Veröffentlicht in Ausbildungsunterricht, Referendariat

Mein 7er PP Kurs für vier Stunden – Oder: Und erstens kommt es anders …

Nach sehr viel hin und her hatte ich es ja endlich geschafft aktiv Unterricht an einer zweiten Schule in praktischer Philosophie zu bekommen. Der erste Versuch war an meinen Stundenplankoordinatoren meiner eigentlichen Schule gescheitert, dann war die Kurslehrerin von Schule zwei ewig und drei Tage krank und dann … dann waren es nur noch fünf Wochen bis zu den Sommerferien. Joa, man nimmt was man bekommen kann. Also fing ich erstmal mit der Hospitation an – soweit war ich im ersten Anlauf auch schon gekommen ^.^

Es ging um das Thema Zeit. Die Kinder waren echt fit im denken, es kamen tolle Beiträge und ich freute mich auch schon auf meine Stunden. Dummerweise lagen die dann tatsächlich parallel zu meinem 5. UB Geschichte, weswegen das Ganze dann in ziemlichem Stress endete. Aber … alles für die Ausbildung, gell?

UnbenanntIch bekam den Auftrag die Reihe abzuschließen. Super, dachte ich mir, da sie mit Mythen schon gearbeitet hatte, pickte ich mir ein paar heraus, in denen es um den Tod ging und erweiterte das Bild, welches die Perser, Inder, Südamerikaner und germanischen Völker so vom Tod und dem Sterben und dem Sinn dahinter hatten. Kam ziemlich gut an, nur die Zeit, die sie beim Plakate erstellen brauchten, hatte ich enorm unterschätzt, weswegen wir meinen Plan in der Doppelstunde nicht abgeschlossen bekamen.

Die Siebtklässler waren jedoch so angetan, dass eine Gruppe gleich fürs nächste Mal eine Religion genauer vorstellen wollten, da ein Mädchen Buddhistin war und darüber etwas erzählen konnte und wollte. Lief also alles 🙂

Trotz UB-Stress machte ich mich an die Planung der nächsten Doppelstunde, in der ich nach der Theorie praktische Beispiele zum Umgang mit dem Sterben behandeln wollte … als mich am Wochenende die leicht aufgeregte Mail der Kurslehrerin erreichte. Der Plan musste umgeschmissen werden, es stünde ein ganz dringendes Thema an.

Ich hatte schon bei meiner ersten Hospitation in den höheren Klassen an der Schule mitbekommen, dass dort einiges mehr oder weniger verborgen am ‚Gären‘ war. Nach einer Stunde kamen zwei Mädchen aus der EF zu der Lehrerin, bei der ich zuerst den Unterricht übernehmen sollte, um mit ihr über ein Thema zu sprechen, für das sie zunächst keine Worte fanden. Was sich in dem Gespräch dann herausstellte und auch ‚perfekt‘ durch die Lage der Mädchen dargestellt wurde, hätte man in keinem Jugendroman zur Thematik besser beschreiben können.

Es ging um nationalsozialistisches ‚Gebaren‘, Hitler-Grüße und extremistisches Gedankengut in ihrer Stufe. Sie fühlten sich von der Situation heillos überfordert, die große Masse schwieg und fand das alles zu „lästig“ und nicht alarmierend genug, um dafür „den Frieden in der Stufe zu stören“ und die wenigen, die tatsächlich persönliches Unbehagen bei der Konfrontation empfanden, sahen keine Möglichkeit, sich gegen die extreme Minderheit oder die schweigende Masse zu stellen. Zu dem Zeitpunkt war es schon so brisant, dass die Polizei bereits einmal an der Schule gewesen ist. Das war vor den Osterferien.

Nun hatte ich im 7er Kurs in einer Arbeitspause, in der die Kurslehrerin den Raum verlassen hatte, eben diesen speziellen Gruß (zwei Finger an die Lippe für das ‚Bärtchen‘ und dann der ausgestreckte Arm) zwischen zwei Jungen beobachtet und umgehend die Kurslehrerin angesprochen. Sie war sehr erstaunt und zeigte sich unwissend, was die Thematik an der Schule anging. Ich überließ ihr die nächsten Schritte, da es ja schon Thema an der Schule war. Bis zu der spontanen Mail, die als Reaktion auf die Anwesenheit des Staatsschutzes und der aufgenommenen Ermittlungen in meinem Postfach landete.

Also musste ich spontan den Plan umschmeißen und etwas für die Information, Aufklärung und Prävention für den Kurs zusammenschustern. Das Material wurde nicht mein Bestes, aber ich hatte es unterwegs am Nachmittag vorher zusammenkopiert. (Gefunden auf Zivilcourage lernen und neu zusammengestellt)

GewaltRecht

Ich rechnete nicht damit, dass die Siebener wirklich schon eine ausgeprägte Ideologie hinter ihren Handlungen entwickelt und verinnerlicht hatten. Deswegen ging es mir im ersten Schritt darum, klar zu machen, dass man sich nicht mehr in einer Grauzone bewegt, wenn man hier einfach ’nur‘ nachahmt. Die Stunde selber überließ ich der Kurslehrerin, da bei dem Thema einfach ein vertrauter Lehrer besser mit den Kindern ins Gespräch kommt. Ich unterstützte nur über die historischen Fakten, welche bei vielen Nachfragen zur Erklärung gebraucht wurden.

Besonders an der Stelle, wo wir auf die rechtliche Basis zu sprechen kamen, fiel den zwei Jungs merklich ‚einiges aus dem Gesicht‘. Es wurde sehr deutlich, dass es für sie einfach nur Spaß gewesen ist und sie sehr unreflektiert die Älteren auf dem Schulhof beobachtet und nachgemacht hatten. Für die anderen schien es fast schon befreiend zu sein, dass sie über ihre Eindrücke und Beobachtungen reden konnten, da gerade den Schülern natürlich wesentlich mehr aufgefallen war, als an Aug‘ und Ohr der Lehrer so ankommt.

Für die nächste (und letzte) Doppelstunde beschloss ich den Fokus auf Diskriminierung und Mobbing zu legen, da das ein brennenderes Thema nach meiner Beobachtung in der Lerngruppe darstellte. Es gab einen Jungen, Tim, der bereits wegen Mobbing Anfang der Sieben die Schule hatte wechseln müssen und auch in der aktuellen Gruppe keinen leichten Stand hatte. Allgemein war der Ton nicht der gemäßigtste unter den verschiedenen Grüppchen.

Wir stiegen mit dem Dialog ein, welchen die Schüler zu Aufgabe 2 „Wo fängt Gewalt an?“ erstellte hatten und sprachen über die Gefahren von körperlichen Eingriffen in Gewalt-Situationen und die Gefahr für einen selbst, besonders in ihrem Alter. Der eigentliche Fokus lag dann aber auf nicht-physischer Gewalt gegen andere.

Mobbing

Diese Liste wurde ausführlich besprochen. Am Anfang der Stunde war bereits einmal die ersten zwei Punkte in Bezug auf Tim von den Mitschülern in die Tat umgesetzt worden, was ich auf jeden Fall hatte ansprechen wollen. Ich war mir nur überhaupt nicht sicher, wie und wann. Ich kannte die Gruppe kaum, wusste nicht, wie der Junge darauf reagieren würde zum ‚Thema‘ gemacht zu werden und ob es tatsächlich eine Verbesserung oder -schlechterung zu Folge haben könnte. Als er jedoch ausgerechnet bei der Diskussion zum zweiten Punkt den Raum verließ, beschloss ich die Abwesenheit zu nutzen und die Situation anzusprechen.

„Naja, das passiert ja öfter mal, dass man etwas nicht versteht! Geht mir immer in Mathe so.“ erklärte eine Schülerin gerade.

„Aber das ist doch ein Unterschied, ob du selbst es nicht so schlimm findest, oder die anderen das machen und es ganz furchtbar findest.“

„Sehr richtig,“ pflichtete ich bei, „ist euch eigentlich bewusst, dass die Situationen bereits heute schon hier passiert sind?“

Alle machen große Augen und überlegen. „Hä? Neee, hat irgendwer etwas nicht verstanden?“ – „Das haben wir gar nicht gemacht!“ – „Was soll denn passiert sein?“ – Es ging um ‚Lehrer-Mobben‘ und eine meiner Gesten war von zwei Schülern parodiert worden: „Meinen Sie etwa das mit dem Telefon?! Wir haben Sie nicht gemobbt!“

Schmunzelnd stellte ich fest: „Nein, keine Sorge, das meine ich nicht. Ich meine einen … “ Der Kursbeste hebt die Hand. „Sie meinen den Vorfall mit Tim, richtig?“ Ich nickte. Der Rest protestiert vehement.

„Aber, der lacht doch immer mit!“ – „Wenn man immer so komisch am Tisch sitzt …“ – „Das war doch auch dumm, was er gesagt hat!“ – „Der sagt immer so komische Sachen.“ …

„Machen die Gründe die Sache besser, wenn er etwas sagt und die ganze Klasse reagiert mit Spott, verdreht die Augen und fällt ihm lachend oder stöhnend ins Wort?“ will ich wissen.

Die ersten schweigen etwas betreten. Der Kursbeste meldet sich wieder und erklärt, dass er genau weiß, dass die übertriebenen Gesten und die Grimassen, wenn Tim sich beispielsweise aufs Lesen konzentrieren muss, ihn selber nerven, er es aber nicht abstellen kann. Der Rest wird noch ruhiger.

Wir schaffen es, die Gefahren des Verhaltens zu besprechen, bevor der Schüler von der Toilette wiederkommt. Viele zeigen Empathie, überlegen, dass man sicher irgendwann gar nichts mehr sagt, wenn immer alle so reagieren und dass es sehr schwer ist, wieder in die Klasse/Gruppe hineinzukommen, wenn sich das Verhalten erst einmal gefestigt hat. Besonders eindrucksvoll war das Beispiel und die Empfindungen, die bei der Bearbeitung der zweiten Aufgabe vom Schüler selbst zur Problematik geäußert wurden. Er stellte fest, dass man irgendwann einfach nicht mehr das Gefühl hat, dass es mit den andern ‚wieder gut werden könnte‘ und man deswegen einfach wegziehen muss. Einige betretene Blicke wurden daraufhin ausgetauscht und ich hoffe, dass etwas angekommen ist.

Zivil CNach der Stunde, die ich eigentlich mit Positivbeispielen abschließen wollte, wo mir aber wieder der Schulalltag mit einer Konferenz einen Strich durch die Rechnung machte, sprach ich die Entscheidung über das klasseninterne Problem ohne Anwesenheit des Betroffenen zu reden bei der Kursleiterin an. Sie fand es genau richtig gelöst und sehr hilfreich, dass ich an der Stelle das aktuelle Verhalten aufgegriffen und besprochen hatte. Ich fand die Situation etwas heikel, da es auch leicht hätte ’nach hinten‘ losgehen können.

Die ‚Reihe‘ war natürlich keine wirkliche und entstand eher spontan. Ich werde mir fürs nächste Mal auf jeden Fall ordentliches Material und ein besseres Konzept zurecht legen. Dass das Thema wichtig ist, ist gerade im Moment ja nicht zu übersehen, wobei Mobbing selber ja eher ‚zeitlos‘ erscheint.

Abschließend kann ich sagen, dass mir der „Ausbildungsunterricht“ in diesen vier Stunden (außer praktischer Erfahrung) nichts für das Fach gebracht hat. Die Kursleiterin selber hat die Lehrbefähigung für PP ’nur‘ über einen Zertifikatskurs erhalten und ‚wurschelt‘ sich so durch. Aber: Man nimmt ja was man kriegen kann …

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