Veröffentlicht in Ausbildungsunterricht, Konstruktive Kritik, Referendariat

Wie Russland und ich im Chaos versanken …

… ok, Chaos ist vielleicht in meinem Fall etwas zu viel gesagt, aber ich hatte wieder eine Stunde mit dem Oberpunkt: Das hatten wir doch schon mal. Im Moment habe ich das Gefühl, dass meine Fehler immer banaler werden und sie mir vor allem SELBST auffallen sollten. Und ich mache mir wirklich Gedanken darüber, wie es mir später, nach der Ausbildung, nach den regelmäßigen Möglichkeiten der externen Reflektion und der Verbesserungsvorschläge, dann wohl auffallen soll, dass ich etwas ändern muss und vor allem: Was und Wie? In diesen Situationen rückt das Ref-Ende eher wie ein Schreckgespenst näher. Wer wird sich dann noch hinten reinsetzen und mir Tips geben? Negative Eigenheiten aufdecken, einem dezent oder grob auf die Füße treten und helfen die Unterrichtsqualität zu verbessern? *seufz*

Also, mal wieder eine Stunde bei Herr Rickward und mal wieder Fehler, die ich hätte vermeiden sollen, aber wohl einfach noch nicht vermeiden kann; obwohl sie mir theoretisch bekannt sind. Wir haben am Dienstag die Russischen Revolutionen erarbeitet. Arbeitsteilig haben die Schüler sich mit Hilfe von Darstellungstexten mit dem Ablauf der Revolutionen beschäftigt, drei Gruppen mit 1905 und drei mit 1917 und sich jeweils zu dritt mit verschiedenen Aspekten der Krisenanalyse befasst. Grundlage war die Konfliktanalyse, wie ich sie auch im 4. UB verwendet habe. (Die Schüler kamen leider nicht in den Genuss meines hübsch gestalteten Arbeitsblattes, da ich den Tag das erste Mal meinen Ordner zu Hause vergessen hatte.)

Die Stunden verliefen natürlich unspektakulär. Die Kinder arbeiteten, erschlossen sich die Texte und schrieben die wichtigsten Stichpunkte auf. Dann ging es an die Stunde zur Präsentation. Ich machte noch relativ lange den Abend und Morgen vorher an den Möglichkeiten zur Vertiefung herum und war doch nicht ganz glücklich mit dem Ergebnis. Plötzlich kann ich nicht mehr abschätzen, wie lange sie nun für die Vorstellung brauchen könnten, wie ich verschiedene Punkte herüberbringen soll, was sie an Material benötigen, um diesen oder jenen Gedankenschritt nachzuvollziehen und so weiter. Es ist furchtbar.

So kopierte ich morgens noch die Quelle „Was tun?“ von Lenin, um hier auf die Idee von ‚Berufsrevolutionären‘ und dem Widerspruch dieser bewussten „Einrichtung von Revolution“ mit den weitgefächerten Abläufen einer ’natürlichen‘ Revolution in Kontrast setzen zu können. Und den Ideen, die Marx eigentlich gehabt hatte, als er den Klassenkampf prognostizierte. Und dem, was Stalin dann daraus gemacht hat. Und mit den Konzepten von Geschichte nach Hegel (Dreischritt mit Lernen aus dem Vergangenen) und Nietzsche (Gezwungenes ‚immer wieder das Gleiche machen ohne etwas daraus mitzunehmen‘) können wir uns ja eigentlich auch noch beschäftigen. Und die genaue Ereignisgeschichte der Revolutionen …

Man sieht das Problem, oder? Natürlich ist das Zuviel. Zuviel von allem. Aber man braucht ja Impulse, es muss doch möglichst groß sein, damit man am Schluss genug Diskussionspotenzial hat, nicht? Denn Diskussion muss ja. Und dann müssen sie ja große Themenfelder bekommen, damit jeder etwas sagen kann.

*seufz* Morgens ging mir auf der Fahrt noch ein Licht auf, was mein Problem bei den Fragen angeht. Ich frage immer in eine Richtung. Ich frage so, dass man sich bei der Antwort so positioniert, dass keine Offenheit für Standpunkt 2 oder 3 oder 4 ebenfalls legitim gelassen wird, außer man greift die Prämisse der Frage an. Ich will es zu genau, zu eng, zu vertieft im ersten Schritt. Das stockt die Gespräche und führt dazu, dass oft nur die Leistungsstarken mir folgen können. Das Problem hier ist: Ich weiß das theoretisch. Ich schaffe es nicht in konkreten Situationen das dann anders umzusetzen. Weil ich Angst habe, dass Dinge schwammig bleiben, falsch aufgenommen und gelernt werden. Ich will es direkt so ‚richtig‘ wie möglich vermitteln um die ‚Ausfallrate‘ so gering wie möglich zu halten.

Nach der Stunde machte Herr Rickward mich auf ein weiteres Problem aufmerksam, was in dieser Sorge seinen Ursprung hat. Als die Schüler vorgetragen haben, habe ich an den Stellen, wo sie schwierige Begriffe/Umstände eher oberflächlich oder ungenau erklärt haben, direkt eingegriffen und habe um Präzisierung gebeten oder direkt einen kurzen Austausch im Plenum veranlasst. In der Zeit standen die Schüler, die präsentierten, dann vorn und warteten auf den Fortgang der Präsentation. Die Abläufe haben sich stark vermischt, teilweise meldeten sich die Präsentierenden, um sich an der Diskussion zu beteiligen. Und das passiert mir häufiger, auch in anderen Kursen. Die Situation hat mehrere Probleme.

  1. Man fällt den Präsentierenden ins Wort.
  2. Es entsteht eine Art Prüfungsgespräch durch das Nachhaken.
  3. Konkrete Sammlung / Sicherung der zu klärenden Punkte fehlt.
  4. Der Schülerbeitrag geht unter, wird nicht wertgeschätzt und die klaren Übergänge fehlen.
  5. Material wird wenig bearbeitet / eingebunden.

Ich agiere oft so, weil ich …

  • … nichts vergessen möchte.
  • … nicht möchte, dass etwas ‚Falsches‘ behalten wird.
  • … die Schüler direkt zur Genauigkeit anhalten will.
  • … der Überblick für eine Sammlung nach den längeren Präsentationen oft noch fehlt.

Die Stunde hatte dann noch weitere Schwächen. Die Diskussion am Schluss ruderte in viele Richtungen und ‚verlor‘ dabei doch einige Schüler auf dem Weg. (Auch Herr Rickward bestätigte mir, dass dieses zu viele Fäden auf einmal zusammenknüpfen zu wollen ‚ein typisches Problem der neuen Philosophiekollegen‘ wäre.) Die Zeit wurde zu knapp für das AB, was in einem reinen Gespräch ohne Material endete. Das ist immer noch eine Stufe schwerer, als wenn man sich an konkreten Fakten entlanghangeln kann. Ich bin nach wie vor unsicher, wieviel an Fakten ich persönlich vorgeben darf, ab wann ich manipuliere, suggeriere und so weiter. Wenn ich meine Auffassung der Inhalte des ABs für die Diskussion kurz darstelle, stelle ich eben MEINE Sicht dar. Die Schüler konnten sie sich nicht bilden und müssen für ihre weiteren Annahmen darauf bauen, dass ich das so neutral wie möglich dargestellt habe.

Nicht dass sie den Lehrer in vielen Fällen hinterfragen würden. Sie gehen oft einfach davon aus, dass ich ihnen keinen Unsinn erzähle. Und das empfinde ich eben als sehr problematisch. Was dann zu den vorher beschriebenen Verhaltensweisen von mir führt, wo ich versuche sicherzustellen, dass sie in der Situation direkt eben so wenig wie möglich ‚Falsches‘ verstehen können. *seufz*

Naja, wir arbeiten dran. In Präsentationen mache ich mir demnächst strickt Notizen und füge eine Sammlungsphase am Schluss an. Werde mit dem Material der Präsentierenden arbeiten und dieses ergänzen/korrigieren. Bei schwerwiegenden Fehlern greift man natürlich ein, aber ansonsten lasse ich meine armen Schüler wohl erstmal besser AUSREDEN -.-

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4 Kommentare zu „Wie Russland und ich im Chaos versanken …

  1. Nur die Ruhe, alles kommt, wann es kommen muss. Irgendwann läufts und man denkt: „Huch, ich kann gar nicht mehr groß über mich meckern“. 😊 LG Ela

  2. Ich hatte am Ende vom Ref immer das Gefühl, dass ich mehr falsch mache als am Anfang. Warum auch immer. Und ich habe besuche auch eher als Hilfe und Weiterentwicklung gesehen und nicht als Eingriff. Viele refis fanden die Kritik bei uns immer gleich als beleidigend.

    1. Das Gefühl kommt wahrscheinlich daher, dass man einfach weiß, was für Fehler gemacht werden können, das auch bemerkt (wenn man sie macht), aber eben noch nicht abstellen kann.

      Die Kritik ist ja durchaus (in den meisten Fällen) berechtigt. Sich vorzustellen, dass man alles direkt richtig machen könnte, ist vermessen. Lehren ist einfach zu komplex dafür. Einige Fachleiter sind nicht als ‚didaktisch wertvoll‘ einzustufen, wenn sie diese Rückmeldungen geben, das stimmt wohl. Aber in den meisten Fällen ist es eher die Situation: Ich habe jetzt jede Menge genannt bekommen, was ich anders machen könnte … ich weiß einfach noch nicht wie.

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