Veröffentlicht in Planung, Referendariat

Update: Die zweite Hälfte der Ausbildung hat begonnen

Meine Beitragsrate ist die letzten zwei Monate so ziemlich in den Keller gerutscht. Es war alles etwas viel und mein Elan hat sich auch zurückgezogen. Kein Unterricht wurde hier mehr reflektiert, keine regelmäßigen Beiträge zum Stand der Ausbildung und viele interessante Nebensächlichkeiten sind auch unbemerkt vorbeigeflogen. Dabei ist eigentlich wirklich viel passiert. Vor allem Privat, aber das belasse ich an dieser Stelle doch auch lieber da 😉 Was meinen Arbeitsalltag angeht, so werden die zwei Wochen Urlaub, die mein Mann wegen seiner Überstunden noch ‚ableisten‘ muss, wohl dazu führen, dass ich den Luxus genießen kann, in ein sauberes, aufgeräumtes und warmes Haus heimzukommen. In Stressphasen ist es hier nämlich immer ziemlich … chaotisch, umfeldtechnisch gesprochen.

Pünktlich zum Jahreswechsel hat die zweite Hälfte meiner Ausbildung bekommen. Über die Zwischennoten hatte ich immerhin schon ein paar Worte verloren und ich stehe nun ziemlich mittelprächtig da. Drei in Geschichte, Zwei in Philosophie, alles mit ‚Tendenz nach oben‘ … aber das muss man ja erstmal auch liefern. Rückschläge sollten sich jetzt ‚im Rahmen‘ halten, was auch immer das heißen mag.

Nach der eher mittelprächtigen Ausbildungssituation in Philosophie im vergangenen Halbjahr, fängt dieselbe jetzt wieder genauso bescheiden an, wie sie aufgehört hat. Philip hat sich den 11er LK gekrallt, will dort Examen machen und alle anderen Kurse liegen entweder nicht in meinen Stundenplan-Lücken und sind somit für mich unerreichbar oder werden von Herr Drüppert gegeben. Joa … also wieder kein Philosophie Ausbildungsunterricht. Werde ich alles schon irgendwie schaffen, wer muss schon ausgebildet werden?! Also echt, Ansprüche haben die Referendare heute …

Der nächste Termin ist somit der 24. März an dem ich, mal wieder in meinem BdU ohne betreuenden Lehrer dabei, den vierten UB in Philosophie absolvieren werde. Es handelt sich hier um meinen neuen 9er Philo Kurs (in praktischer Philosophie also), den ich von Philip übernommen habe. Bisher hatten wir vier Stunden und ich denke, dass hier ein guter Punkt ist, um in meine Unterrichtsreflektion wieder einzusteigen.


Eingestiegen sind wir erstmal mit der Frage, ob sie das alte Thema weiterführen wollten oder ob wir etwas Neues machen sollten. Sie stimmten einheitlich für ein neues Thema, was mich wenig überraschte, da sie vorher Logik und Co in Bezug auf Wissenstheorie gemacht hatten. Etwas … über ihre Köpfe hinweg. Ich hatte mir ein etwas alltags-praktischeres Thema überlegt und wollte ethische Urteile behandeln. Also kramte ich meinen kleinen Lautsprecher hervor (die Dinger sind so praktisch, beschallen einen kompletten Klassenraum, sind Handteller groß, verbinden sich mit allem über Bluetooth und kosten gerade mal 10 €) und ließ zur Einstimmung „Lasse redn“ von den Ärzten durch das Klassenzimmer tönen. Offensichtlich noch nicht zu alt oder zu ‚uncool‘, da eifrig mitgewippt und über den Text gestaunt wurde. Einstieg geglückt und Motivation gefunden, nächster Schritt.

Ja, ich habe darauf hin die furchtbare Frage gestellt: „Und, was ist unser Thema?“ Mache ich nächstes Mal nicht mehr, etwas praktischer darf es dann doch sein, aber es rutscht einem manchmal einfach so raus. Natürlich kamen sie auf ‚Gerüchte‘ und eine hatte sogar die Arbeitsblattüberschrift gelesen und meinte „Ethisch urteilen!“ Ich fragte schmunzelnd nach, wie sie denn nun DARAUF gekommen wäre, lobte aber gleichzeitig die Beobachtungsgabe und den Blick fürs Detail. 😉

Als erstes sollten sie sich dann mit dem Inhalt des Liedes beschäftigen. Die Aufgabenart mit dem farbigen Markieren der einzelnen Inhalte habe ich aus dem Deutschunterricht übernommen. Blau für alle Ereignisse oder Handlungen, die Gerede hervorgerufen haben, Rot für die Gründe fürs Gerede und Grün für Ratschläge. An der Stelle konnte ich gleich beobachten, dass der Kurs ein relativ einheitliches Arbeitstempo hatte. Wir trugen alles zusammen und sammelten noch Ideen über den Liedinhalt hinaus an der Tafel. Dann ging es in die Analyse über; die Schüler sollten auf dem zweiten Teil des Arbeitsblattes überlegen, woher die Leute eigentlich ihre Meinung haben, ob ihnen selber schon einmal so etwas passiert ist und auch welche Folgen so viel Gerede haben könnte.

Auch hier sehe ich Verbesserungspotenzial. Den ersten Punkt hatte ich unbeabsichtigt vorher schon gefangen in der freien Phase zu diskutieren, wir waren da irgendwie ‚reingerutscht‘. Also konnten die Kinder es einfach reproduzieren. Die Frage nach eigenen Erlebnissen war schwierig. Es wollte sich keine richtige Diskussion einstellen, da sie doch noch etwas schüchtern waren und so offen nicht sprechen konnten und wollten. Also wurden zwei oder drei Erlebnisse ‚von Freunden‘ angesprochen und ich leitete zum letzten Punkt über. Ich denke, dass es helfen könnte mit eigenen Erlebnissen anzufangen. In dem Moment hatte ich nur nicht geschaltet und zu sehr die Atmosphäre aus meinen alten 9er Geschichtskurs vorausgesetzt, aus dem immerhin nun noch fünf Leute im Philokurs sitzen. Allerdings ist der Rest aus den anderen 9er Klassen zusammengewürfelt, weswegen auch die Dynamik im Kurs natürlich anders ist. Beziehungsarbeit ist angesagt.

Die Ergebnisse für die letzte Frage waren allerdings wieder sehr gut. Sie kamen ganz von alleine auf das Thema Mobbing und sprachen von Auswirkungen bis zur Depression oder starkem körperlichen und seelischen Leiden, wenn man so von anderen angegangen wird. Auch das Problem, dass man gegen Gerüchte ja kaum ankommt, wurde richtig erkannt. Für die Abschließende Diskussion griff ich auf bildlichen Input zurück. Das Bild von Weber passt für dieses Thema ganz hervorragend.

weber-1
http://www.mpg-trier.de/d4/main/madmax/m26/weber.htm

Was bei dieser Art des Zugangs zum Thema sehr positiv auffiel, war die breite Masse, die ich durch den Impuls ansprechen konnte. Einer meiner 9er ist Jori, er ist nun das zweite Jahr in Deutschland, hat sich in seinem ersten Jahr so gut eingelebt, dass er tatsächlich schon so weit ist, dass er wirkliche Noten dieses Halbjahr bekommen wird und fiel mir im 9er Geschichtskurs bereits positiv durch seine unglaublich fröhliche und positive Art auf. Manchmal etwas zu aufgekratzt, aber insgesamt sehr sympathisch. Er blühte in der Stunde geradezu auf und erzählte mir hinterher, dass er sich das erste Mal so gut hatte beteiligen können.  Ich hatte mir leider im Vorfeld nicht bewusst Gedanken zu seinem Zugang zum Bereich Binnendifferenzierung und Heterogenität gemacht und war nun sehr überrascht, als ich zufällig über so eine passende Methode gestolpert war, die ihn nachhaltig einband. Ich nahm mir vor hierauf nun besser zu achten.

Das Ergebnis der ersten Doppelstunde war also, dass allen bewusst geworden war, dass man bei Dingen die man erzählt vorsichtig sein muss, dass sich Gesprochenes sehr schnell verbreitet, besonders wenn es etwas ‚Spannendes‘ ist; dass es sich oft verändert dabei und dass man es gar nicht mehr so schnell aus der Welt schaffen kann, wie es von einem Ohr zum nächsten geht. Die Figur selber mit ihren dicken Gläsern wurde als ‚blind für die Wahrheit‘ interpretiert, jedoch mit ‚alleshörenden Ohren und einem großen Mund, der alles weitererzählt‘. Und dass man, würde man das Gerücht tatsächlich aus der Welt schaffen wollen, zu allen einzeln hingehen müsste, die da zum Gerücht dazu gehören, und jedem einzeln erklären, was ‚wirklich passiert ist‘, damit es wieder verschwindet. Und das wäre unmöglich.


Gestern hatten wir dann unsere zweite Sitzung. Gerade am Abend vorher im Fachseminar, war mir einmal mehr vor Augen geführt worden, dass man den praktischen Gehalt der Stunden für die Mittelstufe nicht aus den Augen verlieren sollte. Ich hatte mich also für eher durch ‚Lernen durch Erleben‘ Stunden entschieden, als etwas theoretisches anzufangen. Wie verdeutlicht man am Besten, dass ‚Hörensagen‘ sehr schnell zur Veränderung von Inhalt und Kontext führen kann? Ich entschied mich für praktische Simulation am Schüler-Objekt.

Die Schüler teilten sich, nach einer kurzen Wiederholungsphase, in zwei Gruppen ein und bestimmten pro Gruppe drei Leute, die ‚vorführen‘ sollten. Unter den dreien wurde eine Reihenfolge festgelegt und Nr. 2+3 verließen den Raum. Nr. 1 zog blind ein Bild, welches dann für Nr. 2 beschrieben werden sollte. Nr. 2 hörte zu und beschrieb das Bild dann für Nr. 3, wo es schließlich wieder aufgemalt wurde.

Das waren die Ergebnisse für den ersten Durchgang. Die sehr simple Form der Sonne war weniger das Problem, wobei hier versucht wurde das Attribut ‚hell‘ mitzutransportieren. Ganz anders sah es aber bereits bei dem Dreieck-Männchen aus, wo die unzureichend detaillierten Informationen zu der falschen Anordnung der Dreiecke führten. Bei der Analyse der Ergebnisse wurden dann Stimmen laut, die meinten, dass man es ja viel besser gemacht hätte, wenn man vorher gewusst hätte, worauf es hinaus läuft. Darauf hatte ich gewartet und wir starteten einen neuen Versuch.

Und ja, natürlich klappte es trotz der wesentlich komplexeren Bilder besser. Die Schüler waren auch mit sehr viel Eifer dabei und versuchten jedes kleine Detail zu nennen und den anderen möglichst eindrücklich zu beschreiben. Mit etwas mehr Übung hätten sie die Bilder sicher genau reproduziert, da diese aber natürlich fehlte, kam keiner darauf, die genauen Positionen der Formen mit einzubeziehen oder sonst auf die wirklich kleinen Details zu achten. Auch wurde schnell klar, dass in alltäglichen Situationen niemand so sehr darauf achtet, was er weitererzählt. Sie bezogen diese Übung auf unser eigentliches Thema der Gerüchte und stellten fest, dass es sicher mit Worten noch einmal schwieriger werden würde, als bei Bildern. Außerdem war klar geworden, dass manche Änderungen einfach unabsichtlich passiert waren, da man Informationen vergessen hatte oder nicht bedachte, dass sie für die originalgetreue Wiedergabe wichtig sein könnten.

Im dritten Schritt ging es dann um die Wiedergabe von Worten und wir teilten die zwei großen Gruppen in drei kleinere ein, in denen jeweils 4 Leute (einmal 6) eine Geschichte auf die vorher bekannte Weise weitererzählen sollten.

BPS18022017_0005.jpgHier ging natürlich einiges durcheinander. Besonders die Namen wurden verwechselt, ausgelassen oder willkürlich geändert. So kam es, dass man nur drei Kinder fangen spielten, aus Martin und Claudia Klaus und Claudia oder Paul und Anna wurden, Frau Meier zu Frau Müller mutierte und so weiter. Was dann hängen blieb, konnte man in folgende Kategorien einordnen:

  • besondere Ausdrücke (‚Fein säuberlich‘)
  • interessante Ereignisse (von der Schaukel gefallen)
  • Sorge / (Schaden-) Freude
  • Verknüpfung mit eigenen Erlebnisse (Schaukeln und Äste erreichen)
  • bildliche Vorstellungen (Glas mit Kieseln)

Abschließend sollten die Schüler überlegen, was für Gerüchte wohl aus der Geschichte entstehen könnten. Die Vorschläge waren, dass Martin Claudia von der Schaukel geschubst hat oder dass die vier fangenspielenden Kinder so wild waren, dass sie Jonas umgerannt hätten, weswegen nur seine ganzen Kiesel verstreut waren. Sie waren erstaunt wie leicht es ihnen fiel, aus der eigentlich normalen Geschichte ein Gerücht zu zaubern und überlegten weiter, dass Martin schnell als ‚der Böse‘ dastehen könnte, wenn es keine weiteren Informationen geben würde.

An der Stelle machte ich an die Stunde einen Haken und führte noch etwas Theorie ein. Um die Kommunikationssituationen besser einschätzen und analysieren zu können, erklärte ich die Begriffe ‚deskriptiv‘ und ’normativ‘. Die Schüler sollten hierzu dann einmal Sätze einordnen und durch Begründung erschließen, warum der jeweilige Satz eher beschreibend oder wertend gesehen werden konnte.

deskriptiv normativ.PNG

Das lief besser als erst erwartet. Die Schüler konnten nach kurzer Zeit sehr gut bestimmen, was in welche Kategorie fiel. Wir hielten fest, dass normative Aussagen vor allem durch Wörter wie ‚müssen, sollen‘ identifizierbar sind, Konjunktive enthalten und eine Wertung (z.B. leider) ausdrücken. Deskriptiv dagegen ist überprüfbar, auf Studien gestützt oder basiert auf Fakten.

Das Ende der Stunde war etwas abrupt und hat für die Schüler wenig Sinn im Zusammenhang gemacht. Ich werde mir da noch etwas einfallen lassen müssen, wie ich das in der nächsten Stunde weiterführe. Dafür, dass ich bisher kaum Zeit hatte, mich um den Kurs ‚inhaltlich‘ zu kümmern, ist das Ergebnis aber ok, wenn es auch sicher besser sein könnte. Die Motivation ist recht hoch und die Atmosphäre trotz der kurzen Zeit schon sehr gut. Was daran liegen könnte, dass ich die meisten Schüler als vorherigen Kursen schon kenne. (Mein Geschichtskurs und der Ausbildungsunterricht bei Ian in seiner neunten Klasse.) Ich werde versuchen die Fortschritte hier weiter festzuhalten.

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6 Kommentare zu „Update: Die zweite Hälfte der Ausbildung hat begonnen

  1. Ich habe mittlerweile recht viel auf deinem Blog gelesen. Ich finde es toll mit welcher Ausdauer du deinen Unterricht reflektierst. In der Schule fand ich Geschichte echt nicht gut. Ich denke, dass ich bei dir mehr Spaß an dem Fach gehabt hätte. 🙂
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag,
    Maryme

    1. Das ist nett. Sowas will man natürlich hören 😉

      Ich habe es ja leide sehr schleifen lassen und gerade fürs Examen brauche ich das Reflexionsvermögen. Somit werde ich versuchen hier wieder etwas mehr zu hinterlassen. Ich bin aus meinem Motivationstief glaube ich auch etwas raus.

  2. Willkommen zurück. Hab deine Beiträge schon vermisst. Aber während des Referendariats ist es wirklich schwierig, ein vernünftiges Zeitmanagement hinzubekommen. Da muss man hin und wieder Abstriche machen, das ist dann der geliebte Blog. Aber schön, dass du wieder Zeit zum Reflektieren hast. LG Ela☕

    1. Schön wenn man bei der Fülle von Blogbeiträgen tatsächlich aufgefallen ist 🙂 Ein paar Wochen kam ich tatsächlich nicht mal hier zum Nachlesen. Den Punkt haben aber wahrscheinliche alle im Ref mal schätze ich.

      1. Ja sicher, aber auch nach vielen Jahren im Berufsleben gibt es auch für die gestandenen Lehrer Zeiten, in denen außer schulischen Belangen nichts mehr geht am PC.

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