Veröffentlicht in Referendariat

WmdedgT? Dezember 2016

Selten habe ich den Beitrag so spät geschrieben. Aber ich war stark am überlegen, ob ich ihn nun überhaupt noch schreiben sollte, nach den Ereignissen. Allerdings ist es nun einmal wie es ist.

00:15 Uhr Bett – endlich!

Die Ankunft nach der langen Strecke von den Verwandten nach Hause gleicht eher einer Geisterprozession, als einer vergnügten Heimkehr. Die Kinder haben sich ordentlich Husten eingefangen und können nach 4h in den Autositzen nicht mehr richtig schlafen. Wunder der Technik sei Dank, überstehen wir die letzten zwei Stunden Autobahn mit „Oddbods“ und „Shaun das Schaf“ auf dem Tablet, welches mit einem Bindfaden zwischen die Kopfstützen der vorderen Sitze geschnallt wird. Kein Musk ertönt mehr von der Rückbank und ich schiebe den Gedanken etwas weiter weg, dass unsere Kleinen schon so fixiert aufs Elektronische sind.

05:10 Uhr Aufstehen

Ich quäle mich aus dem Bett und fühle mich nur noch erschlagen. Das war zu wenig! Von allem irgendwie, was genau Zuwenig war, will mir nicht in den Kopf. Da wir das Wochenende komplett unterwegs waren, habe ich nicht eine Stunde vorbereitet. Also fix bevor die Kinder um 6 fertig gemacht werden müssen noch etwas aus dem Hut zaubern für meine EF, die in einer Woche ihre erste Klausur schreiben wird. Allerdings steht da noch das unfertige Tafelbild der Stunde davor aus und der Abschluss der Problematisierung von Cassirers These. Schaffe ich es, das eine Doppelstunde lang zu ziehen? Mit dem Schlafentzug schnell denken? Lassen wir es drauf ankommen. -.-

Die 9er sind zum Glück tatsächlich gerade heute auf Wandertag und so muss ich da nichts machen! *Freude*

06:10 Uhr Mann verabschiedet sich

Und ich habe die Kinder. Mein Freund liegt erschlagen im Bett, der hat die Nacht dann noch mit unserem Krupp-hustenden Jungen auf dem Sofa verbracht und sich mit sehr kleinen Augen morgens von mir verabschiedet, als ich aus demselben gekrochen bin. Für ihn war das Wochenende noch eine Nummer anstrengender.

Ich sammle also meine sieben Sachen und die der Kinder zusammen, schmiere Brote, wasche Gesichter und putze Zähne und packe alle Anwesenden in dicke Jacken ein und es geht tatsächlich pünktlich zur Kita.

07:05 Uhr Kita

Wie immer kommt mir die zweite Mutter, die morgens so früh ihre Kinder bringt, gehetzt entgegen. Wir besprechen kurz den Verbleib einer Kommode und zweier Regale, die uns überlassen will und dann düst sie schon davon.

Die Kleinen sind angeschlagen von der Nacht und denen davor und kuscheln sich besonders nachdrücklich an mich. Erschöpft bleiben wir noch fünf Minuten kuschelnd auf der Garderobenbank sitzen, dann muss ich los. Zum Glück haben wir kompetentes Personal, das die Zwei schnell und gut abgelenkt bekommt, wie ich beim Gang ums Gebäude zum Parkplatz durchs Küchenfenster beobachten kann, wo die ersten Tränen beim Spülmaschineausräumen schon wieder trocknen.

07:27 Uhr Schule

Die alltägliche Hektik holt mich beim Betreten des Lehrerzimmers ein und putscht mich auch gleich etwas auf. Herr Rickward läuft wie immer gescheucht durch die Flure, um die neuesten Änderungen an den Stundenplänen auszuhängen, wir huschen kurz nach ihm am Brett vorbei, um zu kontrollieren, ob man für einen erkrankten Kollegen einspringen muss. Und tatsächlich erwischt es mich. Ausgerechnet heute …

Ian ist krank und ich darf seine 5er in der vierten Stunde, wo ja mein BdU in der 9 ausfällt, übernehmen. Ich hatte mich schon gefreut, etwas eher nach Hause zu kommen und die Doppelstunden in der Q1 und Q2 morgen vorzubereiten, aber das wird dann ja nix.

Herr König bespricht noch zwischen Tür und Angel, wann wir uns zum Planen treffen können (nicht vor Mittwoch) und die anderen Referendare summen wie ein Bienenstock, was deutlich macht, dass heute wer einen UB haben wird. Ich bin zu kaputt um mich darunter zu mischen und verschwinde zu meiner Doppelstunde Philosophie.

07:45 Uhr EF Philo

So langsam haben wir unseren Rhythmus gefunden. Die Schüler reproduzieren motiviert und eigenständig das angefangene Tafelbild und diskutieren tatsächlich 90 Minuten lang mit mir über die These, ob der Mensch sich seine eigene symbolische Welt baut, aus der er dann nicht mehr herauskommt. Bin baff und glücklich, dass das mit meinem ‚dummen‘ Schädel funktioniert hat. Es war eine der Stunden, wo die Schüler anfangs eine Position vertreten haben, die sie im Laufe des Gesprächs ordentlich hinterfragen mussten. Erfolg 😉

09:20 Uhr Aufsicht

Gerade montags darf ich mich durch die kalten Gänge im Klassentrakt schleichen und alle unwilligen Kinder in die Kälte schicken. Eine Mädchentraube fand ich auf dem Klo, wo sie offensichtlich panisch für die anstehende Arbeit am Lernen waren, mit über den Boden des Vorraums verteilten Zetteln und hektischem Herunterbeten von Vokabeln. Ob das was geworden ist?

09:42 Uhr Lehrerzimmer

Etwas ratlos versuche ich herauszufinden, was ich mit den 5ern eigentlich machen soll. Ian hat keine Aufgaben hinterlassen und meldet sich auch nicht auf die Nachricht, die ich geschickt habe. Eine andere Lehrerin meint dann letztlich, dass ich einfach Deutsch machen solle. Das könnten die immer gebrauchen. Recht hat sie. Also kopiere ich eine Geschichte zur Groß- und Kleinschreibung. Ein Brief eines Mädchens, die der Freundin erzählen will, was bei der Fahrt in den Urlaub so alles los war. Aber alle Buchstaben sind klein und zusammengeschrieben, als sie ihn ausdruckt. Sowas aber auch …

10:30 Uhr Vertretung 5a

Joa, die Stunde war so, wie man sich das vorstellt. Die Kinder wollten natürlich Spiele spielen, waren aber so laut dabei, dass ich meinen Nerven und mir nicht so böse war, mir das 45 Minuten antun zu wollen. Dazu kam noch, dass sie es super lustig fanden, mir nicht ihre richtigen Namen zu sagen, sondern sich gegenseitig betont deutlich mit Jürgen, Paul, Kevin und Clarissa anredeten. Gut meine Lieben, ich war mit gutem Willen gekommen (Ian hatte mir ein Tabuspiel mit Demokratiebegriffen vorgeschlagen in letzter Minute), aber wenn dem so ist … Es wurde eine Deutschstunde.

11:40 Uhr Zu Hause 

Eine knappe Stunde hatte ich nun, bis ich zum Seminar muss. Irgendetwas Warmes muss her, also fix Ofenfisch in den Backofen geschoben und das passende Kapitel für die Doppelstunde Geschichte in der Q1 morgen aufgeschlagen. Sozialgesetzgebung Bismarcks soll es sein … und da das ja mit Aktualitätsbezug bitte versehen sein soll, muss ich mich auch noch in unser System einlesen.

12:45 Uhr Zum Seminar

Viel geschafft habe ich neben dem Essen nicht. Die Tasche ist dick beladen mit dem Oberstufenbuch und den restlichen Unterlagen und ich gehe im Kopf nochmal alle neuen Infos während der Fahrt durch.

13:35 Uhr Kernseminar

Der einzige Mathematiker, den ich nach einer kreativen Art eine Matheaufgabe zu stellen fragen wollte, kommt zu spät und ich bespreche mit anderen noch wie ich den Schülern wohl schmackhaft machen kann, dass sie sich nun mit Prozentrechnung im Geschichtsunterricht beschäftigen sollen, da kommt der Kernseminarleiter herein und verkündet mit gebrochener Stimme, dass einer unserer Mit-Referendare sich die Nacht zuvor das Leben genommen hätte. Er wüsste nicht, wie wir nun direkt weitermachen könnten und schlug vor, dass wir erstmal einen Spaziergang machen. Ich habe an dieser Stelle schon darüber berichtet.

14:25 Uhr Zurück im Seminar

Komplett durchgefroren komme ich an der Schule wieder an. Ich war Kleidungstechnisch nur auf die Fahrt im Auto, den kurzen Fußweg in die Schule und wieder zurück ausgestattet. Die Stunde in der Kälte war zu viel.

Nachdem sich unsere Stimmung nun aber etwas gebessert hatte, kam der Seminarleiter noch herein, berichtete sichtlich mitgenommen von seinem Gespräch mit den Eltern und der Freundin und bat uns, uns in ein Kondolenzbuch einzutragen, welches er nun auslegen würde.

Die letzte halbe Stunde beschäftigten wir uns mit Lernmotivation … mehr schlecht als recht.

Im Kondolenzraum angekommen sah ich endlich ein Bild von dem Verstorbenen und konnte zuordnen, um wen es da gegangen war. Mir war sein Name komplett entfallen. Da ich persönlich nicht viel mit ihm zu tun hatte, spürte ich den Druck nicht so stark, wie einige andere. Ein sehr mulmiges Gefühl blieb aber nach diesem Termin.

16:15 Uhr Kita

Ganz in Gedanken versunken hatte ich glatt vergessen, erst zur Kita zu fahren, um die Kinder abzuholen und drehte eine Ehrenrunde bei uns auf dem Hof. Der Spatz war den Tag über sehr angeschlagen und anhänglich gewesen und hätte noch viel gehustet. Wenn man immer mit den Kindern zu Hause bleiben könnte, wenn sie so halb-krank sind … Ich lud alles ein und fuhr endgültig für den Tag nach Hause.

16:40 Uhr zu Hause

Die Kinder wurden von meinem Freund zum Kochen übernommen und ich verabschiedete mich schweren Herzens in Büro.

17:30 Uhr Abendessen

Es gibt Pfannkuchen mit Apfelmus und heißen Himbeeren. Die Kinder essen mehr als ich und sind gut drauf. Immerhin ein positiver Punkt zum Tagesabschluss.

18:10 Uhr Büro

Mein Kopf raucht über den verschiedenen Quellen zu Gehältern um 1890 herum, Lebensmittelpreisen, Mieten, Wasser und Co. Dazu noch informative Texte zum Kontext und das aber nicht zu sehr schon auf ‚Soziale Frage‘ hinauslaufen zu lassen, da das Themengebiet eher später angeschnitten werden soll, ist gar nicht so leicht. Die Augen wollen zufallen, aber der Stress hält sie offen. Ich kann morgen ja nicht mit Nichts vor die Klasse treten.

23:30 Uhr Bett

Die Stunde steht … einigermaßen. Die Doppelstunde Philosophie nachmittags muss ich nach dem Unterricht morgens dann vorbereiten. Jetzt geht nichts mehr und ich kann endlich schlafen.

(Da ich mich sehr schlecht vorbereitet fühle, wird daraus aber dann auch nichts und ich bin jede Stunde einmal wach und die Nacht ist um 4 Uhr gänzlich vorbei. Juhu 😦 )

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