Veröffentlicht in Flüchtlinge, Lehrer, Referendariat

Förderbedarf

Heute fiel mir auf, wie schnell Schüler in der Masse untergehen können. Und das gleich zweimal an einem Tag.

Morgens in meiner neunten, achtete ich in einer längeren Stillarbeitsphase auf einen der Flüchtlingsjungen, der (wie immer muss man leider sagen) Löcher in die Luft starrte. Die anderen beschäftigten sich mit den Auswirkungen Hitlers Machtergreifung auf den Alltag der Menschen. Zum Thema Tafelbild:

20161121_111710.jpg

Ich hatte die Schüler machen lassen, freie Aufgabe ihre Informationen auf dem Zeitstrahl zu ordnen. Fürs nächste Mal, gebe ich die Felder zum Schreiben entweder vor oder arbeite mit Plakaten, wo die Gruppen draufschreiben können und das dann an der Tafel anordnen. Von den Infos her war es nämlich absolut in Ordnung. Übersicht … joa, wir arbeiten dran.

Auf dieser Grundlage interpretierten die Schüler dann, was all die Notverordnungen denn konkret für die Menschen in Deutschland bedeuteten, anhand dieser Quelle:

Berlin 1933.PNGDa der andere, inzwischen gut integrierte Flüchtlingsjunge in der Klasse nun schon soweit ist, dass er per Übersetzer die Texte mitlesen kann, fragte ich also, ob der Luft-Löcher-Gucker vielleicht ebenfalls mit seinem Telefon versuchen wollte, mitzumachen und sich den Text zu übersetzen. Große Augen schauten mich an; er verstand nicht einmal die Frage. Ob er Material dabei hätte, das er bearbeiten kann wollte ich wissen. Erleichtert nahm er das geforderte Heft raus und schlug es auf. Als ich wenige Minuten später wieder zu ihm sah, hatte er noch nichts weiter herausgeholt, nichts geschrieben und schaute nur immer wieder die gleiche Seite an. Das änderte sich die komplette Stunde nicht, ich musste aber in der Klasse weiter helfen und anleiten, weswegen ich keine Zeit hatte ihn noch einmal zu befragen.

Im Lehrerzimmer traf ich dann auf die DAZ Verantwortliche und fragte sie, ob Kahled denn Material hätte, dass er im Unterricht bearbeiten könnte. Ach Kahled, … das sei ein schwerer Fall. Inwiefern wollte ich wissen. Nun der wäre ja Analphabet und könne nicht mal richtig die eigene Sprache schreiben. Ich bekam große Augen, das was er da rausgeholt hatte, hatte wie ein Workbook ausgesehen, was ich aus den 5. und 6. Klassen in Englisch kenne. Ich fragte nach, ob es denn Aufgaben gäbe, die er mit seinen Unterlagen bei mir im Unterricht erledigen könnte. Ja, … hm, schwierig. Eine andere DAZ Lehrerin mischte sich ein, dass er erstmal das Alphabet lernen müsste. Nun, da gäbe es ja genug Übungen für, meinte ich, hat er die denn? Ja, da müsse man mal gucken … Wenn ich Zeit hätte würde sie mal schauen, was WIR da machen können.

Ich folgte etwas perplex. Wir?! War das nicht ihre Aufgabe die Kinder so zu beschulen, dass sie in den eigens dafür anberaumten DAZ Stunden deutsch lernen und gefördert werden? Wie war ich da nun als Verantwortliche reingerutscht? Wir gingen also zu ihrem Rechner im Arbeitszimmer und sie googelte Arbeitsblätter für die Grundschule. Improvisation ist alles … ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die könne er ja bearbeiten, meinte sie. Sie würde mal das ganze Alphabet ausdrucken. Ich nickte.

Wir reden hier von diesem Material: a-lernen

Ich dachte mir in dem Moment schon, dass es zum wirklich schreiben lernen noch etwas an den extra Linien wie in der ersten Klasse hapern würde, sagte aber nichts. Ich musste noch Unterricht vorbereiten und verabschiedete mich schnell, als sie ans Ausdrucken ging. Kurz darauf kam sie wieder zu mir, mit einem blauen Schnellhefter in der Hand, in dem nun die gesammelten Schreibvorlagen waren. Das würde ja erstmal reichen. Ich merkte noch kurz an, dass er Schreiblinien bräuchte. Um die Wörter wirklich ein paar Mal zu schreiben. Ja, das würde sie dann nochmal ausdrucken. Aber nur so dabei legen, einordnen könne er das ja. Ob ich ihm das dann geben würde?

Wieder widerstand ich dem Drang, meinen Kopf in eine fragende Schieflage zu versetzen. Ich sehe ihn erst am Montag wieder, ob es nicht jemand anderen gäbe, der vorher Kontakt hätte? Na, er habe so lange nichts getan, da würde es auf die Tage nun auch nicht ankommen. Mehr als sie nun groß anzugucken, fiel mir da auch nicht mehr ein. Sie könne ja mal schauen, wer die Klassenlehrer sind, wurde dann nachgeschoben. Ich nickte.

Ich meine, sehe ich das falsch? Eine Lehrerin, die das Kind zweimal die Woche in einem Nebenfach sieht, bemerkt, dass er nur seine Zeit absitzt, während diejenigen, die für ihn wirklich in dem Punkt zuständig sind sich von mir dann Inspiration holen müssen, wie sie das Kind zu fördern haben? DASS sie ihn überhaupt fördern müssen und dass da etwas falsch läuft?

Ich fange an die Kritik meines Fachleiters zu verstehen, der meinte, dass ich nicht einfach sagen kann, dass Kinder bei mir im Unterricht sind, die ich nicht angemessen in meinen Unterricht einbeziehen kann. Ich ging davon aus, dass er einfach anderweitig betreut wird und nur ein paar Stunden bei mir tatsächlich absitzen muss, weswegen ich mich nicht weiter mit ihm beschäftigt habe. Dass er aber überall so daneben sitzt, das hätte ich nie gedacht. Kinder in meinen Klassen gehen mich grundsätzlich etwas an. Check. Hinter die Ohren geschrieben.

Das wiederholte sich dann in meinem Philosophiekurs, wo die amerikanische Austauschschülerin saß. Wir sind inzwischen so ziemlich am Ende der Reihe angekommen, haben heute nochmal pro und kontra Argumente gesammelt und die Schüler werden nun für Montag eine Erörterung zu der Frage „Können Tiere denken?“ schreiben.

Da das natürlich zu komplex vom Vokabular für eine Sprachenlernerin ist, hatte ich ihr einen kleinen Arbeitsauftrag erstellt, den sie für sich in ihrem Tempo bearbeiten sollte. Als ich hinging und sie fragte, ob sie eventuell nichts zu tun hätte und sich mit dem Inhalt des Faches wie besprochen beschäftigen wollte (wir hatten letzte Woche kurz gesprochen und sie hatte Interesse bekundet mitzumachen), nickte sie dankbar und machte sich gleich an die Arbeit. Photographierte sich in meinem Buch die relevanten Infos ab, schrieb den Text ab, übersetzte … arbeitete einfach. Als die Stunde vorbei war, hörte ich sie zu einem Mitschüler sagen, dass das das erste Mal gewesen sei, wo sie eine Aufgabe bekommen hätte, die sie wirklich lösen könne und wie nett sie es fände, dass ich an sie gedacht hätte. Als ich nachfragte, ob sie denn sonst nirgendwo mitarbeiten könnte, sagte sie, entweder solle sie Aufgaben von der Schwierigkeit ‚zeichne einen Kreis‘ lösen oder so schwere Sachen, dass es eben gar nicht ginge.

Was ist denn da los?! Wie kann sowas in den beiden Fällen vorkommen? Einmal sollte es gut strukturierte Förderung von seiten des Integrationsprogrammes geben, ein andermal denke ich doch, ist das nicht die erste Austauschschülerin, die sich an diese Schule verirrt, oder? Ich werde genau beobachten, wie sich die zwei entwickeln und auch schauen, wo das die Lücken im System waren, wo die beiden durchgerutscht sind. Das geht mal gar nicht; das Halbjahr ist bald herum und da hocken zwei Schüler direkt unter meiner Nase deren Frustfaktor sich bald ins Unendliche steigern dürfte.

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11 Kommentare zu „Förderbedarf

  1. Ernüchternd! Schüler einfach rein setzen in die Klasse und dann soll Bildung (durch ein Wunder) geschehen. Ein gewisses Sprachniveau müsste wohl auf jedem Fall gegeben sein, bevor das Sinn macht. Bei der Austauschschülerin wundert mich aber, dass die Sprachkenntnisse nicht ausreichen. Klar, wird sie nicht alles verstehen, aber ein gewisser Grundstock müsste schon vorhanden sein, oder?

    1. Ich war auch erstaunt, was die Schülerin angeht. Sie hatte gar kein Deutsch vorher, also nicht so wie wir English oder Französisch haben. Sie lernt quasi jetzt gerade die Sprache … wie sinnvoll ein Austausch da ist, sei mal dahingestellt, aber sie arbeitet schon selbstständig dran.

  2. Ich finde das merkwürdig. Sollten am Gymnasium (ich ging davon aus, dass du am Gymn bist) nicht nur Flüchtlinge sein, die sich dafür geeignet gezeigt haben? Das ist zumindest in Bayern so. Die werden in Übergangsklassen gefördert und geprüft. Und wenn ja, ab ans Gym sonst nichts.
    Und ich finde eine Austauschschülerin sollte sich auch selbst darum bemühen, die AUfgaben lösen zu können, sie kam ja freiwillig nach Deutschland und will Deutsch lernen (würde ich jetzt mal annehmen).
    Natürlich muss man auf diese Schüler eingehen, aber man kann in einer Klasse von 25+ Schüler nicht auf jeden einzelenen eingehen.

    1. Keine Ahnung, inwieweit es ein ’soll‘ gibt. Die Flüchtlinge, die bei uns sind, sind bis zur neun nicht benotet und wenn sie dort ankommen, wiederholen sie, bis sie mitmachen oder benotet werden können. Das System ist ganz neu, dritte oder sogar zweite Jahr erst an der Schule und ich hatte nur die Info, dass sich anderweitig um die in meinem Unterricht sitzenden gekümmert wird. Die Schule muss sie glaube ich aufnehmen, es gibt keine Prüfung der Gymnasialeignung und der Abschluss ist auch kein gymnasialer, wenn sie denn abschließen. Ist alles ziemlich konfus.

      Sie bemüht sich, aber sie hat einfach das sprachliche Niveau nicht. Da muss man binnendifferenzieren und Philo ist ja auch nochmal ne andere Ansage als Mathe oder Musik beispielsweise. Das System dahinter, dass Schüler quasi ohne Sprachkenntnisse eine weiterführende Schule besuchen lässt, das verstehe ich allerdings nicht wirklich.

  3. Hachja … Die leidige Förderfrage. Ich sag mal so: Hast du in deinem Studium was darüber gelernt? Wie du mit Austauschschülern umgehen sollst, die dir vom intellektuellen, aber nicht vom sprachlichen Niveau folgen können? Ich hätte direkt nach dem Studium wohl auch eine Philo-Stunde mit englischen Sequenzen hinbekommen (das wäre eine schöne Integrationsmaßnahme gewesen – und auch für die SuS sicherlich spannend), aber auch nur, weil ich das Privileg hatte, ein wenig Lehre auf Englisch mitgenommen zu haben.
    Wie sieht es mit Analphabeten aus? Ich wette, den Kolleg*innen geht es genau so … Und die denken nicht einmal drüber nach. Was die DaFler angeht … Wenn sie das überhaupt studiert haben, kennen die doch auch nur die Theorie. Und so wie die Kollegin klingt, ist die ebenso überfordert.
    Das ist alles keine Entschuldigung, aber wohl der Grund, warum es dir aufgefallen ist. Das restliche Kollegium ist weiter und sitzt aus und hat gelernt, an manchen Stellen besser nicht zu genau nachzufragen.

    1. Ich habe schon das eine Mal ins Englische gewechselt und ich überlege auch, das regelmäßig einzubauen. Die Mitschüler kümmern sich ja auch gut um sie. Vom sprachlichen her wäre es für mich kein Problem. (Für die Schüler wahrscheinlich schon, aber das müsste man ausprobieren.) Hatte das auch schon vor, aber jetzt hatte einfach die Zeit gefehlt sich da einen Plan zurecht zu legen.

      Die Kollegen, die DaZ machen sind dafür ausgewählt worden; durch irgendetwas was sie dafür befähigt, so zumindest meine Annahme. Wieso also sollte mir etwas auffallen, was ihnen als Fachkraft entgeht, frage ich mich da einfach. Und das bei so einem wirklich simplen Tatbestand.

      Das es meiner ‚Unangepasstheit‘ zuzuschreiben ist, dass es nun auffiel, ist ein sehr trauriger Gedanke, den ich glaube ich nicht weiterdenken mag. … Nein, wirklich nicht.

      1. Naja, und bist in der Ausbildung, lernen solltest Du es eigentlich vom Vorbild! Du schreibst ja selbst, es war dir erst nicht klar, dass auch alle anderen, eigentlich veranwortlichen so abwesend und unengagiert sind.

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