Veröffentlicht in Ausbildungsunterricht, Konstruktive Kritik, Referendariat

Kollateralschäden – oder: Also in meiner Planung hat sich das noch ganz toll ‚gedacht‘!

Lernt man eigentlich tatsächlich dazu oder macht man die gleichen Fehler nur auf neue Art immer wieder nochmal im Ref? Das dachte ich mir gestern in der Doppelstunde bei Herr Rickward. Eigentlich sollten nur die USA in den ersten Weltkrieg einsteigen. Kann ja nicht so schwer sein, gell? Hmhm, falsch gedacht. Die Stunde wurde zur Nervenprobe, denn es passierte, was wirklich niemand hofft, dass es passiert: Die Stunde begann und ich merkte innerhalb der ersten 3 Minuten, dass ich sie besser anders geplant hätte >.<

Aber von vorne. Ich bin ja seit etwa drei Wochen bei Herr Rickward in der Q1 dabei und da dort auch mein letzter Geschichts-UB stattfinden soll, bin ich fleißig am Planen und am Werkeln. Und ich bin sehr froh, dass Herr Rickward da ist, der wirklich von allen Themen mal sowas von die Ahnung hat … ich erstarre nicht vor Ehrfurcht, aber ich bin schon meist neidisch, wie einfach ihm die Zusammenhänge und Verknüpfungspunkte geradezu aus der Tasche zu schlüpfen scheinen, während sie mit mir Katz und Maus spielen. Und er sieht tatsächlich gefühlt ALLES, was in den Stunden schief läuft. Und das war gestern in der Doppelstunde eine Menge *seufz* Immerhin, solche Stunden sind ja zum Lernen da. Und gelernt habe ich nun hoffentlich einiges aus den Fehlern.

Zum Einstieg hatte ich zwei Plakate von US-amerikanischer Seite von 1917 mitgebracht.

Meine Idee war gewesen, dass ich über die Tatsache der Rekrutierung und der Betonung der Ressourcen und deren kriegsentscheidender Rolle den Bogen zu der britischen Seeblockade und dem U-Boot-Krieg schlagen könnte, der letztlich (unter anderem) für den amerikanischen Eintritt in den Krieg entscheidend war. War ein wenig kompliziert gedacht, wie sich heraus stellte. An der Stelle merkte ich auch, dass ich eigentlich mit der amerikanischen Seite hätte anfangen müssen, da sich der U-Boot-Krieg aus Auslöser der Veränderung der Einstellung der Amerikaner nun einmal aus dem Problem der Zimmermann-Depesche ergeben hätte. (<- Dieses ‚hätte‘ wird nun noch öfter vorkommen.)

Herr Rickward meinte, dass es doch schön gewesen wäre, die verschiedenen Botschaften der Plakate auch mit der jeweiligen Zeit zusammen zu bringen: Anfang des Jahres das „Food will win the War“ Plakat, in dem noch nicht von eigenen Truppen die Rede ist und man für die Alliierten sammelt und dann von Mitte 1917 der eindeutige Aufruf an die Bevölkerung, sich zum Dienst zu melden. Mayflower-Flüchtlinge von damals wurde in die Pflicht genommen, Vorbereitung des Volkes auf den Krieg von Anfang an und nicht die ‚absolut neutrale‘ Haltung, die so gerne offiziell betont wurde. Problemaufwurf auf dem Silbertablett und ich habs nicht einmal gemerkt. Wenigstens habe ich ein glückliches Material-Händchen -.-*

Noch dazu war ich davon ausgegangen, dass der Kriegseintritt der USA allseits bekannt war. Also, die Ursache davon. Hatte ich irgendwie aus der Mindmap vom Anfang gelesen, als ich dann aber danach fragte, sahen mir nur leere Gesichter entgegen. Und da merkte ich dann, dass es zwei verdammt lange Stunden werden würden.

Was wir machten:

Ich sagte den Schülern, dass sie nun einmal den Darstellungstext zum Thema der britischen Seeblockade lesen und die Aufgaben bearbeiten sollten, da wir zuerst die Ursache für den U-Boot-Krieg genauer untersuchen würden.

Seeblockade.PNG

Das lief dann wie immer ab; lesen, zusammentragen, Gründe erforschen, beurteilen, ob der U-Boot-Krieg ein Verteidigungskrieg gewesen ist. Sie arbeiteten sich tapfer durch die Frage, was und ob das alles nun völkerrechtswidrig gewesen wäre und kamen dann am Schluss darauf, dass es schon eine recht verzwickte Lage für Deutschland, aber selten … dusselig von den führenden Militärs gewesen ist, sich dann gleich die nächste Front anzulachen, indem man in der Nordsee auf die vierte Großmacht Jagd machte. Oder zumindest in Kauf nahm deren Zivilisten zu versenken.

Das war alles gut und richtig. Zum Abschluss hatte ich mir überlegt, könnte man doch mal ins Quellenmaterial hineinschauen und eine Deutung der Wirkung des Krieges auf die beteiligten Seefahrer versuchen.

Anhand dieser Materialien sollte einmal etwas Klarheit über die Art und Funktion der Seeminen entstehen, die Lage der Blockade Linien deutlich werden und letztlich die psychologische Wirkung des Krieges erschlossen werden. Mir persönlich erscheint die Idee nach wie vor zugänglich, sie kam mir immerhin (^.^), aber die Schüler konnten damit wenig anfangen.

Der erste Impuls den ich hatte, als ich die Karte sah, war eine Verbindung zwischen der Darstellung der Landmassen und Küstenlinien im Vergleich zur ‚Wichtigkeit‘, die der Kartenersteller mit dem jeweiligen Land verbunden hatte. Und er hat sich ja wirklich Mühe gegeben, dass muss man ihm lassen. Wenn man jetzt aber die Küstenlinie von Deutschland mit der der anderen Länder vergleich, so erscheint sie einem doch deutlich ‚zu kurz gekommen‘. Wenn man jemandem ganz neutral den Auftrag gibt „zeichne doch mal eine Weltkarte“, so werden die Proportionen und Details meist beim eigenen Land und dessen Umfeld am genauesten sein. Warum also zeichnete der deutsche Seemann die deutsche Küstenlinie so ‚untersetzt‘? Weil sein Unterbewusstsein ihm eingab, dass Deutschland kaum einen Zugang zum Meer herstellen kann, es von allen Seiten klein gehalten wird, der Zugang gefährdet ist, und so weiter. Fand ich wie gesagt ganz logisch … die Schüler nicht. Aber ich sehs ein, war vielleicht ein bisschen abstrakt 😛

Nach der fünf Minuten Pause ging es dann mit dem eigentlichen Kriegseintritt Amerikas weiter. Und ich ließ den dazugehörigen Darstellungstext lesen.

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Womit ich den kompletten Problemaufriss der Stunde mal eben so verschenkte. Die Kombination mit der im Januar abgefangenen Nachricht, der Weiterleitung kurz darauf, der Veröffentlichung dieses brisanten Materials erst über einen Monat später für die Öffentlichkeit bis hin zur Instrumentalisierung der Depesche zum letztlichen Kriegseintritt, alles verschenkt durchs Lesen der paar Zeilen. Grundlegendes Problem der Stunde: Ich denke immer noch linear. Das Problem erschließt sich nicht durch genaues Abarbeiten des zugrundeliegenden Materials, man muss anachron arbeiten und sich auf die Punkte stützen, die einem eine „Hä?“ Reaktion abverlangen. Dass in dem Text die verschiedenen Motive schon genannt wurden, verhinderte, dass die Schüler die offiziell genannten Motive genau würdigten.

Zimmermann Depesche.PNG

Dieses Arbeitsblatt wurde somit fast sinnlos. Die Erklärung des Hintergrundes über die Monroe-Doktrin funktionierte dann auch nicht mehr. Denn anstatt die Schüler eigenständig auf die Verbindung kommen zu lassen, erschlug ich sie mit Text, wobei sie nicht nur die wichtigsten Passagen der Doktrin noch einmal lasen, sondern auch noch die FALSCHEN. Ich verwechselte die Seiten und so wurde der ewig lange Text erneut gelesen, wo es eigentlich nur um den Zusatz von 1904 gehen sollte, in dem sich die USA selber als ‚internationale Polizeigewalt‘ betiteln und ihre Aufgabe als „Weltpolizisten“ erstmals deutlich machen.

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Was war also das Ergebnis der Stunden? Die USA sind offiziell in den Krieg eingetreten, weil Deutschland indirekt den Krieg über die Zimmermann-Depesche erklärt hatte und sich entgegen der alten Bestimmung in amerikanische Angelegenheiten mischen wollte, indem sie Mexiko Unterstützung und verlorene Gebiete versprachen. Die Angriffe auf die Handelsschiffe war der Punkt, der mit dieser Depesche zusammen die us-amerikanische Öffentlichkeit gegen Deutschland aufbrachte, deren Zustimmung die Regierung dringend für einen erfolgreichen Kriegszug brauchte. Wilson sprach in seiner Kriegserklärung von hehren Zielen und dem Recht, das wichtiger als der Friede geworden war. Wirklich erwähnt wurden hierbei natürlich nicht die Versorgungslieferungen seit Beginn des Krieges, die die US-Wirtschaft dringend brauchte. Die ‚Detektivarbeit‘ hatte ich den Schüler nur leider durch den Infotext am Anfang schlicht abgenommen, weswegen die Inhalte wohl nicht direkt hängen geblieben sind. Selbst erschließen bringt einfach mehr.

Das Schlimme ist, dass ich ja theoretisch weiß, dass man eher konfrontativ denken sollte. Ich falle aber immer in das ‚Informierende‘ zurück, was dann in nicht sehr spannenden Stunden endet. Und was ich hier auch wieder gemerkt habe: Sich für eine Doppelstunde in ein komplett neues Thema einzuarbeiten führt einfach zum Overload. Es waren zu viele Fäden, die ich verknüpfen wollte und zu viele Stellen, an denen einfach die Übung, Routine und der Überblick fehlte. Dankbar darf ich hier für die wirklich geduldigen Schüler sein, die auch solche Stunden mit stoischer Ruhe ertragen. Dafür dürfen sie dann die nächsten freier arbeiten und sich die Russischen Revolutionen anschauen, die genauso wie die Wende im Krieg zum Epochenjahr 1917 gehören.

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4 Kommentare zu „Kollateralschäden – oder: Also in meiner Planung hat sich das noch ganz toll ‚gedacht‘!

  1. Hallo! Ich für meinen Teil muss ehrlich sagen, ich stelle es mir ungeheuer schwer vor, sowas im Voraus zu planen. Ich bin aber auch jemand, der es sehr mag wenn von mir geplante Sachen auch so laufen wie gedacht. Also würde das „anders laufen“ mich ganz schön aus dem Konzept bringen 😂 ich ziehe vor dir wirklich jedes Mal den imaginären Hut und freue mich jedes Mal aufs Neue über solch einen Beitrag! Danke also auch mal an dieser Stelle 😊

    1. Danke ^.^ Wenn man alles mal unterrichtet hat, weiß man wenigstens wo es schief gehen kann und setzt beim nächsten Mal woanders an 😀 Erfahrene Lehrer haben da einfach die Nase vorn.

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