Veröffentlicht in Referendariat

Meine erste Stunde Philosophie Ausbildungsunterricht

Trommelwirbel! Ich hatte nach über einem halben Jahr meine erste Stunde Ausbildungsunterricht in Philosophie. Naja, so ein wenig zumindest. Ich hatte die Stunden für die Woche ja als Vertretungsstunden vorbereitet und somit jetzt nichts mit dem Ausbildungslehrer entwickelt, aber … joa. Ab jetzt ist es immerhin Ausbildungsunterricht. ^.^

Gut, gleich vorgestern sprach mich Herr König morgens im Lehrerzimmer an. Er war wieder da, das Krankenhaus hatte ihn wieder ausgespuckt. Klang alles recht dramatisch, was er erzählte und erklärt auch, warum er die Wochen vorher so fertig ausgesehen hatte. Er bedankte sich für das Übernehmen seines Unterrichts und entschuldigte sich, dass alles so knapp und unstrukturiert gelaufen wäre. Ich nickte und zeigte ihm, was ich gemacht hatte. Grob, montags morgens vor der ersten Stunde ist nie Zeit 😀 Die Stunden am Dienstag solle ich wie geplant weiter führen, er wäre dann ab jetzt dabei.

Wir schafften es am Dienstag noch uns erneut zu besprechen und da dann auch in die Tiefe gehend. Ich bin ja immer noch etwas unsicher, wohin die ‚Reihe‘ denn nun gehen wird. Eine wirkliche Reihe ist es ja nicht, ich habe jetzt einen Philosophen besprochen und die Schüler sind von der ungewohnten Textarbeit nicht gerade begeistert. Inhaltlich müsse nun auf Kuhn weitergeführt werden. Wieder ein Name, den ich nicht kenne … aber man hatte mir ja schon im Vorfeld prophezeit, dass ich die Zeit im Ref sehr viel sehr schnell würde lernen und mir anlesen müssen. Herr Kuhn steht also auf meiner Liste.

Die Doppelstunde gingen wir thematisch durch, ich erklärte detaillierter was ich vorher gemacht hatte und worauf es hinauslaufen sollte. Der Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften war ja der Kern des Themas. Mein total kreativer Einstieg war gewesen den Schülern je zu zweit ein Glas Wasser und kurzes Gedicht von Goethe zu geben.

Aug um Ohr

Was dem Auge dar sich stellet,
Sicher glauben wir’s zu schaun,
Was dem Ohr sich zugesellet,
Gibt uns nicht ein gleich Vertraun;
Darum deine lieben Worte
Haben oft mir wohlgetan,
Doch ein Blick am rechten Orte,
Übrig läßt er keinen Wahn.

Auftrag: Untersucht was sich vor euch befindet. Es wurde etwas schief geschaut, aber sie machten sich an die Arbeit. Einer lieferte mir sogar eine wirkliche Gedichtsanalyse ab, mit Kreuzreim, vierhebigem Jambus und alles was so dazu gehörte. Nett 😉 Dann sollten sie sich austauschen und ihre Ergebnisse dem Partner vorstellen. Unterschiede herausfinden und ergründen, woran das nun liegen könnte. Die Ergebnisse nach Methode, Gegenstand und Erkenntnisziel aufschlüsseln und sie in ein Begriffsnetz mit weiteren Begriffen einfügen, die ich ihnen gab.

Am Ende der erste Doppelstunde standen dann ziemlich komplexe Wortgebilde, deren zentrale Punkte sich um den Bruch zwischen Subjektivität und Objektivität drehten, einen Dreischritt aus Erleben, Erfahrung und Erkennen zeigten und die Schüler etwas ratlos zurück ließen. Es waren zu viele Wörter gewesen, weniger hätte ausgereicht. Aber die Ergebnisse waren gut. Wir stellten das dann in einer Tabelle gegeneinander und versuchten zu definieren, wo denn genau der Unterschied liegen würde. Er läge in der Art des untersuchten Gegenstandes.

Auch in diesem Kurs fand sich sofort ein Schüler, der definitiv einen Namen verdient hat. Nennen wir ihn Ben. Ben sitzt offensichtlich in Philosophie seine Zeit ab und ist vom Charakter her eher der laute, immer im Mittelpunkt stehen müssende Schüler gewesen. Ben hatte somit mit den doch arbeitsreichen Aufträgen so seine Schwierigkeiten und es bildete sich relativ fix ein unruhiges ‚Loch‘ zu meiner rechten, in dem die Konzentration aller um ihn her sitzenden verschwand. Somit sagte ich auch nichts dazu, als er gegen Ende der zweiten Stunde dann mit dem Rücken zu mir aus der Gruppenarbeitsphase nicht mehr ‚auftauchte‘, sondern sich (total unbemerkt) einen Kopfhörer ins Ohr drückte und in seiner Musik versank. War immerhin Ruhe …

Nächste Stunde wurde dann definiert, was denn genau der Gegenstand in den Natur- oder Geisteswissenschaften bildet. Ben war nicht da und der Kurs erstaunlich aufnahmefähig. Dürfte aber auch dem Umstand geschuldet sein, dass es die 5. Stunde war und nicht wie tags zuvor die 8.+9. Wir lasen uns in Dilthey ein und definierten, was das ‚Erleben‘ in den NW oder GW ausmachte.

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Ich muss mich immer noch mit den Tafelbildern auseinandersetzen, zumindest an die Überschrift könnte ich demnächst denken. Aber gut, inhaltlich kamen wir da an, dass man bei den Naturwissenschaften aus den subjektiven Eindrücken versucht etwas Objektives herzuleiten, während man in den Geisteswissenschaften bewusst genau an den Punkt zurückgeht, an dem man etwas Erlebt hat, um dann das Erleben selbst zu betrachten.

Und weil das als Input für einige einfach nicht ausreichend gewesen war, unterhielten wir uns mittendrin noch darüber, ob meine Haarfarbe echt wäre >.<* Keine Chance 😀 „Mehr zum Thema fällt dir nicht ein?“ – „Nein, ähm, wir haben gerade drüber gesprochen.“ – „Dass der Text nicht fesselnd ist, verstehe ich durchaus, aber solange es nicht um seine Definition der zentralen Begriffe geht, … wenden wir uns doch lieber erst wieder dem zu.“ In der nächsten Stunde verstand ich dann aber, wie sie auf so ein Thema kamen.

Nach einer Zusammenfassung der Erkenntnisse der vorherigen Stunde für alle, die gefehlt hatten (Ben war auch wieder da), diskutierten wir über die Wissenschaftlichkeit der Geisteswissenschaften. Herr König lieferte einen mit viel Humor aufgenommenen Beitrag, als er sich mitten in der Diskussion plötzlich grinsend meldete und von einem Kollegen erzählte, der er kürzlich im Pädagogik LK vorbeigeschaut hatte und dort zum Besten gab, dass Pädagogik ja keine Wissenschaft sei und die mit Mathe Abi die mit dem ‚richtigen‘ Abitur wären. Joa. Es saßen einige Schüler aus dem Päda LK im Kurs und die Diskussion nahm etwas an Schärfe zu.

In der folgenden Gruppenarbeit, in der die Schüler dann die Funktion des Gegenstandes der Geisteswissenschaften versuchten zu entschlüsseln, wieder mit Dilthey Textfragment, ging Herr König dann rum und erzählte wirklich jeder Schülergruppe seine Krankengeschichte. Da ich inhaltlich eh zu wenig für die Doppelstunde hatte, ließ ich ihn machen, jede andere Stunde hätte er mir mit dem Verhalten hoffnungslos gesprengt. Nach der Phase konnte ich definitiv ein Häkchen hinter ‚unterschiedliche Lehrerpersönlichkeiten‘ machen. Besonders, als ich dann mit halben Ohr aufschnappte, dass es in einem geführten Gespräch um meinen Wohnort ging, um „wie alt weiß ich nicht, — kann man schließen, hat vorher gearbeitet — na, Interesse?!“ Die Brauen und die Haarlinie näherten sich wieder besorgniserregend an. Herr König besprach nicht gerade mit Ben meine Person, oder? Ich tat es erstmal mit einem Kopfschütteln ab.

Nach der Stunde, in der die Schüler dann die Frage geklärt hatten, warum genau beschäftigt man sich eigentlich mit Geisteswissenschaften (Was bringt es mir, wenn ich in Deutsch Gedichte analysieren muss?!), erhielt ich dann erstmals Feedback zu meinem Philosophieunterricht. Klare Ansagen, keine Scheu vor den Schülern, klare Struktur in der Stunde und guter Zugang zum Thema. Hätte ihm alles sehr gefallen. Fand ich schon mal gut. Kleinigkeiten müsste man auf jeden Fall noch verbessern, wären aber tatsächlich nur Kleinigkeiten. Das Tafelbild sollte sich von einer Mindmap in ein Tafelbild wandeln; da wäre ich noch zu universitär. Gesprächsführung auch in der Struktur noch ausbaufähig. Operatorengestützte Arbeitsaufträge nicht vergessen.

Und er ging gleich auf den Termin ein, zu dem ich meinen Unterrichtsbesuch angemeldet hatte. Letzte Woche vor den Ferien, am 21. Dezember. Da bis dahin noch acht Stunden Zeit ist, fangen wir ein neues Thema an und kümmern uns um die Fortführung der alten Reihe, da die den Schülern echt Spaß gemacht hatte. Gerücht und Vorurteil waren abgeschlossen, Wissen und Manipulation stand noch aus. Das darf ich dann übernehmen. Heute schauen wir dazu „Bowling for Columbine“ und nächste Woche steige ich dann mit einem neuen Ansatz ein.

Willkommen im Philo-Ausbildungsunterricht 🙂

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