Veröffentlicht in Alltag, Lehrer, Referendariat

Großes und Kleines nebenher

Auch wenn ich schon wieder etwas mit den Reflektionen hinterher hänge, es gibt auch außerhalb des reinen Planens einiges zu berichten, was ich hier einmal zusammentragen möchte.


Gestern lief die erste Examensprüfung an unserer Schule in dem Turnus. Eine Mit-Geschichtsreferendarin musste sich durch den Tag quälen und ich kam erst heute dazu, nach dem Ergebnis zu fragen. Alles war soweit gut gelaufen, dass sie bestanden hat. Mich interessierte natürlich wie sich der Geschichtsfachleiter geschlagen hatte und die bisher nur auf Gerüchtestatus basierenden Informationen, dass er sich bei Diskussionen nicht Zugunsten des Prüflings durchsetzen könnte, wurden bestätigt.

Einer der Mitglieder der Examenskommission war ebenfalls Geschichtslehrer und er hatte einiges an der Stunde auszusetzen gehabt. Weswegen sie mit 4 benotet wurde. Obwohl der Fachleiter hierzu eine andere Meinung hatte, erschien er während der Prüfung kaum präsent zu sein. Er entschuldigte sich danach zwar bei der Referendarin, aber das hilft dann ja auch wenig. Meine Entscheidung mit meinem Philo-Fachleiter ins Examen zu gehen steht nun zu 100% fest.


Erstmals hatte ich auch mehrere Situationen, in denen ich das Gefühl hatte die ‚Hackordnung‘ zu spüren zu bekommen. Über angeschimmelte Kaffeetassen auf meinem Platz im Lehrerzimmer hatte ich mich ja schon einmal beschwer. Ab und an räume ich immer noch angebissene Hotdogs, altes Geschirr und diversen Müll weg.

Nun bin ich aber innerhalb von wenigen Tagen zweimal aus meinem Raum vertrieben worden. Beide Male von Herr König. Beim ersten Mal musste ich mich meiner EF aus dem offiziellen Philo-Raum weichen, weil er nicht genau nachgeschaut hatte und nun davon ausging, dass er eh in seinem angestammten Raum unterrichten würde. Und das Equipment dort bräuchte. Das zweite Mal schickte er mich aus dem Computerraum, weil er mit einem anderen Lehrer abgesprochen hatte, dass er den benutzen könnte.

Nun ist es so, dass wir ein Raumbuchungssystem haben und ich mir absolut sicher bin, dass ich meinen Kurs dort eingetragen hatte. Absolut – 100% – sicher. Wir schauten kurz im Netz nach und meine für 4 Stunden in Folge eingetragene Reservierung war verschwunden.  Alle Räume belegt. Zähneknirschend zog ich zum Kursraum ab und die Schüler improvisierten mit ihren Handys. Joa … so ist das dann wohl. Diskutiert wurde nicht – mein Kurs musste wieder weichen.


Ich habe ‚meine‘ 9er wiedergesehen. Der Geschichtskurs, den ich von Herr Drüppert Anfang des Schuljahres „übernommen“ hatte und mit dem ich so gut zurecht kam. Meine Lieblingsklasse im letzten Halbjahr. Diese musste ich bei der Umverteilung des Stundenplans nun leider abgeben. Wir trennten uns nur schweren Herzens voneinander und dann bekam ich heute die Gelegenheit sie wieder zu sehen. Der neue Lehrer, den ich den Tag noch gesehen hatte, war plötzlich krank und ich sah nach der 4. Stunde auf dem Vertretungsplan unvermutet meinen Namen prangen. Aus früher nach Hause wurde also nichts, obwohl meine Geschichtsstunden vom Nachmittag in der 6. Klasse auf den nächsten Tag in die 1. und 2. Stunde verlegt worden waren. Pech gehabt.

Also ging ich zum Fach und erwartete Aufgabenzettel, einen kurzen Brief mit Infos zum aktuellen Plan der Klasse … irgendwas zu finden. Nichts. Ich runzelte etwas angefressen die Stirn. Keine Materialien dabei, keine Ahnung wo die Klasse inhaltlich steht und somit total unvorbereitet für die Stunde. Hmpf. Als ich dann vor den Kindern stand, wurde ich freudig begrüßt und mehrere warfen ein: „Aber heute spielen wir jetzt mal Spiele!“ Ich schmunzelte und meinte nur, dass sie doch wüssten, dass ich Unterricht machen würde.

„Wo seid ihr denn gerade?“

„Wir haben keinen Unterricht!“

*Stirnrunzeln meinerseits* „Wie jetzt … natürlich habt ihr Geschichtsunterricht!“

*vehementes Kopfschütteln* „Nein! Wir hatten nur zwei Stunden oder so, der ist immer nicht da.“ (Das Halbjahr läuft seit vier Wochen.)

Ich verkniff mir einen Kommentar dazu und fragte weiter: „Also habt ihr doch was gemacht! Was war denn das Thema?“

„Nachkriegszeit … NS und wie das aufgenommen wurde … ein Zeitstrahl … „

Ich war kurz sprachlos. Wir hatten so gut gearbeitet und ich hatte sie bis zum zweiten Weltkrieg gebracht – und nun wurde der einfach übergangen?! Ein Schüler hatte mir die Seite im Buch gezeigt (‚Die Welt nach 1945‘ war die Überschrift) und eine andere Schülerin sagte mir, dass sie wohl fünf Seiten für den Zeitstrahl zusammengefasst hatten; in einer Stunde. Man merkte mir meinen Unmut an.

„Bei Ihnen war das viel besser!“ – „Das war voll spannend, jetzt ist es komisch.“ – „Jetzt haben wir gar keine Geschichte mehr!“ – Romina: „Der mag mich nicht! Der guckt immer so komisch.“

Ich ignorierte die abwertenden Kommentare über den Kollegen, dazu sollte man sich wirklich nicht äußern, und ging auf Romina ein.

„Das liegt an der Haarfarbe.“ schmunzelte ich. „Da kann man nicht drüber hinwegsehen.“ Sie hatte die Haare inzwischen lila und sogar die Augenbrauen passend eingefärbt.

„Gar nicht, da waren sie noch rot.“ schmollte sie mit Augenzwinkern.

„Wenn ihr euch noch nicht so oft gesehen habt, dann weißt du doch noch gar nicht, ob er dich mag oder nicht.“ versuchte ich zu retten und ließ mir das Heft einer Schülerin geben. Aber ich fand einfach keinen Ansatzpunkt. Die Verträge nach ’45? Besatzungszonen? Einen ‚kurzen‘ Überblick über den 2. Weltkrieg gibt man nicht in einer Stunde. Schweren Herzens ließ ich mich breitschlagen.

„Gut, dann spielt die Stunde.“

„Das ist die erste Spielstunde bei Ihnen!“ wurde gejubelt und sie stürzten sich in hitzige Tabu Runden.

Es war das erste Mal, dass ich merkte, wie besitzergreifend man bei dem Thema werden kann. Ich will dem Kollegen nichts unterstellen, aber ich bin schon etwas frustriert, dass meine Vorarbeit nun anscheinend so zu verpuffen scheint.  Und es tut mir für die Schüler leid. Sie waren so engagiert und wissbegierig und wenn sie nun ’semioptimalen‘ Unterricht erhalten sollten und das Interesse erliegt? Ist einfach schade.


Aus der Kategorie „Wenn die Schüler ein Brett vorm Kopf haben“

Meine EF in Philosophie ist im Moment nicht sooo motiviert. Wir brauchten sehr, sehr lange um ein paar Texte zu besprechen. Dieselben sollten von ihnen einmal im Gedankengang dargestellt, zentrale These und die passenden Argumente aufgelistet und die Folgen fürs Handeln erklärt werden. Und es dauerte … und dauerte … bis letztlich nach fast 4 Unterrichtsstunden die drei Positionen (nicht mal eine A5 Seite im Umfang) erarbeitet waren.

Mittendrin passierte Folgendes:

„Miss Phye, zu der These in dem Text von Spaemann gibt es keine Argumente.“

Ich runzelte die Stirn und warf noch einmal einen Blick hinein. Warum fanden die Schüler ausgerechnet für den gut strukturierten Text nichts heraus? Er hatte ihn ja sogar mit ‚erstens‘ und ‚zweitens‘ selbst unterteilt und sogar beim Beispiel ein ’nehmen wir zum Beispiel …‘ angefügt.

„Was ist denn eure These?“ murmelte ich beim Überfliegen.

„Jeder sollte der in seiner Gesellschaft herrschenden Moral folgen.“ las mir jemand vor. Ich verspürte den Drang mir und ihnen vor die Stirn zu schlagen.

„Uhm-hm. Und warum genau denkt ihr, dass das Spaemanns These ist?“

„Na, er sagt ja selbst dass das die These ist!“

„Uhm-hm. Ist euch da nichts aufgefallen?“

Ratlose Gesichter. „Guckt nochmal genau hin.“

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Robert Spaemann, Moralische Grundbegriffe, 1999.

Schweigen  und Verwirrung.

„Da stehen Anführungszeichen.“

Immer noch Schweigen.

Mit hörbarem Augenrollen versuchte ich es erneut. „WANN benutzt ihr in euren Texten Anführungszeichen?!“

„Wenn wir etwas zitieren …?“

„A-HA! Und wer hat das was ihr zitiert gesagt?“

Zögerlich: „Jemand … anderes … ?“ (-> Warum müssen die Schüler immer ins halb Fragen halb Antworten verfallen in den Situationen? ^.^)

„RICHTIG! Ist das also Spaemanns These, wenn er sie in seinem Text in Anführungszeichen setzt?!!“

„Äh … neeee.“

Das passierte in der Stunde noch 4 weitere Male; in jeder der Gruppen wurde ich genau das Gleiche gefragt … *seufz*


Ja ja … so ist das 😉

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5 Kommentare zu „Großes und Kleines nebenher

  1. Ach, du machst DEN Spaemann-Text. Dabei ist der so schön greifbar und plausibel und bietet so viel schönen Diskussionsstoff, ist zudem didaktisch ganz toll, um Argumentationsfiguren zu zeigen … SuS sind manchmal solche Banausen. Mein Mitgefühl. 😀

    1. Ich erwarte gar nicht, dass sie in Ehrfurcht vor jedem größeren und kleineren Namen der philosophischen Tradition erstarren. Aber Texterschließungskompetenz sollte nun doch vorhanden sein. Da rolle ich dann auch ganz ungeniert die Augen gegenüber Schülern 😀

      1. Ich halte S. noch nicht einmal für einen großen oder kleinen Namen der Tradition. Aber der Text zeichnet sich durch solch eine Zugänglichkeit aus, dass ich wohl nicht gerollt hätte, sondern in Tränen ausgebrochen wäre. 😊

      2. Wenn sie meine Textauswahl doch auch so schätzen könnten *seufz* Ich nehme solche Schnitzer lieber mit Humor; es wäre sonst zu deprimierend.

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