Veröffentlicht in Fortbildung, Referendariat

Fachtag Geographie und Gesellschaftslehre

Ich habe mir die Zeit genommen und bin die doch beachtliche Strecke nach Münster gefahren, um ein wenig Material abzugreifen und mich in dem Bereich mal fortbilden zu lassen, in dem ich an einer Gesamtschule als Geschichtslehrer zu unterrichten hätte. Von Geographie/Erdkunde habe ich nämlich herzlich wenig Ahnung bisher.

Nach gut 1 1/2h kam ich an dem idyllischen Seehotel an, wo in zwei Sälen die Vorträge gehalten werden sollten. Angemeldet hatte ich mich zu einer Informationsveranstaltung zum neuen Sek I Buch für Erdkunde fürs Gymnasium und danach für die neue Version des Atlas. Vor allem mit dem Hintergedanken, dass ich diese Werke gerne mit nach Hause nehmen würde. Man bekommt ja tatsächlich so ziemlich alles kostenlos in die hand gedrückt. Und ein aktueller Atlas fehlte mir noch.

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Ausbeute – teilweise umsonst, teilweise stark reduziert.

 

Überzeugen konnte mich dann das Werk für die 5er in Erdkunde. Soweit es meine Fachkompetenz zu beurteilen zulässt, scheinen die Damen und Herren vom Verlag da eine Materialsammlung zusammengestellt zu haben, die gleichzeitig über binnendifferenzierende Arbeitsaufträge sowohl verschiedene Zugänge bezüglich Neigung, Tempo als auch Schwierigkeit andenkt, sowie interessante Zusatzaufgaben für die Schnelleren anbietet.

Hier einmal ein Beispiel:

BPS06052017_0001Schön operationalisierte Arbeitsaufträge, die alle dem gleichen Lernziel zuzuordnen sind mit vertiefenden Elementen oder eben im niedrigeren Anforderungsbereich verbleiben. Für die 5er ist es denke ich ansprechend gestaltet.

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Wirklich toll finde ich allerdings den Lehrerband dazu. Gerade wenn ich mir vorstelle, dass ich später fachfremd Erdkunde unterrichten müsste, wäre ich um eine solche Hilfestellung unglaublich dankbar.

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Die wichtigsten Infos direkt einmal zusammengefasst zum ersten Überblick. Beispiellösungen für die Aufgaben und Hintergrundinformationen zu den abgebildeten Materialien. Was ich allerdings noch nie in einem Lehrwerk gesehen habe, war das hier:

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Wie genial ist das denn bitte?! Ich meine, sicher, niemand sollte sich strikt an die Pläne eines anderen halten, man verändert ja immer hier und da etwas im Unterricht, auch an den eigenen Plänen, die man sich so macht, aber als Orientierungshilfe? Nehme ich; mit Kusshand!

Ein Mitrefi, dem ich kurz danach von dem Lehrerband erzählte, dämpfte die Euphorie etwas. Er meinte, das die meisten Lehrwerke für Geographie tatsächlich grobe Fehler aufweisen würden und nicht fachlich korrekt wären. Da muss ich dann aber sagen, dass ich fachlich ja nicht einmal ausgebildet bin, wenn man mich später auf die GL Schüler in der Gesamtschule loslassen sollte. Wie viel hinter der Vermittlung im Fach Erdkunde nämlich stecken kann, erfuhr ich dann bei dem fachwissenschaftlichen Vortrag, der den Tag abschloss.

Unglaublich welche Kombination an Wissen für Geographie nötig ist. Während ich zuhörte hatte ich das Gefühl, dass (sollte ich mich entscheiden nun noch ein Studium anzuschließen ^.^) mein Geschichtsstudium nur die Grundlage und Geographie quasi als Aufbaustudium anzusehen wäre.

Vorgestellt wurde uns die Globalisierung am Beispiel Myanmars. Wer jetzt Google Maps bemühen müsste, ist so schlau wie ich vorher war 😉

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Ich kann und werde den Vortrag nicht zusammenfassen, dazu fehlt mir die fachliche Kompetenz und das würde dem Thema nicht gerecht werden. Aber kurze Einblicke kann ich bieten. Die Professorin aus Köln, die sich nicht nur theoretisch mit den Vorgängen in diesem unbekannten Fleckchen Erde beschäftigt hat sondern auch zwei Jahre dort lebte und verschiedene Kursbesuche hinter sich hat, schaffte es jedoch, innerhalb von knapp 2h uns ein sehr erschreckendes Bild zu zeichnen.

Das Land ist teilweise noch gar nicht richtig erschlossen, was vor allem an den Ausläufern des Himalaya liegt, dessen Gebirgszüge Höhenunterschiede von tausenden von Metern in relativ dichten Gebietsflecken herstellen, die ein Durchqueren des Landes von Ost nach West beispielsweise fast unmöglich machen. Die Infrastruktur ist noch nicht gegeben, das was wir unter Straßen verstehen eine Seltenheit.

Sozial ist das Land nach viermaliger Herrschaft unter verschiedenen Kolonialherren (Indien, China, Großbritannien und Japan) politisch wohl ähnlich gefestigt, wie wir es von den afrikanischen Ländern kennen. Viele Probleme sind somit auch vergleichbar. Gerade letztes Jahr kam es erstmals zu demokratischen Wahlen, die eine Regierung einsetzten, die die vorherige Militärregierung ablöste. Vereint werden wollen hier aber eine derartige Vielzahl von Ethnien, dass eine veraltete und höchst ungenaue Schätzung noch aus der Zeit der Briten damals, mindestens ~150 ethische Gruppen identifizierte.

Telekommunikation gibt es auch erst seit kurzem, als eine norwegische Firma sich die Recht sicherte und nun Sim-Karten für 1,50€ zu erwerben sind, die vorher 1000,-€ gekostet haben. Und besonders unglaublich erschien ihre Schilderung der Entwicklung des Bankensystems. Das gab es nämlich bis vor kurzem noch nicht. Dann änderte sich das politische Programm, Beschlüsse wurden verabschiedet und (wörtlich) über Nacht standen die ersten Geldautomaten da.

Der Vortrag war sehr anekdotisch und es ging munter in der Art weiter. Das Bild was sich dann aber abzeichnete, war das eines sehr orientierungslosen Staates, der verzweifelt versucht im Spiel der großen internationalen Mächte einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Denn Myanmar hat eine unglaubliche Vielzahl an Bodenschätzen zu bieten. Und im Laufe der Jahrzehnte haben sich die großen Nachbarn auch bereits nach Myanmar ‚hereingegraben‘, was an den riesigen Tagebauwerken zu sehen ist.

Einige der zerstörerischen und durchweg unvorteilhaften Projekte konnte die Regierung stoppen (wohlgemerkt, stoppen, nicht abwehren – man liegt in ‚Lauerhaltung‘). Wie beispielsweise den Bau eines riesigen Staudamms im nordöstlichen Grenzgebiet zu China, der 90% der Energie an die Chinesen verteilt und nur 10% für Myanmar gelassen hätte. Aber vieles ist schon nicht mehr zu ändern. Wie die vielen bereits verkauften Landstrecken, die sich ausländische Investoren/Spekulanten bereits gesichert haben, um mit Erteilung der Genehmigungen dort das Land ‚zu erschließen‘. Häufig liegen diese Landstriche nur genau neben sich entwickelnden Dörfern, denen so jeder Platz zu natürlicher Entwicklung genommen wird.

Man steckt in der Falle – man braucht das ausländische Wissen und die Fachkompetenz; das eigene Bildungssystem steckt in den Kinderschuhen und um das vorhandene Potenzial ausbauen zu können, braucht man Fachleute. Die werden auch munter von japanischer oder chinesischer Seite angeboten … aber es gibt nun einmal nichts ohne Hintergedanken. Egal wohin sie sich in diesem Raum also wenden, die Myanmaren müssen mit einer ‚hidden agenda‘ hinter jedem einzelnen Angebot rechnen. Die Frage dabei ist: Gibt es eine Alternative?

Egal welche Großmacht sich bisher dort eingemischt hat, immer wird auch die eigene Ideologie und damit Vormachtstellung propagiert. Selbst die amerikanische Privatschule, die die Kinder der Vortragenden besuchten, da das örtliche Bildungsangebot keine Alternative darstellte, betrieb Bildungsimperialismus, der wohl einfach nur abschreckend wirkte.

Sehr bezeichnend fand ich ein einfaches Beispiel, dass die Lage des Landes gut beschrieb. Sie zeigte uns eine Straße. Das, was wir unter einer Straße verstehen würden; schwarzer Teer, breit genug um zwei LKWs darauf fahren zu lassen. Auf dieser Straße lagen zwei Baumstämme quer, die die Weiterfahrt verhinderten. Einige Meter weiter, verschwand diese Straße im dichten Unterholz um sich dann als Trampelpfad fortzusetzen. Das Bild war von jenseits der indischen Grenze nach Myanmar rein aufgenommen worden. Die Großen liegen in Warteposition und haben alle Vorbereitungen getroffen; es fehlt der Startschuss, dass sie sich auf machen können, dem unzivilisierten Land den Fortschritt zu bringen.

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4 Kommentare zu „Fachtag Geographie und Gesellschaftslehre

    1. Die sind so ein wenig wie eine Geschichtszeitschrift für Jüngere aufgebaut. Das Material zeigt alle wichtigen Aspekte für ein Thema, gibt Bearbeitungsvorschläge über Lückentexte, Kartenarbeit, Statistiken, Alltagsbeispiele, etc. aber alles recht oberflächlich. Für Wissensabfrage in die Richtung „Was kann ich schon? / Was habe ich alles behalten?“ funktioniert das sicher gut. Würde ich auf der Ebene Überblickswissen verorten. Und auf die Sek I ausgerichtet.

      1. Fand sie mittelmäßig gut. Beim vollen Preis wäre ich wahrscheinlich zu geizig gewesen ^.^ Kann dir ein paar Seiten einscannen und schicken, wenn du magst.

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