Veröffentlicht in Erinnerung, Referendariat

In stillem Gedenken …

Ich hätte nicht erwartet, dass ich so direkt damit konfrontiert werde. Heute startete das Kernseminar mit einem sehr bedrückt hereinkommenden Kernseminarleiter. Ich diskutierte noch über die Doppelstunde morgen (deren Inhalt in nicht geplanter Form als diffuses Gedankenkonstrukt nach dem Wochenende bei der Familie noch in meinem Kopf herumschwirrt), da begann der KSL mit brüchiger Stimme: „Herr X ist gestern … nun, er hat sich das Leben genommen und verstarb gestern.“

Schweigen. Erste Hände wandern geschockt zum Mund und entsetzte Blicke werden ausgetauscht. Bei mir tun sich große Fragezeichen auf. Ich hatte bereits vor einigen Wochen gehört, dass ein Mitglied des Biologiefachseminars seit längerem fehlen würde, hatte das aber nicht mit unserem Kernseminar in Verbindung gebracht. Ich hatte überhaupt kein Bild vor Augen, um wen es gerade ging.

Es war ein sehr merkwürdiges Erlebnis. Ich konnte beim besten Willen keine Person dem Namen gedanklich zuordnen und als der stark angeschlagene KSL dann vorschlug, dass wir doch einen Spaziergang an der frischen Luft machen sollten, der einigen Teilnehmern durchaus gut tat, stellte ich sicher, dass ich ein paar Worte mit meiner Mit-Philo-Referendarin wechselte, die ja vor kurzem ebenfalls eine schwere Zeit durchgemacht hatte wegen dem Mobbing ihrer Ausbildungslehrerin.

Es gab natürlich Spekulationen, wie so etwas passieren hatte können. Dass niemand etwas mitbekommen hatte. Dass die Eltern, in deren Haus er noch wohnte, überrascht waren. Die Freundin nichts ahnte. Niemand genauer nachgebohrt hatte bei der langen Abwesenheit. Immerhin hatte er seit den Herbstferien gefehlt. Hätte, könnte, sollen …

Wir brachten, nachdem auch der Leiter unseres allgemeinen Seminars sich noch betroffen an uns gewandt hatte, die übrige Stunde hinter uns, formulierten einige Zeilen, die wir gemeinsam in das ausliegende Kondolenzbuch eintrugen und hinterließen unsere letzten Worte für die Hinterbliebenen. Dort endlich sah ich ein Bild und konnte nun auch nachvollziehen, um wen es den Nachmittag eigentlich gegangen war.

Und war dann doch nachträglich erschrocken. Auch wenn er sich nicht bei mir eingebrannte, ich hätte nicht gedacht, dass es bei ihm so düster ausgesehen hatte. Eher hatte er offen und freundlich, etwas ‚frech‘ teilweise und durchaus selbstsicher gewirkt.

Es wird eine deutliche Erinnerung bleiben, ‚das Alles‘ nicht zu ernst zu nehmen. Zu wissen, dass es etwas außerhalb der Ausbildung und danach geben wird, egal wie man sie abschließt. Es ist ein Teil unseres Lebens im Moment; es definiert nicht, wer wir sind.

Advertisements

3 Kommentare zu „In stillem Gedenken …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s