was die Tiere als zur Familie gehörig platzierte und gegen Einsamkeit hilft. Contra dem Verhalten ordneten sie ein, dass der Wille des Tieres ignoriert wird und es Tierquälerei sei, dass die Tiere instrumentalisiert würden, eine Gleichstellung mit dem Menschen hier bedeutet, dass die ‚Regeln‘ der jeweiligen Art ignoriert werden, es nicht artgerecht ist und zur Belustigung der Menschen dient. Positiv an dieser Phase war, dass sie so ziemlich alle Punkte genannt hatten, die ich auch antizipierte, negativ, dass ich teilweise aus ihren Beschreibungen Zusammenfassungen ableitete und Fachbegriffe einsetzte, die nicht von den Schülern genannt worden waren (Beispiel: Instrumentalisierung).

Nach dieser Sammlung versuchte ich dann überzuleiten, auf mein eigentliches Stundenthema, welches den Zusammenhang zwischen Anthropomorphismus und dem Bedürfnis Tiere zu verstehen untersuchen sollte. Die Frage, die beantwortet werden sollte war, ob die Vermenschlichung aus einer Hilflosigkeit des Menschen abzuleiten ist, die auf eine grundlegende Sprachbarriere schließen lässt. Das alleine wäre auch sicher sehr gut in der Stunde leistbar gewesen. Da ich aber am Montag nicht da gewesen war und keine künstliche Stunde zeigen wollte, sollten sie auch die Möglichkeit bekommen, die bearbeiteten Ergebnisse einzubringen, die sich mit der Fähigkeit der Tiere zu denken beschäftigten. Was sollte man nicht machen? Richtig, zu viel in eine Stunde pressen.

Der Zusammenhang zwischen dem Themenkomplex ‚denken‘ und ‚vermenschlichen‘ blieb im Übergang schwammig und brachte die Schüler etwas raus. Die Frage, welche wir für die folgende Gruppenarbeitsphase fanden lautete: Wie kann der Mensch Tiere verstehen? Arbeitsaufträge: Was heißt es zu denken? Kann man sagen: Das Tier denkt?

Die Schüler kennen ja ihre Stammgruppen, die ich mit den farbigen Folienmappen markiere und setzten sich schnell zusammen, um im ersten Schritt ihre Ergebnisse zu vergleichen und eine gemeinsame Definition von ‚denken‘ zu verschriftlichen. Nur drei der fünf Gruppen schlossen dann aber den zweiten Schritt ab. Positiv vermerkt in dieser Phase wurde das Material, die bunte Gruppenzuordnung kam sehr gut an und die Effizienz mit der der Übergang so gestaltet werden konnte auch. Negativ war natürlich, dass sie ungesicherte Ergebnisse direkt anwenden sollten und dass die Stelle thematisch knirschte.

Es tat der Begeisterung allerdings keinen Abbruch. Es war auch die erste Stunde in der sich die amerikanische Austauschschülerin beteiligte und einen kleinen Vortrag zu den verschiedenen Aspekten von tierischem Denken zum Besten gab. Ich war dezent baff und auch wenn sie das auf englisch tat, so hatte ihr Beitrag doch absolut Substanz, die ich versuchte für alle mit Hilfe einer schnellen Mitschrift an der Tafel zu transportieren. Der Einsatz wurde spontan mit Klopf-Beifall vom Kurs bedacht. Schon in der Gruppenarbeitsphase hatte sie mir aufgeregt berichtet, dass sie das erste Mal wirklich etwas verstanden hatte im Unterricht. (Ich schreibe das mal meiner Stundenplanung und – vorrangig 😀 –  ihren fortschreitenden Sprachkenntnissen zu.)

Ergebnisse: Denken heißt, Ziele verfolgen und dass etwas nicht auf Grund von Reflexen getan wird. Dem Denken zu eigen ist, dass man es nicht ‚abstellen‘ kann und man sich andersherum sehr konzentrieren muss, um bewusst zu versuchen nicht zu denken und ’seinen Geist zu leeren‘. Problem bei der ganzen Sache ist, dass denken ein innerer Prozess ist und man ihn von außen kaum beobachten kann. Die Schüler schlossen hieraus, dass denken etwas natürliches ist und dass man schon anhand von Beobachtungen (Problemlösungsstrategien, Reaktionen und Aktionen) hinter Handlungen Denkprozesse erkennen könnte und das auch bei Tieren. Ihr Fazit war, dass sowohl Tiere als auch Menschen ‚von Natur aus‘ denken und dass das eine großer Unterschied in der Wahrnehmung von heute zu ‚damals‘ (sie reden vom 19. Jhd.) gewesen ist, wo niemand auf die Idee gekommen wäre Tieren zuzugestehen, dass sie von sich aus denken und diese Fähigkeit nicht als exklusiv menschlich zu betrachten ist. Auch auf die Sprachbarriere und damit verbunden eine Verstehensbarriere kamen sie im Zuge der Diskussion, die leider viel zu kurz ausfiel.

Und die Stunde war um. Ich verabschiedete die Schüler und machte noch schnell ein Bild von der Tafel für meine Unterlagen. Eben dieses Tafelbild zeigte deutlich das Problem der Stunde. Total konfus beim Zusammenführen der verschiedenen Themenstränge. Nächster Punkt auf meiner To-Do Liste wäre dann auf jeden Fall Tafelbilder zu verbessern. Eben dieser Punkt wurde in der Nachbesprechung auch genannt.

Tja, die Nachbesprechung. Nachdem ich mich kurzerhand in dem Klassenraum niedergelassen hatte, aus dem ich den OHP ausgeliehen hatte, weil dort kein nachfolgender Unterricht stattfand und meine Reflexion ausarbeitete, traf ich den ABB und meinen FL im gebuchten Besprechungsraum. Und ganz anders als mein Geschichtsfachleiter fing man nun damit an, was alles gut gelaufen war und was geklappt hat. (Mein Geschichtsfachleiter hat mir gestern nochmal bestätigt, dass tatsächlich NICHTS an der Stunde gut gewesen wäre … lasse ich mal so stehen.)

Was also positiv angemerkt wurde:

  • Man erkennt meine Handschrift im Entwurf. Die Struktur wäre sehr gut, formal hätte er nur Kleinigkeiten anzumerken und die Lernziele wären gut und richtig formuliert. Wäre nicht selbstverständlich am Anfang. Alleine, dass ich der Stunde einen ‚ordentlichen‘ Titel verpasst hatte sähe er schon nicht so oft. (Anthropomorphismus als Bewältigungsmechanismus – Gibt es eine grundlegende Verständnisbarriere zwischen Mensch und Tier?)
  • Er würde eine „Vision“ erkennen, was in meinen Augen guter Philosophieunterricht sei. Die Richtung unterstützt er sehr und er ist überzeugt, dass ich am Ende der Ausbildung auch da ankommen werde.
  • Aufgebaute Strukturen im Unterrichtsgeschehen seien gut durchdacht und von den Schülern angenommen worden.
  • Reihenaufbau zeigt Verständnis fürs Thema und die wichtigsten Schwerpunkte.

Was es zu bearbeiten gilt:

  • Die Komplexität muss dringend reduziert werden. Mein Stundenlernziel wäre genug für eine Universitätsvorlesung gewesen 😮 (Die SuS überprüfen, inwiefern die Vermenschlichung von Tieren sich auch auf den Begriff des ‚Denkens‘ erstreckt, indem sie beschreiben was ein anthropomorphes Verhalten beinhaltet, wie dies zu bewerten ist und untersuchen, wie weit sich dieses Verhalten auch mit Verstehensmechanismen deckt die Menschen anwenden, um sich ihnen nicht direkt erschließendes Verhalten zugänglicher zu machen.) War ein wenig viel gewollt …
  • Ungesicherte Ergebnisse sollten zu neuen Erkenntnissen führen. Die Aufgabe vom Montag, der vorangegangenen Doppelstunde in der ich nicht anwesend sein konnte, hätten erst besprochen und die Methode der Begriffsbestimmung gefestigt werden müssen, bevor die Schüler weiter mit den Resultaten umgehen. War mir letztlich auch vorher schon klar gewesen, aber ich hatte keine Alternative wie ich umplanen konnte im Kopf gehabt.
  • Einen Diskurs unter den Schülern selbstgeleitet herstellen. In Ansätzen hatte das geklappt, aber es war noch zu zentral von mir gesteuert. Da diese Gesprächsbereitschaft generell neu gewesen war, hoffe ich, dass wir in den kommenden Stunden daran arbeiten können.
  • Begriffsdefinitionen nicht vorwegnehmen. Wenn Schülerantworten nicht zum Punkt kommen, sollte ich darauf hinweisen und den Schüler selber umformulieren lassen oder so zusammenfassen, dass es an die Tafel kann. Werden zu komplexe Beiträge einfach eingebracht und nicht vertieft, vergrößert sich nur die Wissens- und Verstehenslücke im Kurs.
  • Immer noch einmal deutlich machen, dass was an der Tafel steht nicht in Stein gemeißelt ist. Gerade durch den Beitrag der Austauschschülerin kamen komplexe Theorien dazu (z.B. Gefühle lassen auf Denken schließen), die wir natürlich in dem Kontext nicht besprechen konnten, wo dann aber deutlich werden sollte, dass das ein großes, ambivalentes Feld ist. Und das nicht nur im Unterrichtsgeschehen, sondern auch in der Forschung/Wissenschaft. Das Thema ‚letzte Wahrheit‘ hatten wir in den ersten Stunden gleich angerissen, aber es schadet sicher nicht, dass zwischendurch nochmal klar zustellen.

Wie man sieht ist es eine lange Liste an Aufgaben, die ich nun angehen sollte. Nach der Besprechung fühlte ich mich aber nicht einmal ansatzweise so unfähig wie nach dem Geschichts UB. Der Ton macht die Musik und ein wenig habe ich auch die Überzeugung gewonnen, dass mein Geschichtsfachleiter eine harte Nuss sein wird, an der ich mir noch ein wenig die Zähne ausbeißen kann. Seine Vorstellung von Unterricht ist präzise festgelegt und ich muss mich darin üben, sie möglichst genau zu treffen. Entweder habe ich einen besseren Zugang zur Philosophie, treffe den Geschmack meines Fachleiters dort besser oder er ist einfach offener, was die Möglichkeiten der Umsetzung im Kontrast zu seinem eigenen Vorgehen angeht. Die nächsten UBs werden weitere Einblicke bringen, soviel ist sicher.

 

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5 Kommentare zu „2. UB Philosophie

  1. Siehst du 🙂 ist doch schön, dass es besser lief. Oft liegt es wirklich an der Person und deren Einstellung. Und es gibt immer was zum besser machen. Es gibt die perfekte Stunde nicht 😀

    1. Von ‚der perfekten Stunde‘ bin ich ja noch weit weg. Aber ja, ich gehe davon aus, dass Perfektion nichts menschenmögliches ist 😉

      1. Es gibt oft so vieles an das man nicht denkt. Wir haben immer so eine Verteidigung unserer Stunde, in dem wir Stellung nehmen und fragen gestellt bekommen. Oft sind das dann so fragen wie, haben sie daran gedacht, das und das zu machen. Die Antwort ist meistens: Nö 😀

      2. Das ist die Nachbesprechung. Wir müssen ins Blaue rein erstmal Reflektieren, was denn da so wie gelaufen ist und warum und dann besonders auf unsere Planung eingehen; wo die umgesetzt wurde, wo nicht, warum nicht, was Alternativen wären und Stelle x oder y und so weiter. Bin noch sehr ungeübt darin.

      3. Die Reflexion haben wir nach den normalen besuchen. Die fragen sind dann aber anders 😀

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