Veröffentlicht in Konstruktive Kritik, Prüfung, Referendariat

5. UB Philosophie

Tja, kaum zu glauben, wie sehr die Zeit manchmal rennen kann. Mein letzter Unterrichtsbesuch in Philosophie ist nun absolviert. Es war nervenaufreibend bis zum Schluss und die Stunde selber wird nicht gerade angenehmer, wenn man durch die ganze Theorie-Kundigkeit haarklein jede Stelle bemerkt, an der man einen Fehler macht und ihn TROTZDEM mit Bravour absolviert -.- Es besser wissen aber noch nicht können … das wird wohl die nächste Zeit Motto werden.

Was ist gestern also alles passiert? Wir haben uns daran gemacht die Demokratie abzuschaf … – nein, Moment, das war ein anderer UB in einem anderen Fach (so schlimm lief es glücklicherweise nicht). Wir haben das Widerstandsrecht gegen demokratische Entscheidungen besprochen. Oder besser: Die Schüler haben sich die Köpfe etwas heiß diskutiert, ich habe tatsächlich eine Stunde entworfen, in der ich die meiste Zeit außen vor war.

Nachdem ich die letzte Woche nur noch stundenweise geschlafen hatte, da neben dem vollen Stundenplan ja noch der Entwurf geschrieben werden wollte und ich wieder bis zum letzten Tag noch zusätzliche Ideen entwickelte, mit Herr König besprechen wollte und Mittwoch sogar nochmal alles um den Einstieg herum umwerfen musste, stand dann morgens um halb sechs am Tag vorm UB endlich die Stunde und das Material fest.

Eigentlich hatte ich mit einem kurzen Dialog aus Antigone einsteigen wollen, der von den Schülern gespielt werden sollte. Herr König überzeugte mich, dass es einfach zu viel Zeit brauchen würde und nicht genug Ertrag dafür brächte. Es fällt einem ja so schwer von einer einmal gefassten Idee abzuweichen. Besonders wenn das komplette Material dafür fertig ist und der Kommentar schon geschrieben. Ich gab dann aber nach und fand auch mein Bauchgefühl wieder, dass vorher aus den gleichen Gründen ebenfalls schon Bedenken angemeldet hatte. Man sollte öfter auf sein Bauchgefühl hören, auch wenn es zusätzliche Arbeit bereitet.

Morgens in der Schule überkam mich wieder die altbekannte ‚Ruhe vor dem Sturm‘. Wenn ich nichts mehr ändern kann, werde ich etwas fatalistischer was die Gemütslage angeht. Immer noch angespannt, aber … es wird sich dementsprechend entwickeln wie es das nun einmal auf Grund der Umstände kann. Ich bereitete den Raum vor (Materialien von der Korkwand entfernt, Tische und Stühle gerückt, gelüftet), schaute noch schnell über die Planung für die ersten zwei Stunden mit den 9ern, die wieder nur aus vorgegebenen Unterrichtsplanungen in den Praxisheften bestand – nahm mir bei der Gelegenheit vor, dass ich das kommende Thema für sie extra gut ausarbeiten würde – und machte mich auf zum Kopierer.

Wo natürlich ausgerechnet an diesem Tag der Notstand ausgebrochen war. Fünf Kollegen vor mir und ein Fachleiter, der natürlich den einzigen Folienkopierer benutzen musste um schwarz-weiß Kopien für sein neues Seminar in der Intensivwoche zu erstellen. Nicht dass wir dafür noch zwei weitere Kopierer haben … Aber hey, ich habe doch Zeit. Ich kam dann das erste mal vier Minuten zu spät zum Unterricht. Die Schüler sagten mir direkt, dass sie bereits überlegt hätten, ob ich krank wäre, weil ich immer überpünktlich wäre. Tja, so ist das.

Als ich dann aus dem Unterricht kam und ins Lehrerzimmer hechtete, wurde ich gleich mit den Worten: „Frau Tulpe sagte, dass die Leute schon seit 40 Minuten da sind und sie sie erstmal in den Raum gebracht hat. Die waren wohl alle zu früh.“ Gut, dass ich den Raum die ersten Stunden auch geblockt hatte, ich hatte mit so etwas gerechnet. Also schnappte ich mir alle Utensilien und marschierte in den Keller, wo mich die fünf Damen aus dem neuen Fachseminar und mein Fachleiter erwartungsvoll begrüßten. Es schlug mir sehr viel Dankbarkeit von den neuen Refis entgegen, dass sie sich einen 5. UB anschauen durften und noch mehr Wohlwollen meines Fachleiters, der den Tag mehrfach betonte, dass er mir das hoch anrechnen würde.

Gemeinsam ging es zum Unterrichtsraum, wo die Tische zurechtgerückt wurden und ich meine letzten Vorbereitungen traf. Allerdings wurde mir schon beim Ausbreiten meiner Unterlagen deutlich, dass es einfach alles viel zu viel war. Ich hatte eine ‚offene‘ Stunde vorbereitet und die Richtung, die am Schluss eingeschlagen werden würde, stand noch nicht fest. Somit hatte ich mich in alle möglich-denkbaren Richtungen versucht vorzubereiten. Noch bevor ich die Stunde gehalten hatte war eigentlich schon sicher, dass ich sie wahrscheinlich nicht gesichert würde abschließen können.

Der Gedankengang war es dann, der verhinderte, dass ich richtig ins Thema kam, weswegen ich den Einstieg verpatzte.

Brexit.PNG

Was nicht an den Schülern lag, die waren toll. Der LK hat sich die Stunde wirklich Mühe gegeben und sie nannten ALLES was wir in den Stunden vorher besprochen hatten. Egal wie unwichtig oder klein der Punkt gewesen war, sie verbanden ihn mit dem Problem vom Brexit.

  • Mehrheitsentscheidungen können sehr knapp ausfallen – Was ist also, wenn die Mehrheit nur hauchdünn ist? Greift das die Legitimität der Entscheidung an?
  • Problem mit Minderheiten in der Demokratie
  • Problem mit der Repräsentation von Minderheiten in der Demokratie
  • Problem des Entscheidungsfindungsprozesses
    • uninformierte Wähler
    • populistische Positionen
    • Lenkung der öffentlichen Meinung
  • Fremdbestimmung in der Demokratie – dürfen Mehrheiten über Minderheiten entscheiden?

Es kam so viel und so viel Gutes … und ich nehme die Frage und das Problem für die Stunde vorweg. *seufz* Anstatt die Schüler eine Problemfrage formulieren zu lassen und diese dann an die Tafel zu schreiben, fing ich an zu plappern und gab die Frage vor – ohne sie zu fixieren. Wenn man sich von außen beobachtet und merkt ‚was machst du da gerade?!‘, es dann aber schon zu spät ist … Der Schulleiter runzelte nur die Stirn, mein Fachleiter fing an schneller zu schreiben und Herr König schaute mich mit großen Augen an. Gut, hoffen wir einfach mal, dass das jetzt nicht im Examen passieren wird. Meist mache ich Fehler nur einmal in dem Umfang.

Nachdem ich also etwas von Autorität gemurmelt habe und die Frage stellte, ob man Mehrheitsentscheidungen immer Folge leisten müsse, leitete ich zur Erarbeitung über.

Moderationsfolie

Zum Glück fanden sich fast auf Anhieb zwei gleichgroße Gruppen zusammen, die jeweils eine der Positionen vertreten wollten, so dass wir nicht lange herumschieben mussten, um an die Arbeit zu kommen. Ich erklärte die Aufgaben, verteilte Plakate und Stifte und mein hochmotivierter Kurs stürzte sich in die Arbeit. Leider sah ich zu spät, dass Gruppe 1 den Arbeitsauftrag mit dem Begründen nicht genau genug genommen hatte. ‚Weil‘ Begründungen sind nun einmal nicht gerade das, was man von den Schülern, die vor zwei Wochen noch im Toulmin-Schema moralische Begründungen verfasst haben, erwartet. Da die erste Phase der Gruppenarbeit aber schon fast verstrichen war, kam meine Anweisung, die Begründungen doch bitte noch zu vertiefen zu spät. Das wurde von der zweiten Gruppe dann in der folgenden Kritik-Phase aber hervorragend aufgefangen, als sie genau die Schwachstelle der unausgeführten Begründungen aufgriffen und sie argumentativ ausweiteten.

Das Ergebnis sah dann so aus:

20170519_104608.jpg

Und spätestens an der Stelle war mir klar: Zu viel! Als ich dann in der dritten Phase zur Entscheidungsfindung aufrief, entspannte sich schnell eine Diskussion um die Rechtmäßigkeit der Mehrheitsentscheidung, wenn man damit der Minderheit Dinge vorschreiben würde. Ich konnte in der Diskussion zur Vertiefung anleiten, indem ich das Problem von Minderheiten, die auf Grund von einer speziellen Disposition zu Minderheiten geworden sind und deren Problem von keiner Mehrheit jemals geteilt und vielleicht nachvollzogen werden konnte, zur Diskussion stellte, wie es beispielweise bei Homosexuellen und deren Verfolgung in vielen Ländern gegeben ist. Was tut man, wenn man auf dem ’normalen Weg‘ (Position bekannt machen und eine Mehrheit für die eigenen Belange finden) keine Mehrheit für seine Sache gewinnen kann? Ewig in der Minderheit bleiben? Funktioniert das System beim Vorhandensein ‚ewiger Minderheiten‘ auch noch oder wären Entscheidungen damit nicht länger legitim?

Wir kamen also wie geplant bei der Frage nach der Legitimität von Mehrheitsbeschlüssen an, jedoch war ich an dem Punkt bereits so am Schwimmen, dass mein ‚Tafelbild‘ eher eine Stichwortsammlung wurde. Dadurch, dass wir ja auch keine Leitfrage zum Beantworten hatten, lief die Stunde dann bis zur letzten Minute so vor sich hin und es kam nicht zu der gewünschten ‚Runden Stunde‘, in der ein Problem vom Anfang wieder aufgegriffen und beantwortet werden konnte.

Was positiv gewesen ist: Die Vorbereiteten Impulse habe ich nicht gebraucht. Vor lauter Sorge, dass die Schüler sich in der Erarbeitung nicht auf wirkliche Probleme einigen können würden, hatte ich kleine Impulskarten vorbereitet. Problem hierbei ist immer, inwiefern man Ergebnisse vorweg nimmt oder vorschreibt, aber da es letztlich besser ist als sich in einer Erarbeitungsphase ohne Arbeit wiederzufinden … nun ja.

Impulse I

Impulse II

Hier sieht man nun auch, warum es so schwer war die Stunde vorauszuplanen. Es gab einfach so viele Ansatzpunkte, in die sich die Diskussion der Schüler entwickeln konnte, dass ich konstant das Gefühl gehabt hatte, dass ich die ganzen Probleme eigentlich gar nicht überschauen konnte. Das mein Fachleiter nun gerade das als großen Pluspunkt bei der Bewertung anlegte war wohl mein Glück, da es ja immer sehr individuell ist, wie man solche Ansätze einordnen.

So war er dann von der Stunde geradezu begeistert. Freie Diskussion, offener Meinungsaustausch, vertiefende Diskussion von den Schülern angestrebt, geleitet und stringent aufgegriffen, anlage der Stunde von der Methode her, Aufbau des Themas in der Reihe, Relevanz von philosophischen Positionen, Aushalten von Dissens bei einer alltagsrelevanten Fragestellung etc. etc. etc. Er hörte gar nicht mehr auf zu loben.

Da das neue Fachseminar auch bei der Nachbesprechung dabei war, verfielen sowohl er als auch ich immer wieder in Erläuterungen, während wir die Stunde reflektierten, aber insgesamt hat mich die Anwesenheit der ungewöhnlich vielen Gäste beim UB überraschend wenig gestört. Es fühlte sich sogar eigentlich recht befreiend an, dass man wusste, dass das Jahr nun größtenteils abgeleistet ist, die tatsächlich arbeitsreichen Strecken erst einmal weniger werden und man sich nun aufs Examen vorbereiten kann.

Trotzdem ist es wirklich beunruhigend, dass dies nun meine Ausbildung in Philosophie gewesen sein soll. Ich fühle mich einfach nicht gut vorbereitet. Alles in allem waren das nun viereinhalb Wochen Ausbildungsunterricht bis zum 5. UB. 4 1/2 Wochen! In zwölf Monaten …

Was das Examen angeht, so werde ich mit der Vornote 2 in die Prüfung gehen. Der Entwurf wäre eine 1, da gibt es nichts mehr zu beanstanden laut meines Fachleiters. (Die neuen Refis baten dann natürlich auch gleich um eine Kopie, die ich ihnen gerne zur Verfügung stellte.) Leider sind meine Leistungen im praktischen Bereich nicht auf dem Niveau, was mich zwar ärgert, aber es lässt sich nicht ändern. Noch weiß ich nicht genau, wie viel die Vornote nun tatsächlich in die Endnote eingerechnet wird, da muss ich mich noch einmal schlau machen. Und obwohl ich die Stunde als echten Drahtseilakt für meine Nerven einstufe, so legte mir mein Fachleiter doch sehr eindringlich nahe, dass ich das fürs Examen ins Auge fassen sollte. Schauen wir mal, ob ich den Mut zu einer offenen Diskussions-Examensstunde haben werde. ^.^

Advertisements

2 Kommentare zu „5. UB Philosophie

  1. Es ist immer spannend und interessant, von Ihrem Unterricht zu lesen.
    Ich bin jedoch heilfroh, diese Tortur der UBs schon vor Jahrzehnten verlassen haben zu können.

    1. Danke, spannend ist es auf jeden Fall immer ^.^ Ich denke auch, dass mir die Praxis später nicht fehlen wird, aber man weiß ja nie, was für merkwürdige Vorlieben sich aus diesen Situationen entwickeln 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s