Veröffentlicht in Ausbildung, Konstruktive Kritik, Prüfung, Referendariat

Die Vornoten fürs Examen

Im Examen setzt sich die letztendliche Note zu je 50% aus den Leistungen vorher sowie den Ergebnissen des Prüfungstages zusammen. Das bedeutet, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, an dem 50% meiner Note bereits feststehen. Die Findung dieser 50% hat aber eine kleine Geschichte mit sich gebracht, die ich gerne festhalten würde.

Wie ich beim Beitrag 5. UB Geschichte schon erwähnte, war mein Fachleiter sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich persönlich auch, hatte aber in dem Moment noch keine Zeit, mich direkt mit dem Gezeigten auseinander zu setzen, da der UB mitten im Schultag gelegen hatte und ich erst einmal gleich in die nächste Stunde zu meinen 6ern huschte.


Als Einschub: Die sind ja wirklich goldig 🙂 Ich erwähnte irgendwann, dass sie ja wissen würden, dass ich ’nur‘ Referendarin bin (eine Info die, als sie bekannt wurde, mit sehr viel Erstaunen aufgefasst worden war – „Wir dachten Sie wären eine ‚echte‘ Lehrerin!“ – „Danke 😀 „). Und dass ich im Oktober im neuen Schuljahr meine Prüfung machen würde und ich da natürlich auch Klassen bräuchte, die mit mir die Prüfung überstehen.

„Das können wir machen! – Wir sind wirklich gut darin, Frau X und Frau Y haben auch ihr Examen mit uns gemacht! – Oh und Herr Z auch. – Neee, das war nur ein UB.“

„Ihr seid ja richtige Examensprofis“, musste ich erstaunt feststellen.

„Ja! Die haben auch alle bestanden!“ wurde mir zufrieden mitgeteilt.

Erschrocken kam der Nachsatz: „Gehen Sie danach dann etwa auch weg?!“

„Ich fürchte, dass das sehr wahrscheinlich ist.“ stellte ich bedauernd fest. „Für meine Fächer besteht hier kein Bedarf an der Schule.“ (Also, offiziell nicht – Herr Drüppert ist ja eine ganz eigene Geschichte …)

Betretene Gesichter und einige regten sich auf, dass ‚immer die guten Lehrer‘ gehen würden.  Ich erklärte ihnen dann noch, dass sie offiziell nach den Ferien einen anderen Lehrer bekommen würden, ich dann aber den Unterricht bis zur Prüfung weiter übernehme. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich Frau Klaus in der Klasse dann wiedersehen werde.


Nachdem meine Stunden dann alle durch waren, hatte ich mich eigentlich an die Reflektion der UB Stunde setzen wollen, bevor ich zum Seminar fahren musste, aber die Motivation verließ mich vollständig. Es war fürs erste vorbei! O_o Und es wollte mir kaum etwas einfallen, was ich tatsächlich kritisieren konnte. Also trank ich einen Kaffee mit den neuen Refis, deren Bekundungen, dass sie wirklich gerne mit mir tauschen würden ihr übriges dazu beitrugen, dass ich mehr und mehr entspannte. Vorbei 🙂 Eine wirkliche Pause bis zum Examen.

Beim Seminar, wo wir uns einen Vortrag zu Depressionen anhörten (auf Grund des Vorfalls letzten Jahres) von einem Dozenten der uns offensichtlich mit medizinisch-psychologischen Studenten verwechselte, versuchte ich also die Kritikpunkte an der Stunde aufzuzählen, während Informationen über die Veränderung des Stoffwechsels in depressiven Phasen an mir vorbeiwaberten.

Ich verließ den Vortrag eher, da mein Fachleiter mich direkt am Seminarort zur Nachbesprechung treffen wollte. Und da Seminarzeiten eigentlich ‚heilig‘ sind, hatte ich offiziell einen Betreuungsnotfall bei den Kindern aufzufangen. Was dazu führte, dass wir uns heimlich einen der weit vom Sekretariat gelegenen Räume schlichen ^.^ Aber das nur am Rande.

Kritik an der Stunde konnte man insofern üben, als dass der Plan eben ’nur‘ aufgegangen war und die Reserve und somit die Vertiefung nicht folgte. Auch hatte ich in der Erarbeitungsphase zu lange Zeit gegeben, welche natürlich am Ende für die Diskussion besser genutzt gewesen wäre. Bei der Präsentation hat ein Schüler kurz noch vorne gestanden, während seine Mitschüler etwas diskutiert hatten, was zur Unterbrechung seiner Präsentation führte und ihn untätig vorne stehen ließ. Und die Perspektivübernahme, welche als historische Methode ja explizit eingeübt werden sollte, hat nicht bei allen Schülern geklappt, da sie am Schluss dazu tendiert hatten, die Rechtmäßigkeit der französischen Forderungen zu beurteilen und nicht die der deutschen Reaktion auf den Vertrag.

Meckern auf hohem Niveau, wenn es nach meinem Fachleiter geht. Er meinte ganz entrüstet, dass ich das doch nicht so negativ sehen solle, die Stunde wäre hervorragend gelaufen. Seine Punkte, die sich dann wie der berüchtigte ‚warme Sommerregen‘ ergossen waren:

  • die Stunde war durchdacht, organisiert, gut geplant
  • hohe Schüleraktivität
  • Lernumgebung optimal vorbereitet
  • Lernstand: Zitat sofort kontextuell eingeordnet, Blick aufs Ausland vorhanden, zeitlich eingeordnet, Gelenkstelle (Forderungen) erkannt
  • ‚eine der elegantesten Einbindungen von Hausaufgaben in eine Stunde die er je gesehen hat‘ O_o :mrgreen:
  • Diskussion in den Gruppen angeregt und vertieft
  • klare Arbeitsaufträge und Strukturen
  • tolle Visualisierungen von Arbeitsaufträgen und Meinungsbild des Kurses
  • Beurteilung/Begründung ‚harter Friede‘ durch Schüler gelungen
  • Stunde ohne Leerlauf
  • Nachhaltiges Lernen: Sinn hinter Hausaufgabe erkannt – Ich brauche die Hausaufgabe um mich in der Stunde einbringen zu können / Arbeitsaufträge für die nächsten Stunden erkannt „Wir müssen da noch Folgen der Forderungen klären.“
  • Methode, Sozialform und Arbeitsform gut verbunden

Er war glaube ich genauso überrascht wie ich von seinem eigenen Lob ^.^ Denn mein Geschichtsfachleiter wäre nicht mein Geschichtsfachleiter, wenn er sich jetzt tatsächlich EINDEUTIG auf eine Note festgelegt hätte. (Der Grund, warum mein Philosophiefachleiter mich ins Examen begleitet.)

„Das heißt die Stunde war …?“ fragte ich vorsichtig nach.

„Ja, also das wäre eigentlich eine Eins.“ setzte er an. „Aber … im Examen … Also, Sie haben hier ja nicht die Auswerttiefe der Materialien in der Stunde voll ausschöpfen können. Das war ein Risikoschritt, der zwar hier geklappt hat, aber die Schüler müssen schon sehr viel vorweg leisten und wenn sie es nicht tun, ist es ein Leerschritt in der Stunde. Und die Ergebnisse sind schlecht überprüfbar.“

„Richtig, wobei wir ja in den Tabellen die Darstellung der Positionen gesehen haben und dort schon deutlich wurde, was verstanden worden ist und was nicht. Was in dem Fall der Stunde ja doch tiefgreifend gewesen ist, da die Schüler in der Lage waren sich selbst zu korrigieren über das Plenum, als ungenaue Ergebnisse in der Präsentation auftauchten.“

Er nickte. „Ja, richtig. Aber die historische Kontextualisierung hätte einfach noch mehr hergestellt werden müssen. Man KANN es aus den Äußerungen schließen, aber es muss thematisiert werden. Im Examen sollten Sie so eine Stunde nicht zeigen, das könnte dann nur eine Zwei sein, je nachdem, wer in der Kommission sitzt.“

*seufz* So ist das. Ich hakte den Punkt ab.

„Und wie sieht es mit meiner Vornote aus? Wie gehe ich von Ihrer Seite aus ins Examen?“ wollte ich dann wissen.

„Ja, also, Sie waren bei mir ja eher immer die Dreier-Kandidatin.“ Ich bekam große Augen. „Da muss ich mal in mich gehen, ob das nun noch eine schlechte Zwei wird … Wir haben ja das Problem mit den ganzen Noten. Früher war es einfacher, als wir noch Tendenzen angeben konnte, aber jetzt muss man da schon genau schauen, wo man einen Kandidaten einordnet.“

Ich war ein wenig geplättet. Ja, der blöde zweite UB war eine Sechs von seiner Seite aus gewesen (wobei erster und zweiter nicht mit Noten bedacht werden dürfen). Aber auch der führte nur zu einer Drei in der Zwischennote. Und sowohl der dritte, als auch der vierte UB waren eine Zwei gewesen, wenn auch mit Dreiertendenz im vierten UB, wegen der fehlenden Diskussion am Schluss. Und nun war es eine Einser Stunde, die das ganze abschloss und er sah maximal die Möglichkeit zur schlechten Zwei?!

Leider reagierte ich in der Nachbesprechung nicht mehr darauf, da ich mir selbst unsicher war, ob er nicht Recht hätte. Er klang zumindest ziemlich überzeugt und dementsprechend beließ ich es bei ungläubigen Blicken. Aber es rumorte doch weiter. Letztlich schrieb ich ihm am Wochenende danach eine Mail, da auch Maite mir noch einmal bestätigte, dass die Vorbenotung „den Grad der Erreichung der einzelnen Kompetenzen zum Beurteilungszeitpunkt bezeichnet“. (<- Offizielle Vorgaben aus den Hinweisen für Langzeitbeurteilungen vom ZfsL, Maite hat was die Vorgaben angeht absoluten Durchblick.) Was bedeutet, dass man die Noten nicht arithmetisch mitteln darf, sondern eher das Maximum des Könnens und die Nachhaltigkeit desselben in den Fokus rückt. Wenn bei mir nun eine dauerhafte Steigerung bis zu dem letztlichen Endpunkt abzulesen ist, komme ich eigentlich bei einer anderen ‚Zahl‘ heraus.

Es war mir natürlich nicht besonders wohl dabei, die Entscheidung/Äußerung desjenigen zu hinterfragen, der fürs erste meine berufliche Zukunft in Händen hält. Und ihm dadurch vielleicht das Gefühl zu geben, dass ich seine Kompetenz in Frage stelle. Zum Glück passierte das nicht. Er antwortete sehr verständnisvoll und stellte sogar klar, dass er es als positiv empfinden würde, ‚wenn man seinem Unmut freien lauf ließe‘. Im klärenden Gespräch einige Tage später nach dem Fachseminar stellte er richtig, dass er sich an dem Nachmittag die Hälfte nur gedacht hätte und es so zu einem Missverständnis gekommen wäre.

Ende der Geschichte ist nun, dass ich sowohl in Geschichte, als auch in Philosophie mit einer 2+ vorbenotet bin, da sich diese beiden jedoch einigen müssen, da die Fachseminare zusammen veranschlagt werden in den 25% der Gesamtnote, ist es wohl üblich so einen Fall mit einer 1,5 insgesamt zu bewerten, um die Tendenz nach oben auszudrücken, die bei einer schlichten „2“ eben nicht herauskäme (Problem der ganzen Noten). Sie werden das nun besprechen und dann sehe ich ja, was dabei rauskommt.


Von meinem Schulleiter bekam ich im Verlauf der Woche ebenfalls seine abschließende Einschätzung meiner Leistungen, die sich auch in diesem Bereich bewegen. Er betonte noch einmal die Entwicklung, die er vom ersten UB bis heute sehen würde, die Art, wie sich meine doch sehr universitäre Art immer mehr den Schülern angenähert hätte, ohne dabei die fachliche Tiefe zu verlieren. Das hört man ja wirklich sehr gerne 🙂 Auch er würde mir wohl die 1,5 als Vornote geben wollen.


Um die ganze Geschichte noch einmal von der Metaebene zu betrachten: Ich hoffe, dass ich nicht so schnell vergessen werde, wie sich dieses ‚Bewertet werden‘ und den ‚Noten hinterherlaufen‘ anfühlt. Ganz im Sinne von: Die Schülerperspektive nicht verlieren. Es wird für lange Zeit zumindest offiziell das letzte Mal sein, dass so viel Existenzdruck von meinen Noten abhängt und der Zustand nervt einfach unheimlich.

In der Schule damals haben mich Noten nicht interessiert. Ich war gut genug, dass ich mich nicht anstrengen musste und hatte nicht genug Ehrgeiz, um irgendwelchen Notenschnitten hinterher zu jagen. (Mein Abi schaffte ich mit 2,8 ohne einen Finger zu krümmen.) Jetzt wäre das eine mittlere Katastrophe, da ich nicht den Luxus habe, auf ‚eine Stelle irgendwann mal‘ zu warten. Die Finanzen müssen stimmen, auch nach dem Ref und dafür brauche ich direkt eine weitere Anstellung, wofür ich natürlich zu den Bewerbungsgesprächen eingeladen werden muss.

Noch dazu legte mir mein Geschichtsfachleiter auch direkt im Gespräch nahe, dass ich an einer Gesamtschule wohl nicht glücklich werden würde. Ich muss sagen, dass ich seine Einschätzung insofern teile, als dass ich mir selber nicht die Nerven bescheinige, dass ich mit ’sozialen Problemen‘ der Schüler adäquat umgehen kann. Im Sinne von emotional Abstand zu halten. Ein dörfliches Gymnasium, wie die Schule an der ich nun unterrichte, wäre zum Start ins Berufsleben ideal, weil man sich dort tatsächlich nur um das Fachliche kümmern muss. Was ja an sich schon schwer genug ist. Kommen dann die privaten Probleme und Lernschwierigkeiten ganzer Schulklassen dazu, wird es echt schwierig.

Hach ja … alles ‚ungelegte Eier‘. Ich hoffe mal, dass es sich ergeben wird, was und wie auch immer das dann passiert. Fürs erste gehe ich mit 1,5 ins Examen und versuche diesen Schnitt an dem Tag auch zu halten.

 

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5. UB Geschichte

Oder alternativ: Na also, geht doch!!! Der letzte UB ist geschafft und so chaotisch, wie es sich die Reihe vorher andeutete wurde er zum Glück bei weitem nicht. Die Zeit bis dahin wurde trotzdem wieder etwas lang und bis zum Schluss war ich ein wenig am Zittern, dass sich diese verquere Art aus den Stunden zuvor fortsetzen würde.

Das Wochenende vorher war ja glücklicherweise ein langes – das wurde dementsprechend auch gut genutzt. Wenn man schon ackern muss, kann man es auch in der Sonne tun. So zumindest meine Devise, als es noch so schön warm war. Ich habe es somit geschafft, eine angenehme Bräune zu erhalten. Anfang der Woche sprach ich noch mit einem anderen Refi, der eine Stunde zur Nachhaltigkeit des Versailler Vertrages andachte (Fördert der Friedens-Vertrag tatsächlich den Frieden?) für seinen fünften UB und einen Tag später kam ich mit Herr Rickward überein, dass ich wohl letztlich beim gleichen Thema landen würde. Allerdings in der Vorbereitungssitzung zu dieser abschließenden Bewertungsfrage – bei der Erarbeitung der Positionen der beteiligten Siegermächte, die den Vertrag aufgesetzt hatten. Ich biss gedanklich in die Tischkante.

Genau aus diesem Grund hatte der andere Refi seine UB Stunde in den zweiten Teil der Doppelstunde geschoben. Reine Erarbeitung ist nichts, was man im UB sehen mag und er wählte sich die zweite Hälfte, um die Beurteilungsebene zeigen zu können. Ging bei mir nicht, da meine Stunde eine Einzelstunde war. Umdenken also angesagt. Wie bekommt man für die Perspektiven der Siegermächte eine Beurteilung zustande? Hier das Ergebnis:

Ich war ein wenig fahrig den Tag. Trotz meines eigentlich immer noch stabilen Nervensystems, bringt einen das dauerhafte Rotieren schon an die Grenzen. Es hatte so viel zu planen gegeben, dass ich eine Stunde eher kam, um den Kursraum vorzubereiten, alles aufzuhängen, am PC/Beamer aufzurufen, Material vorzuverteilen, zusammenzustellen, etc. Herr Rickward, der in seiner unglaublichen Weitsicht, im Vorfeld direkt seinen LK, der den Raum vorher belegt hätte, umgeplant hatte, damit ich da in Ruhe werkeln konnte, nickt mir nur kurz zu: „Das wird alles gut laufen, machen Sie ganz ungestört alles fertig.“ Danke ❤ Und mittendrin stand mein Schulleiter plötzlich vor mir und teilte mir mit, „dass sich Termine manchmal ändern;“ er hätte nun doch Zeit und bräuchte noch einen Entwurf. Klar, machen wir alles mit Links >.<

Zu Beginn der Stunde hatte ich also:

  1. Den Raum gelüftet.
  2. Stühle und Tische platziert.
  3. Tafel geputzt.
  4. Den Beamer angestellt.
  5. Alle Dokumenten der Reihe nach, wie sie in der Stunde benötigt wurden, am Laptop aufgerufen.
  6. Material für die Einzelarbeit (umgedreht) auf den Tischen verteilt.
  7. Material für die Gruppenarbeit in die Folientaschen sortiert.
    1. Folien für die Gruppenarbeit
    2. Arbeitsanweisungen
    3. Klebepunkte für jedes Gruppenmitglied
    4. Folienstift
  8. OHPs (der Raum besitzt normalerweise drei, zwei waren da) ausprobiert, sichergestellt dass sie laufen und positioniert.
  9. Plakat mit Magneten an der Tafel befestigt und Arbeitsauftrag daneben gepinnt.
  10. Impulszettel/Folienstifte/Ersatzfolien(für Beamer-Ausfall)/Stundenverlaufsplan bereit gelegt.

So kam es dann auch, dass ich schon zur Beginn der fünf Minuten Pause die Tür schloss, da ich wegen der Anwesenheit des (gesamten!) Kurses – die Schüler hatten wohl direkt bei den anderen Kollegen um pünktliches Ende der ersten Stunde gebeten – irgendwie sogar die Startzeit der Stunde gedanklich verwechselte, direkt das Zitat aufrief und erst beim Seitenblick auf meinen Schulleiter, der schmunzelnd meinte, dass wir ja eigentlich noch Zeit hätten, bemerkte, dass das etwas zu früh war. Gut, kein Problem, Beamer nochmal für 3 Minuten aus.

Wir stiegen mit einem Zitat von Scheidemann ein.

Scheidemanns Ansprache vor der Verfassungsgebenden Nationalversammlung

12. Mai 1919.

Ich frage Sie: Wer kann als ehrlicher Mann – ich will gar nicht sagen als Deutscher – nur als ehrlicher, vertragstreuer Mann solche Bedingungen eingehen? Welche Hand müßte nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?

(Lebhafter Beifall)

Und dabei sollen wir die Hände regen, sollen arbeiten, die Sklavenschichten für das internationale Kapital, Frondienste für die ganze Welt leisten?

Am 20. Juni 1919 trat er offiziell zurück.

Natürlich war ich so auf die Ergebnisse, die ich hier erwartete fixiert, dass ich total vergaß darum zu bitte, das Zitat erst einmal vorlesen zu lassen. „Ordnen Sie das Zitat formal und inhaltlich ein.“ Alle fangen an das Zitat für sich zu lesen und ich merke, hier passt etwas nicht. „Ok, stopp.“ Ich entscheide mich direkt den Fehler anzugehen und unterbrach. „Ich habe da etwas vergessen. Würde jemand das Zitat erst einmal vorlesen. – Aber bitte mit Betonung!“ Sofort sind die Hälfte der Finger oben, ich wähle meinen kleinen Querdenker, von dem ich weiß, dass er sich hervorragend aufs Schauspielern und Darstellen versteht. Wir bekommen Scheidemann ‚mit Effet‘ vorgelesen und ab da läuft es.

[Ich ergänze in dieser Reflektion einmal die Inhalte, die ich im Entwurf auch als erwartete Ergebnisse angegeben habe und stelle die, die nicht gekommenen sind kursiv dar.]

Formal

  • SPD Politiker
  • Demokrat/Sozialist (Vokabular)
  • 1. Ministerpräsident unter Ebert
  • Spricht sich in einer politischen Rede …
  • gegen die Annahme des Vertrages aus

Inhaltlich

  • Fessel & Sklaverei: Beschränkung der Freiheit/Selbstbestimmung
  • Internationales Kapital: Besonderheit in der sprachlichen Darstellung / politisch links
  • Frondienste (eventuell Verständnisproblem) – schmachvolle, nicht entlohnte Arbeit
  • Deutschland als Diener/Unterdrückte der ganzen Welt
  • Mit Zwang herbeigeführt – „sollen“
  • „verdorren“ – handlungsunfähig, Selbstverstümmelung, Entzug der Lebensgrundlage
  • Ehrlich & vertragstreu: man ist sich bewusst, dass man die Bedingungen nicht einhalten kann
  • Zusatz: Historische Kontextualisierung von Vertrag, Ereignissen davor und danach.

Die etwas dürftigen Ergebnisse der formalen Analyse hatte ich einer Schülerin zu verdanken, die am Anfang sowas von ins Straucheln kam bei ihrer Antwort, dass auch alle anderen merkbar einige Sekunden brauchten, um Ansatzweise nachzuvollziehen, was sie da nun eigentlich gesagt hatte. Dadurch vergaßen sie dann aber, noch auf die formalen Aspekte einzugehen und der Punkt ging unter. War jetzt aber auch nicht sooo wild.

Es kam ziemlich schnell die Frage auf, inwieweit sich die ganze Aufregung denn nun wirklich lohnte, die bei Scheidemann wahrzunehmen war. Genau wie erwartet, kam die Frage nach den Bedingungen, die diese Reaktion provoziert hatten und ich konnte auf das vorher verteilte einzelne A5 Blatt mit den Forderungen verweisen, das umgedreht auf den Tischen vor den Schülern lag. (Manchmal haben die Stunden dann doch was von ‚Zaubershow … wurde im Verlauf auch nicht weniger ^.^)

Forderungen des Versailler Vertrages an Deutschland, vom 28. Juni 1919.

  • Anerkennung der Urheberschaft des Krieges und seiner Folgen
  • Ausschluss aus dem Völkerbund
  • 13% des deutschen Reichsgebiets werden abgetreten
    • Einige direkt bei Unterzeichnung verloren
    • Andere durch Volksabstimmungen noch zu entscheiden
  • 10% der Bevölkerung geht verloren
  • Kolonialbesitz geht in die Hand des Völkerbundes über
  • Berufsarmee auf max. 100.000 Mann reduzieren
    • Allgemeine Wehrpflicht abgeschafft
    • Militärische Vereine verboten
  • Marine auf 15.000 Mann reduzieren
  • Verbot von Luftwaffe oder schweren Waffen (U-Boote, Panzer, Schlachtschiffe)
  • Entmilitarisierung des Rheinlandes und eines 50km breiten Streifens östlich des Rheins
  • Reparationsleistungen
    • 1. Rate = 20 Milliarden Goldmark bis April 1921
    • Waren-/Rohstofflieferungen
  • Handelsflotte reduziert / Schifffahrtswege für international erklärt / Zollunion mit Luxemburg aufgelöst

Die Schüler bekamen den Auftrag, diese Forderungen mit ihrem Nachbarn hinsichtlich des ‚Empörungs-Potenzials‘ zu besprechen und in Kategorien eingeteilt wiederzugeben, auf welche Bereiche sich dieselben nun bezogen.

Kategorienbildung: Militärisch, Wirtschaftlich, Geographisch/Territorial, Politisch

  • Starke wirtschaftliche Einschränkungen/Beschneidungen
    • Abgabe der Industrie – Arbeitsplatzverluste / Verringerung des Exports /fehlende Rohstoffe für heimische, weiterverarbeitende Industrien = Erhöhung der Angewiesenheit auf Import
    • Probleme mit der Versorgung der Bevölkerung
    • Verringerung des allg. Wohlstandes
  • ‚Verlust‘ des Militärs – Schutzlos / keine Möglichkeit mehr international ‚mitzuspielen‘ / Arbeitslosigkeit
  • Verlust der Kolonien: Prestigeverlust / Verlust von ‚Absatzmärkten‘
  • Handel/Zoll: Schwierigkeiten mit Im- und Export / trifft Deutschland gerade beim Export empfindlich / Nachteil für deutsche Waren
  • Reparationszahlungen: gerade nach dem Krieg nicht leistbar / nimmt dem eigenen Land dringend benötigte Rohstoffe
  • Ausschluss aus der internationalen Gemeinschaft + Kriegsschuld = Außenseiterstatus
  • Aufregung Scheidemanns nachvollziehbar
  • Aber: Deutschland ist Kriegsverlierer – Die Bedingungen sind also ‚normal‘/‚üblich‘?

Auch hier kam größtenteils genau das, was ich erwartet hatte. Als ich nach dieser Besprechung dann fragte, ob wir uns denn nun bereits ein Urteil darüber erlauben konnten, dass die Empörung Deutschlands über diese Forderungen gerechtfertigt sei, hielt ich innerlich den Atem an. War die Problemorientierung gelungen? Und die Schüler lieferten 🙂 „Nein, natürlich nicht. Wir kennen ja nur die Perspektive Deutschlands, wir müssen uns auch die Gegenseite anschauen, um die Intention hinter den Forderungen klar zu bekommen.“ Ein tiefes Durchatmen meinerseits, als ich mich zum Laptop herumdrehte.

„Und genau das wollen wir uns heute anschauen.“ Erklärte ich erleichtert und … vergaß mal wieder den Problemaufwurf anzuschreiben. *seufz* Ein gravierender Fehler, aber der einzige dieser Art für den Rest der Stunde. (Mal sehen, wann das endlich hängen bleiben wird … )

Es folgte die ausführliche Erklärung der Arbeitsphase. Jeder hatte ‚zu Hause‘ einen Text zu einem der Verhandlungspartner bearbeitet und vorbereitet. Ich betone hier ‚zu Hause‘, weil ich natürlich das Risiko, dass die Texte NICHT gelesen werden, nicht eingegangen bin und die Stunde vorher eine viertel Stunde eher Schluss gemacht habe, die ‚Hausaufgabe‘ austeilte und alle bat zu lesen und zu bearbeiten. Nein, ich hatte keine schlechtes Gewissen ^.^ Der Grund, warum diese vorentlastende Textarbeit geleistet werden musste, lag natürlich mit dem Blick auf die Urteilsebene auf der Hand. Ich konnte einfach nicht die inhaltliche Erschließung einbeziehen, da dies eine eigene ‚Stunde gewesen wäre, die aber Anforderungsbereich drei nicht erreicht hätte. Vielleicht wenn man irgendwann mal Doppelstunden zeigen darf.

Hier einmal die Arbeitsblätter zu den Politikern:

Wilson

GeorgeClemenceau

Nachdem ich nun also sicher sein konnte, dass alle vorbereitet zur Stunde erschienen waren, wies ich die Textpartner an, sich in einer zweiminütigen Murmelphase über ihre Ergebnisse auszutauschen. Ich hatte die Zettel nämlich so verteilt, dass immer zwei mit dem gleichen nebeneinander saßen. Danach hatten sie den Auftrag sich jeweils mit je einer anderen Position zusammenzufinden, so dass wir letztlich sieben 3er Gruppen bilden konnte, in der jede Position einmal vertreten war. Dabei sollten die Schüler die Perspektive ihres Politikers übernehmen und in die Verhandlungen zum Vertrag eintreten. Wären sie mit dem Ergebnis zufrieden gewesen oder hätten sie lieber mehr/weniger gefordert? 

In jeder der vorbereiteten Folienmappen, die ich an die Schüler rausgab, sobald sich ihre Verhandlungsgruppe zusammengefunden hatten, befand sich eine Tabelle, in der jeweils eine Position markiert war. Diese sollte von ihnen für die Präsentation dargestellt werden. Die gesamte Tabelle von jeder Gruppe ausfüllen zu lassen, hätte zu viel Zeit in Anspruch genommen.

Tabelle

Darüber hinaus sollte jeder, sobald er*sie das Gefühl hatte die Positionen der Sieger eindeutig verstanden zu haben, dieselben in dem Plakat an der Tafel zuordnen. Hierfür hatten sie symbolisch für jeden Politiker einen farbigen Klebepunkt in den Mappen liegen.

Alle machten sich sofort ans Diskutieren, glichen die Ergebnisse ab und waren sich deutlich bewusst, dass sie nun wirklich jeder einzeln gefordert waren, um den anderen die jeweiligen Inhalte zu vermitteln. Schüleraktivierung 100% 😀 Mein Fachleiter lobte später, dass es mit eine der elegantesten Arten von Hausaufgabeneinbindung in die Stunde gewesen wäre, die er je gesehen hat O_o Auch der Auftrag sich am Plakat zu positionieren, funktionierte (fast) reibungslos. Es wurde etwas eng, als alle gegen Ende der Arbeitsphase vorne standen, aber das Ergebnis fiel wie erwartet aus.

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Nicht die beste Qualität … gelb – Clemenceau, grün – George, rot – Wilson.

Ab dem Zeitpunkt hatte ich mein Minimallernziel bereits erreicht.

Die SuS erkennen den Zusammenhang zwischen den individuellen Haltungen von Großbritannien, Frankreich sowie den USA und des Umfangs der Forderungen des Versailler Vertrages. -> Check.

Es folgten die Präsentationen der Ergebnisse, wobei die Schüler in der Phase dann sogar die Fehler oder Ungenauigkeiten der präsentierenden Gruppen eigenständig ergänzten und verbesserten. Ich brauchte nur in Ansätzen moderieren und war tatsächlich komplett ‚raus‘ aus dem Großteil des Stundenverlaufs. Einmal passierte es doch, dass ein Schüler vorne noch stand, als durch eine Nachfrage eine Diskussion begann, die ich nicht sofort kürzte und er somit diesen ‚bestellt und nicht abgeholt‘ Status für zwei Minuten einnehmen musste, aber das war noch im Rahmen. Alle Beiträge wurden wahrgenommen, gewürdigt und rund abgeschlossen.

Wirklich unschön in dieser Phase war das Versagen der Technik. Trotz doppelt vorhandenem OHP, fielen beide auf ihre ganz eigene Art aus. Der eine war schon berüchtigt dafür, dass er immer nach einigen Minuten überhitzte und sich ausschaltete, weswegen ich das zweite Modell zum Einsatz hatte bringen wollen. Dieses fing aber nach kurzer Nutzung so dermaßen an zu Fiepen und Surren, dass man den Vortragenden fast nicht mehr verstehen konnte. Irgendwann griff ich genervt ein und tauschte das Geräuschungetüm aus. Natürlich versagte der defekte Hitzeschalten dann noch während der Präsentation, so dass wir wieder auf die Geräuschbelästigung zurückgreifen mussten. Da der Schulleiter mit hinten drin saß, wurde das UMGEHEND an die richtige Stelle nach der Stunde weitergeleitet 😉

Da das Problem der Bewertung der deutschen Position und Reaktion zu den Forderungen des Versailler Vertrages sehr deutlich allen vor Augen schwebte – auch wenn es nicht an der Tafel stand – ging es nach einer kurzen Stellungnahme zu den Ergebnissen des Plakates auch direkt zur Beurteilung über. War die deutsche Reaktion nun gerechtfertigt oder nicht?

Es zeigte sich, dass es hier zwar recht unterschiedliche Meinungen gab, aber durch die visuelle Unterstützung kam ziemlich schnell doch das antizipierte Ergebnis dabei herum. Es wurde sogar der von mir im Entwurf genutzte Stundentitel 1:1 genannt: Hätte es schlimmer kommen können? – Beurteilung von Potenzial und Risiken des Versailler Vertrages durch die Einordnung der politischen Positionen und Interessen der alliierten Siegermächte.

Ein Schüler meldete sich, nachdem in den vorherigen Meldungen doch noch einmal kurz die zu repräsentierende und beurteilende Perspektive verwechselt worden war (‚Frankreichs Forderungen wären doch eh ungerecht gewesen …‘ – ‚Aufpassen worüber jetzt geurteilt wird, wir wollen nicht beurteilen, ob Frankreich berechtigt war die Forderungen zu stellen, sondern ob die deutsche Reaktion angemessen gewesen ist.‘), verwies auf das Plakat und meinte ganz empört: „Also, wenn man sich das da so anschaut, das hätte doch noch viel schlimmer kommen können, wenn man sich Frankreich so anguckt. Auch wenn die Forderungen hart waren, Deutschland hatte schon ‚Glück‘, dass sich nicht die Franzosen bei den Verhandlungen bedingungslos durchsetzen konnten … vielleicht hätte es Deutschland so nicht mehr gegeben, wie wir es kennen.“

Hach ja … schön ists, wenn ein Plan funktioniert. 😀

Für die angedachte Vertiefung, die die Ursache der deutschen Haltung noch besprochen hätte, war dann aber keine Zeit mehr. Ich beschloss, das als deutliches Schlusswort stehen zu lassen und beendete die Stunde 1 1/2 Minuten vorm eigentlichen Ende. Das Maximalziel (Die SuS formulieren eine Einschätzung der Rechtmäßigkeit sowie der Ursachen der negativen Reaktion von deutscher Seite aus auf diese Forderungen.) wurde dadurch zwar nur teilweise erreicht, aber die Ursachen hatte ich eh als didaktische Reserve angegeben und konnte damit sagen, dass der Stundenplan genau aufgegangen war.

Die Oberste Heeresleitung (und mit ihr auch die deutsche Öffentlichkeit), die sich schlicht auf Wilson und sein Friedensprogramm verlassen hatte und somit total vor den Kopf gestoßen war, als dann die viel härteren Forderungen gestellt wurden, blieben in der Stunde außen vor.

Lagebeurteilung der OHL

Am 29. September 1918 forderte die OHL – für die deutsche Öffentlichkeit völlig überraschend – sofortige Waffenstillstandsverhandlungen und gestand somit erstmals die deutsche Niederlage ein. Aus den Tagebuchnotizen des deutschen Offiziers Albrecht von Thaer vom 1. Oktober 1918:

 

Deshalb habe die O.H.L. von Sr. M. und dem Kanzler gefordert, dass ohne jeden Verzug der Antrag auf Herbeiführung eines Waffenstillstandes gestellt würde bei dem Präsidenten Wilson von Amerika zwecks Herbeiführung eines Friedens auf der Grundlage seiner 14 Punkte.


Um diesen sehr langen UB Bericht nun auch zu seinem Ende zu führen, kann ich nur sagen, dass ich meinen Geschichtsfachleiter noch nie so zufrieden erlebt habe. Ich hatte wirklich Mühe, mir für die Nachbesprechung Kritikpunkte ‚aus den Fingern zu ziehen‘, denn es hatte ja alles geklappt. Aber … ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht trotzdem den 7 minütigen Vortrag mit Kritik zur Stunde hinbekommen hätte. Mein FL meinte an Schluss ganz empört, dass er ja wohl keine andere Stunde gesehen hätte, als ich gerade versuchen würde darzustellen und dass ich nicht so kritisch sein dürfte. ‚Tschuldigung … das ist das was man/Sie uns beigebracht haben.

Ich befinde mich also in der glücklichen Position, meine (insgesamt für beide Fächer) zehn absolvierten UBs mit einer 1 abschließen zu können.

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5. UB Philosophie

Tja, kaum zu glauben, wie sehr die Zeit manchmal rennen kann. Mein letzter Unterrichtsbesuch in Philosophie ist nun absolviert. Es war nervenaufreibend bis zum Schluss und die Stunde selber wird nicht gerade angenehmer, wenn man durch die ganze Theorie-Kundigkeit haarklein jede Stelle bemerkt, an der man einen Fehler macht und ihn TROTZDEM mit Bravour absolviert -.- Es besser wissen aber noch nicht können … das wird wohl die nächste Zeit Motto werden.

Was ist gestern also alles passiert? Wir haben uns daran gemacht die Demokratie abzuschaf … – nein, Moment, das war ein anderer UB in einem anderen Fach (so schlimm lief es glücklicherweise nicht). Wir haben das Widerstandsrecht gegen demokratische Entscheidungen besprochen. Oder besser: Die Schüler haben sich die Köpfe etwas heiß diskutiert, ich habe tatsächlich eine Stunde entworfen, in der ich die meiste Zeit außen vor war.

Nachdem ich die letzte Woche nur noch stundenweise geschlafen hatte, da neben dem vollen Stundenplan ja noch der Entwurf geschrieben werden wollte und ich wieder bis zum letzten Tag noch zusätzliche Ideen entwickelte, mit Herr König besprechen wollte und Mittwoch sogar nochmal alles um den Einstieg herum umwerfen musste, stand dann morgens um halb sechs am Tag vorm UB endlich die Stunde und das Material fest.

Eigentlich hatte ich mit einem kurzen Dialog aus Antigone einsteigen wollen, der von den Schülern gespielt werden sollte. Herr König überzeugte mich, dass es einfach zu viel Zeit brauchen würde und nicht genug Ertrag dafür brächte. Es fällt einem ja so schwer von einer einmal gefassten Idee abzuweichen. Besonders wenn das komplette Material dafür fertig ist und der Kommentar schon geschrieben. Ich gab dann aber nach und fand auch mein Bauchgefühl wieder, dass vorher aus den gleichen Gründen ebenfalls schon Bedenken angemeldet hatte. Man sollte öfter auf sein Bauchgefühl hören, auch wenn es zusätzliche Arbeit bereitet.

Morgens in der Schule überkam mich wieder die altbekannte ‚Ruhe vor dem Sturm‘. Wenn ich nichts mehr ändern kann, werde ich etwas fatalistischer was die Gemütslage angeht. Immer noch angespannt, aber … es wird sich dementsprechend entwickeln wie es das nun einmal auf Grund der Umstände kann. Ich bereitete den Raum vor (Materialien von der Korkwand entfernt, Tische und Stühle gerückt, gelüftet), schaute noch schnell über die Planung für die ersten zwei Stunden mit den 9ern, die wieder nur aus vorgegebenen Unterrichtsplanungen in den Praxisheften bestand – nahm mir bei der Gelegenheit vor, dass ich das kommende Thema für sie extra gut ausarbeiten würde – und machte mich auf zum Kopierer.

Wo natürlich ausgerechnet an diesem Tag der Notstand ausgebrochen war. Fünf Kollegen vor mir und ein Fachleiter, der natürlich den einzigen Folienkopierer benutzen musste um schwarz-weiß Kopien für sein neues Seminar in der Intensivwoche zu erstellen. Nicht dass wir dafür noch zwei weitere Kopierer haben … Aber hey, ich habe doch Zeit. Ich kam dann das erste mal vier Minuten zu spät zum Unterricht. Die Schüler sagten mir direkt, dass sie bereits überlegt hätten, ob ich krank wäre, weil ich immer überpünktlich wäre. Tja, so ist das.

Als ich dann aus dem Unterricht kam und ins Lehrerzimmer hechtete, wurde ich gleich mit den Worten: „Frau Tulpe sagte, dass die Leute schon seit 40 Minuten da sind und sie sie erstmal in den Raum gebracht hat. Die waren wohl alle zu früh.“ Gut, dass ich den Raum die ersten Stunden auch geblockt hatte, ich hatte mit so etwas gerechnet. Also schnappte ich mir alle Utensilien und marschierte in den Keller, wo mich die fünf Damen aus dem neuen Fachseminar und mein Fachleiter erwartungsvoll begrüßten. Es schlug mir sehr viel Dankbarkeit von den neuen Refis entgegen, dass sie sich einen 5. UB anschauen durften und noch mehr Wohlwollen meines Fachleiters, der den Tag mehrfach betonte, dass er mir das hoch anrechnen würde.

Gemeinsam ging es zum Unterrichtsraum, wo die Tische zurechtgerückt wurden und ich meine letzten Vorbereitungen traf. Allerdings wurde mir schon beim Ausbreiten meiner Unterlagen deutlich, dass es einfach alles viel zu viel war. Ich hatte eine ‚offene‘ Stunde vorbereitet und die Richtung, die am Schluss eingeschlagen werden würde, stand noch nicht fest. Somit hatte ich mich in alle möglich-denkbaren Richtungen versucht vorzubereiten. Noch bevor ich die Stunde gehalten hatte war eigentlich schon sicher, dass ich sie wahrscheinlich nicht gesichert würde abschließen können.

Der Gedankengang war es dann, der verhinderte, dass ich richtig ins Thema kam, weswegen ich den Einstieg verpatzte.

Brexit.PNG

Was nicht an den Schülern lag, die waren toll. Der LK hat sich die Stunde wirklich Mühe gegeben und sie nannten ALLES was wir in den Stunden vorher besprochen hatten. Egal wie unwichtig oder klein der Punkt gewesen war, sie verbanden ihn mit dem Problem vom Brexit.

  • Mehrheitsentscheidungen können sehr knapp ausfallen – Was ist also, wenn die Mehrheit nur hauchdünn ist? Greift das die Legitimität der Entscheidung an?
  • Problem mit Minderheiten in der Demokratie
  • Problem mit der Repräsentation von Minderheiten in der Demokratie
  • Problem des Entscheidungsfindungsprozesses
    • uninformierte Wähler
    • populistische Positionen
    • Lenkung der öffentlichen Meinung
  • Fremdbestimmung in der Demokratie – dürfen Mehrheiten über Minderheiten entscheiden?

Es kam so viel und so viel Gutes … und ich nehme die Frage und das Problem für die Stunde vorweg. *seufz* Anstatt die Schüler eine Problemfrage formulieren zu lassen und diese dann an die Tafel zu schreiben, fing ich an zu plappern und gab die Frage vor – ohne sie zu fixieren. Wenn man sich von außen beobachtet und merkt ‚was machst du da gerade?!‘, es dann aber schon zu spät ist … Der Schulleiter runzelte nur die Stirn, mein Fachleiter fing an schneller zu schreiben und Herr König schaute mich mit großen Augen an. Gut, hoffen wir einfach mal, dass das jetzt nicht im Examen passieren wird. Meist mache ich Fehler nur einmal in dem Umfang.

Nachdem ich also etwas von Autorität gemurmelt habe und die Frage stellte, ob man Mehrheitsentscheidungen immer Folge leisten müsse, leitete ich zur Erarbeitung über.

Moderationsfolie

Zum Glück fanden sich fast auf Anhieb zwei gleichgroße Gruppen zusammen, die jeweils eine der Positionen vertreten wollten, so dass wir nicht lange herumschieben mussten, um an die Arbeit zu kommen. Ich erklärte die Aufgaben, verteilte Plakate und Stifte und mein hochmotivierter Kurs stürzte sich in die Arbeit. Leider sah ich zu spät, dass Gruppe 1 den Arbeitsauftrag mit dem Begründen nicht genau genug genommen hatte. ‚Weil‘ Begründungen sind nun einmal nicht gerade das, was man von den Schülern, die vor zwei Wochen noch im Toulmin-Schema moralische Begründungen verfasst haben, erwartet. Da die erste Phase der Gruppenarbeit aber schon fast verstrichen war, kam meine Anweisung, die Begründungen doch bitte noch zu vertiefen zu spät. Das wurde von der zweiten Gruppe dann in der folgenden Kritik-Phase aber hervorragend aufgefangen, als sie genau die Schwachstelle der unausgeführten Begründungen aufgriffen und sie argumentativ ausweiteten.

Das Ergebnis sah dann so aus:

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Und spätestens an der Stelle war mir klar: Zu viel! Als ich dann in der dritten Phase zur Entscheidungsfindung aufrief, entspannte sich schnell eine Diskussion um die Rechtmäßigkeit der Mehrheitsentscheidung, wenn man damit der Minderheit Dinge vorschreiben würde. Ich konnte in der Diskussion zur Vertiefung anleiten, indem ich das Problem von Minderheiten, die auf Grund von einer speziellen Disposition zu Minderheiten geworden sind und deren Problem von keiner Mehrheit jemals geteilt und vielleicht nachvollzogen werden konnte, zur Diskussion stellte, wie es beispielweise bei Homosexuellen und deren Verfolgung in vielen Ländern gegeben ist. Was tut man, wenn man auf dem ’normalen Weg‘ (Position bekannt machen und eine Mehrheit für die eigenen Belange finden) keine Mehrheit für seine Sache gewinnen kann? Ewig in der Minderheit bleiben? Funktioniert das System beim Vorhandensein ‚ewiger Minderheiten‘ auch noch oder wären Entscheidungen damit nicht länger legitim?

Wir kamen also wie geplant bei der Frage nach der Legitimität von Mehrheitsbeschlüssen an, jedoch war ich an dem Punkt bereits so am Schwimmen, dass mein ‚Tafelbild‘ eher eine Stichwortsammlung wurde. Dadurch, dass wir ja auch keine Leitfrage zum Beantworten hatten, lief die Stunde dann bis zur letzten Minute so vor sich hin und es kam nicht zu der gewünschten ‚Runden Stunde‘, in der ein Problem vom Anfang wieder aufgegriffen und beantwortet werden konnte.

Was positiv gewesen ist: Die Vorbereiteten Impulse habe ich nicht gebraucht. Vor lauter Sorge, dass die Schüler sich in der Erarbeitung nicht auf wirkliche Probleme einigen können würden, hatte ich kleine Impulskarten vorbereitet. Problem hierbei ist immer, inwiefern man Ergebnisse vorweg nimmt oder vorschreibt, aber da es letztlich besser ist als sich in einer Erarbeitungsphase ohne Arbeit wiederzufinden … nun ja.

Impulse I

Impulse II

Hier sieht man nun auch, warum es so schwer war die Stunde vorauszuplanen. Es gab einfach so viele Ansatzpunkte, in die sich die Diskussion der Schüler entwickeln konnte, dass ich konstant das Gefühl gehabt hatte, dass ich die ganzen Probleme eigentlich gar nicht überschauen konnte. Das mein Fachleiter nun gerade das als großen Pluspunkt bei der Bewertung anlegte war wohl mein Glück, da es ja immer sehr individuell ist, wie man solche Ansätze einordnen.

So war er dann von der Stunde geradezu begeistert. Freie Diskussion, offener Meinungsaustausch, vertiefende Diskussion von den Schülern angestrebt, geleitet und stringent aufgegriffen, anlage der Stunde von der Methode her, Aufbau des Themas in der Reihe, Relevanz von philosophischen Positionen, Aushalten von Dissens bei einer alltagsrelevanten Fragestellung etc. etc. etc. Er hörte gar nicht mehr auf zu loben.

Da das neue Fachseminar auch bei der Nachbesprechung dabei war, verfielen sowohl er als auch ich immer wieder in Erläuterungen, während wir die Stunde reflektierten, aber insgesamt hat mich die Anwesenheit der ungewöhnlich vielen Gäste beim UB überraschend wenig gestört. Es fühlte sich sogar eigentlich recht befreiend an, dass man wusste, dass das Jahr nun größtenteils abgeleistet ist, die tatsächlich arbeitsreichen Strecken erst einmal weniger werden und man sich nun aufs Examen vorbereiten kann.

Trotzdem ist es wirklich beunruhigend, dass dies nun meine Ausbildung in Philosophie gewesen sein soll. Ich fühle mich einfach nicht gut vorbereitet. Alles in allem waren das nun viereinhalb Wochen Ausbildungsunterricht bis zum 5. UB. 4 1/2 Wochen! In zwölf Monaten …

Was das Examen angeht, so werde ich mit der Vornote 2 in die Prüfung gehen. Der Entwurf wäre eine 1, da gibt es nichts mehr zu beanstanden laut meines Fachleiters. (Die neuen Refis baten dann natürlich auch gleich um eine Kopie, die ich ihnen gerne zur Verfügung stellte.) Leider sind meine Leistungen im praktischen Bereich nicht auf dem Niveau, was mich zwar ärgert, aber es lässt sich nicht ändern. Noch weiß ich nicht genau, wie viel die Vornote nun tatsächlich in die Endnote eingerechnet wird, da muss ich mich noch einmal schlau machen. Und obwohl ich die Stunde als echten Drahtseilakt für meine Nerven einstufe, so legte mir mein Fachleiter doch sehr eindringlich nahe, dass ich das fürs Examen ins Auge fassen sollte. Schauen wir mal, ob ich den Mut zu einer offenen Diskussions-Examensstunde haben werde. ^.^

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Wenn der Stresslevel unbekannte Höhen erreicht …

Damit hatte ich Anfang der Woche noch nicht gerechnet. Dass es stressiger werden würde, ja, aber dass es sich so schnell so exponentiell vermehren würde … nein, das war eine Überraschung.

Herr König hat mir in dem Philosophie LK, dessen erste Stunde ich heute (nach einer sehr unruhig-angespannten Nacht) gehalten habe, so in etwa 8 Stunden eingeräumt. Genug für eine kurze Reihe. In einem LK heißt 8 Stunden nicht einmal 2 Wochen. Was wiederum heißt, dass ich meinen Fachleiter direkt für nächste Woche einladen musste. Ich hatte gehofft, es um eine Woche ziehen zu können, jedoch sind gerade auch die Intensivwochen für die neuen Referendare.

Mein Fachleiter kam mir entgegen und versucht einen Termin einzuschieben. Nächste Woche Freitag. Mit dem kompletten neuen Seminar im Schlepptau. *panik* Ich bin gedanklich nicht mal richtig in der Reihe angekommen und darf jetzt das Wochenende direkt meinen fünften und letzten UB in Philo planen mit halb so viel Publikum dabei wie Schüler in dem Kurs sitzen 😮 Hilfe.

Der einzige Lichtblick: Am Dienstag ist Eltern- und Schülersprechtag und ich habe bisher nur eine Terminanfrage, die ich vielleicht auch so zum Gespräch laden kann. Dann kann ich den Tag komplett schreiben und planen. Mein Magen fühlt sich trotzdem nicht viel besser an -.- Im Moment fühle ich mich, als würde mir alles langsam entgleiten. Was vor allem an der fehlenden Vorbereitungszeit liegen dürfte. Ich habe noch nie Planungen für den nächsten Tag erst spät abends verschickt. Aber es bleibt einfach keine Zeit und so werden meine 9er morgen eine schlichte Kopiervorlage erhalten. Mehr ist gerade nicht drin 😦

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Bunt Gemischtes und ein Lob

Vieles hat in letzter Zeit seinen Weg hierher nicht gefunden. Ich wollte man einiges Dinge gesammelt ohne konkreten Titel hinterlassen.

Das Aktuellste zuerst: Heute bekam ich ein Lob von meinem Schulleiter. Das tat auf mehreren Ebenen ganz gut. Einmal rückte es die letzte UB Stunde in Geschichte in ein anderes Licht, wenn man eine zweite offizielle Meinung zu deren Qualität hört. Für ihn war die Stunde ebenfalls gelungen, jedoch sah er die fehlende Diskussion am Schluss kritischer als mein Fachleiter und sprach mir somit eher nach dem Gefühl her zu. Bei so viel Zeit am Schluss keine allgemeine Diskussion zu ermöglichen/herzustellen ist etwas, was ich im Examen unbedingt vermeiden sollte. Das zeigte mir, dass ich mit meiner schlechteren Einschätzung nicht alleine dastehe und dass es wirklich auf denjenigen ankommen wird, der mich letztlich beurteilen muss. Er gab mir noch einmal den Rat, möglichst viele solcher ‚möglichen Baustellen‘ im Entwurf anzureißen und nach den Stunden tiefgehend zu reflektieren.

Allgemeiner gesehen, lobte er meine Arbeitsweise. Das tat wirklich gut, da er meiner Ansicht nach immer genau bei den UBs dabei gewesen ist, die nicht so gut gelaufen sind. Ich hatte mir schon ausgemalt, dass er ein ‚viel gewollt und nicht gekonnt‘ Bild von mir aufgebaut hatte. Dem ist wohl nicht so. Er sprach sich sehr positiv über die Materialien aus, die generelle Vorbereitung und meinen „Mut, so eine Stunde zu zeigen“. Anscheinend wird eine ‚Medien-Stunde‘ ab nächstem Jahrgang hier Pflicht für alle. Er selbst steht dem offen gegenüber und würde in der Schule gerne mehr mit Technik, Programmen und neueren Medien arbeiten. Wenn man das Geld hätte. Deswegen wäre die Stunde für ihn auch sehr informativ auf mehreren Ebenen gewesen. Was ist möglich und was nicht? Chancen und Probleme bei der Umsetzung und so weiter.


Davon ab steht mein Examenstermin nun fest. Am 09.10. werde ich voraussichtlich meine Prüfung ablegen; der vorletzte Tag des Prüfungszeitraums. Ich habe den Termin so spät gelegt, da ich vorher wirklich gerne auf der Stufenfahrt der Q1 nach Ausschwitz teilnehmen möchte und so ein paar Unterrichtsstunden mehr herausschlage, falls durch die drei Tage (plus Wochenende) viel entfallen sollte. Wirklich viel Zeit vergeht nach den Sommerferien nämlich eh nicht, bis man im Examen ist.

Was die Kursfahrt vorm Examen angeht, so bin ich noch zwiegespalten. Es wird sicher sehr interessant und die Q1 (jetzige EF) wird auch den Kurs für mein Philoexamen stellen. Da verbringe ich gerne noch etwas Zeit mit ihnen zusätzlich. Aber es wird auch echt stressig werden, in dem kurzen Zeitrahmen noch einen so großen Termin unterzubringen. Ich plane im Moment eher nach ‚Augen zu und durch‘. Schauen wir mal was das gibt >.<


Ich habe meinen ersten „Hate“ bekommen. Von der kleinen Lara aus der 6. Klasse. Bisher hatte mich ja noch nie ein Schüler wirklich angegangen. (Als ‚angehen‘ kann man das von Lara aber eigentlich auch nicht bezeichnen.) Romina aus der 9. hat etwas gezickt anfangs und der 12er GK in Philo war zuerst ein wenig schwierig, aber ansonsten? Alle absolut vorbildlich.

Als wir nun an dem Tag in etwas unruhiger Atmosphäre, die 6er habe ich ja immer nachmittags in der 8. und 9. Stunde unterrichtet, versuchten zu produktivem Unterricht zu finden, fielen doch ein paar der Kleinen durch wiederholtes Quatschen, Reinrufen und generelle Unruhe auf. Besonders: Lara. Sie merkte teilweise nicht einmal, dass sie am Reden war, schien mir. Letztlich wurde ich nach der dritten Ermahnung etwas deutlicher und erhob auch die Stimme. (Sie war ja nicht die einzige, genervt war ich zum Schluss also schon.)

Zwanzig Minuten vor Schluss brach ich das ‚Experiment Unterricht‘ ab und gab ihnen eine Einzelarbeit. Textzusammenfassen – etwas was wir die Stunden vorher erst noch geübt hatten, da die Kleinen noch eher Textwiedergaben als Kurzfassungen ablieferten. Ich hatte einfach keine Lust mehr mich immer wieder zu wiederholen und um Ruhe zu bitten oder tödliche Blicke durch den Klassenraum zu werfen. Da ich kurz davor noch ein Heft mit offensichtlichen Nachrichten abgefangen hatte, war es mir einfach zu bunt geworden.

Als alle sich an ihre Aufgabe machten, inspizierte ich das Hausaufgabenheft. Lara und Sina hatten riesengroße Augen bekommen, als ich es nebenher bei der Diskussion zum Unterrichtsgegenstand einfach abgefangen und aufs Pult gelegt hatte. Beim Blick auf das aktuelle Datum wurde mir auch klar warum. „Ich hasse Ms Phye“ stand da mit Tipp-Ex gepinselt. Damit man es nicht sofort sieht 😉 Immerhin hatten sie es versucht diskret zu machen.

Mit einem lachenden und weinenden Auge, bat ich Lara vor die Tür. Sofort legte sich eine Todesstille über die Klasse, das war noch nicht passiert bei mir. Sie tat mir in dem Moment eher leid. Direkt angegriffen fühlte ich mich von dem Vorfall nicht, aber es musste etwas außerhalb vom Unterricht vorgefallen sein, dass es für sie so eskalieren ließ. Eigentlich ist sie nämlich offener und auch recht aufgeweckt. Da es schon einmal einen Vorfall gegeben hatte, wo der Klassenlehrer mir mitteilte, dass sie den Nachmittag bei mir im Unterricht fehlen wird, um einen Brief an ihre Mutter zu verfassen, mit der sie so nur schwer reden kann, suchte ich die Ursache auch eher dort, als in meinem aktuellen Unterricht oder bei meiner Person selbst.

Leider konnte ich sie nicht dazu bringen, sich zu öffnen. Sie begann sofort zu weinen, als wir vor der Tür waren und antwortete auf meine Nachfragen, ob alles ok wäre nur mit „Ja.“ Sie wüsste nicht, warum sie das gemacht hätte. Ich teilte ihr mit, dass ich das eintragen müsste und dass sie, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt das nächste Mal einfach direkt etwas sagen könnte. Ich entließ sie dann zur Toilette, damit sie nicht verweint in den Klassenraum zurück musste. Da das vor den Ferien passierte, bin ich gespannt, ob es damit abgehakt ist oder ob da noch etwas kommen wird.

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Examen aus der zweiten Reihe

Ich durfte bei Phillip am Examenstag mitlaufen. Das war spannend und ziemlich erhellend, was meinen favorisierten Fachleiter anging, den ich den Tag begleiten konnte. Da in dieser Phase immer deutlich geworden ist, dass mein Fachleiter in Geschichte sehr durchwachsene Ergebnisse bei der bestanden/nicht bestanden Diskussion erzielte und ich eh zu meinem Philosophiefachleiter tendiert hatte, konnte ich ihn den Tag einmal ‚live‘ erleben.

Morgens kam ich also etwas pünktlicher als sonst zur Schule, um bei letzten Handreichungen zu helfen. Man bewirtet die Prüfungskommission ja regelrecht an diesem Tag. Da Phillip der letzte gewesen ist von unseren sechs Referendaren an der Schule, war in den drei Wochen vorher schon einiges an belegten Brötchen, Kaffee und Keksen durchs Lehrerzimmer in den Beratungsraum gewandert. Nachdem wir also alles hergerichtet hatten, Brötchen, Kaffee, Milch, Zucker, Besteck und Geschirr sowie eine üppige Keksauswahl hergerichtet worden war, machte ich mich auf die Suche nach Phillip, der mich ganz offiziell einmal seiner Prüfungskommission vorstellen musste, die ich dann noch offizieller um Erlaubnis bitten musste, dass ich doch an dem Tag auch dabei sein dürfte. Wurde mir netter Weise genehmigt.

Es begann mit der Stunde Physik, von der ich mal so gar keine Ahnung hatte. Ich musste damals im Abi Physik als gezwungenen Zusatzkurs in der 13. noch mitmachen und alles was davon hängengeblieben war, war die Relativitätstheorie gewesen, da die eher ein mentales Rätsel als wirkliches mathematisches Wissen für mich dargestellt hatte. Wie dem auch sei, ich beobachtete also 8. Klässler dabei, wie sie das Hookesche Gesetz bewiesen, herleiteten … zumindest stand das in seinem Entwurf ^.^ Das hat was mit Federn, Widerstand und linearen, bzw. nichtlinearen Kurven/Gerade/Vektoren (?) zu tun. <- wie ihr seht, ich habe keinen Schimmer 😀

Vom Ablauf her und dem, was da so bei herum kam, fand ich die Stunde ganz gelungen. Kurz danach hörte ich dann aber schon vom Fachlehrer die Sorge ‚Lernziel nicht erreicht‘, was natürlich sehr negativ gewesen wäre. In der Reflektion wies Phillip auch auf mehrere Probleme hin und reflektierte diese aber ziemlich tiefgreifend, was ihm letztendlich (wie man dann ja später erfuhr) die Note ordentlich gerettet hatte.

Während Phillip sich danach also sammelte und für die kommende Stunde vorbereitete, lief ich hin und her und versorgte die Kommission mit Nachschub. Die anderen Refis waren auch nicht untätig, checkten den Raum nochmal, kontrollierten die elektrischen Geräte (bei einer anderen hatte der OHP, der morgens noch funktionierte dann in der Stunde versagt … ) und brieften die Schüler, dass sie in dem jeweiligen Bereich um die Examensklassenräume ruhig zu sein hatten.

Dann ging es zur zweiten unterrichtspraktischen Prüfung und hier konnte ich dann ‚mitreden‘. Oder zumindest mitdenken. Als Gast darf man nämlich wirklich nur anwesend sein. Nichts mitschreiben, keine Unterlagen zu den Stunden erhalten, sich nicht sonst wie einbringen. Also beobachtete ich. Die Stunde hielt Phillip im Q1 LK Philosophie, die sich mit sozialer Gerechtigkeit beschäftigen sollten. Aufbauend auf verschiedenen Theorien, die sie vorher schon zur Staatstheorie erarbeitet hatten, sollten sie nun eine Theorie von Rawls beurteilen. Leider passierten ihm doch einige Fehler.

Der Einstieg klappte gut, die Gruppenarbeit lief auch, aber hier hatte er zur Binnendifferenzierung Hilfekarten ausgelegt, die die jeweiligen Positionen nochmal erklärten und auch die aktuelle mit einbezogen. Damit waren theoretisch die Ergebnisse der Stunde vorweggenommen worden. Glücklicherweise griffen nur zwei Schüler auf diese Hilfen zurück. Dann wählte er für die Präsentation der Ergebnisse ausgerechnet auf die Folie, die von der schwächsten Schülerin des Kurses erstellt worden war. Das war für die Vertiefungsphase am Schluss ziemlich tödlich, da es kein visuelles Geländer gab, an dem sich der Kurs gemeinsam entlanghangeln konnte, da die präsentierten Ergebnisse nicht genau genug gewesen waren. In der Diskussion am Schluss konnte er die Beiträge auch nicht genügen bündeln und die wichtigen Punkte fokussiert nochmal aufgreifen. Dadurch endete die Stunde etwas schwammig.

Selbst ich merkte dann in der Reflektion, dass diese es nicht wie in der Stunde vorher schaffte die negativen Punkte herauszureißen. Ich biss mir mehrfach auf die Zunge, als es dann um Alternativen ging, da mein Fachleiter wirklich sehr offen und unterstützend fragte und einem so sehr viele Dingen in den Kopf kamen, die an der Stelle gepasst hätten.

Allgemein muss ich sagen, dass ich ihn als einen sehr fairen Prüfer erlebte, der bewusst nach dem fragte, von dem er sicher sein konnte, dass es kommen würde. Das fiel besonders im Kolloquium auf. Ich hatte nach wenigen Minuten das Gefühl, dass ich mich dort hätte hinsetzen können und auch bestanden hätte. Es war wie die Gespräche, die man in den Seminarsitzungen führt. Gut, ein paar Namen sollte ich mir noch einprägen und etwas Theorie zur Unterfütterung lernen, aber insgesamt hätte ich die gestellten Fragen beantworten können.

Als der Tag vorbei war, fühlte ich mich genau wie Phillip ausgelaugt. Man fiebert ja doch ganz schön mit ^.^ Er bestand mit einer drei und war sehr glücklich. Ich merkte dabei, dass ich das Gegenteil empfunden hätte und das ich echt noch einiges zulegen muss, dass ich am Schluss auch zufrieden aus dem Examen komme. Die Wahl meines mich ins Examen begleitenden Fachleiters ist aber an dem Tag bestätigt worden.

Veröffentlicht in Ausbildungsunterricht, Prüfung, Referendariat

4. UB Geschichte

In Geschichte habe ich ja seit Beginn des Jahres Ausbildungsunterricht bei Frau Klaus. Diese ist inzwischen auch über die anfängliche Skepsis, dass ‚das was mit uns werden kann‘ hinweg und hat sich gerade zum UB hin wirklich reingekniet. Da uns ja immer wieder ans Herz gelegt wird, dass wir was mit neuen Medien machen sollen, wurde das ein sehr elektronisch unterstützter UB in Geschichte.

Die Reihe lief ja nun seit Halbjahresbeginn von mir unterstützt vor sich hin und somit konnte ich bei der Planung auch sehr viel bieten. Leider bedeutete das für mich irgendwie ein Hindernis beim Ausformulieren. Ich habe ewig an dem Entwurf gesessen. Es ging um die Menschenrechte in historischer Perspektive. Eingestiegen waren wir ja mit den 19 Artikeln des Grundgesetzes, die die Grundrechte abbilden. Danach ging es über die Aufklärer und mit philosophischer Unterfütterung von verschiedenen Staatstheoretikern (Rousseau, Locke, Montesquieu) weiter zur ersten Verfassung, die sich mit allgemeinen Rechten für alle befasst hatte: Die Virginia Bill of Rights. Die UB Stunde lag dann in der Sequenz zur Französischen Revolution und der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789.

Rahmenbedingung der Reihe war der Einsatz von PC und Beamer als Arbeits- und Präsentationsmaterial. Die SuS arbeiteten in Einzel- oder Partnerarbeit an der jeweiligen Aufgabe, luden ihre Ergebnisse in den Austauschordner hoch und ich konnte alles im hübschen Din A4 Format zusammenfügen. Nach etwas Übung klappte das auch tadellos inzwischen.

Die Stunde sollte sich also damit beschäftigen, inwiefern die Umsetzung der Menschenrechte in der Menschen- und Bürgerrechtserklärung von 1789 als Antwort auf historische Unrechtserfahrungen gewertet werden kann. Das Thema war relativ komplex, da man einmal die Rechte identifizieren muss, diese mit historischen Sachverhalten verknüpft um den Entstehungszusammenhang aufzuzeigen und dann noch beurteilen muss, inwiefern dieses nun als Antwort auf die jeweilige Situation gewertet werden kann. Da die SuS die besagten Rechte noch nicht kannten und wir bis dahin erst einmal eine Konfliktanalyse über die Französische Revolution erarbeitet hatten, stand also die Erarbeitung und Vertiefung des Themas für die UB Stunde an.

 Hier einmal das Schema der Analyse:

Konfliktanalyse.PNG

Bis auf den blauen Bereich hatten wir schon alles geklärt und die SuS ihre Ergebnisblätter vorliegen. Ich hatte bewusst dort einen Schnitt gesetzt, da sich hier ein Vorgriff auf die Ergebnisse lohnte, damit man den Verlauf des Konflikts somit besser mit den antizipierten Ergebnissen abgleichen konnte.

Und die in der Stunde davor aufgestellten Kategorien, durch die Analyse der Ergebnisse zur Bill of Rights:

Transfer Bill of Rights.PNG

Aus diese Ergebnissen kamen wir dann zu den Kategorien, mit deren Hilfe die Erklärung von 1789 hinsichtlich der umgesetzten Menschenrechte untersucht werden konnte. Einstieg für die Stunde war:

Ergebnisse Erklärung.PNG

Die Kästen waren natürlich leer, die wurden dann in der Sammlungsphase ausgefüllt. Die Schüler beteiligten sich hier auch wirklich gut und ich schrieb einfach nur mit. Die Frage, welche sich dann stellte war: Warum wurden die Rechte so entworfen? Gab es Parallelen zur Bill of Rights?

Dann folgte eine kurze Erklärung zum Ablauf der Erarbeitungsphase. Die Formatvorlage für die Ergebnisse …

Präsentation.PNG

… enthielt gleich die Schritte für die Erarbeitung, aber der Ablauf war den SuS ja eh bekannt. Sie kopierten sich also jeweils ein Textfeld und von einem zweiten Arbeitsblatt …

Teil GA.PNG

… die für sie relevanten Artikel und legten los. Die Artikel hatte ich vorsortiert, weil es einfach viel zu lange gedauert hätte, wenn sie sich aus dem kompletten Wust die relevanten Stellen hätten raussuchen müssen. Da alle inzwischen ja schon im Umgang mit Gesetzestexten geübt waren, konnte ich tatsächlich im Zeitplan bleiben. Der Einstieg hatte knapp 5 Minuten verbraucht, die Erklärung mit den verschiedenen Schritten der Computer- und Programmbewältigung nochmal etwa 3 Minuten und die Erarbeitung 15 min.

So kamen wir knapp 25 Minuten nach Stundenbeginn zur Präsentation der Ergebnisse. Die sahen dann so aus:

Ergebnisse.PNG

Und hier passierte mir erstmals etwas, was noch nie vorgekommen ist: Ich hatte tatsächlich am Schluss 12 Minuten für die Diskussion 😮 Ich war ziemlich baff und leider fiel dabei dann einmal mehr auf, dass ich mir nicht genug Impulse im Vorfeld überlegt hatte. Denn was bis dahin wirklich reibungslos gelaufen ist, keine Patzer der Technik, sehr gute Ergebnisse der Schüler und gute Kontextualisierung insgesamt, fing nun an zu stocken. Die abschließende ‚Diskussion‘ wurde mit 4-5 Leute geführt, nur zwei davon mit wirklich eloquenten Beiträgen und der Rest schwieg.

Vielleicht lag es am Tippen. Ich hatte die Ergebnisse vorher selten so umfassend aufgenommen wie hier. (Untere Kasten wo vorher die Aufgaben standen.) Vielleicht generell immer noch an der Tatsache, dass die Schüler den Einsatz von Medien im Unterricht in der Form nicht gewohnt sind. Vielleicht saßen die Inhalte aus den vorherigen Stunden nicht so gut, wie ich angenommen hatte bei den Übrigen, die sich nicht beteiligten.

Auf das Urteil des FL musste ich den Tag noch warten, da er einen weiteren Termin hatte und gleich nach der Stunde weiter musste. Aber die Schüler habe ich nach ihrem Urteil gefragt. Nicht zu der Stunde direkt, sondern allgemein zu dem, was wir zusammen erarbeitet hatten. Da zeigte sich wieder, wie akkurat die Kinder beim Feedback sind. Genau die Punkte, die allgemein kritisiert werden, brachten auch sie.

  • Manchmal seien Fragen unklar oder viel zu viele davon gestellt worden.
  • „Nebensächliches“ würde zu genau erfragt.
  • Kein Computerraum mehr (^.^)
  • Roter Faden (ich werde wohl bei den komplexen Themen mal sowas wie ein ‚Inhaltsverzeichnis‘ erstellen)

Der Rest vom Feedback war positiv. Der Unterricht hätte Spaß gemacht und man hätte viel gelernt. Meine Vorbereitung wurde gelobt (da musste ich Schmunzeln, man fühlt sich in Schülerzeiten zurückversetzt 😉 ), meine Aufnahmefähigkeit von Schülergedanken sei schnell, Zeit für Aufgaben sei gut bemessen und der Medieneinsatz habe auch gut funktioniert. Ein Feedback muss ich hier noch einmal festhalten. Da habe ich mich doch sehr über die Mühe gefreut, mit der es erstellt wurde.

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Mein FL hat nicht viel hinzuzufügen gehabt, als wir uns dann trafen. Die problemfrage hätte ich etwas ‚ausschärfen‘ können, etwas, was ich mich ja immer noch nicht recht traue. Schülerbeiträge verändern ist eben eine heikle Sache. Der Umgang mit den Medien wurde gelobt, er war recht angetan von meiner Tippgeschwindigkeit, die die Diskussion tatsächlich nur minimal verlangsamt hatte.

Zum Problem des Stockens am Schluss sagte auch er, dass es wohl an der scheinbaren Finalität der Antworten gelegen haben könnte. Dadurch, dass ich direkt alles eingetragen habe, erschien es, als wären die Punkte nicht mehr diskutabel. Ich werde das nochmal am ‚lebenden Objekt‘ ausprobieren bei nächster Gelegenheit. Die Ergebnisse der Computergestützten Reihe fand ich nämlich schon ganz nett.

Letztlich war diese Stunde eine gute Zwei nach Meinung meines FL. Ich persönlich hätte sie eher im 3er Bereich angesiedelt, da eben das Lernziel nicht erreicht wurde, da nur so wenige sich am Schluss wirklich beteiligt hatten. Da würde es dann im Examen wohl auf die Personen ankommen, die da vor mir sitzen.

Veröffentlicht in BdU, Prüfung, Referendariat

4. UB Philosophie

Leider ist es nun schon etwas her, seit ich diesen UB hatte, weswegen ich etwas im Oberstübchen kramen muss, um alles zusammen zu bekommen. Die Planung für denselben habe ich hier beschrieben.

Ich ging mit einem relativ guten Bauchgefühl den Morgen zur Schule. Auch die (selbstverständlich genau an diesem Tag …) komplett schief gedruckten Blätter mit dem abgeschnittenen Kopfbereich konnten mir die Laune nicht verhageln. Ich hatte die Sozialform vorher geübt, der Ablauf war bekannt für die Gruppenarbeitsphase, die Kinder hatten bereits gelernt, dass man seine Meinung begründet … kann ja nix schiefgehen. *schniff* Joa, denkt man so. Der UB war leider mein schlechtester bisher, zumindest in Philosophie und auf Grundlage meines bisherigen Könnensstandes. Gut, also, was war passiert?

Mein Fachleiter fand sich früh am Tisch ein und wir plauderten noch etwas über das Examen von Phillip, dem ich am Tag davor beiwohnen durfte. Und über meinen Entwurf für den UB, zu dem der FL gleich anmerkte: „Es ist so schön, wenn man einen wirklich durchdachten Entwurf zum Lesen bekommt. Ich freu mich auf die Stunde.“ Der gelobte Tag vor dem Abend …

Kurz darauf wanderten wir, meinen Schulleiter ebenfalls im Schlepptau, durch die Schule, da wir einmal mehr in den hintersten Winkel mussten (in dem Fall wörtlich, der letzte Klassenraum unten links auf dem Schulgelände). Ich hatte meine Utensilien bereits vorher aufgebaut, damit ich nicht noch mit Tablet und Co herumfummeln musste. Tablet und Lautsprecher standen also bereits auf dem Tisch, die Schüler setzten sich, eine Schülerin kam leider 4 Minuten zu spät, wodurch sie das Lied am Anfang verpasste.

Fettes Brot.PNG

Lied eingespielt und genau die Strophe rausgepickt, die das gewünschte Dilemma beschreibt. AB wurde gleich zu beginn schon verteilt, da ich vor allem eines im Kopf hatte: Genug Zeit für die Abschlussdiskussion. Irgendwie kam es dann auch, dass der Einstieg viel zu schnell vorbei war. Lied war gehört worden und die Schüler verneinten den Bedarf, es noch einmal durchlaufen zu lassen. Wie geplant wurde dann erst einmal zusammengefasst, worum es denn nun hier geht.

Und da das nach zwei Antworten wirklich abgehakt gewesen war … gingen wir in die Erarbeitungsphase. An der Stelle habe ich sowohl mich als auch die SuS etwas überrumpelt. Sie stürzten sich natürlich sofort auf das Problem, aber die Formulierung desselben kam einfach zu kurz. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, das Problem erstmal etwas beleuchten zu lassen, wobei die SuS sowas wie „Freundschaft oder Liebe“ formulieren sollten, aber da der Schritt nun einmal übersprungen worden war … tja, machten wir einfach weiter.

In den Gruppen fingen die Diskussionen erstmal absolut gegen Ben gerichtet an. „Das macht man nicht!“ hörte ich aus den Gruppen mehrfach. Sie waren auf jeden Fall bei der Sache. Eine meiner vielen Janas konnte sich dann auch gar nicht von dieser Sicht lösen. Ihre 3er Gruppe fand nur Argumente für „Lass die Finger von ihr!“ und ich fragte einmal nach, ob sie sich denn gar kein Szenario vorstellen könnten, in dem sie anders beraten würden. Nein, das macht man halt nicht! Ich merkte, dass es an der endgültigen Entscheidung hing in dem Moment und fragte, ob es denn gar keinen Grund geben könnte, warum sowas doch mal passieren könnte oder wo etwas positives aus der Situation entsteht, wenn man mit der Ex des besten Freundes hier zusammen käme. Da fielen ihnen doch ein paar Beispiele ein.

Letztlich war das Endergebnis tatsächlich gespalten. Alle waren sich erstmal einig, dass man hier eher zum besten Freund steht. Die eine Gruppe drückte das etwas ‚umgangssprachlich‘ mit „Bros before Hos“ aus, was ich nicht so stehenlassen konnte. Wurde vom FL und SL aber mit einem Lächeln quittiert. Eine Gruppe beschrieb sogar die Möglichkeit, dass der Freund Ben irgendwann verzeihen würde, weil die Freundschaft ja wichtig wäre und die Beziehung eh kaputt, wenn sie sich schon verliebt hatte. Und er Ben und Christine dann ihr Glück gönnt. Sehr selbstlos ^.^

Die Ergebnisse wurden gesammelt und von den Gruppen vorgestellt und wir übertrugen diese wieder auf die verschiedenen Perspektiven, die hier dargestellt worden waren. Das sah dann so aus:

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Problem hierbei war: Genau das Gleiche hatten wir die Stunde davor gemacht. Und somit stand ich am Ende der Stunde wieder mit den verschiedenen Perspektiven da, mit den Grundlagen für moralische Handlungen, aber damit wurde nicht gearbeitet. Ziel war von meiner Planung her gewesen, uns distanziert mit eben so abstrakten Konzepten wie Freundschaft oder auch der Goldenen Regel zu beschäftigen. War gedanklich auch absolut richtig, aber dadurch, dass ich die Schritte zu diesen Konzepten in der Stunde nur wiederholte und nicht aktiv mit ihnen arbeitete, war die Lernprogression gleich 0.

Es wäre schon eine Verbesserung gewesen, wenn ich die Perspektiven wirklich der Hierarchie her angeordnet hätte und nicht nach dem grundlegenden Aufbau des Systems. Nicht dran gedacht. Eigentlich hätte sich nach der vorherigen Stunde angeboten, direkt mit den Ergebnissen einzusteigen und nicht noch einmal ein neues Fallbeispiel zu behandeln.

In der Nachbesprechung fiel es mir dann irgendwann wirklich wie Schuppen von den Augen. Ich konnte nämlich trotzdem ich in der Dilemma drinsteckte die komplette Zeit meinen Denkfehler nicht erkennen. Ich WUSSTE, dass irgendwas schief lief, aber was es war … Erst als der FL mich fragte, was denn die Stunde nun tatsächlich im Gegensatz zu der davor für die SuS gebracht hätte, bemerkte ich den Fehler. *seufz* Dazu kam eine sehr starke Steuerung. Ich habe die SuS mal wieder zu sehr gegängelt und das darf eben einfach nicht passieren. Aber wenn einem schon so grundlegende Probleme in der Planung nicht auffallen, ist es kein Wunder, wenn die Kinder nicht auf die gewünschten Ergebnisse kommen.

Zusammenfassend kann man also sagen:

  • Planung (von der Theorie insgesamt mit Reihenaufbau und Entwurf und allem drum und dran) war wirklich gut. Bis auf die Tatsache, dass die Stunde redundant gewesen ist, war sie an sich auch gut. Im Zusammenhang mit dem was davor passierte und dem, was dann letztlich für die SuS als Lernergebnis dabei rauskam … nicht so sehr. Und dann noch die Steuerung.
  • Phasierung war in der Theorie gut geplant, in der Praxis schlecht umgesetzt.
  • Impulse: Ich muss mir einfach mehr Möglichkeiten überlegen, wie ich aus dem Stundengeschehen raus kann. Es fällt mir immer noch schwer, wirklich abzugeben. Dafür muss ich stärker mit vorgeplanten Impulsen arbeiten, die dann wirklich so offen sind, dass ich nicht nach zwei Antworten noch etwas nachfragen kann/muss.

Abseits davon, dass ich absolut unzufrieden mit der Stunde und dem Ergebnis war, weiß ich aber nicht, was das in Noten ausgedrückt bedeutet hätte. Am Ende der Nachbesprechung brach ich dann nämlich in Tränen aus und vergaß nach der Note zu fragen. Das lag einmal an diesem deutlichen Patzer mit der Lernprogression und dann an einer weiteren Kritik, bei der ich überhaupt nicht wusste, wie ich ihr begegnen sollte: Ich wäre den Schülern gegenüber zu ‚kühl‘ gewesen.

Wie man das allerdings ändert … Ich weiß, dass meine Art eher distanziert ist. Ich bin kein ‚Kumpel-Typ-Lehrer‘, allerdings meiner Wahrnehmung nach auch nicht der ‚Drache-mit-Rohrstock-Typ‘ im Klassenzimmer. Bisher hatte ich nicht den Eindruck, dass die Schüler mir gegenüber besonders zurückhaltend wären, was gerade für ein Fach wie Philosophie ja nicht förderlich wäre. Dort muss man sich ausprobieren können und das geht nur, wenn man den Lehrer als ’sichere‘ Person wahrnimmt, bei der Ansichten angenommen werden und wo Fehler möglich sind. Und das war meiner Meinung nach der Fall bisher.

Gerade in Hinblick aufs Examen, wo mich ja zwei komplett fremde Personen beurteilen werden, ist das auf jeden Fall eine ungünstige Ausgangslage. Auf die werde ich mit Sicherheit erstmal noch distanzierter wirken, als auf meinen FL, der mich ja schon eine Weile kennt. Ich hatte nach dem UB Gelegenheit nachzuhaken. Der FL hatte es nicht als großes Problem gesehen und nahm einigem des Gesagten wieder die Schärfe. Was ich für mich mitnahm war, dass Kritik an der Person direkt am Schwersten auszuhalten ist, da man sich nicht einfach ändern kann.

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Der 4. UB Philosophie: Die Planung

Gestern erreichte mich die Nachricht, dass Lucas es am Freitag nicht geschafft hat und nach seinen UPP (Unterrichtspraktischen Prüfungen) nicht zum Kolloquium zugelassen wurde. Das sitzt einem vielleicht quer im Magen, selbst wenn es ja nicht die eigene Prüfung war. Wieder einer von den Geschichtlern: War das von vorne herein abzusehen … ?

Ich bin zerrissen zwischen Mitgefühl (er ist frisch Familienvater im Dezember geworden und kann die Verlängerung wirklich nicht gut gebrauchen) und dem Gefühl, dass nicht alle die, die durchs 2. Staatsexamen rasseln total unerklärliche Fälle waren. Das war es nämlich bisher bei den anderen, von denen man so gehört hat. „Wie, DIE hat es nicht geschafft? Die war doch mit 1 vorbenotet!“ Wie will man sich sowas erklären außer mit Willkür, wenn die beobachtenden Augen und Ohren den Tag wirklich keine gravierenden Fehler in den Prüfungen entdecken konnten?! Ganz anders bei Lucas; da wir beide Geschichte haben, haben wir auch den gleichen Fachseminarleiter. Und dieser hatte ihm vorher angeraten, freiwillig noch ein halbes Jahr dran zu hängen und es dann erst zu versuchen. Er hatte das kommen sehen. Macht die Geschichte jetzt nicht angenehmer … aber stellt etwas das Vertrauen in die (Zuverlässigkeit der) Prüfungen wieder her.

Gut, ich selbst habe heute den Tag mit der Planung und Verschriftlichung meines 4. UBs für Philo verbracht. Es motiviert einen schon, wenn auch nicht positiv, wenn man solche Sachen mitbekommt. ‚Das darf dir nicht passieren, streng dich mehr an.‘ Das saß mir dann doch ein wenig im Nacken.

Die Planung selber ist ganz gut voran gekommen. Ich bin unsicher, was die Komplexität der Lernziele angeht. Aber ich darf ja Frau Frost am Montag mit meinem Entwurf in der Mittagspause nerven. Zur ‚Einstimmung‘ ist das vielleicht etwas viel direkt, aber sie scheint doch wesentlich enthusiastischer als Herr König sich da mit mir dran zu setzen und somit nehme ich die Chance, die sich bietet, wahr.

Am Freitag habe ich ja meine seit drei Wochen verschollenen 9er wiedergesehen. In der Stunde musste die Grundlage für die UB Stunde gelegt werden und wir haben ordentlich gearbeitet. Folgendes kam dabei heraus:

Begonnen haben wir mit der Zusammenfassung des Arbeitsblattes, welches sie vor zwei Wochen bearbeitet hatten, als ich krank war. Was ist Moral? Wir hielten fest, dass Moral eine Vergleichbarkeit für Handlungen und unser Verhalten schafft und wir moralische Kriterien dafür brauchen, um eine Handlung als moralisch anzusehen und beurteilen zu können. Was ‚moralische Kriterien‘ denn genau wäre, wollte ich wissen. ‚Das sind so Konventionen …‘ Joa, wir versuchten es etwas genauer zu fassen. Kriterien, die bei den gesellschaftlichen Regeln festgelegt werden, können sein: Das Streben nach Glück, objektive moralische Grundsätze (hier einigten wir uns erstmal auf sowas wie Gesetze, alles weitere wäre zu komplex geworden) oder die Berücksichtigung der Konsequenzen der jeweiligen Handlung. Etwas widerwillig ließ ich auch die Goldene Regel hierbei zu: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Wir sprechen ja immerhin erst von Moral, Ethik ist noch außen vor 😉

Den theoretischen Teil hielten sie tapfer durch, dann kam das Beispiel, an dem sie das alles praktisch ausprobieren durften.

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Bei diesem Dilemma sollten sie entscheiden, ob sie in der Situation geschwiegen hätten oder Dennis doch eher ‚verpetzt‘. Und vor allem: Warum! Denn was wir vorher als Grundsatz festgehalten hatten war, dass jede moralische Handlung einen Grund hat und wir diesen im jeweiligen Fall nicht nur als Hintergrund für die Handlung sondern als ganz konkrete Grundlage betrachten müssen.

Das Beispiel funktionierte gut und die Gruppen waren eifrig am Diskutieren. Sie kamen auch relativ schnell zu einem Ergebnis, wobei eine Gruppe es deutlich schwerer fand, sich auf ein Argument zu einigen. Die versuchten auch das Dilemma zu verändern (siehe gestrichener Teil).

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Das waren die Antworten der vier Gruppen, auf die sie sich letztlich einigen konnten. Wir hatten noch einige mehr, aber ab einem gewissen Punkt musste ich die Masse reduzieren, da man sonst einfach den Überblick verliert. Was auffällig war, waren die Bezugsebenen, die sich feststellen lassen konnten. Ohne, dass ich jetzt Kohlberg irgendwie weiter thematisiert hatte, bewegten sich die Schüler automatisch eher in der Ebene, die man ihnen nach der Theorie zuschreiben konnte. Ihre Begründungen für die Entscheidungen waren konventionell, geprägt von wechselseitigen Erwartungen, im Hinblick auf Beziehungen getroffen und in Orientierung an den jeweiligen relevanten sozialen Gruppen.

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Tafelbild zu den Perspektiven und Motiven (Ja, ich arbeite immer noch an den Tafelbildern :D)

Als wir die Perspektiven für den vorliegenden Fall auflisteten und die jeweiligen Argumente zuordneten, so fanden sie die meisten für die Zweier-Beziehung. Als sie dann im Kurs noch einmal abstimmen sollten, für welche Vorgehensweise sie sich letztlich nun tatsächlich entschieden hätten, so waren sie sich einig, dass sie wohl geschwiegen hätten. Die Hälfte, weil sie sagten, dass es ja ein Vertrauensbruch gewesen wäre, die andere weil sie die Freundschaft nicht aufs Spiel hätten setzen wollen.

Dieses Meinungsbild stellte ich dann noch einmal zur Diskussion. Man würde tatsächlich über Diebstahl hinwegsehen? Eines der weniger angenehmen Argumente war gewesen, dass es ja schon eine strafbare Handlung ist und man sich nicht über das Gesetz stellen kann. Beliebt war der Gedanke bei den Schülern aber nicht. Ich fragte genauer nach, warum sie denn tatsächlich die Freundschaft über Recht und Ordnung stellen würden.

„Na, das ist nur eine CD. Das ist ja nur ne Kleinigkeit.“ meinte eine Schülerin.

„Und das ist mein bester Freund! Der ist mir wichtiger als der Geschäftsinhaber, selbst wenn der mit mir verwandt ist.“

„Wenn man keine Freunde mehr hat, dann ist man ja ganz allein! Der Freund beachtet einen doch nicht mehr, wenn man ihn verraten hat.“

„Hm … gut. Nehmen wir mal an, dass man das in so einem Fall so machen würde. Und eure Gründe sind ja durchaus nachvollziehbar. Warum hat sich das dann nicht durchgesetzt? Warum ist das Klauen von CDs immer noch strafbar?“

Kurzes Schweigen und leicht betretene Gesichter. Dann die erste Meldung.

„Naja, wenn das alle machen würden, dass hätten wir eine unheimlich hohe Kriminalität.“

„Das würde Chaos bedeuten, es gäbe irgendwann keine Gesetze mehr!“

Ich schmunzelte und stellte noch einmal fest: „Und trotzdem hättet ihr euch alle fürs Schweigen entschieden …“

Von Rechts hörte ich einen tiefen Seufzer und ein gemurmeltes „Wir sind halt alle unmoralisch …“ Ich verkniff mir das Lachen und stellte zum Schluss der Stunde noch einmal fest, dass man zwar gewisse Kategorien von ‚richtig‘ und ‚falsch‘ durchaus logisch „weiß“, es sich aber oft einfach ‚richtig‘ anfühlt das ‚Falsche‘ zu wollen. Und das wir uns genau diese Situation noch einmal genauer anschauen müssten für den Fall, wo es keine sogenannten objektiven Grundsätze wie Gesetze gibt, die uns eine Richtlinie für unser Handeln aufzeigen können. Damit hatten wir dann tatsächlich genau die Vorbereitung für die kommende Prüfungsstunde geschafft.

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3. UB Philosophie

Die Arbeit stapelt sich auf den Schreibtischen (ja, ‚Plural‘ steht hier inzwischen im Raum) und Weihnachten ist rum. Rekapituliert hatte ich meinen dritten UB in Philosophie noch nicht und über die Zwischenbilanz und -perspektivgespräche in den Fächern bin ich hier auch noch einen Beitrag schuldig geblieben bisher. Aber alles der Reihe nach. Erst einmal Philosophie.

Vorweg: Ich hoffe, alle hatten ein schönes Weihnachten mit Familie und Freunden und haben die Feiertage gut überstanden 🙂

Es war Mittwoch, der vorletzte Tag vor den Ferien und ich hatte keinen anderen Zeitpunkt mehr gefunden, um meinen dritten Unterrichtsbesuch zu absolvieren. Die Umstände waren alles andere als ideal; den Kurs hatte ich übernehmen müssen, weil Herr König kurzfristig erkrankt war, mit einem Thema, dass sonst wohl keiner machen wollte. Ich hatte hier, hier und hier davon berichtet. Als Herr König dann wieder da war, lief es auch ziemlich holprig weiter, da wir absolut ins Stückeln gerieten, da das sehr theoretische Thema die Schüler nicht so recht interessierte, ich also mehr schlecht als recht an das vorherige Thema anknüpfen musste und daraus eine Reihe basteln. Joa … alles nicht ideal, wie gesagt. Dann war Herr König auch mehrfach im Unterricht nicht dabei und die Zwölfer teilweise doch mehr als unkonzentriert. Ich erwartete für die Stunde ziemlich viele Komplikationen.

Durch die ganze Stresserei im Vorfeld, der dritte Geschichts-UB und (mal wieder) kranke Kinder, schaffte ich es dann auch tatsächlich nicht den Entwurf fertig zu stellen. Abends um halb acht strich ich die Segel und wandte mich an meinen Fachleiter. Der Großteil des methodisch-didaktischen Kommentars fehlte und ich hätte um 18:00 Uhr schon alles fertig abschicken müssen. Gut, ich habe vielleicht etwas viel Betonung auf die Krankheit der Kinder gelegt, aber ich habe es insgesamt einfach nicht im vorgegebenen zeitlichen Rahmen geschafft. Und ja, das lag auch an den Kindern, aber jetzt eine ewiglange Liste aufzuführen woran noch, erschien mir kontraproduktiv. Hier muss ich dann einmal wirklich loben: Absolutes Verständnis. Der Entwurf wäre ausdrucksstark und aussagekräftig genug für den Fachleiter, ob ich denn bei der Situation die Stunde halten könnte? Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich bejahte. Also, auf zum Gefecht am nächsten Tag.

Ich kam kurz vor knapp in der Schule an. Seit einer Woche schlief ich schon nicht mehr gut; sobald die Motte nachts wach wurde, schlief ich nicht mehr ein, während Töchterchen nach wenigen Minuten wieder friedlich neben mir schlummerte. Wenn 2-3h Schlaf in der Nacht zum Dauerzustand werden (selbstverständlich nicht am Stück … ), leidet das Arbeitsverhalten und Leistungsvermögen doch sehr darunter. Im aktuellen Fall war ich dann morgens nochmal eingeschlafen und wachte zur dritten Stunde etwa wieder auf. UB war in der 5. und da so kurz vor den Ferien das meiste auch durch war an AU, hatte ich den Tag nur meinen BdU bis zur 9. Stunde.

Angekommen in der Schule, sah ich meinen Fachleiter nirgends. Es war die zweite große Pause und er war sonst immer sehr pünktlich. Nicht stressen lassen … erstmal alles vorbereiten und kopieren gehen. Auf dem Weg zum Kopierer kam mir der Schulleiter entgegen, der meine entschuldigende Mail wegen des unfertigen Entwurfs auch erhalten hatte und erkundigte sich mitfühlend nach den Kindern. Ich entschuldigte mich nochmal für die Umstände und berichtete, das man von Magen-Darm erkrankten Kindern eben so berichten kann. Als ich fast im Kopierraum verschwunden war, hielt mich Frau Martin noch auf und versuchte mich gut zuzureden, dass sie meinen Fachleiter schon in Empfang genommen hätte und ich jetzt alles in Ruhe vorbereiten sollte. Die Nervosität hielt sich da aber schon wieder in Grenzen, ändern konnte ich eh nichts mehr. Sehr lieb von ihr, so oder so auf jeden Fall.

Mit Kopien und Folien kam ich an meinem Tisch wieder an, begrüßte den Fachleiter und entschuldigte mich für die ungesellige Art, da die Zeit knapp wurde, ich die Gruppenarbeitsmappen noch mit den Kopien bestücken musste und ein Utensil noch für die Stunde fehlte. Eine Pfauenfeder, die ich aus einem Klassenraum am anderen Ende der Schule holen musste, für meine ‚Reserve‘ in der Stunde. Er ließ mich ‚in Ruhe‘ vor mich hin rotieren und vertiefte sich ins Gespräch mit meinem Ausbildungslehrer Herr König. Und dann konnte es losgehen.

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Abgehetzt kam ich kurz vor Pausenende wieder im Lehrerzimmer an; alles vorbereitet, die Feder da, Materialien da, Plan … nicht vorhanden. Hatte ich zu Hause vergessen anzudrucken, somit ging ich schnell zum Rechner. Eine andere Referendarin stand dort gerade und man merkte mir die Hektik dann doch etwas an, da sie versuchte beruhigend auf mich einzureden. Es hatte schon zur Stunde geklingelt, somit fühlte ich mich doch ein wenig gehetzt. Schnell Kopien eingesammelt, sowie Ausbildungslehrer, Schulleiter, Seminarleiter und Utensilien und die Treppen hoch ins zweite Obergeschoss.

Die Schüler trudelten pünktlich ein und setzten sich ohne große Umschweife auf ihre Plätze. Ich stellte erschrocken fest, dass ich die blöde Pfauenfeder auf meinem Platz liegen gelassen hatte und bat Herr König ob er nochmal schnell runterlaufen könnte. Er war vor Beginn der Stunde wieder da.

Thema der Reihe war Rose is a rose is a rose is a rose – Das Problem mit dem Fakt und dem menschlichen Geist und die zu zeigende Stunde beschäftigte sich mit der Frage Schmoren wir im eigenen Saft? – Der Mensch gefangen in seiner selbst geschaffenen, symbolischen Welt. Zum Einstieg legte ich eine Folie mit verschiedenen Nachrichten auf, von denen ich nur die erste handschriftliche aufdeckte.

folie-nachrticht

Auf die simple Frage, ‚was man hier sieht‘ stellten die Schüler fest, dass es eine Nachricht ist, dass eine Frau einen Mann zum Essen einlädt und dass sie sich wohl ganz gut kennen, weil es so kurz gehalten ist, sie aber nicht verheiratet sind oder so, weil da noch ‚Liebe Grüße‘ drunter steht und dass dann ja nicht passen würde. Dass es vielleicht Arbeitskollegen sind, es aber nicht um ein geschäftliches Essen ging, da die Form dafür auch nicht passt. Soweit lief es gut. Ich deckte die zweite Nachricht auf und fragte, ob sich etwas ändern würde. Weniger freundlich, weil es nun getippt war und die handschriftliche Nachricht persönlich wirkte. Dafür aber höflicher, da die Sätze ausformuliert sind. Und der Konjunktiv auch netter wirkt. Und sie vielleicht auch ein Date haben könnten, da sie keine wirklich engen Freunde sein könnten und sich da was entwickelt.

Ab diesem Zeitpunkt hätte ich einen Schnitt machen können, allerdings deckte ich die anderen Nachrichten auch noch auf. Das kritisierte ich auch in der Nachbesprechung, da hier eindeutig weniger mehr gewesen wäre. Ich verlor einiges an Zeit in dieser ersten Phase der Stunde, was mir theoretisch vorher schon klar gewesen war, aber ich hatte die ganze Geschichte nicht zu Ende gedacht, was sich ja auch im unfertigen Entwurf spiegelte. Ich zeigte diese Stunde am Tag darauf noch einmal und nutzte nur die ersten beiden Nachrichten und zum Kontrast dazu dann noch diese:

Date.PNG

Die Schüler forderte ich hierbei dazu auf, sich deutlich zu machen, was sie da gerade getan hatten. Der Nachricht Kontext gegeben und interpretiert, worauf und wie sich die Absichten der Beteiligten richten könnten. Wir wandten das auf unser Thema an, wo wir uns mit dem Verhalten von Medien und dem Umgang mit Stereotypen befasst hatten und formulierten die Arbeitsfrage. War es möglich, dass wir nicht interpretieren, keinen Kontext in Nachrichten hineindenken? Können wir vorurteilsfrei kommunizieren?

Hier leitete ich direkt in die Arbeitsphase über und wies die Schüler an sich in Gruppen zusammen zu finden. Es wäre besser gewesen, erst einmal ein Meinungsbild der Schüler einzuholen und sie sich intuitiv mit der aufgeworfenen Frage beschäftigen zu lassen. Wegen der bereits vorangeschrittenen Zeit war ich ab dem Punkt aber schon auf schnelles Vorangehen bedacht, weswegen ich die Möglichkeit gar nicht in Betracht zog.

Für die Gruppenarbeitsphase sollten die Schüler einen Text von Cassirer bearbeiten, dessen Hauptthese herausschreiben und sich Beispiele für und wider dieselbe überlegen.

Cassirer AB.PNG

Die These fanden alle zuverlässig heraus. Bei den Beispielen legten sie sehr unterschiedliche Arbeitstempi vor, was auch daran lag, dass ich durch ‚für und wider‘ die Denkprozesse in zwei Richtungen gelenkt hatte, was bei einem neuen Inhalt schon zu komplex gewesen ist. Ebenfalls eine Kritik aus der Nachbesprechung. Es hätte gereicht, wenn sie sich unterstützende Argumente einfallen hätten lassen. Auch hier ging so Zeit verloren.

Die Schüler präsentierten ihre Ergebnisse und wir besprachen diese. Die verschiedenen Elemente der zentralen These Cassirers wurden gesammelt und an der Tafel in eine gemeinsame Form gebracht. Ergebnis: Der Mensch kann der Welt nicht mehr unmittelbar gegenübertreten, weil a) er die Reaktion (die Antwort) auf Reize aufschiebt. / b) er Dingen Bedeutungen zuschreibt, die dann eine neue Wirklichkeit für ihn bilden.

Auf die Beispiele für den Beleg der These, bin ich (geprägt durch die Kritiken im Geschichtsunterricht) dann aber nicht mehr richtig eingegangen. Da mir dort ja immer gesagt wird, dass ich nicht zu viel nachfragen soll, fragte ich nur mehrfach in der Stunde, ob es noch Ergänzungen gäbe und ließ dann alles so stehen, wie die Schüler es präsentierten. Eingreifendes Nachschärfen der Beiträge wäre aber in dem Fall zu oft einfach nötig gewesen, weswegen ich nun in der Zwickmühle stehe, wann es Zuviel und wann Zuwenig ist  und ob es dazu noch von Fach zu Fach einfach unterschiedlich gehandhabt wird. Ich arbeite mich an das richtige Maß hoffentlich trotzdem stetig heran.

Für die Vertiefung hatten wir dann leider nur noch wenige Minuten Zeit. Die Schüler sollten die These Cassirers auf das Verhalten der Medien, welches wir im Fall des Amoklaufs von Columbine 1999 erörtert hatten, anwenden und definieren, warum sie zutrifft oder eben auch nicht. Hier kamen viele interessante Beiträge, die aber in drei Minuten natürlich nicht mehr genügend gewürdigt werden konnten. Die mediale Selektion der Informationen wurde angesprochen, die Aufladung von Stereotypen mit dem Bedeutungszuwachs von simplen physischen Dingen wie bei Cassirers Symbolnetz verglichen; sie kamen auf die schädliche Wirkung des unreflektierten Umgangs mit dieser Art von Systematiken und dass es letztlich zu extremen Ausmaßen (Beispiel Rassismus) kommen könnte, wenn man die Mechanismen hinter denselben nicht versteht. Alle waren sich einig, dass Cassirer das Verhalten des Menschen gut beschrieben hatte.

Meine Feder lag noch unbenutzt auf dem Pult, als die Stunde dann abgeschlossen werden musste. Sie war ein Beispiel für symbolische Aufladung gewesen, dass ich bei der weiterführenden Vertiefung (grundlegender Kritik der These Cassirers) genutzt hätte, da sie eine Auszeichnung an unserer Schule darstellt und somit für die Eingeweihten (= Schüler und Lehrer) bei weitem natürlich keine simple Feder mehr ist.

Nach dieser Stunde brachte ich meinen Fachleiter noch schnell zum Raum, in der wir in der siebten Stunde die Nachbesprechung durchführen würden und ging für die sechste Stunde zu meiner neunten, mit denen ich gerade „Die Schüler der Madame Anne“ schaute, was mir die Gelegenheit gab, meine Notizen für die Nachbesprechung direkt anzufertigen, ohne mich noch groß auf Unterricht konzentrieren zu müssen.

Wie man vielleicht merkt, war ich persönlich nicht so begeistert von der Stunde. Wir waren durchgekommen und ich hatte mein Stundenlernziel erreicht, aber der Ablauf war doch etwas holprig gewesen. Mein Philosophiefachleiter war jedoch (wie jedes Mal bisher) wieder sehr angetan und lobte erst einmal viel. Er nannte meinen Umgang mit dem Thema Vorurteil und Erkenntnis ‚ambitioniert‘, fand den Aufbau der Reihe spannend und passend und den Abschluss, die Reflektion der untersuchten gesellschaftlichen Phänomene über Cassirer, sehr gelungen. Er würde immer wieder merken, dass ich auch beim Planen meines Unterrichts philosophiere und es nie nur theoretisch bliebe. Ob ich die Stunde so wie sie war wohl einmal für das Fachseminar halten würde, da sie genau zum geplanten Thema der letzten Sitzung passen würde: Didaktische Transformation nach Rohbeck. Das setzte den Stimmungsbalken schon mal etwas höher, als er bei mir persönlich gewesen wäre.

Was dann kritisiert wurde:

  • Komplexe Begriffe mehr ‚durchdeklinieren‘. Ich habe noch zu sehr mein eigenes Niveau vor Augen und achte nicht immer darauf, dass gesagtes auch wirklich a) in dem Kontext gemeint wurde, wie ich ihn sehe und b) von allen verstanden wird. Im vorliegenden Fall war es der Begriff des Symbolnetzes. Wir hätten es genauer besprechen müssen.
  • Schülerbeiträge direkt aufgreifen, anschreiben, diskutieren lassen. Ich mache zu oft einen gedanklichen Haken an Schülerbeiträge, die ich als richtig empfinde. Wurde genannt, gut, weiter. Schließt sich an den ersten Punkt an und sollte vor allem in der abschließenden Diskussion stärker fokussiert werden.
  • Direkte auf Lücken hinweisen. „Gibt es noch Ergänzungen?“ ist zu vage. „Hier fehlt etwas!“ darf ruhig angesagt werden und zur Not auch mit Verweis auf den Text.
  • Einstieg wirklich nur als kurzen Problemaufwurf sehen. Nicht hier schon ins Diskutieren kommen. Lieber später darauf zurückkommen, als anfangs mit herumrudern Zeit zu verlieren.
  • Formal im Entwurf: Minimalziel und Maximalziel der Stunde formulieren. Gerade wenn es einen großen Vertiefungsbereich gibt, der unterschiedliche Ergebnisse bringen kann, das ausformulieren, was minimal dabei für alle herausgekommen sein sollte und was maximal alles erreicht werden könnte.

Da es ja nun der dritte UB gewesen war, konnte ich auch nach einer Bewertung unter Examensbedingungen fragen. Zwischen 2 und 3 sah mein Fachleiter die Stunde. Formal gäbe es nicht viel zu beanstanden; meine Arbeitsblätter wären gut, der Entwurf sehr ansprechend, die Formulierungen geschärft und treffend. Die Kritik, die bisher geäußert worden wäre, würde sich viel auf das Handwerkszeug beziehen, das erst mit Übung kommen könnte und nicht bei den Grundlagen ansetzen müssen. Im Nachhinein hörte ich dann von Herr König, dass auch der schlechte Eindruck, den ich beim zweiten UB in Geschichte bei meinem Schulleiter hinterlassen haben musste, ausgebessert worden sei. „Ich wäre viel zu perfektionistisch und würde mir Sorgen um Kleinigkeiten machen.“ hätte er wohl zu ihm nach der Stunde und der Nachbesprechung gesagt. Sowohl mein Fachleiter, als auch der Schulleiter, wie auch Herr König schlossen das Gespräch damit, dass man da noch einiges von mir erwarten würde und sich sicher wäre, dass ich das auch schaffe.

… Bloß kein Druck! >.<