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Die Vornoten fürs Examen

Im Examen setzt sich die letztendliche Note zu je 50% aus den Leistungen vorher sowie den Ergebnissen des Prüfungstages zusammen. Das bedeutet, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, an dem 50% meiner Note bereits feststehen. Die Findung dieser 50% hat aber eine kleine Geschichte mit sich gebracht, die ich gerne festhalten würde.

Wie ich beim Beitrag 5. UB Geschichte schon erwähnte, war mein Fachleiter sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich persönlich auch, hatte aber in dem Moment noch keine Zeit, mich direkt mit dem Gezeigten auseinander zu setzen, da der UB mitten im Schultag gelegen hatte und ich erst einmal gleich in die nächste Stunde zu meinen 6ern huschte.


Als Einschub: Die sind ja wirklich goldig 🙂 Ich erwähnte irgendwann, dass sie ja wissen würden, dass ich ’nur‘ Referendarin bin (eine Info die, als sie bekannt wurde, mit sehr viel Erstaunen aufgefasst worden war – „Wir dachten Sie wären eine ‚echte‘ Lehrerin!“ – „Danke 😀 „). Und dass ich im Oktober im neuen Schuljahr meine Prüfung machen würde und ich da natürlich auch Klassen bräuchte, die mit mir die Prüfung überstehen.

„Das können wir machen! – Wir sind wirklich gut darin, Frau X und Frau Y haben auch ihr Examen mit uns gemacht! – Oh und Herr Z auch. – Neee, das war nur ein UB.“

„Ihr seid ja richtige Examensprofis“, musste ich erstaunt feststellen.

„Ja! Die haben auch alle bestanden!“ wurde mir zufrieden mitgeteilt.

Erschrocken kam der Nachsatz: „Gehen Sie danach dann etwa auch weg?!“

„Ich fürchte, dass das sehr wahrscheinlich ist.“ stellte ich bedauernd fest. „Für meine Fächer besteht hier kein Bedarf an der Schule.“ (Also, offiziell nicht – Herr Drüppert ist ja eine ganz eigene Geschichte …)

Betretene Gesichter und einige regten sich auf, dass ‚immer die guten Lehrer‘ gehen würden.  Ich erklärte ihnen dann noch, dass sie offiziell nach den Ferien einen anderen Lehrer bekommen würden, ich dann aber den Unterricht bis zur Prüfung weiter übernehme. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich Frau Klaus in der Klasse dann wiedersehen werde.


Nachdem meine Stunden dann alle durch waren, hatte ich mich eigentlich an die Reflektion der UB Stunde setzen wollen, bevor ich zum Seminar fahren musste, aber die Motivation verließ mich vollständig. Es war fürs erste vorbei! O_o Und es wollte mir kaum etwas einfallen, was ich tatsächlich kritisieren konnte. Also trank ich einen Kaffee mit den neuen Refis, deren Bekundungen, dass sie wirklich gerne mit mir tauschen würden ihr übriges dazu beitrugen, dass ich mehr und mehr entspannte. Vorbei 🙂 Eine wirkliche Pause bis zum Examen.

Beim Seminar, wo wir uns einen Vortrag zu Depressionen anhörten (auf Grund des Vorfalls letzten Jahres) von einem Dozenten der uns offensichtlich mit medizinisch-psychologischen Studenten verwechselte, versuchte ich also die Kritikpunkte an der Stunde aufzuzählen, während Informationen über die Veränderung des Stoffwechsels in depressiven Phasen an mir vorbeiwaberten.

Ich verließ den Vortrag eher, da mein Fachleiter mich direkt am Seminarort zur Nachbesprechung treffen wollte. Und da Seminarzeiten eigentlich ‚heilig‘ sind, hatte ich offiziell einen Betreuungsnotfall bei den Kindern aufzufangen. Was dazu führte, dass wir uns heimlich einen der weit vom Sekretariat gelegenen Räume schlichen ^.^ Aber das nur am Rande.

Kritik an der Stunde konnte man insofern üben, als dass der Plan eben ’nur‘ aufgegangen war und die Reserve und somit die Vertiefung nicht folgte. Auch hatte ich in der Erarbeitungsphase zu lange Zeit gegeben, welche natürlich am Ende für die Diskussion besser genutzt gewesen wäre. Bei der Präsentation hat ein Schüler kurz noch vorne gestanden, während seine Mitschüler etwas diskutiert hatten, was zur Unterbrechung seiner Präsentation führte und ihn untätig vorne stehen ließ. Und die Perspektivübernahme, welche als historische Methode ja explizit eingeübt werden sollte, hat nicht bei allen Schülern geklappt, da sie am Schluss dazu tendiert hatten, die Rechtmäßigkeit der französischen Forderungen zu beurteilen und nicht die der deutschen Reaktion auf den Vertrag.

Meckern auf hohem Niveau, wenn es nach meinem Fachleiter geht. Er meinte ganz entrüstet, dass ich das doch nicht so negativ sehen solle, die Stunde wäre hervorragend gelaufen. Seine Punkte, die sich dann wie der berüchtigte ‚warme Sommerregen‘ ergossen waren:

  • die Stunde war durchdacht, organisiert, gut geplant
  • hohe Schüleraktivität
  • Lernumgebung optimal vorbereitet
  • Lernstand: Zitat sofort kontextuell eingeordnet, Blick aufs Ausland vorhanden, zeitlich eingeordnet, Gelenkstelle (Forderungen) erkannt
  • ‚eine der elegantesten Einbindungen von Hausaufgaben in eine Stunde die er je gesehen hat‘ O_o :mrgreen:
  • Diskussion in den Gruppen angeregt und vertieft
  • klare Arbeitsaufträge und Strukturen
  • tolle Visualisierungen von Arbeitsaufträgen und Meinungsbild des Kurses
  • Beurteilung/Begründung ‚harter Friede‘ durch Schüler gelungen
  • Stunde ohne Leerlauf
  • Nachhaltiges Lernen: Sinn hinter Hausaufgabe erkannt – Ich brauche die Hausaufgabe um mich in der Stunde einbringen zu können / Arbeitsaufträge für die nächsten Stunden erkannt „Wir müssen da noch Folgen der Forderungen klären.“
  • Methode, Sozialform und Arbeitsform gut verbunden

Er war glaube ich genauso überrascht wie ich von seinem eigenen Lob ^.^ Denn mein Geschichtsfachleiter wäre nicht mein Geschichtsfachleiter, wenn er sich jetzt tatsächlich EINDEUTIG auf eine Note festgelegt hätte. (Der Grund, warum mein Philosophiefachleiter mich ins Examen begleitet.)

„Das heißt die Stunde war …?“ fragte ich vorsichtig nach.

„Ja, also das wäre eigentlich eine Eins.“ setzte er an. „Aber … im Examen … Also, Sie haben hier ja nicht die Auswerttiefe der Materialien in der Stunde voll ausschöpfen können. Das war ein Risikoschritt, der zwar hier geklappt hat, aber die Schüler müssen schon sehr viel vorweg leisten und wenn sie es nicht tun, ist es ein Leerschritt in der Stunde. Und die Ergebnisse sind schlecht überprüfbar.“

„Richtig, wobei wir ja in den Tabellen die Darstellung der Positionen gesehen haben und dort schon deutlich wurde, was verstanden worden ist und was nicht. Was in dem Fall der Stunde ja doch tiefgreifend gewesen ist, da die Schüler in der Lage waren sich selbst zu korrigieren über das Plenum, als ungenaue Ergebnisse in der Präsentation auftauchten.“

Er nickte. „Ja, richtig. Aber die historische Kontextualisierung hätte einfach noch mehr hergestellt werden müssen. Man KANN es aus den Äußerungen schließen, aber es muss thematisiert werden. Im Examen sollten Sie so eine Stunde nicht zeigen, das könnte dann nur eine Zwei sein, je nachdem, wer in der Kommission sitzt.“

*seufz* So ist das. Ich hakte den Punkt ab.

„Und wie sieht es mit meiner Vornote aus? Wie gehe ich von Ihrer Seite aus ins Examen?“ wollte ich dann wissen.

„Ja, also, Sie waren bei mir ja eher immer die Dreier-Kandidatin.“ Ich bekam große Augen. „Da muss ich mal in mich gehen, ob das nun noch eine schlechte Zwei wird … Wir haben ja das Problem mit den ganzen Noten. Früher war es einfacher, als wir noch Tendenzen angeben konnte, aber jetzt muss man da schon genau schauen, wo man einen Kandidaten einordnet.“

Ich war ein wenig geplättet. Ja, der blöde zweite UB war eine Sechs von seiner Seite aus gewesen (wobei erster und zweiter nicht mit Noten bedacht werden dürfen). Aber auch der führte nur zu einer Drei in der Zwischennote. Und sowohl der dritte, als auch der vierte UB waren eine Zwei gewesen, wenn auch mit Dreiertendenz im vierten UB, wegen der fehlenden Diskussion am Schluss. Und nun war es eine Einser Stunde, die das ganze abschloss und er sah maximal die Möglichkeit zur schlechten Zwei?!

Leider reagierte ich in der Nachbesprechung nicht mehr darauf, da ich mir selbst unsicher war, ob er nicht Recht hätte. Er klang zumindest ziemlich überzeugt und dementsprechend beließ ich es bei ungläubigen Blicken. Aber es rumorte doch weiter. Letztlich schrieb ich ihm am Wochenende danach eine Mail, da auch Maite mir noch einmal bestätigte, dass die Vorbenotung „den Grad der Erreichung der einzelnen Kompetenzen zum Beurteilungszeitpunkt bezeichnet“. (<- Offizielle Vorgaben aus den Hinweisen für Langzeitbeurteilungen vom ZfsL, Maite hat was die Vorgaben angeht absoluten Durchblick.) Was bedeutet, dass man die Noten nicht arithmetisch mitteln darf, sondern eher das Maximum des Könnens und die Nachhaltigkeit desselben in den Fokus rückt. Wenn bei mir nun eine dauerhafte Steigerung bis zu dem letztlichen Endpunkt abzulesen ist, komme ich eigentlich bei einer anderen ‚Zahl‘ heraus.

Es war mir natürlich nicht besonders wohl dabei, die Entscheidung/Äußerung desjenigen zu hinterfragen, der fürs erste meine berufliche Zukunft in Händen hält. Und ihm dadurch vielleicht das Gefühl zu geben, dass ich seine Kompetenz in Frage stelle. Zum Glück passierte das nicht. Er antwortete sehr verständnisvoll und stellte sogar klar, dass er es als positiv empfinden würde, ‚wenn man seinem Unmut freien lauf ließe‘. Im klärenden Gespräch einige Tage später nach dem Fachseminar stellte er richtig, dass er sich an dem Nachmittag die Hälfte nur gedacht hätte und es so zu einem Missverständnis gekommen wäre.

Ende der Geschichte ist nun, dass ich sowohl in Geschichte, als auch in Philosophie mit einer 2+ vorbenotet bin, da sich diese beiden jedoch einigen müssen, da die Fachseminare zusammen veranschlagt werden in den 25% der Gesamtnote, ist es wohl üblich so einen Fall mit einer 1,5 insgesamt zu bewerten, um die Tendenz nach oben auszudrücken, die bei einer schlichten „2“ eben nicht herauskäme (Problem der ganzen Noten). Sie werden das nun besprechen und dann sehe ich ja, was dabei rauskommt.


Von meinem Schulleiter bekam ich im Verlauf der Woche ebenfalls seine abschließende Einschätzung meiner Leistungen, die sich auch in diesem Bereich bewegen. Er betonte noch einmal die Entwicklung, die er vom ersten UB bis heute sehen würde, die Art, wie sich meine doch sehr universitäre Art immer mehr den Schülern angenähert hätte, ohne dabei die fachliche Tiefe zu verlieren. Das hört man ja wirklich sehr gerne 🙂 Auch er würde mir wohl die 1,5 als Vornote geben wollen.


Um die ganze Geschichte noch einmal von der Metaebene zu betrachten: Ich hoffe, dass ich nicht so schnell vergessen werde, wie sich dieses ‚Bewertet werden‘ und den ‚Noten hinterherlaufen‘ anfühlt. Ganz im Sinne von: Die Schülerperspektive nicht verlieren. Es wird für lange Zeit zumindest offiziell das letzte Mal sein, dass so viel Existenzdruck von meinen Noten abhängt und der Zustand nervt einfach unheimlich.

In der Schule damals haben mich Noten nicht interessiert. Ich war gut genug, dass ich mich nicht anstrengen musste und hatte nicht genug Ehrgeiz, um irgendwelchen Notenschnitten hinterher zu jagen. (Mein Abi schaffte ich mit 2,8 ohne einen Finger zu krümmen.) Jetzt wäre das eine mittlere Katastrophe, da ich nicht den Luxus habe, auf ‚eine Stelle irgendwann mal‘ zu warten. Die Finanzen müssen stimmen, auch nach dem Ref und dafür brauche ich direkt eine weitere Anstellung, wofür ich natürlich zu den Bewerbungsgesprächen eingeladen werden muss.

Noch dazu legte mir mein Geschichtsfachleiter auch direkt im Gespräch nahe, dass ich an einer Gesamtschule wohl nicht glücklich werden würde. Ich muss sagen, dass ich seine Einschätzung insofern teile, als dass ich mir selber nicht die Nerven bescheinige, dass ich mit ’sozialen Problemen‘ der Schüler adäquat umgehen kann. Im Sinne von emotional Abstand zu halten. Ein dörfliches Gymnasium, wie die Schule an der ich nun unterrichte, wäre zum Start ins Berufsleben ideal, weil man sich dort tatsächlich nur um das Fachliche kümmern muss. Was ja an sich schon schwer genug ist. Kommen dann die privaten Probleme und Lernschwierigkeiten ganzer Schulklassen dazu, wird es echt schwierig.

Hach ja … alles ‚ungelegte Eier‘. Ich hoffe mal, dass es sich ergeben wird, was und wie auch immer das dann passiert. Fürs erste gehe ich mit 1,5 ins Examen und versuche diesen Schnitt an dem Tag auch zu halten.

 

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5. UB Geschichte

Oder alternativ: Na also, geht doch!!! Der letzte UB ist geschafft und so chaotisch, wie es sich die Reihe vorher andeutete wurde er zum Glück bei weitem nicht. Die Zeit bis dahin wurde trotzdem wieder etwas lang und bis zum Schluss war ich ein wenig am Zittern, dass sich diese verquere Art aus den Stunden zuvor fortsetzen würde.

Das Wochenende vorher war ja glücklicherweise ein langes – das wurde dementsprechend auch gut genutzt. Wenn man schon ackern muss, kann man es auch in der Sonne tun. So zumindest meine Devise, als es noch so schön warm war. Ich habe es somit geschafft, eine angenehme Bräune zu erhalten. Anfang der Woche sprach ich noch mit einem anderen Refi, der eine Stunde zur Nachhaltigkeit des Versailler Vertrages andachte (Fördert der Friedens-Vertrag tatsächlich den Frieden?) für seinen fünften UB und einen Tag später kam ich mit Herr Rickward überein, dass ich wohl letztlich beim gleichen Thema landen würde. Allerdings in der Vorbereitungssitzung zu dieser abschließenden Bewertungsfrage – bei der Erarbeitung der Positionen der beteiligten Siegermächte, die den Vertrag aufgesetzt hatten. Ich biss gedanklich in die Tischkante.

Genau aus diesem Grund hatte der andere Refi seine UB Stunde in den zweiten Teil der Doppelstunde geschoben. Reine Erarbeitung ist nichts, was man im UB sehen mag und er wählte sich die zweite Hälfte, um die Beurteilungsebene zeigen zu können. Ging bei mir nicht, da meine Stunde eine Einzelstunde war. Umdenken also angesagt. Wie bekommt man für die Perspektiven der Siegermächte eine Beurteilung zustande? Hier das Ergebnis:

Ich war ein wenig fahrig den Tag. Trotz meines eigentlich immer noch stabilen Nervensystems, bringt einen das dauerhafte Rotieren schon an die Grenzen. Es hatte so viel zu planen gegeben, dass ich eine Stunde eher kam, um den Kursraum vorzubereiten, alles aufzuhängen, am PC/Beamer aufzurufen, Material vorzuverteilen, zusammenzustellen, etc. Herr Rickward, der in seiner unglaublichen Weitsicht, im Vorfeld direkt seinen LK, der den Raum vorher belegt hätte, umgeplant hatte, damit ich da in Ruhe werkeln konnte, nickt mir nur kurz zu: „Das wird alles gut laufen, machen Sie ganz ungestört alles fertig.“ Danke ❤ Und mittendrin stand mein Schulleiter plötzlich vor mir und teilte mir mit, „dass sich Termine manchmal ändern;“ er hätte nun doch Zeit und bräuchte noch einen Entwurf. Klar, machen wir alles mit Links >.<

Zu Beginn der Stunde hatte ich also:

  1. Den Raum gelüftet.
  2. Stühle und Tische platziert.
  3. Tafel geputzt.
  4. Den Beamer angestellt.
  5. Alle Dokumenten der Reihe nach, wie sie in der Stunde benötigt wurden, am Laptop aufgerufen.
  6. Material für die Einzelarbeit (umgedreht) auf den Tischen verteilt.
  7. Material für die Gruppenarbeit in die Folientaschen sortiert.
    1. Folien für die Gruppenarbeit
    2. Arbeitsanweisungen
    3. Klebepunkte für jedes Gruppenmitglied
    4. Folienstift
  8. OHPs (der Raum besitzt normalerweise drei, zwei waren da) ausprobiert, sichergestellt dass sie laufen und positioniert.
  9. Plakat mit Magneten an der Tafel befestigt und Arbeitsauftrag daneben gepinnt.
  10. Impulszettel/Folienstifte/Ersatzfolien(für Beamer-Ausfall)/Stundenverlaufsplan bereit gelegt.

So kam es dann auch, dass ich schon zur Beginn der fünf Minuten Pause die Tür schloss, da ich wegen der Anwesenheit des (gesamten!) Kurses – die Schüler hatten wohl direkt bei den anderen Kollegen um pünktliches Ende der ersten Stunde gebeten – irgendwie sogar die Startzeit der Stunde gedanklich verwechselte, direkt das Zitat aufrief und erst beim Seitenblick auf meinen Schulleiter, der schmunzelnd meinte, dass wir ja eigentlich noch Zeit hätten, bemerkte, dass das etwas zu früh war. Gut, kein Problem, Beamer nochmal für 3 Minuten aus.

Wir stiegen mit einem Zitat von Scheidemann ein.

Scheidemanns Ansprache vor der Verfassungsgebenden Nationalversammlung

12. Mai 1919.

Ich frage Sie: Wer kann als ehrlicher Mann – ich will gar nicht sagen als Deutscher – nur als ehrlicher, vertragstreuer Mann solche Bedingungen eingehen? Welche Hand müßte nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?

(Lebhafter Beifall)

Und dabei sollen wir die Hände regen, sollen arbeiten, die Sklavenschichten für das internationale Kapital, Frondienste für die ganze Welt leisten?

Am 20. Juni 1919 trat er offiziell zurück.

Natürlich war ich so auf die Ergebnisse, die ich hier erwartete fixiert, dass ich total vergaß darum zu bitte, das Zitat erst einmal vorlesen zu lassen. „Ordnen Sie das Zitat formal und inhaltlich ein.“ Alle fangen an das Zitat für sich zu lesen und ich merke, hier passt etwas nicht. „Ok, stopp.“ Ich entscheide mich direkt den Fehler anzugehen und unterbrach. „Ich habe da etwas vergessen. Würde jemand das Zitat erst einmal vorlesen. – Aber bitte mit Betonung!“ Sofort sind die Hälfte der Finger oben, ich wähle meinen kleinen Querdenker, von dem ich weiß, dass er sich hervorragend aufs Schauspielern und Darstellen versteht. Wir bekommen Scheidemann ‚mit Effet‘ vorgelesen und ab da läuft es.

[Ich ergänze in dieser Reflektion einmal die Inhalte, die ich im Entwurf auch als erwartete Ergebnisse angegeben habe und stelle die, die nicht gekommenen sind kursiv dar.]

Formal

  • SPD Politiker
  • Demokrat/Sozialist (Vokabular)
  • 1. Ministerpräsident unter Ebert
  • Spricht sich in einer politischen Rede …
  • gegen die Annahme des Vertrages aus

Inhaltlich

  • Fessel & Sklaverei: Beschränkung der Freiheit/Selbstbestimmung
  • Internationales Kapital: Besonderheit in der sprachlichen Darstellung / politisch links
  • Frondienste (eventuell Verständnisproblem) – schmachvolle, nicht entlohnte Arbeit
  • Deutschland als Diener/Unterdrückte der ganzen Welt
  • Mit Zwang herbeigeführt – „sollen“
  • „verdorren“ – handlungsunfähig, Selbstverstümmelung, Entzug der Lebensgrundlage
  • Ehrlich & vertragstreu: man ist sich bewusst, dass man die Bedingungen nicht einhalten kann
  • Zusatz: Historische Kontextualisierung von Vertrag, Ereignissen davor und danach.

Die etwas dürftigen Ergebnisse der formalen Analyse hatte ich einer Schülerin zu verdanken, die am Anfang sowas von ins Straucheln kam bei ihrer Antwort, dass auch alle anderen merkbar einige Sekunden brauchten, um Ansatzweise nachzuvollziehen, was sie da nun eigentlich gesagt hatte. Dadurch vergaßen sie dann aber, noch auf die formalen Aspekte einzugehen und der Punkt ging unter. War jetzt aber auch nicht sooo wild.

Es kam ziemlich schnell die Frage auf, inwieweit sich die ganze Aufregung denn nun wirklich lohnte, die bei Scheidemann wahrzunehmen war. Genau wie erwartet, kam die Frage nach den Bedingungen, die diese Reaktion provoziert hatten und ich konnte auf das vorher verteilte einzelne A5 Blatt mit den Forderungen verweisen, das umgedreht auf den Tischen vor den Schülern lag. (Manchmal haben die Stunden dann doch was von ‚Zaubershow … wurde im Verlauf auch nicht weniger ^.^)

Forderungen des Versailler Vertrages an Deutschland, vom 28. Juni 1919.

  • Anerkennung der Urheberschaft des Krieges und seiner Folgen
  • Ausschluss aus dem Völkerbund
  • 13% des deutschen Reichsgebiets werden abgetreten
    • Einige direkt bei Unterzeichnung verloren
    • Andere durch Volksabstimmungen noch zu entscheiden
  • 10% der Bevölkerung geht verloren
  • Kolonialbesitz geht in die Hand des Völkerbundes über
  • Berufsarmee auf max. 100.000 Mann reduzieren
    • Allgemeine Wehrpflicht abgeschafft
    • Militärische Vereine verboten
  • Marine auf 15.000 Mann reduzieren
  • Verbot von Luftwaffe oder schweren Waffen (U-Boote, Panzer, Schlachtschiffe)
  • Entmilitarisierung des Rheinlandes und eines 50km breiten Streifens östlich des Rheins
  • Reparationsleistungen
    • 1. Rate = 20 Milliarden Goldmark bis April 1921
    • Waren-/Rohstofflieferungen
  • Handelsflotte reduziert / Schifffahrtswege für international erklärt / Zollunion mit Luxemburg aufgelöst

Die Schüler bekamen den Auftrag, diese Forderungen mit ihrem Nachbarn hinsichtlich des ‚Empörungs-Potenzials‘ zu besprechen und in Kategorien eingeteilt wiederzugeben, auf welche Bereiche sich dieselben nun bezogen.

Kategorienbildung: Militärisch, Wirtschaftlich, Geographisch/Territorial, Politisch

  • Starke wirtschaftliche Einschränkungen/Beschneidungen
    • Abgabe der Industrie – Arbeitsplatzverluste / Verringerung des Exports /fehlende Rohstoffe für heimische, weiterverarbeitende Industrien = Erhöhung der Angewiesenheit auf Import
    • Probleme mit der Versorgung der Bevölkerung
    • Verringerung des allg. Wohlstandes
  • ‚Verlust‘ des Militärs – Schutzlos / keine Möglichkeit mehr international ‚mitzuspielen‘ / Arbeitslosigkeit
  • Verlust der Kolonien: Prestigeverlust / Verlust von ‚Absatzmärkten‘
  • Handel/Zoll: Schwierigkeiten mit Im- und Export / trifft Deutschland gerade beim Export empfindlich / Nachteil für deutsche Waren
  • Reparationszahlungen: gerade nach dem Krieg nicht leistbar / nimmt dem eigenen Land dringend benötigte Rohstoffe
  • Ausschluss aus der internationalen Gemeinschaft + Kriegsschuld = Außenseiterstatus
  • Aufregung Scheidemanns nachvollziehbar
  • Aber: Deutschland ist Kriegsverlierer – Die Bedingungen sind also ‚normal‘/‚üblich‘?

Auch hier kam größtenteils genau das, was ich erwartet hatte. Als ich nach dieser Besprechung dann fragte, ob wir uns denn nun bereits ein Urteil darüber erlauben konnten, dass die Empörung Deutschlands über diese Forderungen gerechtfertigt sei, hielt ich innerlich den Atem an. War die Problemorientierung gelungen? Und die Schüler lieferten 🙂 „Nein, natürlich nicht. Wir kennen ja nur die Perspektive Deutschlands, wir müssen uns auch die Gegenseite anschauen, um die Intention hinter den Forderungen klar zu bekommen.“ Ein tiefes Durchatmen meinerseits, als ich mich zum Laptop herumdrehte.

„Und genau das wollen wir uns heute anschauen.“ Erklärte ich erleichtert und … vergaß mal wieder den Problemaufwurf anzuschreiben. *seufz* Ein gravierender Fehler, aber der einzige dieser Art für den Rest der Stunde. (Mal sehen, wann das endlich hängen bleiben wird … )

Es folgte die ausführliche Erklärung der Arbeitsphase. Jeder hatte ‚zu Hause‘ einen Text zu einem der Verhandlungspartner bearbeitet und vorbereitet. Ich betone hier ‚zu Hause‘, weil ich natürlich das Risiko, dass die Texte NICHT gelesen werden, nicht eingegangen bin und die Stunde vorher eine viertel Stunde eher Schluss gemacht habe, die ‚Hausaufgabe‘ austeilte und alle bat zu lesen und zu bearbeiten. Nein, ich hatte keine schlechtes Gewissen ^.^ Der Grund, warum diese vorentlastende Textarbeit geleistet werden musste, lag natürlich mit dem Blick auf die Urteilsebene auf der Hand. Ich konnte einfach nicht die inhaltliche Erschließung einbeziehen, da dies eine eigene ‚Stunde gewesen wäre, die aber Anforderungsbereich drei nicht erreicht hätte. Vielleicht wenn man irgendwann mal Doppelstunden zeigen darf.

Hier einmal die Arbeitsblätter zu den Politikern:

Wilson

GeorgeClemenceau

Nachdem ich nun also sicher sein konnte, dass alle vorbereitet zur Stunde erschienen waren, wies ich die Textpartner an, sich in einer zweiminütigen Murmelphase über ihre Ergebnisse auszutauschen. Ich hatte die Zettel nämlich so verteilt, dass immer zwei mit dem gleichen nebeneinander saßen. Danach hatten sie den Auftrag sich jeweils mit je einer anderen Position zusammenzufinden, so dass wir letztlich sieben 3er Gruppen bilden konnte, in der jede Position einmal vertreten war. Dabei sollten die Schüler die Perspektive ihres Politikers übernehmen und in die Verhandlungen zum Vertrag eintreten. Wären sie mit dem Ergebnis zufrieden gewesen oder hätten sie lieber mehr/weniger gefordert? 

In jeder der vorbereiteten Folienmappen, die ich an die Schüler rausgab, sobald sich ihre Verhandlungsgruppe zusammengefunden hatten, befand sich eine Tabelle, in der jeweils eine Position markiert war. Diese sollte von ihnen für die Präsentation dargestellt werden. Die gesamte Tabelle von jeder Gruppe ausfüllen zu lassen, hätte zu viel Zeit in Anspruch genommen.

Tabelle

Darüber hinaus sollte jeder, sobald er*sie das Gefühl hatte die Positionen der Sieger eindeutig verstanden zu haben, dieselben in dem Plakat an der Tafel zuordnen. Hierfür hatten sie symbolisch für jeden Politiker einen farbigen Klebepunkt in den Mappen liegen.

Alle machten sich sofort ans Diskutieren, glichen die Ergebnisse ab und waren sich deutlich bewusst, dass sie nun wirklich jeder einzeln gefordert waren, um den anderen die jeweiligen Inhalte zu vermitteln. Schüleraktivierung 100% 😀 Mein Fachleiter lobte später, dass es mit eine der elegantesten Arten von Hausaufgabeneinbindung in die Stunde gewesen wäre, die er je gesehen hat O_o Auch der Auftrag sich am Plakat zu positionieren, funktionierte (fast) reibungslos. Es wurde etwas eng, als alle gegen Ende der Arbeitsphase vorne standen, aber das Ergebnis fiel wie erwartet aus.

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Nicht die beste Qualität … gelb – Clemenceau, grün – George, rot – Wilson.

Ab dem Zeitpunkt hatte ich mein Minimallernziel bereits erreicht.

Die SuS erkennen den Zusammenhang zwischen den individuellen Haltungen von Großbritannien, Frankreich sowie den USA und des Umfangs der Forderungen des Versailler Vertrages. -> Check.

Es folgten die Präsentationen der Ergebnisse, wobei die Schüler in der Phase dann sogar die Fehler oder Ungenauigkeiten der präsentierenden Gruppen eigenständig ergänzten und verbesserten. Ich brauchte nur in Ansätzen moderieren und war tatsächlich komplett ‚raus‘ aus dem Großteil des Stundenverlaufs. Einmal passierte es doch, dass ein Schüler vorne noch stand, als durch eine Nachfrage eine Diskussion begann, die ich nicht sofort kürzte und er somit diesen ‚bestellt und nicht abgeholt‘ Status für zwei Minuten einnehmen musste, aber das war noch im Rahmen. Alle Beiträge wurden wahrgenommen, gewürdigt und rund abgeschlossen.

Wirklich unschön in dieser Phase war das Versagen der Technik. Trotz doppelt vorhandenem OHP, fielen beide auf ihre ganz eigene Art aus. Der eine war schon berüchtigt dafür, dass er immer nach einigen Minuten überhitzte und sich ausschaltete, weswegen ich das zweite Modell zum Einsatz hatte bringen wollen. Dieses fing aber nach kurzer Nutzung so dermaßen an zu Fiepen und Surren, dass man den Vortragenden fast nicht mehr verstehen konnte. Irgendwann griff ich genervt ein und tauschte das Geräuschungetüm aus. Natürlich versagte der defekte Hitzeschalten dann noch während der Präsentation, so dass wir wieder auf die Geräuschbelästigung zurückgreifen mussten. Da der Schulleiter mit hinten drin saß, wurde das UMGEHEND an die richtige Stelle nach der Stunde weitergeleitet 😉

Da das Problem der Bewertung der deutschen Position und Reaktion zu den Forderungen des Versailler Vertrages sehr deutlich allen vor Augen schwebte – auch wenn es nicht an der Tafel stand – ging es nach einer kurzen Stellungnahme zu den Ergebnissen des Plakates auch direkt zur Beurteilung über. War die deutsche Reaktion nun gerechtfertigt oder nicht?

Es zeigte sich, dass es hier zwar recht unterschiedliche Meinungen gab, aber durch die visuelle Unterstützung kam ziemlich schnell doch das antizipierte Ergebnis dabei herum. Es wurde sogar der von mir im Entwurf genutzte Stundentitel 1:1 genannt: Hätte es schlimmer kommen können? – Beurteilung von Potenzial und Risiken des Versailler Vertrages durch die Einordnung der politischen Positionen und Interessen der alliierten Siegermächte.

Ein Schüler meldete sich, nachdem in den vorherigen Meldungen doch noch einmal kurz die zu repräsentierende und beurteilende Perspektive verwechselt worden war (‚Frankreichs Forderungen wären doch eh ungerecht gewesen …‘ – ‚Aufpassen worüber jetzt geurteilt wird, wir wollen nicht beurteilen, ob Frankreich berechtigt war die Forderungen zu stellen, sondern ob die deutsche Reaktion angemessen gewesen ist.‘), verwies auf das Plakat und meinte ganz empört: „Also, wenn man sich das da so anschaut, das hätte doch noch viel schlimmer kommen können, wenn man sich Frankreich so anguckt. Auch wenn die Forderungen hart waren, Deutschland hatte schon ‚Glück‘, dass sich nicht die Franzosen bei den Verhandlungen bedingungslos durchsetzen konnten … vielleicht hätte es Deutschland so nicht mehr gegeben, wie wir es kennen.“

Hach ja … schön ists, wenn ein Plan funktioniert. 😀

Für die angedachte Vertiefung, die die Ursache der deutschen Haltung noch besprochen hätte, war dann aber keine Zeit mehr. Ich beschloss, das als deutliches Schlusswort stehen zu lassen und beendete die Stunde 1 1/2 Minuten vorm eigentlichen Ende. Das Maximalziel (Die SuS formulieren eine Einschätzung der Rechtmäßigkeit sowie der Ursachen der negativen Reaktion von deutscher Seite aus auf diese Forderungen.) wurde dadurch zwar nur teilweise erreicht, aber die Ursachen hatte ich eh als didaktische Reserve angegeben und konnte damit sagen, dass der Stundenplan genau aufgegangen war.

Die Oberste Heeresleitung (und mit ihr auch die deutsche Öffentlichkeit), die sich schlicht auf Wilson und sein Friedensprogramm verlassen hatte und somit total vor den Kopf gestoßen war, als dann die viel härteren Forderungen gestellt wurden, blieben in der Stunde außen vor.

Lagebeurteilung der OHL

Am 29. September 1918 forderte die OHL – für die deutsche Öffentlichkeit völlig überraschend – sofortige Waffenstillstandsverhandlungen und gestand somit erstmals die deutsche Niederlage ein. Aus den Tagebuchnotizen des deutschen Offiziers Albrecht von Thaer vom 1. Oktober 1918:

 

Deshalb habe die O.H.L. von Sr. M. und dem Kanzler gefordert, dass ohne jeden Verzug der Antrag auf Herbeiführung eines Waffenstillstandes gestellt würde bei dem Präsidenten Wilson von Amerika zwecks Herbeiführung eines Friedens auf der Grundlage seiner 14 Punkte.


Um diesen sehr langen UB Bericht nun auch zu seinem Ende zu führen, kann ich nur sagen, dass ich meinen Geschichtsfachleiter noch nie so zufrieden erlebt habe. Ich hatte wirklich Mühe, mir für die Nachbesprechung Kritikpunkte ‚aus den Fingern zu ziehen‘, denn es hatte ja alles geklappt. Aber … ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht trotzdem den 7 minütigen Vortrag mit Kritik zur Stunde hinbekommen hätte. Mein FL meinte an Schluss ganz empört, dass er ja wohl keine andere Stunde gesehen hätte, als ich gerade versuchen würde darzustellen und dass ich nicht so kritisch sein dürfte. ‚Tschuldigung … das ist das was man/Sie uns beigebracht haben.

Ich befinde mich also in der glücklichen Position, meine (insgesamt für beide Fächer) zehn absolvierten UBs mit einer 1 abschließen zu können.

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Aus dem Tritt …

Im Moment läuft es nicht rund. Die Motivation fehlt stark und ich habe das Gefühl, als wäre der Kopf in Watte gepackt. Die Ideen wollen nicht so recht aus ihrer dunklen Ecke heraus und die einfachsten Hügelchen scheinen riesige Berge auf den ersten Blick.

Heute war ein Tag, der auf einen sehr unproduktiven gestern folgte und schon bescheiden begann. Mein Mann hatte irgendwie vergessen mich morgens zu wecken und so saß der Junge alleine auf dem Sofa, berieselt vom Kinderprogramm und ich schlief mit der Motte bis fast halb sieben, während er bereits um kurz nach sechs das Haus verlassen hatte O_o Wurde alles natürlich dezent knapp und stressig, aber ich kam pünktlich los. (Mit ungewaschenen Kindern, da das Frühstück auch nicht gemacht gewesen war. Wenn dann richtig …)

Die Stunden heute zogen sich ziemlich demotivierend dahin, es fiel nichts wirklich Negatives vor, aber ich hatte schon mal mehr Spaß im Unterricht. Die Schüler glaube ich auch. Vielleicht kam auch noch dazu, dass die Doppelstunde im Philo LK, in dem ich nun wieder nur hospitiere, doch durchaus ansprechend war und mir mein Unterricht dagegen eher stumpf vorkam. Hat der Terminator den Vergeltungstheorien einfach etwas voraus? Wer weiß … Ich hätte bestimmt noch ein tolles Beispiel für Kants Wiedervergeltung finden können … aber das mit der fehlenden Kreativität habe ich ja schon angesprochen.

In meinem Geschichtskurs danach kamen sogar Diskussionen auf. Das Thema polarisiert ja auch ordentlich. Wir sprachen über die Rechtfertigung der Sklaverei im 18. Jahrhundert in den (frisch) Vereinigten Staaten. Da ich zu dem Thema sehr viel in der Uni gemacht habe, konnte ich doch einiges an „Spezialwissen“ einstreuen und die Schüler waren durchaus interessiert. Der Fall Scott <> Sandford (eigentlich Sanford) diente als Erläuterung zum Menschenbild und der autobiographische Bericht von Salomon Northup schilderte eindrücklich, worum es beim ‚Tatbestand Sklaverei‘ eigentlich ging.

Aber die Stunde riss meine Laune nicht mehr raus. Ich hatte mich kurz vorher mit Herr Rickward wegen der Q1 Stunde morgen besprochen. Der Krieg soll zu seinem Ende kommen und die geeignetste Quelle dafür schien die Erklärung zum Lagebericht der OHL, die nach ewig langen Durchhalteparolen und vielen militärischen Fehleinschätzungen und -Entscheidungen nun doch auf Waffenstillstand drängte. Mein müdes Hirn hatte gestern einen Plan für die Stunde zusammengeschustert, was gefühlt ewig dauerte.

Als ich Herr Rickward meinen Plan vorstellte wurde wieder deutlich: Gutes Material, falsche Reihenfolge. Ich weiß nicht wo der Wurm gerade drin sitzt, aber er hat sich festgebissen. Joa, das KÖNNTE man so machen. Ob ich schon mal über eine umgekehrte Reihenfolge nachgedacht hätte. Schon wieder -.- Das Pferd von hinten aufgezäumt.

Ich hatte mit dem Frieden von Brest-Litowsk einsteigen wollen.

Europa 1918.PNG
The History of the World – Every Year (Sehr sehenswert, wer das noch nicht kennt.)

1918 hatte es Anfang des Jahres ja durchaus gut für das Kaiserreich ausgesehen und die Schüler sollten durch diese Momentaufnahme vom März etwas in die Perspektive von deutscher Seite im letzten Kriegsjahr versetzt werden.

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Das kontrastiert mit der Einschätzung ‚wir können keinen Tag länger und hätten am besten gestern schon Frieden geschlossen bevor wir überrannt werden‘, sollte für einen ordentlichen Problemaufwurf reichen. Tut es auch.

Aaaaaber: Warum ich das Epochenjahr 1917 als Abschlussphase geplant hätte, will Herr Rickward wissen. – Weil da alle Fäden der letzten Stunden dann zusammen laufen. – Ja, richtig. Wo setzt die nächste Stunde denn dann an? – Friedensverhandlungen – Versailler Vertrag. – Würde sich da nicht ein Fazit zur Situation am Kriegsende eher eignen? Und das Epochenjahr für den Anfang, da dann direkt die letzten Stunden präsent sind? – Recht hat er …

Ich hätte wie in der Doppelstunde da gestanden und im Einstieg bemerkt, dass ich die Stunde besser andersrum aufgezogen hätte. Der Rest ist wie immer gut, das Material sehr brauchbar. Am und mit dem Problem arbeiten wir/ich noch *seufz*

 

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Wie Russland und ich im Chaos versanken …

… ok, Chaos ist vielleicht in meinem Fall etwas zu viel gesagt, aber ich hatte wieder eine Stunde mit dem Oberpunkt: Das hatten wir doch schon mal. Im Moment habe ich das Gefühl, dass meine Fehler immer banaler werden und sie mir vor allem SELBST auffallen sollten. Und ich mache mir wirklich Gedanken darüber, wie es mir später, nach der Ausbildung, nach den regelmäßigen Möglichkeiten der externen Reflektion und der Verbesserungsvorschläge, dann wohl auffallen soll, dass ich etwas ändern muss und vor allem: Was und Wie? In diesen Situationen rückt das Ref-Ende eher wie ein Schreckgespenst näher. Wer wird sich dann noch hinten reinsetzen und mir Tips geben? Negative Eigenheiten aufdecken, einem dezent oder grob auf die Füße treten und helfen die Unterrichtsqualität zu verbessern? *seufz*

Also, mal wieder eine Stunde bei Herr Rickward und mal wieder Fehler, die ich hätte vermeiden sollen, aber wohl einfach noch nicht vermeiden kann; obwohl sie mir theoretisch bekannt sind. Wir haben am Dienstag die Russischen Revolutionen erarbeitet. Arbeitsteilig haben die Schüler sich mit Hilfe von Darstellungstexten mit dem Ablauf der Revolutionen beschäftigt, drei Gruppen mit 1905 und drei mit 1917 und sich jeweils zu dritt mit verschiedenen Aspekten der Krisenanalyse befasst. Grundlage war die Konfliktanalyse, wie ich sie auch im 4. UB verwendet habe. (Die Schüler kamen leider nicht in den Genuss meines hübsch gestalteten Arbeitsblattes, da ich den Tag das erste Mal meinen Ordner zu Hause vergessen hatte.)

Die Stunden verliefen natürlich unspektakulär. Die Kinder arbeiteten, erschlossen sich die Texte und schrieben die wichtigsten Stichpunkte auf. Dann ging es an die Stunde zur Präsentation. Ich machte noch relativ lange den Abend und Morgen vorher an den Möglichkeiten zur Vertiefung herum und war doch nicht ganz glücklich mit dem Ergebnis. Plötzlich kann ich nicht mehr abschätzen, wie lange sie nun für die Vorstellung brauchen könnten, wie ich verschiedene Punkte herüberbringen soll, was sie an Material benötigen, um diesen oder jenen Gedankenschritt nachzuvollziehen und so weiter. Es ist furchtbar.

So kopierte ich morgens noch die Quelle „Was tun?“ von Lenin, um hier auf die Idee von ‚Berufsrevolutionären‘ und dem Widerspruch dieser bewussten „Einrichtung von Revolution“ mit den weitgefächerten Abläufen einer ’natürlichen‘ Revolution in Kontrast setzen zu können. Und den Ideen, die Marx eigentlich gehabt hatte, als er den Klassenkampf prognostizierte. Und dem, was Stalin dann daraus gemacht hat. Und mit den Konzepten von Geschichte nach Hegel (Dreischritt mit Lernen aus dem Vergangenen) und Nietzsche (Gezwungenes ‚immer wieder das Gleiche machen ohne etwas daraus mitzunehmen‘) können wir uns ja eigentlich auch noch beschäftigen. Und die genaue Ereignisgeschichte der Revolutionen …

Man sieht das Problem, oder? Natürlich ist das Zuviel. Zuviel von allem. Aber man braucht ja Impulse, es muss doch möglichst groß sein, damit man am Schluss genug Diskussionspotenzial hat, nicht? Denn Diskussion muss ja. Und dann müssen sie ja große Themenfelder bekommen, damit jeder etwas sagen kann.

*seufz* Morgens ging mir auf der Fahrt noch ein Licht auf, was mein Problem bei den Fragen angeht. Ich frage immer in eine Richtung. Ich frage so, dass man sich bei der Antwort so positioniert, dass keine Offenheit für Standpunkt 2 oder 3 oder 4 ebenfalls legitim gelassen wird, außer man greift die Prämisse der Frage an. Ich will es zu genau, zu eng, zu vertieft im ersten Schritt. Das stockt die Gespräche und führt dazu, dass oft nur die Leistungsstarken mir folgen können. Das Problem hier ist: Ich weiß das theoretisch. Ich schaffe es nicht in konkreten Situationen das dann anders umzusetzen. Weil ich Angst habe, dass Dinge schwammig bleiben, falsch aufgenommen und gelernt werden. Ich will es direkt so ‚richtig‘ wie möglich vermitteln um die ‚Ausfallrate‘ so gering wie möglich zu halten.

Nach der Stunde machte Herr Rickward mich auf ein weiteres Problem aufmerksam, was in dieser Sorge seinen Ursprung hat. Als die Schüler vorgetragen haben, habe ich an den Stellen, wo sie schwierige Begriffe/Umstände eher oberflächlich oder ungenau erklärt haben, direkt eingegriffen und habe um Präzisierung gebeten oder direkt einen kurzen Austausch im Plenum veranlasst. In der Zeit standen die Schüler, die präsentierten, dann vorn und warteten auf den Fortgang der Präsentation. Die Abläufe haben sich stark vermischt, teilweise meldeten sich die Präsentierenden, um sich an der Diskussion zu beteiligen. Und das passiert mir häufiger, auch in anderen Kursen. Die Situation hat mehrere Probleme.

  1. Man fällt den Präsentierenden ins Wort.
  2. Es entsteht eine Art Prüfungsgespräch durch das Nachhaken.
  3. Konkrete Sammlung / Sicherung der zu klärenden Punkte fehlt.
  4. Der Schülerbeitrag geht unter, wird nicht wertgeschätzt und die klaren Übergänge fehlen.
  5. Material wird wenig bearbeitet / eingebunden.

Ich agiere oft so, weil ich …

  • … nichts vergessen möchte.
  • … nicht möchte, dass etwas ‚Falsches‘ behalten wird.
  • … die Schüler direkt zur Genauigkeit anhalten will.
  • … der Überblick für eine Sammlung nach den längeren Präsentationen oft noch fehlt.

Die Stunde hatte dann noch weitere Schwächen. Die Diskussion am Schluss ruderte in viele Richtungen und ‚verlor‘ dabei doch einige Schüler auf dem Weg. (Auch Herr Rickward bestätigte mir, dass dieses zu viele Fäden auf einmal zusammenknüpfen zu wollen ‚ein typisches Problem der neuen Philosophiekollegen‘ wäre.) Die Zeit wurde zu knapp für das AB, was in einem reinen Gespräch ohne Material endete. Das ist immer noch eine Stufe schwerer, als wenn man sich an konkreten Fakten entlanghangeln kann. Ich bin nach wie vor unsicher, wieviel an Fakten ich persönlich vorgeben darf, ab wann ich manipuliere, suggeriere und so weiter. Wenn ich meine Auffassung der Inhalte des ABs für die Diskussion kurz darstelle, stelle ich eben MEINE Sicht dar. Die Schüler konnten sie sich nicht bilden und müssen für ihre weiteren Annahmen darauf bauen, dass ich das so neutral wie möglich dargestellt habe.

Nicht dass sie den Lehrer in vielen Fällen hinterfragen würden. Sie gehen oft einfach davon aus, dass ich ihnen keinen Unsinn erzähle. Und das empfinde ich eben als sehr problematisch. Was dann zu den vorher beschriebenen Verhaltensweisen von mir führt, wo ich versuche sicherzustellen, dass sie in der Situation direkt eben so wenig wie möglich ‚Falsches‘ verstehen können. *seufz*

Naja, wir arbeiten dran. In Präsentationen mache ich mir demnächst strickt Notizen und füge eine Sammlungsphase am Schluss an. Werde mit dem Material der Präsentierenden arbeiten und dieses ergänzen/korrigieren. Bei schwerwiegenden Fehlern greift man natürlich ein, aber ansonsten lasse ich meine armen Schüler wohl erstmal besser AUSREDEN -.-

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Kollateralschäden – oder: Also in meiner Planung hat sich das noch ganz toll ‚gedacht‘!

Lernt man eigentlich tatsächlich dazu oder macht man die gleichen Fehler nur auf neue Art immer wieder nochmal im Ref? Das dachte ich mir gestern in der Doppelstunde bei Herr Rickward. Eigentlich sollten nur die USA in den ersten Weltkrieg einsteigen. Kann ja nicht so schwer sein, gell? Hmhm, falsch gedacht. Die Stunde wurde zur Nervenprobe, denn es passierte, was wirklich niemand hofft, dass es passiert: Die Stunde begann und ich merkte innerhalb der ersten 3 Minuten, dass ich sie besser anders geplant hätte >.<

Aber von vorne. Ich bin ja seit etwa drei Wochen bei Herr Rickward in der Q1 dabei und da dort auch mein letzter Geschichts-UB stattfinden soll, bin ich fleißig am Planen und am Werkeln. Und ich bin sehr froh, dass Herr Rickward da ist, der wirklich von allen Themen mal sowas von die Ahnung hat … ich erstarre nicht vor Ehrfurcht, aber ich bin schon meist neidisch, wie einfach ihm die Zusammenhänge und Verknüpfungspunkte geradezu aus der Tasche zu schlüpfen scheinen, während sie mit mir Katz und Maus spielen. Und er sieht tatsächlich gefühlt ALLES, was in den Stunden schief läuft. Und das war gestern in der Doppelstunde eine Menge *seufz* Immerhin, solche Stunden sind ja zum Lernen da. Und gelernt habe ich nun hoffentlich einiges aus den Fehlern.

Zum Einstieg hatte ich zwei Plakate von US-amerikanischer Seite von 1917 mitgebracht.

Meine Idee war gewesen, dass ich über die Tatsache der Rekrutierung und der Betonung der Ressourcen und deren kriegsentscheidender Rolle den Bogen zu der britischen Seeblockade und dem U-Boot-Krieg schlagen könnte, der letztlich (unter anderem) für den amerikanischen Eintritt in den Krieg entscheidend war. War ein wenig kompliziert gedacht, wie sich heraus stellte. An der Stelle merkte ich auch, dass ich eigentlich mit der amerikanischen Seite hätte anfangen müssen, da sich der U-Boot-Krieg aus Auslöser der Veränderung der Einstellung der Amerikaner nun einmal aus dem Problem der Zimmermann-Depesche ergeben hätte. (<- Dieses ‚hätte‘ wird nun noch öfter vorkommen.)

Herr Rickward meinte, dass es doch schön gewesen wäre, die verschiedenen Botschaften der Plakate auch mit der jeweiligen Zeit zusammen zu bringen: Anfang des Jahres das „Food will win the War“ Plakat, in dem noch nicht von eigenen Truppen die Rede ist und man für die Alliierten sammelt und dann von Mitte 1917 der eindeutige Aufruf an die Bevölkerung, sich zum Dienst zu melden. Mayflower-Flüchtlinge von damals wurde in die Pflicht genommen, Vorbereitung des Volkes auf den Krieg von Anfang an und nicht die ‚absolut neutrale‘ Haltung, die so gerne offiziell betont wurde. Problemaufwurf auf dem Silbertablett und ich habs nicht einmal gemerkt. Wenigstens habe ich ein glückliches Material-Händchen -.-*

Noch dazu war ich davon ausgegangen, dass der Kriegseintritt der USA allseits bekannt war. Also, die Ursache davon. Hatte ich irgendwie aus der Mindmap vom Anfang gelesen, als ich dann aber danach fragte, sahen mir nur leere Gesichter entgegen. Und da merkte ich dann, dass es zwei verdammt lange Stunden werden würden.

Was wir machten:

Ich sagte den Schülern, dass sie nun einmal den Darstellungstext zum Thema der britischen Seeblockade lesen und die Aufgaben bearbeiten sollten, da wir zuerst die Ursache für den U-Boot-Krieg genauer untersuchen würden.

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Das lief dann wie immer ab; lesen, zusammentragen, Gründe erforschen, beurteilen, ob der U-Boot-Krieg ein Verteidigungskrieg gewesen ist. Sie arbeiteten sich tapfer durch die Frage, was und ob das alles nun völkerrechtswidrig gewesen wäre und kamen dann am Schluss darauf, dass es schon eine recht verzwickte Lage für Deutschland, aber selten … dusselig von den führenden Militärs gewesen ist, sich dann gleich die nächste Front anzulachen, indem man in der Nordsee auf die vierte Großmacht Jagd machte. Oder zumindest in Kauf nahm deren Zivilisten zu versenken.

Das war alles gut und richtig. Zum Abschluss hatte ich mir überlegt, könnte man doch mal ins Quellenmaterial hineinschauen und eine Deutung der Wirkung des Krieges auf die beteiligten Seefahrer versuchen.

Anhand dieser Materialien sollte einmal etwas Klarheit über die Art und Funktion der Seeminen entstehen, die Lage der Blockade Linien deutlich werden und letztlich die psychologische Wirkung des Krieges erschlossen werden. Mir persönlich erscheint die Idee nach wie vor zugänglich, sie kam mir immerhin (^.^), aber die Schüler konnten damit wenig anfangen.

Der erste Impuls den ich hatte, als ich die Karte sah, war eine Verbindung zwischen der Darstellung der Landmassen und Küstenlinien im Vergleich zur ‚Wichtigkeit‘, die der Kartenersteller mit dem jeweiligen Land verbunden hatte. Und er hat sich ja wirklich Mühe gegeben, dass muss man ihm lassen. Wenn man jetzt aber die Küstenlinie von Deutschland mit der der anderen Länder vergleich, so erscheint sie einem doch deutlich ‚zu kurz gekommen‘. Wenn man jemandem ganz neutral den Auftrag gibt „zeichne doch mal eine Weltkarte“, so werden die Proportionen und Details meist beim eigenen Land und dessen Umfeld am genauesten sein. Warum also zeichnete der deutsche Seemann die deutsche Küstenlinie so ‚untersetzt‘? Weil sein Unterbewusstsein ihm eingab, dass Deutschland kaum einen Zugang zum Meer herstellen kann, es von allen Seiten klein gehalten wird, der Zugang gefährdet ist, und so weiter. Fand ich wie gesagt ganz logisch … die Schüler nicht. Aber ich sehs ein, war vielleicht ein bisschen abstrakt 😛

Nach der fünf Minuten Pause ging es dann mit dem eigentlichen Kriegseintritt Amerikas weiter. Und ich ließ den dazugehörigen Darstellungstext lesen.

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Womit ich den kompletten Problemaufriss der Stunde mal eben so verschenkte. Die Kombination mit der im Januar abgefangenen Nachricht, der Weiterleitung kurz darauf, der Veröffentlichung dieses brisanten Materials erst über einen Monat später für die Öffentlichkeit bis hin zur Instrumentalisierung der Depesche zum letztlichen Kriegseintritt, alles verschenkt durchs Lesen der paar Zeilen. Grundlegendes Problem der Stunde: Ich denke immer noch linear. Das Problem erschließt sich nicht durch genaues Abarbeiten des zugrundeliegenden Materials, man muss anachron arbeiten und sich auf die Punkte stützen, die einem eine „Hä?“ Reaktion abverlangen. Dass in dem Text die verschiedenen Motive schon genannt wurden, verhinderte, dass die Schüler die offiziell genannten Motive genau würdigten.

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Dieses Arbeitsblatt wurde somit fast sinnlos. Die Erklärung des Hintergrundes über die Monroe-Doktrin funktionierte dann auch nicht mehr. Denn anstatt die Schüler eigenständig auf die Verbindung kommen zu lassen, erschlug ich sie mit Text, wobei sie nicht nur die wichtigsten Passagen der Doktrin noch einmal lasen, sondern auch noch die FALSCHEN. Ich verwechselte die Seiten und so wurde der ewig lange Text erneut gelesen, wo es eigentlich nur um den Zusatz von 1904 gehen sollte, in dem sich die USA selber als ‚internationale Polizeigewalt‘ betiteln und ihre Aufgabe als „Weltpolizisten“ erstmals deutlich machen.

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Was war also das Ergebnis der Stunden? Die USA sind offiziell in den Krieg eingetreten, weil Deutschland indirekt den Krieg über die Zimmermann-Depesche erklärt hatte und sich entgegen der alten Bestimmung in amerikanische Angelegenheiten mischen wollte, indem sie Mexiko Unterstützung und verlorene Gebiete versprachen. Die Angriffe auf die Handelsschiffe war der Punkt, der mit dieser Depesche zusammen die us-amerikanische Öffentlichkeit gegen Deutschland aufbrachte, deren Zustimmung die Regierung dringend für einen erfolgreichen Kriegszug brauchte. Wilson sprach in seiner Kriegserklärung von hehren Zielen und dem Recht, das wichtiger als der Friede geworden war. Wirklich erwähnt wurden hierbei natürlich nicht die Versorgungslieferungen seit Beginn des Krieges, die die US-Wirtschaft dringend brauchte. Die ‚Detektivarbeit‘ hatte ich den Schüler nur leider durch den Infotext am Anfang schlicht abgenommen, weswegen die Inhalte wohl nicht direkt hängen geblieben sind. Selbst erschließen bringt einfach mehr.

Das Schlimme ist, dass ich ja theoretisch weiß, dass man eher konfrontativ denken sollte. Ich falle aber immer in das ‚Informierende‘ zurück, was dann in nicht sehr spannenden Stunden endet. Und was ich hier auch wieder gemerkt habe: Sich für eine Doppelstunde in ein komplett neues Thema einzuarbeiten führt einfach zum Overload. Es waren zu viele Fäden, die ich verknüpfen wollte und zu viele Stellen, an denen einfach die Übung, Routine und der Überblick fehlte. Dankbar darf ich hier für die wirklich geduldigen Schüler sein, die auch solche Stunden mit stoischer Ruhe ertragen. Dafür dürfen sie dann die nächsten freier arbeiten und sich die Russischen Revolutionen anschauen, die genauso wie die Wende im Krieg zum Epochenjahr 1917 gehören.

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5. UB Philosophie

Tja, kaum zu glauben, wie sehr die Zeit manchmal rennen kann. Mein letzter Unterrichtsbesuch in Philosophie ist nun absolviert. Es war nervenaufreibend bis zum Schluss und die Stunde selber wird nicht gerade angenehmer, wenn man durch die ganze Theorie-Kundigkeit haarklein jede Stelle bemerkt, an der man einen Fehler macht und ihn TROTZDEM mit Bravour absolviert -.- Es besser wissen aber noch nicht können … das wird wohl die nächste Zeit Motto werden.

Was ist gestern also alles passiert? Wir haben uns daran gemacht die Demokratie abzuschaf … – nein, Moment, das war ein anderer UB in einem anderen Fach (so schlimm lief es glücklicherweise nicht). Wir haben das Widerstandsrecht gegen demokratische Entscheidungen besprochen. Oder besser: Die Schüler haben sich die Köpfe etwas heiß diskutiert, ich habe tatsächlich eine Stunde entworfen, in der ich die meiste Zeit außen vor war.

Nachdem ich die letzte Woche nur noch stundenweise geschlafen hatte, da neben dem vollen Stundenplan ja noch der Entwurf geschrieben werden wollte und ich wieder bis zum letzten Tag noch zusätzliche Ideen entwickelte, mit Herr König besprechen wollte und Mittwoch sogar nochmal alles um den Einstieg herum umwerfen musste, stand dann morgens um halb sechs am Tag vorm UB endlich die Stunde und das Material fest.

Eigentlich hatte ich mit einem kurzen Dialog aus Antigone einsteigen wollen, der von den Schülern gespielt werden sollte. Herr König überzeugte mich, dass es einfach zu viel Zeit brauchen würde und nicht genug Ertrag dafür brächte. Es fällt einem ja so schwer von einer einmal gefassten Idee abzuweichen. Besonders wenn das komplette Material dafür fertig ist und der Kommentar schon geschrieben. Ich gab dann aber nach und fand auch mein Bauchgefühl wieder, dass vorher aus den gleichen Gründen ebenfalls schon Bedenken angemeldet hatte. Man sollte öfter auf sein Bauchgefühl hören, auch wenn es zusätzliche Arbeit bereitet.

Morgens in der Schule überkam mich wieder die altbekannte ‚Ruhe vor dem Sturm‘. Wenn ich nichts mehr ändern kann, werde ich etwas fatalistischer was die Gemütslage angeht. Immer noch angespannt, aber … es wird sich dementsprechend entwickeln wie es das nun einmal auf Grund der Umstände kann. Ich bereitete den Raum vor (Materialien von der Korkwand entfernt, Tische und Stühle gerückt, gelüftet), schaute noch schnell über die Planung für die ersten zwei Stunden mit den 9ern, die wieder nur aus vorgegebenen Unterrichtsplanungen in den Praxisheften bestand – nahm mir bei der Gelegenheit vor, dass ich das kommende Thema für sie extra gut ausarbeiten würde – und machte mich auf zum Kopierer.

Wo natürlich ausgerechnet an diesem Tag der Notstand ausgebrochen war. Fünf Kollegen vor mir und ein Fachleiter, der natürlich den einzigen Folienkopierer benutzen musste um schwarz-weiß Kopien für sein neues Seminar in der Intensivwoche zu erstellen. Nicht dass wir dafür noch zwei weitere Kopierer haben … Aber hey, ich habe doch Zeit. Ich kam dann das erste mal vier Minuten zu spät zum Unterricht. Die Schüler sagten mir direkt, dass sie bereits überlegt hätten, ob ich krank wäre, weil ich immer überpünktlich wäre. Tja, so ist das.

Als ich dann aus dem Unterricht kam und ins Lehrerzimmer hechtete, wurde ich gleich mit den Worten: „Frau Tulpe sagte, dass die Leute schon seit 40 Minuten da sind und sie sie erstmal in den Raum gebracht hat. Die waren wohl alle zu früh.“ Gut, dass ich den Raum die ersten Stunden auch geblockt hatte, ich hatte mit so etwas gerechnet. Also schnappte ich mir alle Utensilien und marschierte in den Keller, wo mich die fünf Damen aus dem neuen Fachseminar und mein Fachleiter erwartungsvoll begrüßten. Es schlug mir sehr viel Dankbarkeit von den neuen Refis entgegen, dass sie sich einen 5. UB anschauen durften und noch mehr Wohlwollen meines Fachleiters, der den Tag mehrfach betonte, dass er mir das hoch anrechnen würde.

Gemeinsam ging es zum Unterrichtsraum, wo die Tische zurechtgerückt wurden und ich meine letzten Vorbereitungen traf. Allerdings wurde mir schon beim Ausbreiten meiner Unterlagen deutlich, dass es einfach alles viel zu viel war. Ich hatte eine ‚offene‘ Stunde vorbereitet und die Richtung, die am Schluss eingeschlagen werden würde, stand noch nicht fest. Somit hatte ich mich in alle möglich-denkbaren Richtungen versucht vorzubereiten. Noch bevor ich die Stunde gehalten hatte war eigentlich schon sicher, dass ich sie wahrscheinlich nicht gesichert würde abschließen können.

Der Gedankengang war es dann, der verhinderte, dass ich richtig ins Thema kam, weswegen ich den Einstieg verpatzte.

Brexit.PNG

Was nicht an den Schülern lag, die waren toll. Der LK hat sich die Stunde wirklich Mühe gegeben und sie nannten ALLES was wir in den Stunden vorher besprochen hatten. Egal wie unwichtig oder klein der Punkt gewesen war, sie verbanden ihn mit dem Problem vom Brexit.

  • Mehrheitsentscheidungen können sehr knapp ausfallen – Was ist also, wenn die Mehrheit nur hauchdünn ist? Greift das die Legitimität der Entscheidung an?
  • Problem mit Minderheiten in der Demokratie
  • Problem mit der Repräsentation von Minderheiten in der Demokratie
  • Problem des Entscheidungsfindungsprozesses
    • uninformierte Wähler
    • populistische Positionen
    • Lenkung der öffentlichen Meinung
  • Fremdbestimmung in der Demokratie – dürfen Mehrheiten über Minderheiten entscheiden?

Es kam so viel und so viel Gutes … und ich nehme die Frage und das Problem für die Stunde vorweg. *seufz* Anstatt die Schüler eine Problemfrage formulieren zu lassen und diese dann an die Tafel zu schreiben, fing ich an zu plappern und gab die Frage vor – ohne sie zu fixieren. Wenn man sich von außen beobachtet und merkt ‚was machst du da gerade?!‘, es dann aber schon zu spät ist … Der Schulleiter runzelte nur die Stirn, mein Fachleiter fing an schneller zu schreiben und Herr König schaute mich mit großen Augen an. Gut, hoffen wir einfach mal, dass das jetzt nicht im Examen passieren wird. Meist mache ich Fehler nur einmal in dem Umfang.

Nachdem ich also etwas von Autorität gemurmelt habe und die Frage stellte, ob man Mehrheitsentscheidungen immer Folge leisten müsse, leitete ich zur Erarbeitung über.

Moderationsfolie

Zum Glück fanden sich fast auf Anhieb zwei gleichgroße Gruppen zusammen, die jeweils eine der Positionen vertreten wollten, so dass wir nicht lange herumschieben mussten, um an die Arbeit zu kommen. Ich erklärte die Aufgaben, verteilte Plakate und Stifte und mein hochmotivierter Kurs stürzte sich in die Arbeit. Leider sah ich zu spät, dass Gruppe 1 den Arbeitsauftrag mit dem Begründen nicht genau genug genommen hatte. ‚Weil‘ Begründungen sind nun einmal nicht gerade das, was man von den Schülern, die vor zwei Wochen noch im Toulmin-Schema moralische Begründungen verfasst haben, erwartet. Da die erste Phase der Gruppenarbeit aber schon fast verstrichen war, kam meine Anweisung, die Begründungen doch bitte noch zu vertiefen zu spät. Das wurde von der zweiten Gruppe dann in der folgenden Kritik-Phase aber hervorragend aufgefangen, als sie genau die Schwachstelle der unausgeführten Begründungen aufgriffen und sie argumentativ ausweiteten.

Das Ergebnis sah dann so aus:

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Und spätestens an der Stelle war mir klar: Zu viel! Als ich dann in der dritten Phase zur Entscheidungsfindung aufrief, entspannte sich schnell eine Diskussion um die Rechtmäßigkeit der Mehrheitsentscheidung, wenn man damit der Minderheit Dinge vorschreiben würde. Ich konnte in der Diskussion zur Vertiefung anleiten, indem ich das Problem von Minderheiten, die auf Grund von einer speziellen Disposition zu Minderheiten geworden sind und deren Problem von keiner Mehrheit jemals geteilt und vielleicht nachvollzogen werden konnte, zur Diskussion stellte, wie es beispielweise bei Homosexuellen und deren Verfolgung in vielen Ländern gegeben ist. Was tut man, wenn man auf dem ’normalen Weg‘ (Position bekannt machen und eine Mehrheit für die eigenen Belange finden) keine Mehrheit für seine Sache gewinnen kann? Ewig in der Minderheit bleiben? Funktioniert das System beim Vorhandensein ‚ewiger Minderheiten‘ auch noch oder wären Entscheidungen damit nicht länger legitim?

Wir kamen also wie geplant bei der Frage nach der Legitimität von Mehrheitsbeschlüssen an, jedoch war ich an dem Punkt bereits so am Schwimmen, dass mein ‚Tafelbild‘ eher eine Stichwortsammlung wurde. Dadurch, dass wir ja auch keine Leitfrage zum Beantworten hatten, lief die Stunde dann bis zur letzten Minute so vor sich hin und es kam nicht zu der gewünschten ‚Runden Stunde‘, in der ein Problem vom Anfang wieder aufgegriffen und beantwortet werden konnte.

Was positiv gewesen ist: Die Vorbereiteten Impulse habe ich nicht gebraucht. Vor lauter Sorge, dass die Schüler sich in der Erarbeitung nicht auf wirkliche Probleme einigen können würden, hatte ich kleine Impulskarten vorbereitet. Problem hierbei ist immer, inwiefern man Ergebnisse vorweg nimmt oder vorschreibt, aber da es letztlich besser ist als sich in einer Erarbeitungsphase ohne Arbeit wiederzufinden … nun ja.

Impulse I

Impulse II

Hier sieht man nun auch, warum es so schwer war die Stunde vorauszuplanen. Es gab einfach so viele Ansatzpunkte, in die sich die Diskussion der Schüler entwickeln konnte, dass ich konstant das Gefühl gehabt hatte, dass ich die ganzen Probleme eigentlich gar nicht überschauen konnte. Das mein Fachleiter nun gerade das als großen Pluspunkt bei der Bewertung anlegte war wohl mein Glück, da es ja immer sehr individuell ist, wie man solche Ansätze einordnen.

So war er dann von der Stunde geradezu begeistert. Freie Diskussion, offener Meinungsaustausch, vertiefende Diskussion von den Schülern angestrebt, geleitet und stringent aufgegriffen, anlage der Stunde von der Methode her, Aufbau des Themas in der Reihe, Relevanz von philosophischen Positionen, Aushalten von Dissens bei einer alltagsrelevanten Fragestellung etc. etc. etc. Er hörte gar nicht mehr auf zu loben.

Da das neue Fachseminar auch bei der Nachbesprechung dabei war, verfielen sowohl er als auch ich immer wieder in Erläuterungen, während wir die Stunde reflektierten, aber insgesamt hat mich die Anwesenheit der ungewöhnlich vielen Gäste beim UB überraschend wenig gestört. Es fühlte sich sogar eigentlich recht befreiend an, dass man wusste, dass das Jahr nun größtenteils abgeleistet ist, die tatsächlich arbeitsreichen Strecken erst einmal weniger werden und man sich nun aufs Examen vorbereiten kann.

Trotzdem ist es wirklich beunruhigend, dass dies nun meine Ausbildung in Philosophie gewesen sein soll. Ich fühle mich einfach nicht gut vorbereitet. Alles in allem waren das nun viereinhalb Wochen Ausbildungsunterricht bis zum 5. UB. 4 1/2 Wochen! In zwölf Monaten …

Was das Examen angeht, so werde ich mit der Vornote 2 in die Prüfung gehen. Der Entwurf wäre eine 1, da gibt es nichts mehr zu beanstanden laut meines Fachleiters. (Die neuen Refis baten dann natürlich auch gleich um eine Kopie, die ich ihnen gerne zur Verfügung stellte.) Leider sind meine Leistungen im praktischen Bereich nicht auf dem Niveau, was mich zwar ärgert, aber es lässt sich nicht ändern. Noch weiß ich nicht genau, wie viel die Vornote nun tatsächlich in die Endnote eingerechnet wird, da muss ich mich noch einmal schlau machen. Und obwohl ich die Stunde als echten Drahtseilakt für meine Nerven einstufe, so legte mir mein Fachleiter doch sehr eindringlich nahe, dass ich das fürs Examen ins Auge fassen sollte. Schauen wir mal, ob ich den Mut zu einer offenen Diskussions-Examensstunde haben werde. ^.^

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3. UB Philosophie

Die Arbeit stapelt sich auf den Schreibtischen (ja, ‚Plural‘ steht hier inzwischen im Raum) und Weihnachten ist rum. Rekapituliert hatte ich meinen dritten UB in Philosophie noch nicht und über die Zwischenbilanz und -perspektivgespräche in den Fächern bin ich hier auch noch einen Beitrag schuldig geblieben bisher. Aber alles der Reihe nach. Erst einmal Philosophie.

Vorweg: Ich hoffe, alle hatten ein schönes Weihnachten mit Familie und Freunden und haben die Feiertage gut überstanden 🙂

Es war Mittwoch, der vorletzte Tag vor den Ferien und ich hatte keinen anderen Zeitpunkt mehr gefunden, um meinen dritten Unterrichtsbesuch zu absolvieren. Die Umstände waren alles andere als ideal; den Kurs hatte ich übernehmen müssen, weil Herr König kurzfristig erkrankt war, mit einem Thema, dass sonst wohl keiner machen wollte. Ich hatte hier, hier und hier davon berichtet. Als Herr König dann wieder da war, lief es auch ziemlich holprig weiter, da wir absolut ins Stückeln gerieten, da das sehr theoretische Thema die Schüler nicht so recht interessierte, ich also mehr schlecht als recht an das vorherige Thema anknüpfen musste und daraus eine Reihe basteln. Joa … alles nicht ideal, wie gesagt. Dann war Herr König auch mehrfach im Unterricht nicht dabei und die Zwölfer teilweise doch mehr als unkonzentriert. Ich erwartete für die Stunde ziemlich viele Komplikationen.

Durch die ganze Stresserei im Vorfeld, der dritte Geschichts-UB und (mal wieder) kranke Kinder, schaffte ich es dann auch tatsächlich nicht den Entwurf fertig zu stellen. Abends um halb acht strich ich die Segel und wandte mich an meinen Fachleiter. Der Großteil des methodisch-didaktischen Kommentars fehlte und ich hätte um 18:00 Uhr schon alles fertig abschicken müssen. Gut, ich habe vielleicht etwas viel Betonung auf die Krankheit der Kinder gelegt, aber ich habe es insgesamt einfach nicht im vorgegebenen zeitlichen Rahmen geschafft. Und ja, das lag auch an den Kindern, aber jetzt eine ewiglange Liste aufzuführen woran noch, erschien mir kontraproduktiv. Hier muss ich dann einmal wirklich loben: Absolutes Verständnis. Der Entwurf wäre ausdrucksstark und aussagekräftig genug für den Fachleiter, ob ich denn bei der Situation die Stunde halten könnte? Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich bejahte. Also, auf zum Gefecht am nächsten Tag.

Ich kam kurz vor knapp in der Schule an. Seit einer Woche schlief ich schon nicht mehr gut; sobald die Motte nachts wach wurde, schlief ich nicht mehr ein, während Töchterchen nach wenigen Minuten wieder friedlich neben mir schlummerte. Wenn 2-3h Schlaf in der Nacht zum Dauerzustand werden (selbstverständlich nicht am Stück … ), leidet das Arbeitsverhalten und Leistungsvermögen doch sehr darunter. Im aktuellen Fall war ich dann morgens nochmal eingeschlafen und wachte zur dritten Stunde etwa wieder auf. UB war in der 5. und da so kurz vor den Ferien das meiste auch durch war an AU, hatte ich den Tag nur meinen BdU bis zur 9. Stunde.

Angekommen in der Schule, sah ich meinen Fachleiter nirgends. Es war die zweite große Pause und er war sonst immer sehr pünktlich. Nicht stressen lassen … erstmal alles vorbereiten und kopieren gehen. Auf dem Weg zum Kopierer kam mir der Schulleiter entgegen, der meine entschuldigende Mail wegen des unfertigen Entwurfs auch erhalten hatte und erkundigte sich mitfühlend nach den Kindern. Ich entschuldigte mich nochmal für die Umstände und berichtete, das man von Magen-Darm erkrankten Kindern eben so berichten kann. Als ich fast im Kopierraum verschwunden war, hielt mich Frau Martin noch auf und versuchte mich gut zuzureden, dass sie meinen Fachleiter schon in Empfang genommen hätte und ich jetzt alles in Ruhe vorbereiten sollte. Die Nervosität hielt sich da aber schon wieder in Grenzen, ändern konnte ich eh nichts mehr. Sehr lieb von ihr, so oder so auf jeden Fall.

Mit Kopien und Folien kam ich an meinem Tisch wieder an, begrüßte den Fachleiter und entschuldigte mich für die ungesellige Art, da die Zeit knapp wurde, ich die Gruppenarbeitsmappen noch mit den Kopien bestücken musste und ein Utensil noch für die Stunde fehlte. Eine Pfauenfeder, die ich aus einem Klassenraum am anderen Ende der Schule holen musste, für meine ‚Reserve‘ in der Stunde. Er ließ mich ‚in Ruhe‘ vor mich hin rotieren und vertiefte sich ins Gespräch mit meinem Ausbildungslehrer Herr König. Und dann konnte es losgehen.

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Abgehetzt kam ich kurz vor Pausenende wieder im Lehrerzimmer an; alles vorbereitet, die Feder da, Materialien da, Plan … nicht vorhanden. Hatte ich zu Hause vergessen anzudrucken, somit ging ich schnell zum Rechner. Eine andere Referendarin stand dort gerade und man merkte mir die Hektik dann doch etwas an, da sie versuchte beruhigend auf mich einzureden. Es hatte schon zur Stunde geklingelt, somit fühlte ich mich doch ein wenig gehetzt. Schnell Kopien eingesammelt, sowie Ausbildungslehrer, Schulleiter, Seminarleiter und Utensilien und die Treppen hoch ins zweite Obergeschoss.

Die Schüler trudelten pünktlich ein und setzten sich ohne große Umschweife auf ihre Plätze. Ich stellte erschrocken fest, dass ich die blöde Pfauenfeder auf meinem Platz liegen gelassen hatte und bat Herr König ob er nochmal schnell runterlaufen könnte. Er war vor Beginn der Stunde wieder da.

Thema der Reihe war Rose is a rose is a rose is a rose – Das Problem mit dem Fakt und dem menschlichen Geist und die zu zeigende Stunde beschäftigte sich mit der Frage Schmoren wir im eigenen Saft? – Der Mensch gefangen in seiner selbst geschaffenen, symbolischen Welt. Zum Einstieg legte ich eine Folie mit verschiedenen Nachrichten auf, von denen ich nur die erste handschriftliche aufdeckte.

folie-nachrticht

Auf die simple Frage, ‚was man hier sieht‘ stellten die Schüler fest, dass es eine Nachricht ist, dass eine Frau einen Mann zum Essen einlädt und dass sie sich wohl ganz gut kennen, weil es so kurz gehalten ist, sie aber nicht verheiratet sind oder so, weil da noch ‚Liebe Grüße‘ drunter steht und dass dann ja nicht passen würde. Dass es vielleicht Arbeitskollegen sind, es aber nicht um ein geschäftliches Essen ging, da die Form dafür auch nicht passt. Soweit lief es gut. Ich deckte die zweite Nachricht auf und fragte, ob sich etwas ändern würde. Weniger freundlich, weil es nun getippt war und die handschriftliche Nachricht persönlich wirkte. Dafür aber höflicher, da die Sätze ausformuliert sind. Und der Konjunktiv auch netter wirkt. Und sie vielleicht auch ein Date haben könnten, da sie keine wirklich engen Freunde sein könnten und sich da was entwickelt.

Ab diesem Zeitpunkt hätte ich einen Schnitt machen können, allerdings deckte ich die anderen Nachrichten auch noch auf. Das kritisierte ich auch in der Nachbesprechung, da hier eindeutig weniger mehr gewesen wäre. Ich verlor einiges an Zeit in dieser ersten Phase der Stunde, was mir theoretisch vorher schon klar gewesen war, aber ich hatte die ganze Geschichte nicht zu Ende gedacht, was sich ja auch im unfertigen Entwurf spiegelte. Ich zeigte diese Stunde am Tag darauf noch einmal und nutzte nur die ersten beiden Nachrichten und zum Kontrast dazu dann noch diese:

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Die Schüler forderte ich hierbei dazu auf, sich deutlich zu machen, was sie da gerade getan hatten. Der Nachricht Kontext gegeben und interpretiert, worauf und wie sich die Absichten der Beteiligten richten könnten. Wir wandten das auf unser Thema an, wo wir uns mit dem Verhalten von Medien und dem Umgang mit Stereotypen befasst hatten und formulierten die Arbeitsfrage. War es möglich, dass wir nicht interpretieren, keinen Kontext in Nachrichten hineindenken? Können wir vorurteilsfrei kommunizieren?

Hier leitete ich direkt in die Arbeitsphase über und wies die Schüler an sich in Gruppen zusammen zu finden. Es wäre besser gewesen, erst einmal ein Meinungsbild der Schüler einzuholen und sie sich intuitiv mit der aufgeworfenen Frage beschäftigen zu lassen. Wegen der bereits vorangeschrittenen Zeit war ich ab dem Punkt aber schon auf schnelles Vorangehen bedacht, weswegen ich die Möglichkeit gar nicht in Betracht zog.

Für die Gruppenarbeitsphase sollten die Schüler einen Text von Cassirer bearbeiten, dessen Hauptthese herausschreiben und sich Beispiele für und wider dieselbe überlegen.

Cassirer AB.PNG

Die These fanden alle zuverlässig heraus. Bei den Beispielen legten sie sehr unterschiedliche Arbeitstempi vor, was auch daran lag, dass ich durch ‚für und wider‘ die Denkprozesse in zwei Richtungen gelenkt hatte, was bei einem neuen Inhalt schon zu komplex gewesen ist. Ebenfalls eine Kritik aus der Nachbesprechung. Es hätte gereicht, wenn sie sich unterstützende Argumente einfallen hätten lassen. Auch hier ging so Zeit verloren.

Die Schüler präsentierten ihre Ergebnisse und wir besprachen diese. Die verschiedenen Elemente der zentralen These Cassirers wurden gesammelt und an der Tafel in eine gemeinsame Form gebracht. Ergebnis: Der Mensch kann der Welt nicht mehr unmittelbar gegenübertreten, weil a) er die Reaktion (die Antwort) auf Reize aufschiebt. / b) er Dingen Bedeutungen zuschreibt, die dann eine neue Wirklichkeit für ihn bilden.

Auf die Beispiele für den Beleg der These, bin ich (geprägt durch die Kritiken im Geschichtsunterricht) dann aber nicht mehr richtig eingegangen. Da mir dort ja immer gesagt wird, dass ich nicht zu viel nachfragen soll, fragte ich nur mehrfach in der Stunde, ob es noch Ergänzungen gäbe und ließ dann alles so stehen, wie die Schüler es präsentierten. Eingreifendes Nachschärfen der Beiträge wäre aber in dem Fall zu oft einfach nötig gewesen, weswegen ich nun in der Zwickmühle stehe, wann es Zuviel und wann Zuwenig ist  und ob es dazu noch von Fach zu Fach einfach unterschiedlich gehandhabt wird. Ich arbeite mich an das richtige Maß hoffentlich trotzdem stetig heran.

Für die Vertiefung hatten wir dann leider nur noch wenige Minuten Zeit. Die Schüler sollten die These Cassirers auf das Verhalten der Medien, welches wir im Fall des Amoklaufs von Columbine 1999 erörtert hatten, anwenden und definieren, warum sie zutrifft oder eben auch nicht. Hier kamen viele interessante Beiträge, die aber in drei Minuten natürlich nicht mehr genügend gewürdigt werden konnten. Die mediale Selektion der Informationen wurde angesprochen, die Aufladung von Stereotypen mit dem Bedeutungszuwachs von simplen physischen Dingen wie bei Cassirers Symbolnetz verglichen; sie kamen auf die schädliche Wirkung des unreflektierten Umgangs mit dieser Art von Systematiken und dass es letztlich zu extremen Ausmaßen (Beispiel Rassismus) kommen könnte, wenn man die Mechanismen hinter denselben nicht versteht. Alle waren sich einig, dass Cassirer das Verhalten des Menschen gut beschrieben hatte.

Meine Feder lag noch unbenutzt auf dem Pult, als die Stunde dann abgeschlossen werden musste. Sie war ein Beispiel für symbolische Aufladung gewesen, dass ich bei der weiterführenden Vertiefung (grundlegender Kritik der These Cassirers) genutzt hätte, da sie eine Auszeichnung an unserer Schule darstellt und somit für die Eingeweihten (= Schüler und Lehrer) bei weitem natürlich keine simple Feder mehr ist.

Nach dieser Stunde brachte ich meinen Fachleiter noch schnell zum Raum, in der wir in der siebten Stunde die Nachbesprechung durchführen würden und ging für die sechste Stunde zu meiner neunten, mit denen ich gerade „Die Schüler der Madame Anne“ schaute, was mir die Gelegenheit gab, meine Notizen für die Nachbesprechung direkt anzufertigen, ohne mich noch groß auf Unterricht konzentrieren zu müssen.

Wie man vielleicht merkt, war ich persönlich nicht so begeistert von der Stunde. Wir waren durchgekommen und ich hatte mein Stundenlernziel erreicht, aber der Ablauf war doch etwas holprig gewesen. Mein Philosophiefachleiter war jedoch (wie jedes Mal bisher) wieder sehr angetan und lobte erst einmal viel. Er nannte meinen Umgang mit dem Thema Vorurteil und Erkenntnis ‚ambitioniert‘, fand den Aufbau der Reihe spannend und passend und den Abschluss, die Reflektion der untersuchten gesellschaftlichen Phänomene über Cassirer, sehr gelungen. Er würde immer wieder merken, dass ich auch beim Planen meines Unterrichts philosophiere und es nie nur theoretisch bliebe. Ob ich die Stunde so wie sie war wohl einmal für das Fachseminar halten würde, da sie genau zum geplanten Thema der letzten Sitzung passen würde: Didaktische Transformation nach Rohbeck. Das setzte den Stimmungsbalken schon mal etwas höher, als er bei mir persönlich gewesen wäre.

Was dann kritisiert wurde:

  • Komplexe Begriffe mehr ‚durchdeklinieren‘. Ich habe noch zu sehr mein eigenes Niveau vor Augen und achte nicht immer darauf, dass gesagtes auch wirklich a) in dem Kontext gemeint wurde, wie ich ihn sehe und b) von allen verstanden wird. Im vorliegenden Fall war es der Begriff des Symbolnetzes. Wir hätten es genauer besprechen müssen.
  • Schülerbeiträge direkt aufgreifen, anschreiben, diskutieren lassen. Ich mache zu oft einen gedanklichen Haken an Schülerbeiträge, die ich als richtig empfinde. Wurde genannt, gut, weiter. Schließt sich an den ersten Punkt an und sollte vor allem in der abschließenden Diskussion stärker fokussiert werden.
  • Direkte auf Lücken hinweisen. „Gibt es noch Ergänzungen?“ ist zu vage. „Hier fehlt etwas!“ darf ruhig angesagt werden und zur Not auch mit Verweis auf den Text.
  • Einstieg wirklich nur als kurzen Problemaufwurf sehen. Nicht hier schon ins Diskutieren kommen. Lieber später darauf zurückkommen, als anfangs mit herumrudern Zeit zu verlieren.
  • Formal im Entwurf: Minimalziel und Maximalziel der Stunde formulieren. Gerade wenn es einen großen Vertiefungsbereich gibt, der unterschiedliche Ergebnisse bringen kann, das ausformulieren, was minimal dabei für alle herausgekommen sein sollte und was maximal alles erreicht werden könnte.

Da es ja nun der dritte UB gewesen war, konnte ich auch nach einer Bewertung unter Examensbedingungen fragen. Zwischen 2 und 3 sah mein Fachleiter die Stunde. Formal gäbe es nicht viel zu beanstanden; meine Arbeitsblätter wären gut, der Entwurf sehr ansprechend, die Formulierungen geschärft und treffend. Die Kritik, die bisher geäußert worden wäre, würde sich viel auf das Handwerkszeug beziehen, das erst mit Übung kommen könnte und nicht bei den Grundlagen ansetzen müssen. Im Nachhinein hörte ich dann von Herr König, dass auch der schlechte Eindruck, den ich beim zweiten UB in Geschichte bei meinem Schulleiter hinterlassen haben musste, ausgebessert worden sei. „Ich wäre viel zu perfektionistisch und würde mir Sorgen um Kleinigkeiten machen.“ hätte er wohl zu ihm nach der Stunde und der Nachbesprechung gesagt. Sowohl mein Fachleiter, als auch der Schulleiter, wie auch Herr König schlossen das Gespräch damit, dass man da noch einiges von mir erwarten würde und sich sicher wäre, dass ich das auch schaffe.

… Bloß kein Druck! >.<

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3. UB Geschichte

Schon einen Tag her, aber ich komme mal wieder zu nix ^.^ Gestern also der gefürchtete dritte Unterrichtsbesuch; nach der vollendeten Katastrophe beim zweiten, war ich sehr gespannt ob ich es nun besser treffen würde. Wobei ich das Thema ja mal überhaupt nicht sicher drauf hatte, aber da hilft ja nix. Was muss, das muss.

Thema für die geplante Stunde: Bismarcks Außenpolitik. Oder hübscher ausgedrückt: Bismarcks Außenpolitik – Gibt es einen Weg aus dem ‚Albtraum der Koalitionen‘? Da meine Bismarck Reihe ja betitelt war mit „Das Kaiserreich unter Bismarck – Ein Mann der Geschichte ‚machte‘?“ Drehte es sich in dieser Sequenz natürlich wieder um Bismarck und die Grundlegung, warum ich das als zentrales und verknüpfendes Element für die drei Bereiche (Reichsgründung und Verfassung, Innenpolitik und Kulturkampf sowie Außenpolitik) vorgesehen hatte, war somit direkt ersichtlich. Fand mein Fachleiter auch gut. Wie so vieles anderes an dieser Stunde 😉 Aber der Reihe nach.

Der Morgen startete … nicht so doll. Warum haben Kinder ein Gespür dafür, wenn man tatsächlich keine Zeit für irgendwas nebenher hat und setzen sich in den Kopf ausgerechnet an diesen Tagen quer zu schießen? Hm?! Der Spatz beschloss genau an diesem Morgen auf jeden Fall, dass er nicht zu Kita will. So gar nicht. Die komplette Zeit versuchte er sich auszuziehen, weinte und jammerte, als er dann im Autositz festgeschnallt war und steigerte sich auf dem letzten Stückchen vom Auto in die Kita in eine echte Rage hinein. Juhu … kreischend-sabberndes Kind vor sich und man muss noch Material kopieren und weitere Vorbereitungen treffen. Entschuldigend gab ich ihn an die (zum Glück wirklich kompetente) Erzieherin ab, wischte mir die Stressträne aus dem Augenwinkel – es geht mal gar nicht das Kind in so einer Situation abzuschieben, aber was will man machen? – und fuhr zur Schule. (Er hatte sich fünf Minuten später beruhigt, aber das wusste ich natürlich nicht.)

Dort angekommen kopierte ich alles, steckte passend die Zettel in die Folienmappen für die Gruppenarbeit, klaute mir aus den kleinen Methodenkoffern rote und grüne Folienstifte zusammen und ging den Stundenablauf nochmal durch. Im Entenmarsch folgten mir dann zum Klingeln Fachleiter und meine zwei Mitrefis aus der Schule zum Kursraum. Mit Erstaunen fand ich einen der Schüler beim Tafelwischen vor. Das hatten sie vorher noch nie gemacht und ich lächelte ihm dankbar zu. Sie waren auf Unterrichtsbesuch eingestellt.

Und dann gings los. Zu Anfang legte ich folgende Karikatur auf und bat um eine Beschreibung, die ich mir aber auch hätte sparen können. Ein stummer Impuls (Bild) hätte gereicht, laut Fachleiter.

puppenspieler-bismarck

Die Schüler machten sich dann auch pflichtbewusst ans Beschreiben, was auch negativ ausgelegt wurde. Wenn man sich lange mit einer historischen Person beschäftigt hat, dann macht es auch wenig Sinn, wenn man „Ein alter Mann mit Glatze und Bart“ beschreibt, wenn jeder „Bismarck“ direkt benennen könnte. Aber gut, das war nur ein kleiner Kritikpunkt. Die Schüler mutmaßten, dass Bismarck Großmächte manipuliert haben könnte, da man da ja die Könige sieht, fragten, warum und wie er das gemacht haben könnte und wer die Könige wohl waren; mit welchen Mitteln er sie manipulieren konnte; ob er Hilfe dabei gehabt hatte. Ich schrieb fleißig mit und notierte alles an der linken Tafelseite. Hier wurde angemerkt, dass ich das hätte ausformulieren können und in grammatikalisch richtige Sätze packen. Ich hatte die Schüleräußerungen 1:1 angeschrieben.

Was in der Nachbesprechung hier auch angemerkt wurde, was mir vorher gar nicht klar gewesen war, bezog sich auf ‚die Erschließung des Materials‘. Es ist ja mehrfach erwähnt worden, und gerade mein Philo-Fachleiter findet es furchtbar, Material mit viel Potenzial nur als oberflächliches Mittel zum Zweck einzusetzen. Diese Karikatur hat natürlich sehr viel Potenzial, dessen Erschließung man am Anfang des Themas aber von den Schüler gar nicht erwarten kann. Da wäre es dann auch legitim, wenn die Schüler eine kurze Problemstellung erkennen und man später in der Reihe auf das Material zurückkommt und erarbeitete Ergebnisse sichert/anwenden lässt. Würde sich hier anbieten. Man legt die Folie am Ende nochmal auf und lässt die Schüler historischen Kontext einordnen, Ereignisse und folgen der dargestellten Situation erläutern und Bismarcks Rolle dabei einschätzen. Das hätte mir am Anfang gut fünf Minuten gespart, die ich später als Vertiefung genutzt hätte. Hätte, könnte, sollte … naja. Fürs nächste Mal.

Nachdem wir also die wichtigsten Punkte geklärt hatten, wies ich die Schüler an in die Erarbeitung zu gehen und sich in Gruppen zusammen zu finden. Die Folienmappen mit dem Material wurden ausgeteilt und ich erklärte die Arbeitsaufträge. Hier trat wieder ein Problem auf, welches ich schon öfter gehabt hatte, was ich aber immer wieder vergesse zu beachten: Nicht in die ‚Gruschtel‘ Phase hineinsprechen. Es geht einfach zu viel unter, wenn man etwas erklärt, während die Schüler sich umpositionieren, zurechtsetzen, aufs Materialverteilen konzentrieren, etc. Was sie machen sollten:

(Verzeihung wegen der Rechtschreibmeldungen, ich konnte das Material nur snippen, mein Drucker streikt gerade.)

quellekarte

Die Aufgaben waren hier, die Textquelle visuell auf die Karte zu übertragen. Dafür hatten sie jeweils zwei Folien bekommen, auf denen sie einmal die für Deutschland förderlichen Bündnisse einzeichnen sollten und getrennt davon die hinderlichen ebenso. Wie zu erwarten gewesen war, gab es hier erst noch bei einer Gruppe ein Missverständnis, da sie erst beides auf eine Folie eintrugen, aber insgesamt kamen alle schnell ans Arbeiten und tauschten sich auch rege untereinander aus. Verbesserungsvorschlag war dabei gewesen, dass man natürlich auch zuerst in Partnerarbeit einen Austausch hätte veranlassen können, damit dann die Gruppendiskussion direkt stärker in Gang kommt, aber dafür wäre überhaupt keine Zeit gewesen, was ich so auch sagte.

Meine antizipierten Ergebnisse für die Stunde sahen dann letztlich auch genauso aus, wie die der Schüler, eine echte Überraschung.

Ich hatte allerdings ein wenig die Befürchtung, dass die Gruppe vorne einen Blick in meine Unterlagen hatte werfen können, da sie die Skizze tatsächlich fast deckungsgleich selber produziert hat. Da sie diese aber erklären und belegen konnte, kann es auch tatsächlich Zufall gewesen sein.

Die Gruppenarbeitsphase lief ziemlich unspektakulär ab. Ich gab ihnen zwanzig Minuten Zeit sich mit dem Text und der Karte zu beschäftigen und einige brauchten letztlich fünf Minuten mehr. Ob ich die hätte gewähren müssen oder einfach vergleichen hätte können … hm, ist immer schwierig einzuschätzen. Nachdem ich heute den UB von meiner Mit-Referendarin an der Schule gesehen habe, bin ich aber zu der Überzeugung gekommen, dass man wohl erwartet, dass die Schüler angetrieben werden. Also: Kürzere Arbeitsphasen demnächst.

Ich fragte nach Freiwilligen, die vorstellen wollen würden und die Gruppe mit den deckungsgleichen Ergebnissen meldete sich. Sie stellten das Bündnissystem gut dar, es kam noch ein Missverständnis auf, inwiefern es für Deutschland wohl problematisch gewesen wäre, wenn sich Österreich und Russland wirklich gegenseitig bekriegt hätten, ob Deutschland da für eine Seite Partei ergreifen müsste. Die Vorteile von zwei verbündeten Mächten, die sich gegenseitig schwächen wurde erläutert und das gewünschte Resultat von Bismarcks Politik richtig als die Isolation Frankreichs sowie Deutschland als zentraler Bündnispartner genannt, während alle anderen keine Bündnisse untereinander schließen sollten. In dieser Phase schaffte ich es besser als im Einstieg mich zurückzunehmen und die Schüler unter sich machen zu lassen. Das wurde auch positiv vermerkt.

Von sich aus fiel dann eine Schülerin bei der Klärung der negativen Koalitionen ein, die anmerkte, dass der Fall, in dem alle anderen untereinander verbündet sind und Deutschland isoliert dasteht, ja der Albtraum der Koalitionen ist. Schlussfolgerung ohne mein Zutun oder einen Hinweis … läuft 😀 Da die Zeit hier schon vorbei war, hielt ich alles an der Tafel fest und ließ die Schüler abschreiben. Zur Vertiefung kamen wir nicht, wo ich angedacht hatte, das ‚Mitte-Europa-Problem‘ im Kontrast damals und heute zu thematisieren.

Die Nachbesprechung war dann recht unspektakulär. Die genannten Punkte wurden besprochen und er sagte noch etwas zu meiner (wesentlich ausführlicheren) Reflektion und den genannten Alternativen zu den Erarbeitungsphasen und dem Einstieg. Lucas war auch noch da und schrieb eifrig mit. Leider hatte er verpasst mir den Zettel der Mitreferendarin zuzustecken, die Kritikpunkte und Tips aufgeschrieben hatte. Die war im Nachhinein etwas angesäuert darüber, aber das war eben typisch Lucas.

Da man beim dritten UB ja dann etwas zu ‚wie wäre das jetzt unter Examensbedingungen‘ erfährt, fragte ich vorsichtig nach, ob ich mit diesem UB also nicht durchgefallen wäre, was der Fachleiter vehement verneinte. Das wäre Meilen vom Durchfallen entfernt. Gedanklich machte ich einen Haken hinter die Stunde, ich hatte offensichtlich getroffen, was er sehen will. Welche Note das denn etwa geworden wäre. Eine zwei, meinte er. Joa. Freut mich 😀

Wirklich viel gibt es da nun auch gar nicht mehr zu zu sagen. Was ich noch wirklich nett fand, war dass Herr Rickward direkt in der darauffolgenden zweiten Stunde die Schüler ein Feedback hat schreiben lassen, in dem sie auch Kritik und Anregungen äußern konnten. Und das ist wieder sehr konstruktiv ausgefallen.

Positiv war neben einer absolut sicher transportierten Fachkenntnis, die mir von mehreren bescheinigt wurde (und das bei dem Hassthema, wo ich doch keine Ahnung von nix habe ^.^) Dinge wie:

  • deutliche Struktur im Unterricht
  • Folien und Materialien insgesamt und dass sie abwechslungsreich waren
  • der Wandel zu vermehrter Gruppenarbeit
  • Inhaltliche Raffung (Tafel)
  • keine Hausaufgaben
  • auch bei falschen Beiträgen sei meine Reaktion nie abwertend, was die Angst bei weiteren Antworten nimmt
  • Offener und freundlicher Umgang mit den Schülern; auf die Schüler zugehen
  • unglaublich gelassen in der Stresssituation von außen betrachtet – Ausstrahlen von Ruhe
  • gute Erklärungen
  • pünktlich/früh da
  • kann helfen ohne vorzusagen
  • sicheres Auftreten

Negative Punkte waren hingegen:

  • klassischer Frage-Antwort-Unterricht (mein Manko was offensichtlich auch bei Schülern nicht gut ankommt – oder zumindest bei diesen nicht, meine 9er fanden das super ^.^)
  • ganzstündige Unterhaltung über Quellentexte ist langweilig
  • zu kleinschrittig vorgegangen
  • zu oft nachgefragt
  • zu lange Arbeitsphasen
  • Konzept geht manchmal ins Rätselraten über
  • Aufgabenstellung nicht immer klar verständlich
  • Handschrift ist zwar leserlich, aber nicht sauber
  • teilweise Wiederholungen in einer Stunde
  • zu lange auf Ergebnisse gewartet (eher mal einen Tip geben)
  • Bildunterschriften waren nicht immer leserlich (Folie)

Schüler wissen einfach sehr genau, wo es hakt, muss man da mal wieder sagen. Meine kleinen Unterrichtsexperten haben den Nagel auf den Kopf getroffen und ich kann mir nur wieder vornehmen daran zu arbeiten. Am Freitag werde ich die letzte Stunde in dem Kurs geben und mich dann bei ihnen für die gute Mitarbeit gebührend bedanken. Insgesamt kann ich mit diesem UB absolut zufrieden sein und es beruhigt mich auch sehr, dass ich dieses Mal die Erwartungen des Fachleiters erfüllen konnte. Es ist noch ordentlich Luft nach oben, wenn ich an den UB von heute denke, den ich beobachten konnte, aber erstmal habe ich einen Fuß in der Tür.

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2. UB Philosophie

So, nun komme ich endlich zum berichten. Die letzten zwei Tage waren unheimlich vollgestopft und es ist einiges passiert. Hier konzentriere ich mich jetzt aber erstmal auf den Unterrichtsbesuch, der (soviel kann ich vorwegnehmen) sehr viel besser als der letzte lief.

Da ich ja wie schon geschrieben Anfang der Woche nicht an den Schreibtisch kam, hatte ich das Gefühl, dass ich den Entwurf nur so ‚dahingeklatscht‘ hatte und entschuldigte mich bei meinem Fachleiter dafür, als ich ihm alles schickte. Sehr spät in meinen Augen, aber es war nach im Rahmen. Man fühlt sich nicht sehr gut, wenn man die ganze Zeit zwischen Kindern und den letzten Änderungen hin und her springt und dann auch noch das Abendessen verpasst. Als ich dann noch spätabends eine Mail erhielt, wo eine mir unbekannte Frau auf meinen Entwurf antwortete, der fälschlicherweise an ihre Adresse gegangen war und nicht die meines ABB, war die Stimmung solala …

Den nächsten Tag klärte ich das Missverständnis dann noch mit meinem ABB, der es aber alles recht locker sah und bereitete alles vor. Im Klassenraum musste der OHP ausgetauscht werden, also schnappte ich mir Anfang der großen Pause schon einen aus einem Nachbarraum. Dort sprach mir die anwesende Lehrerin ermutigend zu und bot an der Kollegin, der ich ja nun den OHP für die kommende Stunde geklaut hatte, Bescheid zu geben. Es war Frau Rottenmeier. Als ich sie dann später im Lehrerzimmer sah, war sie ins Gespräch mit meinem eingetroffenen Fachleiter vertieft, die sich von seiner Schule kannten und wünschte mir viel Erfolg.

Kurz besprach ich mit ihm noch die Situation mit der anderen Philo-Referendarin, die ja an seiner Schule ist und dort die Probleme mit ihrer Ausbildungslehrerin hat. Da sie inzwischen mehrere Tage krank gewesen ist und den Tag später auch nicht zum Fachseminar erschien, habe ich ihr gestern geschrieben und angeboten, dass sie sich zum Reden gerne melden darf. Da gingen ein wenig die Alarmglocken an und vor allem da ich weiß, dass sie alleine ist und keine Familie in direkter Nähe zum Auffangen bei Komplikationen jeglicher Art vorhanden wäre.

Und dann ging es los. Mein Kurs hatte ja keine Ahnung, dass ein UB anstand, da ich sie vorher nicht mehr gesehen hatte und die Woche davor nicht dran dachte sie darüber zu informieren. Es ist echt interessant wie die Atmosphäre im Raum sich ändert, wenn die Schüler merken, dass etwas ‚Wichtiges‘ vor sich geht 😉 Sie tröpfelten wie immer in den Raum, erhaschten einen Blick auf die Gäste (ABB und FL) und ließen sich schnell ruhig werdend nieder. Eine Schülerin kam noch zu mir um mich zu informieren, dass ein neuer Schüler (ein Flüchtling) kommen würde, der den Tag irgendwie so seine Runden machte. Tja, konnte ich nur zur Kenntnis nehmen.

Kurz wurden die Herren vorgestellt und dann ging es los.

katzen-kleid

Stummer Impuls, die Schüler sollten erstmal beschreiben und ihre ersten Reaktionen ausführen. Da hatte ich im Vorfeld bereits Probleme gesehen, da der Kurs ja so unheimlich schweigsam die meisten Stunden war. Mit den Katzen hatte ich allerdings einen Nerv getroffen. Sofort schnellten zehn Finger in die Höhe und es begann ein lebhafter Austausch über das was man sah, Für und Wider der Darstellungsart und dem, was man damit so verband. Mir fiel ein Stein vom Herzen und die Energie, die sich die ersten Minuten so aufbaute trug uns durch die gesamte Stunde.

Nachdem wir uns durch die ‚awww‘ und ‚ugh‘ Kommentare gearbeitet hatten und die Frage aufgekommen war, „Warum machen Menschen denn sowas?“, forderte ich dazu auf gezielt positive oder eben negative Gründe zu nennen, warum Menschen das denn wohl tun würden. Auf der pro Seite fand sich dann niedlich, Einbindung in die Gesellschaft, Gleichsetzung mit dem Menschen als Aufwertung gemeint und soziale Bindungen, was die Tiere als zur Familie gehörig platzierte und gegen Einsamkeit hilft. Contra dem Verhalten ordneten sie ein, dass der Wille des Tieres ignoriert wird und es Tierquälerei sei, dass die Tiere instrumentalisiert würden, eine Gleichstellung mit dem Menschen hier bedeutet, dass die ‚Regeln‘ der jeweiligen Art ignoriert werden, es nicht artgerecht ist und zur Belustigung der Menschen dient. Positiv an dieser Phase war, dass sie so ziemlich alle Punkte genannt hatten, die ich auch antizipierte, negativ, dass ich teilweise aus ihren Beschreibungen Zusammenfassungen ableitete und Fachbegriffe einsetzte, die nicht von den Schülern genannt worden waren (Beispiel: Instrumentalisierung).

Nach dieser Sammlung versuchte ich dann überzuleiten, auf mein eigentliches Stundenthema, welches den Zusammenhang zwischen Anthropomorphismus und dem Bedürfnis Tiere zu verstehen untersuchen sollte. Die Frage, die beantwortet werden sollte war, ob die Vermenschlichung aus einer Hilflosigkeit des Menschen abzuleiten ist, die auf eine grundlegende Sprachbarriere schließen lässt. Das alleine wäre auch sicher sehr gut in der Stunde leistbar gewesen. Da ich aber am Montag nicht da gewesen war und keine künstliche Stunde zeigen wollte, sollten sie auch die Möglichkeit bekommen, die bearbeiteten Ergebnisse einzubringen, die sich mit der Fähigkeit der Tiere zu denken beschäftigten. Was sollte man nicht machen? Richtig, zu viel in eine Stunde pressen.

Der Zusammenhang zwischen dem Themenkomplex ‚denken‘ und ‚vermenschlichen‘ blieb im Übergang schwammig und brachte die Schüler etwas raus. Die Frage, welche wir für die folgende Gruppenarbeitsphase fanden lautete: Wie kann der Mensch Tiere verstehen? Arbeitsaufträge: Was heißt es zu denken? Kann man sagen: Das Tier denkt?

Die Schüler kennen ja ihre Stammgruppen, die ich mit den farbigen Folienmappen markiere und setzten sich schnell zusammen, um im ersten Schritt ihre Ergebnisse zu vergleichen und eine gemeinsame Definition von ‚denken‘ zu verschriftlichen. Nur drei der fünf Gruppen schlossen dann aber den zweiten Schritt ab. Positiv vermerkt in dieser Phase wurde das Material, die bunte Gruppenzuordnung kam sehr gut an und die Effizienz mit der der Übergang so gestaltet werden konnte auch. Negativ war natürlich, dass sie ungesicherte Ergebnisse direkt anwenden sollten und dass die Stelle thematisch knirschte.

Es tat der Begeisterung allerdings keinen Abbruch. Es war auch die erste Stunde in der sich die amerikanische Austauschschülerin beteiligte und einen kleinen Vortrag zu den verschiedenen Aspekten von tierischem Denken zum Besten gab. Ich war dezent baff und auch wenn sie das auf englisch tat, so hatte ihr Beitrag doch absolut Substanz, die ich versuchte für alle mit Hilfe einer schnellen Mitschrift an der Tafel zu transportieren. Der Einsatz wurde spontan mit Klopf-Beifall vom Kurs bedacht. Schon in der Gruppenarbeitsphase hatte sie mir aufgeregt berichtet, dass sie das erste Mal wirklich etwas verstanden hatte im Unterricht. (Ich schreibe das mal meiner Stundenplanung und – vorrangig 😀 –  ihren fortschreitenden Sprachkenntnissen zu.)

Ergebnisse: Denken heißt, Ziele verfolgen und dass etwas nicht auf Grund von Reflexen getan wird. Dem Denken zu eigen ist, dass man es nicht ‚abstellen‘ kann und man sich andersherum sehr konzentrieren muss, um bewusst zu versuchen nicht zu denken und ’seinen Geist zu leeren‘. Problem bei der ganzen Sache ist, dass denken ein innerer Prozess ist und man ihn von außen kaum beobachten kann. Die Schüler schlossen hieraus, dass denken etwas natürliches ist und dass man schon anhand von Beobachtungen (Problemlösungsstrategien, Reaktionen und Aktionen) hinter Handlungen Denkprozesse erkennen könnte und das auch bei Tieren. Ihr Fazit war, dass sowohl Tiere als auch Menschen ‚von Natur aus‘ denken und dass das eine großer Unterschied in der Wahrnehmung von heute zu ‚damals‘ (sie reden vom 19. Jhd.) gewesen ist, wo niemand auf die Idee gekommen wäre Tieren zuzugestehen, dass sie von sich aus denken und diese Fähigkeit nicht als exklusiv menschlich zu betrachten ist. Auch auf die Sprachbarriere und damit verbunden eine Verstehensbarriere kamen sie im Zuge der Diskussion, die leider viel zu kurz ausfiel.

Und die Stunde war um. Ich verabschiedete die Schüler und machte noch schnell ein Bild von der Tafel für meine Unterlagen. Eben dieses Tafelbild zeigte deutlich das Problem der Stunde. Total konfus beim Zusammenführen der verschiedenen Themenstränge. Nächster Punkt auf meiner To-Do Liste wäre dann auf jeden Fall Tafelbilder zu verbessern. Eben dieser Punkt wurde in der Nachbesprechung auch genannt.

Tja, die Nachbesprechung. Nachdem ich mich kurzerhand in dem Klassenraum niedergelassen hatte, aus dem ich den OHP ausgeliehen hatte, weil dort kein nachfolgender Unterricht stattfand und meine Reflexion ausarbeitete, traf ich den ABB und meinen FL im gebuchten Besprechungsraum. Und ganz anders als mein Geschichtsfachleiter fing man nun damit an, was alles gut gelaufen war und was geklappt hat. (Mein Geschichtsfachleiter hat mir gestern nochmal bestätigt, dass tatsächlich NICHTS an der Stunde gut gewesen wäre … lasse ich mal so stehen.)

Was also positiv angemerkt wurde:

  • Man erkennt meine Handschrift im Entwurf. Die Struktur wäre sehr gut, formal hätte er nur Kleinigkeiten anzumerken und die Lernziele wären gut und richtig formuliert. Wäre nicht selbstverständlich am Anfang. Alleine, dass ich der Stunde einen ‚ordentlichen‘ Titel verpasst hatte sähe er schon nicht so oft. (Anthropomorphismus als Bewältigungsmechanismus – Gibt es eine grundlegende Verständnisbarriere zwischen Mensch und Tier?)
  • Er würde eine „Vision“ erkennen, was in meinen Augen guter Philosophieunterricht sei. Die Richtung unterstützt er sehr und er ist überzeugt, dass ich am Ende der Ausbildung auch da ankommen werde.
  • Aufgebaute Strukturen im Unterrichtsgeschehen seien gut durchdacht und von den Schülern angenommen worden.
  • Reihenaufbau zeigt Verständnis fürs Thema und die wichtigsten Schwerpunkte.

Was es zu bearbeiten gilt:

  • Die Komplexität muss dringend reduziert werden. Mein Stundenlernziel wäre genug für eine Universitätsvorlesung gewesen 😮 (Die SuS überprüfen, inwiefern die Vermenschlichung von Tieren sich auch auf den Begriff des ‚Denkens‘ erstreckt, indem sie beschreiben was ein anthropomorphes Verhalten beinhaltet, wie dies zu bewerten ist und untersuchen, wie weit sich dieses Verhalten auch mit Verstehensmechanismen deckt die Menschen anwenden, um sich ihnen nicht direkt erschließendes Verhalten zugänglicher zu machen.) War ein wenig viel gewollt …
  • Ungesicherte Ergebnisse sollten zu neuen Erkenntnissen führen. Die Aufgabe vom Montag, der vorangegangenen Doppelstunde in der ich nicht anwesend sein konnte, hätten erst besprochen und die Methode der Begriffsbestimmung gefestigt werden müssen, bevor die Schüler weiter mit den Resultaten umgehen. War mir letztlich auch vorher schon klar gewesen, aber ich hatte keine Alternative wie ich umplanen konnte im Kopf gehabt.
  • Einen Diskurs unter den Schülern selbstgeleitet herstellen. In Ansätzen hatte das geklappt, aber es war noch zu zentral von mir gesteuert. Da diese Gesprächsbereitschaft generell neu gewesen war, hoffe ich, dass wir in den kommenden Stunden daran arbeiten können.
  • Begriffsdefinitionen nicht vorwegnehmen. Wenn Schülerantworten nicht zum Punkt kommen, sollte ich darauf hinweisen und den Schüler selber umformulieren lassen oder so zusammenfassen, dass es an die Tafel kann. Werden zu komplexe Beiträge einfach eingebracht und nicht vertieft, vergrößert sich nur die Wissens- und Verstehenslücke im Kurs.
  • Immer noch einmal deutlich machen, dass was an der Tafel steht nicht in Stein gemeißelt ist. Gerade durch den Beitrag der Austauschschülerin kamen komplexe Theorien dazu (z.B. Gefühle lassen auf Denken schließen), die wir natürlich in dem Kontext nicht besprechen konnten, wo dann aber deutlich werden sollte, dass das ein großes, ambivalentes Feld ist. Und das nicht nur im Unterrichtsgeschehen, sondern auch in der Forschung/Wissenschaft. Das Thema ‚letzte Wahrheit‘ hatten wir in den ersten Stunden gleich angerissen, aber es schadet sicher nicht, dass zwischendurch nochmal klar zustellen.

Wie man sieht ist es eine lange Liste an Aufgaben, die ich nun angehen sollte. Nach der Besprechung fühlte ich mich aber nicht einmal ansatzweise so unfähig wie nach dem Geschichts UB. Der Ton macht die Musik und ein wenig habe ich auch die Überzeugung gewonnen, dass mein Geschichtsfachleiter eine harte Nuss sein wird, an der ich mir noch ein wenig die Zähne ausbeißen kann. Seine Vorstellung von Unterricht ist präzise festgelegt und ich muss mich darin üben, sie möglichst genau zu treffen. Entweder habe ich einen besseren Zugang zur Philosophie, treffe den Geschmack meines Fachleiters dort besser oder er ist einfach offener, was die Möglichkeiten der Umsetzung im Kontrast zu seinem eigenen Vorgehen angeht. Die nächsten UBs werden weitere Einblicke bringen, soviel ist sicher.

 

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Letzte Schultage – Notengespräche

Geschafft, die fünfte Stunde (fast am Stück) war heute meine letzte. Wer meinen Ticker im Auge hatte hat mit mir und den versammelten Lehrkörpern in NRW die Stunden herunter gezählt, die uns noch zu den zwei Woche unterrichtsfreier Zeit blieben. Arbeitsfrei ist sie in den meisten Fällen natürlich nicht, auch wenn ich persönlich keine der Lehrerinnen bin, die Stapelweise Klassenarbeitshefte mit in die Ferien geschleppt hat. Dieses Mal … ^.^

Meine letzten Schultage waren schön. Diese Woche haben mir die Unterrichtsstunden in meiner neunten in Geschichte so richtig Spaß gemacht, bei uns ist der Knoten geplatzt. Die Kinder geben sich Mühe, ein Großteil der Klasse macht mit und auch die zuerst dauerschweigenden Schüler haben sich inzwischen aufgerafft und sind auf einem guten Weg. Ich verlasse die Klasse nach den Stunden mit Schwung und Energie und habe interessierte und wissbegierige Schülererinnerungen im Gepäck, die einen echten Motivationsschub für die ‚außerunterrichtliche‘ Arbeit geben.

Da jetzt kurz vor den Ferien einige Lehrer krank geworden sind, bekam ich Vertretungsstunden zugewiesen, in denen ich meinen Unterricht fortführen konnte. Ein echter Glücksfall, konnte ich doch so nun fast eine Woche vorarbeiten. Das hat Entspannung gebracht für den Zeitplan. Ein Kurzüberblick, was wir behandelt haben.

Nachdem nun der erste Weltkrieg beendet wurde und wir über die unsicheren Zustände nach demselben bei dem Übergang zur Weimarer Republik gesprochen hatten, entschied ich mich eine darstellende Dokumentation zu zeigen. Ein bisschen Personengeschichte, um den Zugang zu der Zeit etwas zu erleichtern. Wir schauten also in zwei Stunden Die Deutschen II – Rosa Luxemburg und die Freiheit, online abrufbar bei der Mediathek des ZDF. Obwohl viele dieser Sendungen genau auf Unterrichtsstunden zugeschnitten sind, lohnt es sich nicht, diese tatsächlich am Stück ohne Unterbrechung zu schauen. Das kann kein Schüler behalten oder ordentlich mitschreiben. Ich leitete also jeweils ein und besprach das Gesehene knapp eine viertel Stunde zum Ende der Stunde hin.

Angesprochene Themen in der Vertiefung waren hier, die Art von (Ge)Recht(igkeit)sempfinden und -verständnis, welches damals vorherrschte, wie genau Politik funktionierte und was das berühmte Zitat „Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ von Luxemburg wohl bedeuten könnte. Die Klasse war gut dabei, sie diskutierten über Politik, die mit militärischer Gewalt zu ihrem Recht kommt, verglichen dieses mit heutigen Konsequenzen, schlussfolgerten, dass es wohl auch mit dem Krieg zu tun haben könnte, dass die Soldaten so etwas der eigenen Bevölkerung angetan hatten und versuchten sich generell aktiv in die Mentalität der Zeit hineinzudenken, in der blutiges Niederschlagen von Oppositionellen zur Tagesordnung gehört hatte. Sogar die Diskussion über und das Herausarbeiten von den Parteien und deren Programmen, die sich dann am 19.Januar 1919 zur Wahl gestellt hatten, lief mit höchster Aufmerksamkeit, ein Punkt, den ich selber als Schülerin immer furchtbar gefunden hatte.

Ich weiß nicht genau, was es ausgelöst hatte, aber seit gut zwei Wochen ist der Kurs aufgeblüht. Ich hatte von Anfang an einige gute Schüler, die sich viel beteiligten, engagiert mitarbeiteten und die Stunden trugen. Zu diesen gesellten sich nach und nach in der letzten Zeit ein stiller Schüler nach dem anderen.  Teilweise musste ich beim Notenverteilen sehr stark überlegen, wie der Schüler auf dem jeweiligen Platz denn wohl hieß, da er/sie vorher noch nie mit mir gesprochen hatte. Als diese Woche dann auch die stillen Mädchen von der letzten Bank und sogar der Junge, der die Zähne noch nicht ein mal vorher auseinanderbekommen hatte sich regelmäßig(!) in den Unterrichtsstunden meldete, muss mein aufforderndes Lächeln wohl schon beängstigend gewirkt haben ^.^ Ich war schlicht gesagt begeistert.

So lief dann heute die letzte Stunde auch sehr angenehm ab. Da sie sowohl gestern als auch heute eine Doppelstunde Geschichte genießen durften (den ersten Tag mit „Oh wir haben ja heute zwei Stunden Geschichte. Juhu!“ begleitet), bereitete ich gestern alles für einen ersten Notenüberblick vor. Maite hatte mir aus ihren Unterlagen einen Rückmeldebogen zur Selbsteinschätzung an die Hand gegeben, den ich nun einsetzte. Die Schüler waren recht angetan von dem Prozedere. „Sowas haben wir noch nie gemacht. Sonst sagen die Lehrer uns nur, wie wir stehen und das wars.“ Und dann wurde nachgeschoben: „Außer bei Herr Drüppert. Da kann man diskutieren und wenn er einen fragt, was man sich selber geben würde und man 1 sagt, dann bekommt man die auch.“ Ich teilte ihnen mit, dass ich es ihnen dann doch nicht so leicht machen könnte, was sie aber durchaus ok fanden 😉

Sie hatten fünf Minuten um sich anhand des Anfangs ausgeteilten Bewertungsblattes und dessen Kriterien selber einzuschätzen, dann zog ich den ersten raus und begann die Noten auf dem Flur vor der Klasse zu besprechen. Das Verfahren erwies sich als sehr zuverlässig. In fast allen Fällen schätzten die Kinder sich beinahe exakt so ein, wie ich ihre Note auch festgelegt hätte. Ich sprach bei den Stilleren ein großes Lob aus, dass sie von selbst angefangen hatten sich zu beteiligen und wies die, die bereits auf einem gut Weg waren etwas auf ausbaufähige Schwachstellen hin. Viele der stilleren Schüler gestanden mir, dass sie erst einmal mit einem neuen Lehrer warm werden mussten und einfach zu schüchtern gewesen waren.

Und dann gab es neben diesen eher normaleren Gesprächen noch das mit Romina. Dass sie ein besonderer Fall war, hatte man mir schon im Vorfeld mitgeteilt. Sie war Schulbekannt und ich hatte sie auch in Philipps Unterricht vor den Ferien bereits gesehen, ohne mir jedoch ihr Gesicht zu merken. Ein Glück muss man hier anmerken. Durch einen Umstand, der mir immer noch schleierhaft ist, gab es auf der Liste für die Klasse eine Schülerin, die aber nie in meinem Unterricht aufgetaucht ist. Dass Romina nun an ihrer Stelle in der Klasse saß und eigentlich sitzen geblieben war, entging mir somit komplett und ich führte sie die ersten zwei Wochen unter falschem Namen. Der Sitzplan, der mir von einer Schülerin in der ersten Stunde angefertigt wurde markierte sie nur mit einem ?, was natürlich dem Umstand geschuldet war, dass sie neu in der Klasse war und sie noch keiner kannte.

Ich habe hier und hier bereits über sie geschrieben. Auch unser Start war holprig und ich machte mir kurz Sorgen, ob wir ein Problem miteinander bekommen könnten, da sie eine wirklich polarisierende Persönlichkeit ist. Sehr empfindlich und sehr, sehr eigen in ihrer Art. Doch auch sie hatte sich nach erst merkbarer Anti-Haltung geändert und nahm nun aktiv und mit sehr guten Beiträgen am Unterricht teil. Als ich sie nun bei der Selbsteinschätzung vor mir hatte, versuchte sie äußerlich ruhig zu erscheinen, aber man merkte ihr die Anspannung an. Das Blatt zitterte etwas in ihren Händen und die Unterlippe zuckte ein wenig. Sie hatte mir im Vorfeld schon einmal gesagt, dass Lehrer sie immer „auf dem Kieker“ hätten und dass sie somit auch mal überreagieren würde. Als ich aber dann ihre Selbsteinschätzung nicht nur bestätigte, sondern ihr auch sagte, dass sie mit etwas mehr Einsatz und Anstrengung sogar mit zu den Spitzenschülern im Kurs gehören könnte, fiel die Anspannung von ihr ab.

„Ha! Sagen Sie das mal Frau X, die hat mir letztes Jahr eine 5 gegeben!“

„Naja, da warst du bestimmt auch etwas anders, oder?“

„Ne, ich habe alles genauso wie jetzt gemacht!“

„Hm, das ist in der Tat dann komisch. Aber wichtig ist jetzt erstmal, dass es so sehr gut voran geht und da auf jeden Fall noch Luft nach oben ist.“

Ich denke, dass auch ich nicht frei von Vorurteilen gewesen wäre und vielleicht negativer auf unsere ersten Reibereien (den Vorfall mit dem Kaffeebecher) reagiert hätte, wenn ich sie gleich ihrem eigentlichen Namen und ihrem Ruf zuordnen hätte können. Durch meine Unkenntnis war ich so aber nicht vorbelastet und ich habe in ihr eine gute Schülerin entdecken können. Das freut mich rückblickend an diesen Tag mit am meisten.

Allen NRW-Kollegen, die sich hierher verirren, wünsche ich schöne Ferien 🙂