Veröffentlicht in Konstruktive Kritik, Prüfung, Referendariat

3. UB Philosophie

Die Arbeit stapelt sich auf den Schreibtischen (ja, ‚Plural‘ steht hier inzwischen im Raum) und Weihnachten ist rum. Rekapituliert hatte ich meinen dritten UB in Philosophie noch nicht und über die Zwischenbilanz und -perspektivgespräche in den Fächern bin ich hier auch noch einen Beitrag schuldig geblieben bisher. Aber alles der Reihe nach. Erst einmal Philosophie.

Vorweg: Ich hoffe, alle hatten ein schönes Weihnachten mit Familie und Freunden und haben die Feiertage gut überstanden 🙂

Es war Mittwoch, der vorletzte Tag vor den Ferien und ich hatte keinen anderen Zeitpunkt mehr gefunden, um meinen dritten Unterrichtsbesuch zu absolvieren. Die Umstände waren alles andere als ideal; den Kurs hatte ich übernehmen müssen, weil Herr König kurzfristig erkrankt war, mit einem Thema, dass sonst wohl keiner machen wollte. Ich hatte hier, hier und hier davon berichtet. Als Herr König dann wieder da war, lief es auch ziemlich holprig weiter, da wir absolut ins Stückeln gerieten, da das sehr theoretische Thema die Schüler nicht so recht interessierte, ich also mehr schlecht als recht an das vorherige Thema anknüpfen musste und daraus eine Reihe basteln. Joa … alles nicht ideal, wie gesagt. Dann war Herr König auch mehrfach im Unterricht nicht dabei und die Zwölfer teilweise doch mehr als unkonzentriert. Ich erwartete für die Stunde ziemlich viele Komplikationen.

Durch die ganze Stresserei im Vorfeld, der dritte Geschichts-UB und (mal wieder) kranke Kinder, schaffte ich es dann auch tatsächlich nicht den Entwurf fertig zu stellen. Abends um halb acht strich ich die Segel und wandte mich an meinen Fachleiter. Der Großteil des methodisch-didaktischen Kommentars fehlte und ich hätte um 18:00 Uhr schon alles fertig abschicken müssen. Gut, ich habe vielleicht etwas viel Betonung auf die Krankheit der Kinder gelegt, aber ich habe es insgesamt einfach nicht im vorgegebenen zeitlichen Rahmen geschafft. Und ja, das lag auch an den Kindern, aber jetzt eine ewiglange Liste aufzuführen woran noch, erschien mir kontraproduktiv. Hier muss ich dann einmal wirklich loben: Absolutes Verständnis. Der Entwurf wäre ausdrucksstark und aussagekräftig genug für den Fachleiter, ob ich denn bei der Situation die Stunde halten könnte? Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich bejahte. Also, auf zum Gefecht am nächsten Tag.

Ich kam kurz vor knapp in der Schule an. Seit einer Woche schlief ich schon nicht mehr gut; sobald die Motte nachts wach wurde, schlief ich nicht mehr ein, während Töchterchen nach wenigen Minuten wieder friedlich neben mir schlummerte. Wenn 2-3h Schlaf in der Nacht zum Dauerzustand werden (selbstverständlich nicht am Stück … ), leidet das Arbeitsverhalten und Leistungsvermögen doch sehr darunter. Im aktuellen Fall war ich dann morgens nochmal eingeschlafen und wachte zur dritten Stunde etwa wieder auf. UB war in der 5. und da so kurz vor den Ferien das meiste auch durch war an AU, hatte ich den Tag nur meinen BdU bis zur 9. Stunde.

Angekommen in der Schule, sah ich meinen Fachleiter nirgends. Es war die zweite große Pause und er war sonst immer sehr pünktlich. Nicht stressen lassen … erstmal alles vorbereiten und kopieren gehen. Auf dem Weg zum Kopierer kam mir der Schulleiter entgegen, der meine entschuldigende Mail wegen des unfertigen Entwurfs auch erhalten hatte und erkundigte sich mitfühlend nach den Kindern. Ich entschuldigte mich nochmal für die Umstände und berichtete, das man von Magen-Darm erkrankten Kindern eben so berichten kann. Als ich fast im Kopierraum verschwunden war, hielt mich Frau Martin noch auf und versuchte mich gut zuzureden, dass sie meinen Fachleiter schon in Empfang genommen hätte und ich jetzt alles in Ruhe vorbereiten sollte. Die Nervosität hielt sich da aber schon wieder in Grenzen, ändern konnte ich eh nichts mehr. Sehr lieb von ihr, so oder so auf jeden Fall.

Mit Kopien und Folien kam ich an meinem Tisch wieder an, begrüßte den Fachleiter und entschuldigte mich für die ungesellige Art, da die Zeit knapp wurde, ich die Gruppenarbeitsmappen noch mit den Kopien bestücken musste und ein Utensil noch für die Stunde fehlte. Eine Pfauenfeder, die ich aus einem Klassenraum am anderen Ende der Schule holen musste, für meine ‚Reserve‘ in der Stunde. Er ließ mich ‚in Ruhe‘ vor mich hin rotieren und vertiefte sich ins Gespräch mit meinem Ausbildungslehrer Herr König. Und dann konnte es losgehen.

_________

Abgehetzt kam ich kurz vor Pausenende wieder im Lehrerzimmer an; alles vorbereitet, die Feder da, Materialien da, Plan … nicht vorhanden. Hatte ich zu Hause vergessen anzudrucken, somit ging ich schnell zum Rechner. Eine andere Referendarin stand dort gerade und man merkte mir die Hektik dann doch etwas an, da sie versuchte beruhigend auf mich einzureden. Es hatte schon zur Stunde geklingelt, somit fühlte ich mich doch ein wenig gehetzt. Schnell Kopien eingesammelt, sowie Ausbildungslehrer, Schulleiter, Seminarleiter und Utensilien und die Treppen hoch ins zweite Obergeschoss.

Die Schüler trudelten pünktlich ein und setzten sich ohne große Umschweife auf ihre Plätze. Ich stellte erschrocken fest, dass ich die blöde Pfauenfeder auf meinem Platz liegen gelassen hatte und bat Herr König ob er nochmal schnell runterlaufen könnte. Er war vor Beginn der Stunde wieder da.

Thema der Reihe war Rose is a rose is a rose is a rose – Das Problem mit dem Fakt und dem menschlichen Geist und die zu zeigende Stunde beschäftigte sich mit der Frage Schmoren wir im eigenen Saft? – Der Mensch gefangen in seiner selbst geschaffenen, symbolischen Welt. Zum Einstieg legte ich eine Folie mit verschiedenen Nachrichten auf, von denen ich nur die erste handschriftliche aufdeckte.

folie-nachrticht

Auf die simple Frage, ‚was man hier sieht‘ stellten die Schüler fest, dass es eine Nachricht ist, dass eine Frau einen Mann zum Essen einlädt und dass sie sich wohl ganz gut kennen, weil es so kurz gehalten ist, sie aber nicht verheiratet sind oder so, weil da noch ‚Liebe Grüße‘ drunter steht und dass dann ja nicht passen würde. Dass es vielleicht Arbeitskollegen sind, es aber nicht um ein geschäftliches Essen ging, da die Form dafür auch nicht passt. Soweit lief es gut. Ich deckte die zweite Nachricht auf und fragte, ob sich etwas ändern würde. Weniger freundlich, weil es nun getippt war und die handschriftliche Nachricht persönlich wirkte. Dafür aber höflicher, da die Sätze ausformuliert sind. Und der Konjunktiv auch netter wirkt. Und sie vielleicht auch ein Date haben könnten, da sie keine wirklich engen Freunde sein könnten und sich da was entwickelt.

Ab diesem Zeitpunkt hätte ich einen Schnitt machen können, allerdings deckte ich die anderen Nachrichten auch noch auf. Das kritisierte ich auch in der Nachbesprechung, da hier eindeutig weniger mehr gewesen wäre. Ich verlor einiges an Zeit in dieser ersten Phase der Stunde, was mir theoretisch vorher schon klar gewesen war, aber ich hatte die ganze Geschichte nicht zu Ende gedacht, was sich ja auch im unfertigen Entwurf spiegelte. Ich zeigte diese Stunde am Tag darauf noch einmal und nutzte nur die ersten beiden Nachrichten und zum Kontrast dazu dann noch diese:

Date.PNG

Die Schüler forderte ich hierbei dazu auf, sich deutlich zu machen, was sie da gerade getan hatten. Der Nachricht Kontext gegeben und interpretiert, worauf und wie sich die Absichten der Beteiligten richten könnten. Wir wandten das auf unser Thema an, wo wir uns mit dem Verhalten von Medien und dem Umgang mit Stereotypen befasst hatten und formulierten die Arbeitsfrage. War es möglich, dass wir nicht interpretieren, keinen Kontext in Nachrichten hineindenken? Können wir vorurteilsfrei kommunizieren?

Hier leitete ich direkt in die Arbeitsphase über und wies die Schüler an sich in Gruppen zusammen zu finden. Es wäre besser gewesen, erst einmal ein Meinungsbild der Schüler einzuholen und sie sich intuitiv mit der aufgeworfenen Frage beschäftigen zu lassen. Wegen der bereits vorangeschrittenen Zeit war ich ab dem Punkt aber schon auf schnelles Vorangehen bedacht, weswegen ich die Möglichkeit gar nicht in Betracht zog.

Für die Gruppenarbeitsphase sollten die Schüler einen Text von Cassirer bearbeiten, dessen Hauptthese herausschreiben und sich Beispiele für und wider dieselbe überlegen.

Cassirer AB.PNG

Die These fanden alle zuverlässig heraus. Bei den Beispielen legten sie sehr unterschiedliche Arbeitstempi vor, was auch daran lag, dass ich durch ‚für und wider‘ die Denkprozesse in zwei Richtungen gelenkt hatte, was bei einem neuen Inhalt schon zu komplex gewesen ist. Ebenfalls eine Kritik aus der Nachbesprechung. Es hätte gereicht, wenn sie sich unterstützende Argumente einfallen hätten lassen. Auch hier ging so Zeit verloren.

Die Schüler präsentierten ihre Ergebnisse und wir besprachen diese. Die verschiedenen Elemente der zentralen These Cassirers wurden gesammelt und an der Tafel in eine gemeinsame Form gebracht. Ergebnis: Der Mensch kann der Welt nicht mehr unmittelbar gegenübertreten, weil a) er die Reaktion (die Antwort) auf Reize aufschiebt. / b) er Dingen Bedeutungen zuschreibt, die dann eine neue Wirklichkeit für ihn bilden.

Auf die Beispiele für den Beleg der These, bin ich (geprägt durch die Kritiken im Geschichtsunterricht) dann aber nicht mehr richtig eingegangen. Da mir dort ja immer gesagt wird, dass ich nicht zu viel nachfragen soll, fragte ich nur mehrfach in der Stunde, ob es noch Ergänzungen gäbe und ließ dann alles so stehen, wie die Schüler es präsentierten. Eingreifendes Nachschärfen der Beiträge wäre aber in dem Fall zu oft einfach nötig gewesen, weswegen ich nun in der Zwickmühle stehe, wann es Zuviel und wann Zuwenig ist  und ob es dazu noch von Fach zu Fach einfach unterschiedlich gehandhabt wird. Ich arbeite mich an das richtige Maß hoffentlich trotzdem stetig heran.

Für die Vertiefung hatten wir dann leider nur noch wenige Minuten Zeit. Die Schüler sollten die These Cassirers auf das Verhalten der Medien, welches wir im Fall des Amoklaufs von Columbine 1999 erörtert hatten, anwenden und definieren, warum sie zutrifft oder eben auch nicht. Hier kamen viele interessante Beiträge, die aber in drei Minuten natürlich nicht mehr genügend gewürdigt werden konnten. Die mediale Selektion der Informationen wurde angesprochen, die Aufladung von Stereotypen mit dem Bedeutungszuwachs von simplen physischen Dingen wie bei Cassirers Symbolnetz verglichen; sie kamen auf die schädliche Wirkung des unreflektierten Umgangs mit dieser Art von Systematiken und dass es letztlich zu extremen Ausmaßen (Beispiel Rassismus) kommen könnte, wenn man die Mechanismen hinter denselben nicht versteht. Alle waren sich einig, dass Cassirer das Verhalten des Menschen gut beschrieben hatte.

Meine Feder lag noch unbenutzt auf dem Pult, als die Stunde dann abgeschlossen werden musste. Sie war ein Beispiel für symbolische Aufladung gewesen, dass ich bei der weiterführenden Vertiefung (grundlegender Kritik der These Cassirers) genutzt hätte, da sie eine Auszeichnung an unserer Schule darstellt und somit für die Eingeweihten (= Schüler und Lehrer) bei weitem natürlich keine simple Feder mehr ist.

Nach dieser Stunde brachte ich meinen Fachleiter noch schnell zum Raum, in der wir in der siebten Stunde die Nachbesprechung durchführen würden und ging für die sechste Stunde zu meiner neunten, mit denen ich gerade „Die Schüler der Madame Anne“ schaute, was mir die Gelegenheit gab, meine Notizen für die Nachbesprechung direkt anzufertigen, ohne mich noch groß auf Unterricht konzentrieren zu müssen.

Wie man vielleicht merkt, war ich persönlich nicht so begeistert von der Stunde. Wir waren durchgekommen und ich hatte mein Stundenlernziel erreicht, aber der Ablauf war doch etwas holprig gewesen. Mein Philosophiefachleiter war jedoch (wie jedes Mal bisher) wieder sehr angetan und lobte erst einmal viel. Er nannte meinen Umgang mit dem Thema Vorurteil und Erkenntnis ‚ambitioniert‘, fand den Aufbau der Reihe spannend und passend und den Abschluss, die Reflektion der untersuchten gesellschaftlichen Phänomene über Cassirer, sehr gelungen. Er würde immer wieder merken, dass ich auch beim Planen meines Unterrichts philosophiere und es nie nur theoretisch bliebe. Ob ich die Stunde so wie sie war wohl einmal für das Fachseminar halten würde, da sie genau zum geplanten Thema der letzten Sitzung passen würde: Didaktische Transformation nach Rohbeck. Das setzte den Stimmungsbalken schon mal etwas höher, als er bei mir persönlich gewesen wäre.

Was dann kritisiert wurde:

  • Komplexe Begriffe mehr ‚durchdeklinieren‘. Ich habe noch zu sehr mein eigenes Niveau vor Augen und achte nicht immer darauf, dass gesagtes auch wirklich a) in dem Kontext gemeint wurde, wie ich ihn sehe und b) von allen verstanden wird. Im vorliegenden Fall war es der Begriff des Symbolnetzes. Wir hätten es genauer besprechen müssen.
  • Schülerbeiträge direkt aufgreifen, anschreiben, diskutieren lassen. Ich mache zu oft einen gedanklichen Haken an Schülerbeiträge, die ich als richtig empfinde. Wurde genannt, gut, weiter. Schließt sich an den ersten Punkt an und sollte vor allem in der abschließenden Diskussion stärker fokussiert werden.
  • Direkte auf Lücken hinweisen. „Gibt es noch Ergänzungen?“ ist zu vage. „Hier fehlt etwas!“ darf ruhig angesagt werden und zur Not auch mit Verweis auf den Text.
  • Einstieg wirklich nur als kurzen Problemaufwurf sehen. Nicht hier schon ins Diskutieren kommen. Lieber später darauf zurückkommen, als anfangs mit herumrudern Zeit zu verlieren.
  • Formal im Entwurf: Minimalziel und Maximalziel der Stunde formulieren. Gerade wenn es einen großen Vertiefungsbereich gibt, der unterschiedliche Ergebnisse bringen kann, das ausformulieren, was minimal dabei für alle herausgekommen sein sollte und was maximal alles erreicht werden könnte.

Da es ja nun der dritte UB gewesen war, konnte ich auch nach einer Bewertung unter Examensbedingungen fragen. Zwischen 2 und 3 sah mein Fachleiter die Stunde. Formal gäbe es nicht viel zu beanstanden; meine Arbeitsblätter wären gut, der Entwurf sehr ansprechend, die Formulierungen geschärft und treffend. Die Kritik, die bisher geäußert worden wäre, würde sich viel auf das Handwerkszeug beziehen, das erst mit Übung kommen könnte und nicht bei den Grundlagen ansetzen müssen. Im Nachhinein hörte ich dann von Herr König, dass auch der schlechte Eindruck, den ich beim zweiten UB in Geschichte bei meinem Schulleiter hinterlassen haben musste, ausgebessert worden sei. „Ich wäre viel zu perfektionistisch und würde mir Sorgen um Kleinigkeiten machen.“ hätte er wohl zu ihm nach der Stunde und der Nachbesprechung gesagt. Sowohl mein Fachleiter, als auch der Schulleiter, wie auch Herr König schlossen das Gespräch damit, dass man da noch einiges von mir erwarten würde und sich sicher wäre, dass ich das auch schaffe.

… Bloß kein Druck! >.<

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3 Kommentare zu „3. UB Philosophie

  1. Respekt. Echt nicht leicht. Das Thema nicht und sowieso dieses unter Beobachtung arbeiten… mag ich selbst nicht. Wahnsinn! Danke fürs Teilen!

    1. Ich würde ehrlich gesagt gerne mehr unter Beobachtung arbeiten, da ich nur so die Fehler finde, die mir im Examen dann angelastet werden dürften. Wenn man am Anfang jetzt so viel alleine gelassen wird, schleift sich direkt einiges ein, was man dann schlechter wieder korrigieren kann. Natürlich ist das auch Druck, aber gerade die anderen Fachlehrer hätte ich gerne öfter dabei. Die Ausbildungssituation in Philo an meiner Schule habe ich ja bereits mehrfach angesprochen, ich bin ganz froh, dass ich jetzt immerhin regelmäßig bei Herr König mitgehen können werde.

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