Veröffentlicht in Referendariat, Schule

Der Tag der offenen Tür

Gestern hatte unsere Schule Tag der offenen Tür. Da es sich um ein kleines Gymnasium in sehr ländlicher Gegend handelt und ‚die Konkurrenz‘ schon eher zu größeren Städten mit guter Anbindung zählt, war es nicht sehr voll und nach gut 3h war ich dann auch wieder zu Hause.

Ich persönlich hatte total unterschätzt, was so ein Tag für einen Dresscode forderte. Da es zu Hause doch ordentlich stressig gewesen war den Morgen und sogar kurz im Raum stand, dass ich die Kinder mitnehmen müsste, schmiss ich mich in Jeans und T-Shirt und fuhr dann letztlich doch alleine los. Alles andere wäre echter Stress geworden. Zweijährige davon abzuhalten mit Tinte zu spielen oder alles im Klassenraum vorhandene zu untersuchen … schwierig ^.^ Auf jeden Fall fiel mein nicht vorhandenes Kostüm, Tuch um den Hals, Blüschen oder Blazer auf.

Als ich ankam war die Schule schon in geschäftigem Treiben gefangen. Der Chor probte ein letztes Mal seine Aufführung, Lehrer liefen hektisch zwischen den Räumen hin und her und die finalen Verbesserungen der Infostände im Foyer wurden noch schnell getätigt. Ich reihte mich in den Strom ein, der zum hinteren Klassentrakt führte, wo wir im aller letzten Raum das Fach Geschichte vorstellen sollten/konnten/durften. Ein paar passende Bilder fehlten noch an der Tür, damit man auch gleich erkennen konnte, dass man sich beim Betreten nun auf die Spuren der alten Ägypter und Römer begab. Im Vorfeld hatten wir schon meinen Zeitstrahl aus der sechsten Klasse abgebaut und in diesem Raum dekorativ wieder aufgehangen, um etwas Praktisches aus dem Unterricht zu zeigen.

Und dann nahm die Veranstaltung ihren Lauf. Organisatorisch war es nicht wirklich durchdacht, schien mir. Eine halbe Stunde verging mit Reden und Begrüßungsworten, viel zu lang für die 4. Klässler, die da gekommen waren um praktisch etwas zu unternehmen. Und dann sollten die AGs auch noch etwas vorstellen. Die Begrüßung durch den Chor gelang gut, das Lied war nett und auch ansprechend („Lern mit mir“) und die Kinder sahen ganz angetan aus. Doch dann … die Lehrerin mit der Romina, wie schon mehrfach erwähnt nicht so gut zurecht kam, leitet sowohl den Tanzkurs als auch die Theater AG an der Schule. Als ich der Vorführung des Tanzkurses so folgte konnte ich plötzlich genau verstehen warum es da Probleme gegeben hatte und sah vor meinem inneren Auge mehrere Szenarien sich abspielen, wie dieser Charakter mit einer Klasse kollidieren kann.

Vorführen sollte Paare aus allen Jahrgangsstufen zusammen. Ich sah nur den Walzer, danach musste ich mich wegen einem akuten Anfall von Fremdschämen ins Lehrerzimmer zurückziehen. Was war passiert? Anstatt hinzunehmen, dass die Paare sich gleich positionierten als sie die freigehaltene Tanzfläche zwischen den Tischen betraten, löste die Lehrerin mit herrischem Tonfall alles nochmal auf und ließ erneut beginnen. Kommentierte dabei auch jeden Fehler der passierte, anstatt die ‚Pannen‘ (es waren wirklich eher Kleinigkeiten, wie die Musik, die zu spät einsetzte, ein Ablaufpunkt, der vergessen wurde oder ein Kommentar zur Kopfhaltung, oder …) einfach zu schlucken und die Schüler nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen.

„Wir hatten ja abgemacht, dass alle hereinlaufen. Das machen wir jetzt auch! Und dabei schön zum Takt laufen, das ist nämlich wichtig, den Takt finden in der Musik. Genau, bewegen zum Takt. Und jetzt laufen alle eine Runde und dann nehmen wir erst Aufstellung. Und dann schauen wir mal, ob es ohne Anzählen klappt in den Walzer hineinzukommen. Das ist nämlich auch nicht so leicht. So, genug Einlauf-Musik! *hektische Kopf-Ab-Geste zum Mischpult* Wie Sie sehen haben wir hier Schüler aus allen Jahrgangsstufen …“

Es folgte die Vorstellung einiger Schüler und noch einiges mehr an Geplapper.

„Und jetzt versuchen wir den Walzer. Mal schauen wie das ohne Anzählen klappt. *die Musik startet nicht sofort* Ja, das mit der Musik müsste auch mal besser geübt werden. *zwei Sekunden* Musik bitte!!! *Musik fängt an* Dann sucht euch mal den Takt.“

Nach zwei Takten schafften es die älteren Schüler tatsächlich richtig zu beginnen, die jüngeren standen noch 1-2 Takte weiter herum, da fing die Lehrerin sehr laut doch an zu zählen. Der Walzer wurde also zu einer Exerzierübung ersten Grades mit laut gesprochenem 1(!)-2-3 dazwischen. Den Höhepunkt, nachdem die Kopfhaltung moniert worden war, markierte dann ein scharfes „Lächeln!!! Wir haben hier Spaß!“ Erstes nervöses Gelächter begann und während sie die Schüler über die Tanzfläche scheuchte, suchte ich verzweifelt Blickkontakt zu der Schulleitung, die wie gelähmt in einiger Entfernung stand. Sollte das eine Werbeveranstaltung für die Schule oder Abschreckung vor den Lehrern werden?

Nach dem Tanz und bei der wieder eingelegten ‚Plauderrunde‘ darüber, wie lange die Kinder nun schon dabei wären, verdrückte ich mich ins Lehrerzimmer. Das konnte ich mir nicht mit ansehen. Und da war ich nicht die einzige. Fünf weitere Kollegen hatten sich ebenfalls dorthin verflüchtigt und schüttelten einhellig die Köpfe. Zum Ende dieses Programmpunktes waren wir dann zu neunt, die sich das Elend nicht mehr hatten mit anschauen können.

Danach begannen die Führungen durch die Schule, die auch wieder viel zu lange dauerten. Dafür, dass die Kinder aktiv in den Fachräumen Dinge ausprobieren und die Fächer kennenlernen sollten, blieb nicht sehr viel Zeit.

In unserem Raum durften sie wählen, ob sie ägyptische oder römische Spiele spielen, Kleiderpuppen oder Pyramiden basteln oder ihren Namen mit Tinte und Calamus auf Papyrus schreiben.

Die Spiele kamen gut an. Wir hatten einige unserer Schüler gefragt, ob sie vorbeikommen wollten und selber etwas mitspielen und den neuen Kindern alles erklären. Das funktionierte gut und die Kinder die kamen hielten sich doch einige Zeit an den Tischen auf. Auch das Beschreiben des Papyrus machte allen Spaß, mir eingeschlossen 😉 Ich versuchte mich natürlich beim Erklären auch an der alten Schrift, musste aber schnell einsehen, dass es noch Übung braucht.

20161120_100922.jpgWer sich dran versuchen will, hier mein Name 🙂

Kurz nach eins bauten wir alles wieder ab und stellten den Ursprungszustand von Schule und Klassenräumen wieder her. Es war wie gesagt schade, dass die Kinder nur so wenig Zeit hatten sich wirklich mit den Fächern zu beschäftigen, aber für viele Kollegen war es auch nicht möglich viel länger zu bleiben. Ich habe noch nie so viel Familie in der Schule auftauchen sehen. Nicht jeder konnte eine Kinderbetreuung organisieren, weswegen der Nachwuchs (zumeist jüngeren Alters) munter mit von Raum zu Raum wuselte. Für eine Kollegin war es besonders stressig, da ihr Junge Autist ist und es für ihn viel zu viel Input war. Letztlich steigerte sich die Frequenz seiner schrillen, dünnen Schreie, die ich als Stresssignale gedeutet hatte, so sehr, dass auch sie einsah, dass sie wohl besser geht. Vielleicht sehe ich das zu eng, aber ich hätte den Jungen gar nicht erst der Situation mit so vielen fremden Menschen ausgesetzt, oder? Naja, muss jeder selbst wissen, wirkliche Fachkenntnis habe ich bei dem Krankheitsbild auch nicht.

Den Nachmittag verbrachten die Kinder und ich dann bei den Großeltern. Tatsächlich das erste Mal seit sechs Wochen, dass ich ‚frei‘ hatte und etwas anderes am Wochenende unternehmen konnte. Im Nachhinein fiel mir aber auf, dass ich die Entscheidung nur getroffen hatte, da mir nach dem angefangenen Tag der Sinn nicht nach Schreibtisch stand. Kann nur besser werden mit der Freizeitgestaltung. Wir müssen dringend mal wieder einen Ausflug machen habe ich aber nun beschlossen.

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4 Kommentare zu „Der Tag der offenen Tür

  1. Ich wundere mich irgendwie total, dass ich noch an keinem Tag für kommende 5. Klässler war. Oder das mitbekommen habe 🤔
    Wir hatten nur an meiner erstes EinsatzSchule einen Tag der offenen Tür zu 50. Jahren der Schule. Da war auch großes Blabla und wir standen in einem Raum, der britisch dekoriert war, ohne Kundschaft. Und haben unser essen selbst gegessen 😂 und ich hatte meinen Kilt an 😁 aber ansonsten war das auch eher schlecht organisiert.

    1. Und auf Papyrus habe ich meine 6er beim Thema Ägypten schreiben lassen. Das war voll der hit 😀

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