Veröffentlicht in BdU, Planung, Referendariat

(Moralisch) Bewerten, aber wie?

Meine 9er in Philosophie mussten diese Woche einmal ohne mich auskommen, da ich leider am Freitag – einmal mehr – vor Magen-Darm die Segel streichen musste und den Tag komplett im Bett verschlafen habe. Das wirft mich in meiner Planung etwas zurück, da dies der Kurs ist, in dem mein 4. UB stattfinden wird. Wo stehen wir nun also? Die Einstiegsstunden hatte ich hier beschrieben.

Nach einer kurzen mündlichen Zusammenfassung der vorherigen Stunde, bekamen die Schüler dieses Arbeitsblatt zur Wiederholung der Begriffe. Sie sollten zuordnen, um welche Form der Aussagen es sich jeweils handelt.

05_AB deskriptiv präskriptiv normativ.jpg

 

Das klappte relativ gut, viele fanden die unterschiedlichen Konnotationen in den Aussagen und ordneten richtig zu, dass es nicht immer eindeutig zuzuweisen ist.

Wie alltäglich diese Missverständnisse sein können und wie uneindeutig wir selbst manchmal in unseren Aussagen sind, sollten sie in der nächsten Aufgabe herausfinden. Ich legte ihnen folgenden Wortkasten auf, dessen Funktion alle noch aus der Grundschule kannten: Sie sollten eine Geschichte aus den Wörtern schreiben.

folie geschichte.PNGDie Aufgabe stieß auf sehr viel mehr Zustimmung, als ich erwartet hatte. Sie schrieben alle gerne und die eigentlich eingeplanten 15 Minuten wurden zu fast 30, bis alle ihr Werk soweit vollendet hatten, dass sie damit zufrieden waren. Die Zeitplanung war zu knapp gewesen, was mir beim Schreibprozess gleich auffiel, weswegen ich allen, die tatsächlich in der geplanten Zeit fertig geworden waren, direkt die Aufgabe gab, die eigene Geschichte einmal auf beschreibende und wertende Sätze hin zu untersuchen.

Was mich besonders freute war, dass Jori, der als Flüchtling vor knapp zwei Jahren hierher gekommen war, sich auch eifrig mit an die Arbeit machte. Ich sagte ihm, dass er sich 5-6 Wörter heraussuchen soll und damit seine Geschichten schreiben. Das war für ihn Herausforderung genug, da es hier immer noch an Verbendungen und simpler Rechtschreibung haperte. Allerdings nahm er danach ebenso an der Austauschphase teil, wo die Tischnachbarn ihre Geschichten gegenseitig auf beschreibende und wertende Sätze hin kontrollierten.

Zur dritten Aufgabe kamen wir dann natürlich nicht mehr. Die Kinder hatten Geschichten über eine Seite geschrieben und die nun noch einmal umzuschreiben hätte zu viel Zeit beansprucht. Fürs nächste Mal nehme ich weniger Wörter und ein Limit für den Umfang. Wir hörten zwei Geschichten von denen, die sich trauten vorzulesen und sammelten dann die wertenden Sätze an der Tafel.

  • Es war kalt draußen.
  • Es war zum Glück nichts weiter passiert.
  • Gestern war ein total schrecklicher Tag.
  • Dadurch wurde es schon ein wenig besser.
  • Niemals hätte sie gedacht, dass der Unfall wegen Nico passiert ist.
  • Doch dieser Einhornschal war echt zu viel.
  • Er hatte wenig Blut und ist leider gestorben.

Sie sollte in diesen Sätzen die Wörter identifizieren, die sie zu Bewertungen machten und dann die Art von Bewertung nennen, die hier vorliegt. Das klappte ganz gut. Sie entdeckten Bewertungen auf Grund von Gefühl/Empfindungen, Einschätzungen, Wahrscheinlichkeiten und auch des Maßes.

Genau wie vorausgeahnt, hatte es jedoch wenig mit moralischen Wertungen zu tun, worauf die Stunde letztlich hinauslaufen sollte. Ich fragte sie also einmal nach ihrem Begriff von Moral, da ja auf dem Arbeitsblatt auch von (moralischen) Bewertungen gesprochen worden war. Warum stand das in Klammern und wo war der Unterschied zu den Bewertungen, die sie jetzt gefunden hatten?

Es kam natürlich „die Moral von der Geschichte …“, was sie als ‚Empfehlung‘ interpretierten und dann die Wörter ‚Lehre‘ und ‚Regeln‘, die für jeden gelten sollten. Bei den Regeln hakte ich ein und fragte, ob es denn nur Regeln bei Moral gäbe oder ob das Wort wieder mehrere Bezüge haben könnte.

Sie nannten nun Regeln in der Gesellschaft, so etwas wie Höflichkeit und Regeln, die ‚irgendwie wichtiger‘ sind, wie die die Sicherheit, Ordnung und Abläufe in Betrieben zum Beispiel betreffen. Dass es da einen Unterschied gibt, war soweit klar. Wir nannten die Regeln der Gesellschaft Moral und die in Betrieben Vorschriften. Was denn der Unterschied wäre, wollte ich wissen.

„In Betrieben wird bei Verstößen eine Strafe gegeben.“

„Hm, wenn ihr mal an das Lied am Anfang denkt … was passiert denn mit der Frau die einen zu kurzen Rock getragen hat. Wird die nicht ‚bestraft‘?“

„Doch, mit Verachtung.“

„Ist das keine Strafe?“

„Doch …“ Unsicheres Schweigen. Der Nächste versucht es: „Aber das ist ja eine ‚kreative‘ Strafe! Das steht ja nirgendwo, wie man das machen soll!“ – „Oh ja, so wie wenn Freunde sich streiten und einer den anderen nicht mehr mag. Niemand sagt einem, wie man den dann am Besten trifft, das denkt man sich aus.“

„Sehr gut, ihr habt gerade den entscheidenden Unterschied genannt. Was ist so anders an Vorschriften in Betrieben und deren Strafen im Gegensatz zur Moral in der Gesellschaft?“

„Dass man weiß, was man falsch gemacht hat? – Dass man sich die ausdenkt? – Dass die aufgeschrieben wurden?“ (<- Warum immer die Frage-Antworten … ^.^)

Leider war die Stunde da zu Ende und ich verschob die vertiefende Diskussion auf die nächste Woche. (In der ich ja nun krank war.) Insgesamt hat die Stunde leider nicht ganz so funktioniert, wie ich mir das gedacht hatte; der wichtige Punkt, der Unterschied zwischen allgemeinen Bewertungskriterien und den moralischen ist nicht deutlich geworden, da ich mich verkalkuliert hatte. Durch den Ausfall diese Woche, muss ich also am kommenden Freitag alles noch einmal aufrollen und dort wieder ansetzen. Am Besten wird wahrscheinlich sein, wenn ich ihre Antworten nochmal auf Folie ziehe, damit sie vor Augen haben, was wir als Ergebnisse die Stunde festhalten konnten. Danach die Woche ist schon der UB und ich bin sehr gespannt, wie der laufen wird und vor allem, was ich da genau machen werde. Das steht nämlich noch nicht wirklich fest.

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2 Kommentare zu „(Moralisch) Bewerten, aber wie?

    1. Das ist quasi Haupthandwerkszeug für die Praktische Philosophie in der Schule. Somit ist es ‚Pflicht‘ für die Schüler und die Lehrer. Ich muss mir jetzt noch ein gutes Ende für die Reihe einfallen lassen, damit es bei den Kindern auch wirklich bleibenden Eindruck hinterlässt und sie was Dauerhaftes mitnehmen.

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